Schwarze Musik und Köln, die Stadt, die eher für ihren quietschbunten Karneval bekannt ist? Dass diese Kombination bestens funktioniert, bewies das Amphi Festival vergangenes Wochenende den angereisten 13.000 Besuchern. Die Organisatoren hatten für das fünfjährige Jubiläum viel versprochen: Die Zweitbühne wurde in eine größere Halle verlegt, das den alteingesessenen Amphi-Fans schon bekannte Theater sollte ein umfangreiches Rahmenprogramm bieten. Ganz ging dieser Plan leider nicht auf, und so spielten die Bands am Sonntag wieder im Theater. Trotzdem bot das fünfte Amphi Festival in Köln ein umfangreiches Programm, das durch hochkarätige Liveauftritte, die sehr gute Organisation und ein großes Händlerangebot überzeugen konnte.

Tag 1
Samstag wurden zuerst die Stände begutachtet. Das eher übersichtliche Terrain rund um den Tanzbrunnen war, wie schon in den Jahren zuvor, mit vielen Verkaufsständen ausgestattet. Hier konnte jeder etwas für sich finden: Neben Ständen, die sich auf Korsetts oder Cyber-Haarteile spezialisiert hatten, gab es auch die üblichen Kleidungsverkäufer und solche, die sich ausschließlich auf Military-/EBM-Fashion spezialisiert hatten. Auch für Musiksammler war mit einigen CD-Ständen, die selbst vergriffene Schätze zu erschwinglichen Preisen boten, bestens gesorgt. Die Verkaufsmeile konnte also auch in diesem Jahr sehr positiv überzeugen. Ein Wermutstropfen allerdings blieb durch die unverschämten Preise für die Verpflegung. Jedes Jahr auf jedem Festival bemängelt, nahmen sie dieses Mal absurde Ausmaße an: Sechs Euro für eine Currywurst mit Pommes waren das Negativhighlight.
Wenden wir uns also Positiverem zu: Den Bands.

Zu xotox ging es zum ersten Mal zur neuen Zweitbühne: Die Rheinparkhalle. Besonders positiv für mich fiel auf, dass die Halle um Einiges besser klimatisiert und dadurch kreislauffreundlicher als das Theater war.
xotox selbst lieferten einen ausgezeichneten Auftritt in der gut gefüllten Halle ab. Der Spaß, den Andreas und seine Live-Unterstürzung auf der Bühne hatten, übertrug sich in Rekordzeit auf die Zuschauer und schnell stand kein Bein mehr still – der Untertitel „industrial for hyperactive people“, den Andreas seinem Projekt gegeben hat, scheint zu stimmen. Die phänomenale Stimmung steigerte sich noch, als das Publikum die Livepremiere von Schwanengesang erleben durfte.
Setlist: Intro, Industrial Madness, Ewig, Tote Bäume, Mechanische Unruhe, Winterblut 2: Eiszeit, Schwanengesang, Nasse Wände, Wirbeltier, Eisenkiller

Nach xotox ging es zum restlichen Auftritt von The Birthday Massacre. Die kanadische Rockband lieferte auf der Mainstage einen soliden Querschnitt ihres bisherigen Schaffens und besonders die Songs vom älteren Album Violet animierten das anwesende Publikum zum mittanzen und –singen, insgesamt aber war man hier etwas verhaltener als zuvor noch in der Halle. Ob es daran lag, dass der Großteil des Publikums wegen des hohen Anteils an rein elektronischen Bands gekommen war oder das warme und regnerische Wetter die Fans noch lähmte? Sängerin Chibi und ihre Kollegen jedenfalls rockten die Mainstage und bewiesen, dass sie live Einiges auf dem Kasten haben. Trotzdem konnte der Funke nicht so recht überspringen und im Vergleich zählte dieser Auftritt zu den schwächeren des Wochenendes.
Setlist: Red Stars, Goodnight, Falling Down, Weekend, Shiver, Lovers End, Video Kid, Looking Glass, I think we’re alone now, Walking With Strangers, Blue

