Zum mittlerweile dritten Mal fand das Amphi Festival nach seinem Umzug aus Gelsenkirchen in Köln statt und trotz der Möglichkeit, schnell und bequem dorthin zu kommen und dazu noch daheim schlafen zu können, war der diesjährige Besuch des Amphi Festivals auch der erste. Den schlechten Wetteraussichten zum trotz – für Tag eins waren Regenschauer und Gewitter vorhergesagt – machte man sich am vorletzten Wochenende des Julimonats an zwei Tagen von Bonn aus mit der Bahn auf zum Messegelände Köln-Deutz, gelockt von dem vielversprechenden Line-Up.

Tag 1
Früh ging es los mit der Bahn: Um acht Uhr aufstehen und eine Stunde später dann auf zum Bonner Bahnhof Richtung Messegelände. Immerhin sollte um halb elf der Welle:Erdball-Film Operation:Zeitsturm auf der Theater-Stage vorgeführt werden. Bevor man zu diesem aber kam, musste man die endlos wirkende Schlange vor dem Presseeinlass über sich ergehen lassen. Der einzige Trost dabei war, dass die Schlange vor der normalen Bändchenausgabe noch länger war als die unsere.

Eine halbe Stunde später dann hatten wir unsere Bändchen und kamen noch zeitig zum Welle:Erdball-Film. Dieser erwies sich leider als sehr schwacher Festival-Auftakt: Eine etwas wirre Geschichte um eine Zeitmaschine im Zweiten Weltkrieg. Die Geschichte schwankte dann immer wieder zwischen der jetzigen Zeit und dem zweiten Weltkrieg hin und her und mittendrin Welle:Erdball. Abgesehen von der Story merkte man auch, dass Honey, Alf und die beiden Damen auf der Bühne beim Musik machen besser aufgehoben sind als auf Leinwand. Ob der Film trotz oder wegen des trashigen Charakters einmal Kult wird, ist nicht abzusehen, aber auch für Fans ist das Machwerk eher ernüchternd.
Der schwache Auftakt sollte aber noch weitergehen: Kaum aus dem Theater raus, erwartete Mina Harker, benannt nach der weiblichen Protagonistin aus dem wahrscheinlich berühmtestem Vampir-Roman die Besucher. Belangloser Gothic Rock mit weiblichem Gesang und elektronischen Einlagen langweilte dann für dreißig Minuten.

Hier muss man die Festivalorganisation aber loben: Vor halb zwei war es eh noch nicht allzu voll auf dem Amphi und bis dahin musste man dann noch den größten, aber auch zum Glück letzten Tiefpunkt des Festivals überstehen: Mit Cinderella Effect, dem Soloprojekt der Blutengel-Sängerin, betrat eine Gothic-Cover-Band die Bühne, die eigentlich laut Selbstdarstellung „harte Stücke“ in orchestrale und emotionale Lieder uminterpretieren. Das Ergebnis kann man eigentlich besser als eine Vergewaltigung musikalischer Klassiker bewerten, dessen absoluter Totalausfall dann Timekiller von Project Pitchfork war, das die Sängerin quietschend wiedergab.

Zwischenzeitlich ging es dann noch mal ins Theater zu Nachtmahr, die elektronischen und martialischen Industrial zum Besten gaben. Die Bühnenshow inklusive der Video-Darbietung mit Kriegsaufnahmen überzeugten zwar sofort, aber täuschten nicht darüber hinweg, dass die Musik die Grenze des Monotonen immer wieder sehr stark streifte. Kurz vor Beendigung des Auftrittes ging es dann auch wieder raus zur Hauptbühne.

Mittlerweile war es fünf vor zwei und das Gelände füllte sich merklich. Dazu sollte es vom Line-Up her ab jetzt nur noch bergauf gehen. Zeromancer betraten als nächste die Bühne und schafften es problemlos, die Menge zu überzeugen. Sehr guter Synthie-Rock mit sehr tiefgängigen und durchdachten musikalischen Arrangements.

