Mit Mirage of Bliss erschien kürzlich das neue Album von Maximilian Hecker, das gerade nach dem Vorgänger I Am Nothing But Emotion, No Human Being, No Son, Never Again Son mit Spannung erwartet wurde. Wie das neue Werk zeigte, hat Maximilian Hecker wieder mehr zu seinem Sound der früheren Alben gefunden und erneut ein gelungenes Album veröffentlicht. Um uns dem Album und Maximilian Hecker anno 2012 ein bisschen zu näheren, haben wir ihm unsere „10 Fragen an…“ gestellt und interessante wie teils auch sehr ausführliche Antworten erhalten.

1. Wie würdest Du den Erschaffensprozess Deines neuen Albums charakterisieren?

Der war eher schlangenlinienförmig. Nach der kapitulativen Rückkehr aus Tokio, wo ich ja meiner Exfreundin wegen im Dezember 2010 hingezogen war, beschäftigte mich zunächst mein Manuskript zum Buch, dem ich in Tokio den letzten Schliff gegeben hatte. Ich sprach im Frühjahr 2011 also mit Verlagen, und weil sich als Erscheinungstermin zunächst der Herbst des gleichen Jahres abzeichnete, und ich immer einen „Doppelschlag“ (Buch in Kombination mit einem Album) vor Augen hatte, plante ich, im Rahmen der Buchveröffentlichung nun endlich mein Elektro-Projekt „The Sorrows of Young Werther“ der Welt zu präsentieren; auch bedingt dadurch, daß ich seit „I Am Nothing But Emotion, No Human Being, No Son, Never Again Son“ gerade mal drei neue Songs geschrieben hatte. Ich befürchtete zu dem Zeitpunkt mal wieder, daß ich als Songschreiber am Ende des Weges angelangt war und mir nichts mehr einfallen würde. Als das Buchprojekt aber zunächst platzte, sah ich mich gezwungen, doch wieder zu meiner eigentlichen Bestimmung zurückzukehren, setzte mich auf den Hosenboden und arbeitete recht fleißig am Klavier, und mit der Zeit entstanden dann doch wieder Songs, deren Demos ich mit einem Diktiergerät aufnahm. Mein in Hongkong lebender deutscher Asienmanager konnte mich dann eines Tages überzeugen, das Experiment zu wagen, diese Demos an namenhafte Produzenten zu schicken. Überraschenderweise meldeten sich einige der Angeschriebenen umgehend und zudem sehr angetan zurück: unter anderem Chris Potter (The Verve, Richard Ashcroft), Martin Terefe (Ron Sexsmith, James Morrison, A-ha) und Youth (The Verve, The Fireman, Embrace). Youth aber war der Interessierteste von allen, und sagte, daß Geld keine Rolle spiele (er also nicht seine sonst übliche Gage verlangen würde), da er einfach Bock auf das Projekt habe. Ich glaube, daß ich seiner Tochter viel zu verdanken habe, da sie ihm recht bald die Demo-CD klaute, begeistert hörte und ihm nicht wieder zurückgab.

Youth schlug bald ein Treffen in London vor, und ich war sehr erleichtert, als ich ihn dann kennenlernte. Denn er war mir sehr sympathisch und bestätigte nicht meine ursprüngliche Sorge, daß ich mich vom „Urban-Hymns-Produzenten“ eingeschüchtert fühlen würde. Zudem gefiel mir sein Ansatz, schnell, spontan und intuitiv – im Gegensatz zu geplant und zu gut vorbereitet – zu arbeiten, um meinen Versagensängsten so weniger Raum zu geben. Kurzum: Er wollte mich ins kalte Wasser werfen.

In seinem spanischen Studio im November dann haben wir vormittags zunächst das Demo eines Songs angehört, Youth hat innerhalb kürzester Zeit entschieden, ob der Song beispielsweise eine Bridge benötigt oder eine Strophe zuviel oder zuwenig hat, dann wurde das finale Arrangement programmiert, und ich habe zur Gitarre einen Guide-Vocal aufgenommen. Daraufhin habe ich nacheinander Schlagzeug, Klavier, Gitarre und Synthesizer eingespielt, später Youth den Bass, nach dem Abendessen habe ich gesungen, und noch in der gleichen Nacht hat Youth den Gesang editiert, so daß wir innerhalb eines Tages einen kompletten Song fertig hatten.