Dann kam das erste, ganz private Highlight des Wochenendes: Agonoize. Die Halle war merklich voller als noch bei xotox, die gute Stimmung war dem Publikum aber erhalten geblieben. Lauter Jubel setzte ein, als das Trio die Bühne betrat und die in der Umbauphase spielenden Schlager durch das ersetzten, was die Menge wirklich hören wollte. Schon während der ersten Takte verwandelte die Rheinparkhalle sich in einen düsteren, übervollen Tanztempel, der durch die ausgeklügelte Lichtshow und das beleuchtete Kreuz auf der Bühne eindrucksvoll in Szene gesetzt wurde. Der Auftritt war provokant, blutig und hart – wie man Agonoize kennt, bot aber auch zwei astreine Cover, die man der Band eigentlich gar nicht zugetraut hätte. Besonders die Agonoize-Version von I Was Made For Loving You konnte überzeugen und machte Spaß. Spätestens zum Clubkracher Koprolalie dann konnte sich dann auch der letzte Tanzfaule nicht mehr beherrschen. Als der letzte Song ausklang, blieb ein atemloses, restlos begeistertes Publikum zurück, dessen Jubel kaum abbrechen wollte.
Setlist (geplant): Earpain (Intro), Legion, Gottlos, Glaubenskrieger, D.M.K., Fight For Your Right, Schaufensterpuppenarsch, Bis das Blut gefriert, Pornomagcenterfold, BängBäng Goodbye, Staatsfeind, Femme Fatale, I Was Made For Loving You, Koprolalie

Da die Halle dann doch etwas stickig wurde, verzog man sich wieder an die frische Luft und ließ den restlichen Auftritt von Covenant auf sich wirken. Die Schweden boten viele Songs aus der langen Schaffensperiode und sorgten mit Stücken wie Ritual Noise und The Men vom aktuellen Album für Entspannung und Gänsehaut. Die warme Stimme von Eskil Simonsson und die vergleichsweise ruhige Musik sorgten für Entspannung, aber auch großen Spaß – Covenant sind eine routinierte, sehr gute Liveband, die es versteht, ihre Zuschauer mitzureißen. Dieser Auftritt in einem Wort: Schön!
Setlist: Modern Ruin Intro, Come, 20 HZ, Bullet, Stalker, Speed, If I would give my soul, The Men, We stand alone, Ritual Noise, Brave New World (rmx), Call the Ships to Port, One World One Sky

Die Ankündigung der Fields Of The Nephilim überließ Moderator Honey einem freiwilligen Fan aus dem Publikum.
Das Gelände um den Tanzbrunnen füllte sich merklich und das Publikum, das hier zugegebenermaßen einen höheren Altersdurchschnitt zu haben schien, konnte ausnahmsweise einmal etwas mit den Gitarrenklängen anfangen. Das gut eineinhalbstündige Set begeisterte selbst den ein oder anderen Anhänger der Cyberfraktion, der sich nach dem Ende der Feindflug-Show vor die Hauptbühne verirrte. Dem Italo-Western-Charme von Carl McCoy und seinen Bandmitgliedern konnte man sich auch kaum entziehen. Fields Of The Nephilim-Klassiker wie Moonchild ließen eine unglaublich dichte Atmosphäre entstehen. Die neblige Bühnenshow zum dämmriger werdenden Himmel trug ihr Übriges dazu bei und ließ den Abend auf der Mainstage würdevoll ausklingen. Rockiger, härter, gitarrenlastiger als ein Großteil des übrigen Line-Ups, waren die Fields eine echte Bereicherung für das Festival.
Setlist: Shroud, Straight To The Light, Preacher Man, Trees Come Down, Love Under Will, From The Fire, Penetration, Watchman, Moonchild, Psychonaut; Zugaben: Wake World (Zoon Part 3), Last Exit For The Lost