Nach deren Auftritt wurde das Festival-Gelände erst einmal verlassen, da sich bei mir und anderen so langsam der Hunger meldete und in Köln die Verpflegungsmöglichkeiten größer und billiger waren. Leider stellte sich dies als ein großer Fehler heraus: Nach zwanzig Minuten war das Gelände wieder betreten, doch leider fingen Welle:Erdball etwa eine Viertelstunde früher an und hörten auch zehn Minuten früher auf als geplant, weswegen einige Lieder verpasst wurden. Was man aber noch sah konnte sehr überzeugen: Es gab eine neue Bühnenshow, bei welcher eine Plakatwand mit einer Rakete, die auf die Erde zusteuerte, mit der Überschrift „Ziel verfehlt“ von den Bandmitgliedern, die gerade nichts zu tun hatten, besprayt wurde. Auch Plastique und Fräulein Venus hatten neue Kostüme, die zwar gewöhnungsbedürftig, aber unglaublich cool waren.

Nach Welle:Erdball folgten dann Zeraphine, deren Auftritt dann aber wiederum sehr blass wirkte. Ob dies nun daraus resultierte, dass vorher Welle:Erdball spielten, ist unklar, aber die Mischung aus synthetisch erzeugten Klängen und Rock schafften es nicht, zu überzeugen. Von daher ging es nach zehn Minuten Zeraphine weiter von der Hauptbühne zurück ins Theater zu Haujobb, wo eine Mischung aus Industrial und Rock geboten wurde, die entfernt an Prodigy erinnerte. Sehr positiv fiel der Sänger auf, der sich trotz seiner recht fülligen Körpermaße sehr agil bewegte und im Saal für viel Stimmung sorgte. Schade, dass es das Abschiedskonzert war…

Mittlerweile wurde es langsam Abend und auf der Mainstage spielten Covenant in weißen Anzügen und Hüten und boten eine sehr originelle und spaßige Show, ohne dabei albern zu wirken. Gefolgt wurden Covenant von Deine Lakaien, die eine Art Best-Of-Programm boten. So wurden auch viele Klassiker der Band gespielt. Begleitet wurde die Band von einem Cellisten und einer Geigerin. Sehr atmosphärisch war die Show, auch wenn Veljanov immer mal wieder versuchte, einen gewissen Rock’n’Roll-Gestus in die Performance zu bringen. Dieser wirkte auch nicht immer geglückt, vor allem bei Generators befremdete er sehr. Dennoch eine gelungene Show, die leider früher verlassen werden musste…

…denn zehn vor acht sollten The Klinik im Theater auftreten, die jedoch etwas später begannen als angekündigt. Dennoch war es gut, zeitig da zu sein, denn der Saal war bereits brechend voll. Begonnen wurde das Konzert mit einer Trompete, elektronischer Musik und bizarrem Gesang. The Klinik war wohl eines der beeindruckendsten, aber auch anstrengendsten Konzerte des ganzen Festivals. Der kalte und oft atonale Klang der Musik sorgte auch dafür, dass der Altersdurchschnitt während des Konzertes merkbar anstieg und gegen Ende fast nur ältere und eingesessene Fans bei The Klinik standen. Das jüngere schwarze Volk schien The Klinik wenig abgewinnen zu können. Schade eigentlich.

Langsam neigte sich der erste Tag dem Ende zu und als letztes standen Oomph! auf dem Programm. Obwohl mich die Band musikalisch nie besonders reizte, war der Auftritt doch im positiven Sinne sehr unterhaltsam. Ganz in weiß trat Sänger Dero auf und schaffte es, das Publikum mitzureißen, das sofort mitgröhlte und mitklatschte. Für mich letzten Endes ein netter Ausklang des Abends, den man sich ansehen konnte, aber nicht musste. Der größte Teil der Konzertbesucher wird das anders gesehen haben und schien sehr angetan zu sein, aber das ist Geschmackssache…

Tag 2
Sehr schön: Am zweiten Tag musste man nicht so früh raus. Denn die erste wichtige Band spielte erst um halb eins. Genug Möglichkeiten also, auszuschlafen und die Verkaufsstände zu erkunden. Dennoch fand man sich schon um zwölf Uhr im Theater ein, um weit vorne stehen zu können. Dies war aber wider Erwarten gar nicht nötig, da der Saal nicht allzu voll war. Pünktlich begannen Spiritual Front und während des Konzertes füllte sich doch langsam der Saal. Simone von Spiritual Front war auch sehr angetan, dass so viele Leute zur „Fruhstucks-Time“ zu ihrem Konzert gekommen waren. Spiritual Front präsentierten sich in Höchstform und begeisterten sofort mit ihrer Mischung auf Folk, Pop und Italo-Western. Außerdem wurden Lieder von einer nach eigenen Angaben bald erscheinenden EP gespielt, die überaus viel versprechend klangen. Man darf gespannt sein.