Youth ist extrem erfahren, beinah schlafwandlerisch sicher mit seinen Entscheidungen, weiß genau, was ein Song benötigt. Ich habe mich ihm komplett hingegeben, und es gab eigentlich nie Meinungsverschiedenheiten oder Diskussionen. Zudem hat er mich häufig mit interessanten Ideen überrascht, und so sind einige Songs, die ursprünglich eher nach Celine Dion klingen sollten, als Travis-Hymnen geendet.

Nach den zwei Wochen im Studio war erst mal eine Pause, und dann hat Tim Bran das Album in London gemischt, zum Teil war ich dafür vor Ort.

Wichtig war, daß Youth mich – also meine Songs, Karriere und Reputation – vor meinem Herantreten an ihn überhaupt nicht kannte. Er hatte demnach keine „Heulbojen-Vorurteile“, war somit völlig unvoreingenommen und nahm mich wahrscheinlich so wahr, wie die Öffentlichkeit 2001 bei „Infinite Love Songs“, also euphorisch. Auch deshalb ermunterte er mich, im Falsett zu singen, das er als besonders empfand und nicht, so wie anfangs von mir geplant, mit der Bruststimme, denn die kam ihm eher „beliebig“ vor.

2. Dein Album heißt „Mirage Of Bliss“. Welche Idee steckt hinter dem Namen?

Dieser Begriff stammt zunächst aus meinem Buch, das ich zum Teil als Inspiration für die Liedtexte verwendete:

Wie eine Sirene aus einem asiatischen Uterus hatte die Erinnerung an Laura begonnen, zu strahlen und zu singen, mich einzulullen; als fratzenhaftes, trügerisches Nachbild der exotischen Schönheit, als seligmachendes Geschwür; und wieder und wieder würde ich ihr in Zukunft meinen Kopf zuwenden, ihrem Gesang lauschen, mich hinabziehen lassen, blind, selig, mit teuflischem Vergnügen, ein jedes Mal in dem festen Glauben, dass, wenn ich nur wieder bei Laura, nur wieder in Taipeh, nur wieder in Asien sein könnte, dass ich dann endlich wieder zu jenem verloren geglaubten, heiligen Gefühl zurückfinden könnte. Doch werde ich im Angesicht der folgenden Asienreisen, nach kurzem Aufflackern eines Irrlichtes, das die innere, asiatische Landschaft zu beleuchten scheint, nach einem kurzen, kindlichen Wahn des Scheinglückes am Ende doch nur eine Wüste sehen, Scherben meiner Projektionen, eine Fata Morgana der Seligkeit.

„Fata Morgana der Glückseligkeit“ habe ich später bezüglich des Albumtitels zu „Trugbild der Glückseligkeit“ gemacht. Wie immer in meinen Texten und in meinem Leben geht es um die Flucht vor der Gegenwart, vor der Realität, um eine Flucht in eine Märchenwelt, aber auch eine Flucht vor der Bewährung als Liebender. Und blicke ich dann nach der Flucht zurück, erscheint das, was ich achtlos hinter mir zurückgelassen habe, plötzlich wie Seligkeit, und obwohl ich wissen müßte, daß die Rückkehr zur verlassenen Liebe kein neues Ergebnis liefern wird, überstrahlt die Sehnsucht nach dem phantasierten Glück jede Vernunft. Der negative Anteil der Liebesbeziehung, der Realität ist dann komplett ausgeblendet, und meine Liebe ist dann – fern des Objektes – klar, rein und unumstößlich. Aus dieser „Trugbild-Stimmung“ heraus entstehen die meisten meiner Lieder, diese Stimmung ist der Quell meines Schaffens; und die innere Notwendigkeit, diese Stimmung heraufzubeschwören, verbaut mir auch gleichzeitig den Weg zu einem unpubertären, reifen Leben.

