Viele Marillion-Fans dürfte 1991 der Schlag getroffen haben: Hatte die Plattenfirma EMI bei Seasons End, dem Debütalbum des neuen Sängers Steve Hogarth, noch sehr darauf geachtet, den Anhängern der britischen Prog-Band Zucker zu geben, so war davon auf Holidays in Eden zwei Jahre später nichts mehr zu spüren. Das Bandlogo – für die Seasons End zuvor noch eigens wieder auf alt gemacht – wurde komplett entsorgt, das Cover dröge in einem sterilen Dunkelblau gehalten, und die Songs … Nun ja, sagen wir es so: Marillion, von Spöttern früher oft als »das zweitbeste Genesis aller Zeiten« bezeichnet, schien genau den Weg zu gehen, den auch Genesis nach dem Wechsel von Peter Gabriel zu Phil Collins gegangen waren.

Schlimmer noch – während Genesis mit Alben wie A Trick of the Tail/em>, Wind & Wuthering und And then there were Three immerhin noch eine Übergangsphase hatten und auch später mit Songs wie etwa Keep it Dark wenigstens richtig provozierten, taten Marillion scheinbar nichts dergleichen. Die »starke musikalische Identität« der Band, die Gitarrist Steve Rothery nach dem Ausstieg von Frontmann Fish beschworen hatte, war dahin. Wenig bis gar nichts ließ zu diesem Zeitpunkt erahnen, dass sich Marillion drei Jahre später mit Brave neu erfinden und ein düsteres Konzeptalbum vorlegen würden, das getrost als Meilenstein des Neo Prog Prock gelten darf.

Tatsache ist: Holidays in Eden ist über weite Strecken nicht mal ein Rock-Pop-Album – das allein wäre für eingefleischte Prog-Nerds ja schon Frevel genug –, nein, Holidays in Eden ist in großen Teilen der reine Pop, schmalzig bis zum Abwinken. Songs wie Waiting to Happen mit seinem kitschigen Pathos, No-One Can oder Dry Land sind schlicht und ergreifend dazu angetan, die Milch sauer werden zu lassen.

Fast alles an diesem Album wirkt so steril, wie es das Cover verheißt. Der Grund dafür ist rückblickend denkbar einfach: Seasons End bestand zu einem nicht unerheblichen Teil noch aus Leftovers der Clutching at Straws. Zudem bekamen Marillion von EMI mit Chris Neil einen Pop-Produzenten aufs Auge gedrückt, der das Album in nur zehn Wochen aufnehmen und abmischen ließ – vergleichsweise viel Zeit vielleicht in Neils natürlichem Habitat, (zu) wenig Zeit für Marillion und Progessive Rock.

Das Ergebnis klingt denn auch so, als habe Neil im Rekordtempo alles an Ecken und Kanten weggeflext, was Marillion zuvor ausgezeichnet hatte. Unter Termindruck gesetzt und gänzlich auf neues Material angewiesen, verfielen Marillion darauf, alte Hogarth-Songs aus dessen New-Wave-Zeiten bei seiner vorigen Band How We Live zu verwerten. Grundsätzlich hätte aus der Mischung »Pop-Produzent trifft auf Prog-Band, die New-Wave-Einflüsse verarbeitet« sicherlich auch etwas Spannendes werden können. Aber es wurde keine fruchtbare, es wurde eine furchtbare Zusammenarbeit.

Das Schlimmste an Holidays in Eden ist dabei, dass sich das Album so schauderhaft anzubiedern versucht. So wurden mit Splintering Heart und The Party zwei Titel an den Anfang des Albums gesetzt, die noch betont lang und verschachtelt sind. Aber auch die wirken letztlich eher bemüht als organisch entstanden. Zwischen die beiden Longtracks wurde zudem mit Cover My Eyes eine massentaugliche Singleauskopplung gesetzt. Auch sie stammte noch aus Hogarths Zeit bei How We Live und hieß ursprünglich mal Simon’s Car.

Die Schlusssongs This Town, The Rakes Progress und 100 Nights schließlich gehen in einander über – doch auch das wirkt wieder, als sei es nur gemacht worden, um eine Erwartungshaltung zu erfüllen. Holidays in Eden ist kein Kunst-Rock, sondern bestenfalls in einzelnen Liedern gekünstelter Rock.

Wer da etwas mehr wollte, bekam erst 1997 mit der 24-Bit Digital Remaster 2-Disc Version immerhin noch einige kleine Schmankerl geboten – etwa das Rare-Bird-Cover Sympathy oder das wenigstens andeutungsweise proggige I Will Walk on Water. Die ursprüngliche B-Seite A Collection hat zudem zumindest jene Art makabren Text, die mit der Zeit zu einer Art Markenzeichen von Steve Hogarth werden sollte. Aber auch hier gilt letztlich: Wo die Bonus-CD zu Seasons End noch mit fertigen Songs (After Me, The Bell in the Sea, The Release) aufwarten kann, ist die des Nachfolgealbums eher eine unfertige und unrunde Dreingabe.

Heute, über 23 Jahre später, spielt das alles natürlich kaum mehr eine Rolle. Marillion und EMI sind längst getrennte Wege gegangen. Die Band produziert ihre Alben schon seit Jahren über Crowdfunding und bedankt sich dafür bei den Treuesten der Treuen mit Wochenend-Conventions. Dort taugt Cover My Eyes inzwischen zum entspannten Sing-along-Klassiker, This Town zum rockigen Anheizer und Dry Land zur Zugabe.

So ändern sich die Zeiten.

Weitere Artikel
Konzertbericht: Marillion – 15.11.2013, Köln Essigfabrik

Homepage: www.marillion.com
Facebook: www.facebook.com/MarillionOfficial
Twitter: www.twitter.com/MarillionOnline

Text: Mario Nowak