Richtig voll wurde dagegen bei Spectra*Paris, dem Nebenprojekt der Kirlian Camera-Sängerin Elena Fossi. Das ganze erinnerte irgendwie an düsteren Glam-Rock mit kalten elektronischen Klängen. Für die männlichen Besucher definitiv nicht nur wegen Elena, sondern auch wegen der insgesamt aus weiblichen Protagonisten bestehenden Band was fürs Auge. Auch ansonsten ein sehr gelungener Auftritt, der aber zwischendurch etwas blass wirkte.

Als Kontrastprogramm wurde dann mit Letzte Instanz um etwa zwei Uhr auf der Hauptbühne mittelalterlich und extrem spaßig. Gut gelaunt betraten Letzte Instanz die Bühne und brachten die Stimmung zum Kochen. Wie im Würgegriff hatte die Band das Publikum, das mitgröhlte, mitklatschte und eigentlich alles mitmachte, wozu es aufgefordert wurde und ließ sehr erst nach ihrem Auftritt teilweise los. Die Stimmung des Auftritts hallte noch lange nach und hörte erst auf, als Das Ich die Bühne betraten.

Das Ich präsentierten ebenfalls wie „Deine Lakaien“ eine Best-Of-Show und präsentierten viele alte Stücke in verändertem oder neuerem Sound. Sehr klischeebeladen sollte der Auftritt werden: Im Teufelskostüm, Metzger-Outfit und einem Sänger ganz in rote Farbe getaucht betraten Das Ich die Bühne. Trotz aller Klischees fiel auf, dass Das Ich eine ganze Menge Selbstironie mitbrachten und deutlich mehr Humor besaßen als ihr Publikum. Während viele todernst bei dem Auftritt standen und sich nicht einmal im Ansatz trauten, über die Späße des Sänger zu lachen, hatten Das Ich auf der Bühne sehr viel Spaß und scheuten sich auch nicht davor, über sich selber zu lachen. An Theatralik fehlte es trotz allem nicht und so wurde ich von Das Ich sehr positiv überrascht.

Im Gegensatz dazu war der Auftritt von L’âme Immortelle sehr schwach: Die Lieder rissen nicht vom Hocker und auch, was auf der Bühne passierte, ist kaum der Rede wert. Das Publikum wurde kaum mit einbezogen und zwischendrin hatte man sogar das Gefühl, L’âme Immortelle hätten selber keine Lust, auf der Bühne zu stehen. Dazu kam dann noch die Tatsache, dass während des Konzertes der schlimmste Regenschauer des Wochenendes über das Gelände zog – aber den kann man trotz des nicht allzu überzeugenden Auftritts der Band nicht auch noch in die Schuhe schieben.

Nun gut, es regnet – also dann ab ins Theater zu Soko Friedhof. Dachte man sich. Nur leider hatte man nicht bedacht, dass viele auf die Idee kommen würden. So machte dann die endlos lang wirkende Schlange vor dem Eingang dem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung. Was übrig blieb, war draußen zu bleiben und eine Band über sich ergehen zu lassen, die man eigentlich meiden wollte: Suicide Commando. Also zurück zur Theater-Stage, um mit dem schlimmsten zu rechnen. Dort war trotz Regen eine gewaltige Menschenmenge anzutreffen, die auch während des ganzen Auftrittes eine Menge Spaß hatte. Und auch, wenn ich der Band auf CD bislang wenig abgewinnen konnte, musste selbst ich eingestehen, dass die Band durchaus für Stimmung sorgte und selbst mich zeitweise mitriss. Dennoch hatte das ganze etwas von Scooter in schwarz und mit Gegrunze, wusste aber dennoch – ein insgeheimes Drüberlachen vorausgesetzt – zu gefallen.

Dennoch wurde das Konzert etwas früher verlassen, um zu schauen wie lang die Schlange bei den nun im Theater auftretenden Clan of Xymox sein würde. Überraschenderweise war dort keine anzutreffen, weswegen es sofort ins Theater ging man genau pünktlich zum Auftritt ankam. Dass die Gothic Rock-Band schon zu Urgesteinen der Szene gehört, merkte man sofort: Eine perfekte und routinierte Show lieferten Clan of Xymox ab, an der es nichts zu meckern gab, außer dass die Band gerne etwas länger auf der Bühne hätte bleiben können.