Mit ihrem Auftritt in der Rheinparkhalle hauten Feindflug buchstäblich auf den Putz. Nachdem die Fields die Bühne für Moderator Honey frei gemacht hatten, teilte dieser mit, in der Halle habe es technische Probleme gegeben. Der Auftritt von Laibach musste daher in das Theater umgelegt werden, was eine verlängerte Wartezeit bedeutete. Wir sparten uns diese und das erwartungsgemäß überfüllte Theater und verpassten die Band daher leider. Trotzdem fielen die Bemühungen und vor allem die schnelle Reaktion der Veranstalter und Techniker positiv auf. Es ist keine Selbstverständlichkeit, in einer solchen Situation innerhalb von gut 2 Stunden eine komplette Bühne erst ab- und dann wieder aufzubauen.
Am Sonntagmorgen wurde dank der sehr offensiven Informationspolitik schnell klar, was genau am Samstag passiert war: Während des Auftritts von Feindflug lösten sich knapp 2 m² Putz von der Decke und fielen auf den hinteren Teil der Bühne. Glücklicherweise wurde niemand verletzt, aus nachvollziehbaren Gründen wurde die weitere Nutzung der Rheinparkhalle für das Wochenende jedoch untersagt. Dem unermüdlichen Einsatz der Amphi-Crew ist zu verdanken, dass das Programm der Indoor-Bühne am Sonntag reibungslos im Theater verlief.

Tag 2
Die Verlegung der Indoor-Bühne in das kleine, stickige Theater war in dieser Situation sicher die beste Möglichkeit. Der Publikumsandrang bei Bands wie Jesus on Extasy oder KMFDM machte es allerdings schwer, überhaupt rein zu kommen und die schlecht klimatisierte Luft trug beträchtlich dazu bei, dass zumindest wir uns zum ausschließlichen Verweilen an der Mainstage entschieden. Für das nächste Jahr ist die erneute Buchung der Rheinparkhalle – mit stabilerer Decke – wünschenswert.

Von den Problemen, die The Birthday Massacre noch am Vortag mit dem E-Gitarren-fremden Nachmittagspublikum hatten, spürten Delain gar nichts. Die holländische Gothic Metal Band konnte am frühen Nachmittag ein beträchtliches Publikum vor die Bühne locken. Zu absolut Headbanging-tauglichem Metal begeisterte vor allem die Singstimme von Charlotte Wessels, die bewies, dass auch Metalsängerinnen mit hoher Stimme diese live halten können. Besonders The Gathering konnte live begeistern. Die 40 Minuten Spielzeit, die Delain eingeräumt wurden, waren leider viel zu schnell vorbei.
Setlist: Invidia, Stay Forever, Go Away, The Gathering, A Day For Ghost, Nothing Left, Virtue And Vice, Pristine

Wer Saltatio Mortis letztes Jahr auf dem M’Era Luna erlebt hat, weiß, dass sie ein Festival-Line-Up definitiv bereichern. Auf dem Amphi Festival war das nicht anders: Die Truppe um Alea Der Bescheidene lieferte eine Mittelalter-Rock-Show vom Feinsten. Der Spaß, den die Jungs an ihrer Musik hatten, übertrug sich schnell ins Publikum, und die Stimmung errechte schnell ihren Höhepunkt. Auf dem Programm standen besonders Songs vom letzten Album Aus Der Asche, die ein beträchtlicher Teil der Zuschauer lauthals mitsang, aber auch Material vom kommenden Silberling fand den Weg auf die Bühne. Der Show an sich kann eine Beschreibung kaum gerecht werden, so energiegeladen gaben sich die Jungs und interagierten mit dem Publikum. Jedem, der die Gelegenheit hat, Saltatio Mortis live zu sehen, seien die Spielmänner jedenfalls wärmstens ans Herz gelegt. Weitab vom ausufernden Elektroangebot war dieser Auftritt der rockigste, frechste und mitreißendste des gesamten Wochenendes und definitiv das Sonntags-Highlight.
Setlist: Tritt ein, Uns gehört die Welt, Wirf den ersten Stein, Varulfen, Salz der Erde, Koma, Prometheus, Tod und Teufel, Wir säen den Wind, Falsche Freunde, Spielmannsschwur, Licht und Schatten