3. Wie ist Deine Erwartungshaltung mit dem neuen Album?

In Asien arbeite ich mit völlig neuen und größeren Plattenfirmen zusammen, bin also gespannt, ob man einen weiteren Schritt machen kann. In Europa hingegen erwarte ich nicht viel. Ich scheine mit meiner Musik – obwohl ich sie immer für eigentlich sehr massentauglich gehalten habe – einfach kein größeres Publikum erreichen zu können. Was ich hoffe, ist, nicht pleite zu gehen, da ich als Plattenfirma ja das ganze Risiko trage.

4. Wie kann man generell sagen, entsteht ein typischer Song von Dir, von der Inspiration bis hin zum fertigen Song?

Ich improvisiere zunächst am Klavier, singe dazu irgendeine Melodie mit improvisiertem, englischem Text. Diese Sessions sind nicht ergebnisorientiert und führen auch selten zu einem Ergebnis. Manchmal jedoch – circa einmal in zwei Monaten – scheint eine Idee vom Himmel zu fallen, die sich deutlich spürbar vom Rest der Ideen absetzt. Später versuche ich, die Idee dann in eine poptypische Form zu bringen, mache das Arrangement und überlege, ob das Lied noch weitere Teile benötigt. So etwas ist eher eine Fleißarbeit und fühlt sich manchmal wie Hausaufgaben an. Diese rationale Beschäftigung mit der Liedidee hatte ich ja bei „I Am Nothing But Emotion, No Human Being, No Son, Never Again Son“ bewusst weggelassen, doch im Rahmen einer amtlichen Produktion ist sie unumgänglich.

Die finalen Texte schreibe ich dann immer erst, wenn ich weiß, daß der Studiotermin vor der Tür steht. Dafür lasse ich mich aber immer ein wenig inspirieren vom improvisierten Arbeitstext. An einem Liedtext sitze ich meistens ein bis zwei Tage.

5. Warum sollte man Dich unbedingt live anschauen?

Da kann ich eigentlich nichts zu sagen. Das muss jeder selbst wissen. Allerdings werde ich auf der Tournee im Winter als ein Duo auftreten, zusammen mit Felix Räuber von Polarkreis 18. Felix hat großen Spaß am Arrangieren und an der Vorbereitung eines soliden und guten Entertainments – all das liegt mir eher weniger, und deshalb denke ich, daß wir uns gut ausgleichen und dem Publikum vielleicht sogar einen neuartigen „Live-Hecker“ präsentieren können.

6. Welche drei Dinge sollten Deiner Erfahrung nach auf keinem Fall im Tourgepäck fehlen?

Haarglätteeisen, meine Roland-Gesangsmonitor, Hörspiele der Drei Fragezeichen.

7. Welches Lied hättest Du gerne selbst geschrieben und warum?

„Fake Plastic Trees“ von Radiohead. Diesen Song nenne ich seit 1996 als eines der drei besten Lieder aller Zeiten. Nie vorher und nie nachher waren Radiohead besser. Michael Stipe hörte diesen Song und griff danach sofort zum Telefonhörer, um Radiohead als R.E.Ms Vorband zu engagieren. Lediglich das Besingen der bedrückenden Tatsache („it wears me out“) erlöst Thom Yorke und den Hörer, zumindest, solange das Lied erklingt.

8. Mit wem würdest Du gerne mal zusammen ein Stück aufnehmen?

Eigentlich mit niemandem. Es sei denn, so etwas ergibt sich. Vielleicht werde ich mal mit Felix Räuber etwas aufnehmen in der Zukunft, das wird sich aber erst zeigen im Rahmen unserer Live-Zusammenarbeit. Ich bin mir nicht sicher, inwiefern ich mein Songwriting teilen kann und will keine falschen Hoffnungen wecken.

9. Wo siehst Du Dich und Deine Musik in 10 Jahren?

Darüber mache ich mir keine Gedanken. Wenn die aktuelle Platte floppt, dann wird es Maximilian Hecker sowieso nicht mehr in der jetzigen Form geben.

10. Vervollständige bitte den folgenden Satz: Musik ist für mich die Welt, weil …

… sie der Klang meines in sich ruhenden und reifen wahren Selbst ist.

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Interview: Marius Meyer
Bilder: gutschera+osthoff