Als vorletzte Band, die gesehen werden wollte, traten Project Pitchfork auf. Viel kann man zu deren Auftritt eigentlich nicht sagen, denn diesen in Worte fassen ist kaum möglich: Einfach genial, wie Peter Spilles es schafft, das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Mit bemaltem Gesicht und Kunstblut, das permanent aus seinem Mund lief und seinen psychotischen Augen konnte man sich dem Flair, das die Band ausstrahlte, kaum entziehen. Selbst nach mehr als einer Stunde Spielzeit hatte man nicht genug von Project Pitchfork, doch nach der Zugabe war es dann leider vorbei und die Forderungen des Publikums nach weiteren Zugaben konnten nicht gewährt werden.

Als leider letzte Band trat schließlich And One auf, von denen man sich viel versprach. Leider wurde davon wenig eingehalten. Sehr bemerkenswert war definitiv die Bühnendekoration: Zwei große Quader mit LED-Leuchten links und rechts auf der Bühne, auf der einen das AND, auf der anderen das ONE des Bandnamens, in der Mitte eine pyramidenartige Konstruktion mit dem Bandlogo drauf, auf welcher zwei Bandmitglieder standen. Davor der Sänger. Die ganze Deko versprühte einen totalitären Charme, der an Bücher wie 1984 erinnerte. Beim Auftritt selber wurde man dagegen andauernd von dem Gefühl beschlichen, dass And One ganz genau wussten, wie weit sie aufs Gaspedal drücken mussten, um die Fans bei der Stange zu halten. Es wurde genau so viel geboten, wie sein musste. Mehr aber auch nicht. Sehr schade auch, dass fast nur neue Lieder zum Besten gegeben wurden. Ein paar mehr Klassiker trotz wären wünschenswert gewesen. Dafür gab es dann noch einige Cover: Zum Beispiel eines von Camouflage, ein anderes von Project Pitchfork. Bei letzterem betraten auch Project Pitchfork noch einmal die Bühne und unterstützten And One bei ihrer Interpretation von Timekiller. Alles in allem ein guter Auftritt, bei dem aber durchaus mehr hätte gegeben werden können.

Gerne hätte man noch Die Krupps im Theater gesehen. Leider hätten diese erst zwei Stunden nach And One gespielt, da nach den parallel zu And One spielenden Diary of Dreams der erste Teil der Aftershow beginnen sollte. Warum die Aftershow in zwei Teile aufgesplittet sein musste und warum eine geniale Band wie Die Krupps erst so spät spielen sollte, ist zwar nicht nachvollziehbar, sorgte aber dafür, dass viele Besucher nach And One den Heimweg antraten.

Unterm Strich war das Amphi-Wochenende ein wirklich klasse Erlebnis. Lediglich die modischen und ästhetischen Entgleisungen einiger Festivalbesucher, wie man sie auf fast jedem Festival findet und die zwischenzeitliche Regengüsse, die bei etwa zwanzig Grad aber auszuhalten waren, trübten das Bild etwas. Für all das ist aber das Festival nicht verantwortlich zu machen. Für eines dagegen schon: Zwischen den Umbauphasen wurde jedes Mal dasselbe Promo-Band für die bald erscheinende neue Unheilig-CD laufen gelassen, auf der der Graf von seinem neuen Album erzählte. Was schon am ersten Tag nach einigen Konzerten sehr nervig wurde, da immer dasselbe zu Hören war, entwickelte bei den meisten Besuchern ein nicht zu unterschätzendes Aggressionspotential. Ob sich damit Unheilig einen gefallen getan haben, ist fraglich, denn viele Besucher äußerten sich schon laut wegen dieser nervtötenden Zwangsbeschallung, diese CD definitiv nicht kaufen zu wollen. Sieht man davon ab, war das Amphi eine wunderbare Gelegenheit, gute Musik zu hören und nette Leute zu treffen. Der Besuch im nächsten Jahr ist auf jedem Fall sicher!

Homepage: www.amphi-festival.de
MySpace: www.myspace.com/amphifestival

Text: Tristan Osterfeld
Bilder: Tristan Osterfeld (ausgenommen Project Pitchfork: www.gungirl.de)