Es ging unaufhaltsam auf das Ende des Festivals zu: Unheilig gaben sich als vorletzte auf der Mainstage die Ehre. Von den Zuschauern auf dem sich immer weiter füllenden Gelände vor der Bühne bejubelt, lieferte Der Graf eine unter die Haut gehende Show ab. Der bei anderen Bands doch hin und wieder statisch wirkende oder komplett fehlende Publikumskontakt liegt dem Grafen offensichtlich im Blut und so bot er uns nicht nur Musik, sondern auch Interaktion der Extraklasse. Hits wie Feuerengel sorgten dazu für den ein oder anderen Gänsehautmoment zwischen vielen Knallern. Der solide, sympathische Auftritt dürfte Unheilig außerdem ein paar neue Fans beschert haben. Zumindest für mich war die Gruppe, mit der ich mich bisher zugegebenermaßen noch nicht intensiv beschäftigt hatte, eine der Überraschungen des Wochenendes.
Setlist: Intro, Lampenfieber, Spiegelbild, Tanz mit dem Feuer, Astronaut, An deiner Seite, Feuerengel, Sage ja, Maschine, Freiheit; Zugabe: Sieh in mein Gesicht, Mein Stern

Strandfeeling zu Front 242: Da sich das Wetter am Sonntag nach einigen Startschwierigkeiten sehr gut halten konnte, entschieden wir uns für einen Abstecher zum Beachclub. (Relativ) Warmes Wetter, EBM-Urgesteine in Hörweite und Urlaubsfeeling mit Blick auf den Kölner Dom: was will man eigentlich mehr? Akustisch machte der Auftritt einiges her und der spätere Besuch der Publikumsansammlung vor der Mainstage machte klar: Die Headlinerposition war gerechtfertigt. Viele der Besucher waren zwar schon in Aufbruchstimmung, trotzdem verwandelten viele Freunde klassischen EBMs den Tanzbrunnen in einen Dancefloor. Zu den zahlreichen Hits der Gruppe, die unter anderem natürlich Im Rhythmus Bleiben zum Besten gab, fällt es aber auch schwer, ruhig zu bleiben. Als dann auch noch Headhunter angestimmt wurde, verweilten selbst noch die Fans, die eigentlich schon im Aufbruch begriffen waren. Pünktlich um 22:00 war leider Schluss und die zahlreichen Zugaberufe verhallten ungehört.
Setlist: Intro / Shout It Loud, Tragedy >for you< , Together, Funkahdafi, Moldavia, Circling Overland, 7 Rain, Religion, Welcome To Paradise, Commando Mix, Triple X Girlfriend, Quite Unusual, No Shuffle, Take One, Im Rhythmus Bleiben; Zugabe: Kampfbereit, Headhunter Insgesamt war das Wochenende mehr als gelungen. Am Samstag blieben besonders die elektronischen Darbietungen von xotox und Agonoize, die beide zum atemlosen Feiern animieren konnten, hängen. Sonntag sorgten Saltatio Mortis für die beste Stimmung und Unheilig konnten mich positiv überraschen, während der Auftritt von Front 242 noch einmal alles aus den motivierten Tänzern im Publikum herausholte. Auch das vielfältige Verkaufsangebot konnte überzeugen, auch wenn die Preise für die Verpflegung, wie man nur immer wieder wiederholen kann, im Preis/Leistungs-Verhältnis überzogen wirkten. Allerdings sind solche Preise (leider) mittlerweile zum Standard auf Großveranstaltungen geworden. Insgesamt können die Veranstalter des Amphi Festivals stolz auf dieses gelungene fünfjährige Jubiläum sein. Die Organisation ließ kaum Probleme aufkommen; für die instabile Decke der Rheinparkhalle konnten die Veranstalter nichts und das Team reagierte schnell und fast in Rekordzeit. Man darf gespannt sein, was die Kölner sich für 2010 einfallen lassen.

Festival-Homepage: www.amphi-festival.de
Amphi bei MySpace: www.myspace.com/amphifestival

Text: Lisa Kleinberger
Bilder: Martin Dresbach (Ausnahme „Strand“-Bild: Lisa Kleinberger)