Es war mal wieder soweit: Wie jedes Jahr im Juli fand auf dem Messegelände Köln-Deutz das Amphi Festival statt – und das diesmal mit einigen Neuerungen: Es wurde nicht nur endlich das Versprechen vom letzten Jahr erfüllt, die Indoor-Bühne ins Staatenhaus zu verlegen und im alten Theater dafür Parties mit wechselnen DJs veranstaltet, sondern auch ein Biergarten zum gemütlichen Beisammensein eröffnet. Gerade letzteres erwies sich als eine schöne Neuerung, die aber am zweiten Tag aufgrund des Wetters nicht mehr so zur Geltung kommen konnte, wie sie es verdient hätte. Aber man war ja nicht nur wegen diesem dort, sondern vor allem wegen des Programms.

Bevor es am Samstag so richtig losgehen sollte, gab es am Vorabend bereits ein ansehnliches Programm zu sehen. Obgleich sich nicht alle so einig über die Idee waren, dass Newcomer sich einen Auftrittsplatz im Theater bei eBay ersteigern könnten und dort dann anschließend um die Wette Spenden einzuspielen: Der Verein Dunkelziffer e.V. durfte sich über eine saftige Spende freuen. Und die Zuschauer? Konnten sich auch freuen. Über vier ansehnliche Bands.

Boundlezz als Opener auf der Theater-Bühne waren zwar vielleicht nicht das, was man als die große Innovation feiern würde, machten aber ihre Sache wirklich gut. Elektro-Pop in Duo-Besetzung, der sich im großen Spannungsfeld zwischen VNV Nation und mesh abspielte. Diejenigen, die dort waren, nahmen es dankend an und tanzten honorierender Weise angemessen.

Die darauf folgenden Novus UK waren wohl diejenigen, die sich den Auftritt am teuersten zu stehen kommen ließen: Nicht nur der ersteigerte Auftrittsplatz, sondern auch die Tatsache, aus England angereist zu sein. Schade, dass die Halle nicht voller war, denn schon das war aller Ehren wert. Aber auch die Musik konnte sich hören und sehen lassen. Pulsierender Elektro, aber auch ergänzt um verzerrte Gitarre und Einflüsse aus Industrial, dazu der weibliche Gesang – all das bot eine höchst kurzweilige halbe Stunde.

Die schon vor dem Abend als heimlicher Favorit gehandelten ZIN wurden ihrer Rolle dann eindeutig gerecht. Der Placebo-Einfluss war zwar nicht zu überhören, ebenfalls aber auch nicht zu überhören: Hier stand eine Band auf den Brettern, die eindeutig mehr wollte. Mehr, als unter einer Flagge wie „Newcomer“ oder „New Talent“ zu stehen. Gerade auf der Theater-Bühne kam der verdichtete Rock-Sound mit dem melancholischen Element voll zum Tragen. Kein Wunder, dass hier weitaus mehr los war als bei den anderen. Und auch nicht, dass hier der Sieger des Abends stand.

Dennoch: Es wäre höchst unfair, Divamee zu verschweigen. Denn auch sie zeigten: Wer sich auf einen solchen Abend einlässt, will auch etwas bieten. Klappte dann auch gut: Eingängiger und tanzbarer Elektro-Pop mit angenehmer Frauenstimme. Man brauchte allerdings auch eine Ader für die süßliche Komponente, die sich zu dem dunklen Element in der Musik hinzugesellte. Dass nach ZIN die Reihen deutlich leerer waren als zuvor, wunderte zwar nicht, schade war es aber dennoch.

Zwar waren 3000 Euro Spende ein sehr positives Ergebnis des Abends, dennoch fragt man sich, warum ein solches Angebot wie der New Talents-Abend so wenig wahrgenommen wird, während sich der Großteil im überfüllten alten Wartesaal vergnügt und sich über die Tanzfläche schieben lässt. Es wäre wünschenswert, dass die Wahrnehmung dieses „Vorprogramms“ größer ausfiele.

Tag 1
Nach dem gelungenen Eröffnungs-Abend sollte es dann auch morgens um zwölf mit den Gewinnern des New Talents-Wettbewerbs losgehen. Dies waren ZIN aus Leipzig, die soliden alternative Rock mit elektronischen Elementen spielten, teilweise an Placebo erinnerten und dem Festival einen gelungenen Einstand bescherten.

Weiter ging es dann ebenfalls auf der Mainstage mit DIN [A] TOD, die man schon länger kannte, aber eben nicht live. Leider muss dazu gesagt werden, dass die Band auf Platte eindeutig mehr überzeugen konnte als auf der Bühne. Diese war zu diesem Anlass zu groß und es geschah zu wenig, was auch an der Zweierbesetzung gelegen haben mag – schade. Also ab ins Staatenhaus…

Dort spielten nämlich Destroid, eines der vielen Projekte Daniel Myers (Haujobb) und derzeit wohl sein Hauptstandbein (sieht man von der Covenant-Teilnahme ab). Bereits früh begegnete eines der Highlights des Festivals: Intelligente elektronische Musik und eine tolle Bühnenshow wussten zu überzeugen. Auch die neuen Songs, die gespielt wurden, lassen einen gespannt auf das bald kommende Album sein. Begeistern konnte auch die in ein völlig neues Genre entführte Cover-Version von Lucretia, My Reflection.

Wieder draußen konnte man sich dann noch den Schluss von End of Green anschauen: Gothic Metal trifft Alternative Rock und es wurde für eine düstere Grundstimmung gesorgt, die aufgrund strahlenden Sonnenscheins dann doch nicht so ganz zünden sollte. Dennoch kein schlechter Auftritt, der sollte danach aber auch mit Ashbury Heights folgen: Musikalisch absolutes Mittelmaß, aber immerhin war die Show ganz nett anzusehen, wenn man weit hinten stand.

Dafür sollte es danach erst richtig losgehen, denn Welle:Erdball betraten die Bühne und überschnitten sich mit Nachtmahr im Staatenhaus. Da fiel die Wahl nicht schwer und man blieb gerne draußen und war eine Show: Wie immer eine völlig neue Bühnenshow und wieder war sie genial: Ambosse auf der Bühne wurden zur Perkussion verwendet, Flipperautomaten standen auf der Bühne und die gewohnten Hits Ein Jahr (Es geht voran), Starfighter mit Papierfliegern oder Ich bin aus Plastik konnten überzeugen. Zwischendrin gab es auch wieder Riesenluftballons (Welle:Erdbälle) für das Publikum. Highlight war dann aber das Cover von Nicoles Ein bisschen Friede im C64-Gewand – mal etwas Neues neben den bekannten Covern von Fehlfarben, Kraftwerk und co. Ein Auftritt, den man so schnell nicht vergessen wird, bei dem einzig schade war, dass Arbeit Adelt nicht gespielt wurde.

Wenn man danach die Wahl hat, Funker Vogt oder Blutengel zu sehen und beide Bands eigentlich nicht allzu riesig findet, fällt es schwer, sich zu entscheiden. Nach fünf Minuten Funker Vogt entschied man sich dann aber vielleicht doch rauszugehen und Blutengel mal eine Chance zu geben. Jedenfalls war es vor der Mainstage rappelvoll und ein Bild-Zeitungs-Vergleich musste her: Eigentlich bekennt sich niemand dazu, aber irgendwie ist sie die auflagenstärkste Zeitung. So war auch das Publikum von Blutengel begeistert. Wenn man Vampirkitsch und Frauen mit rumwedelnden Engelsflügeln was abgewinnen kann und wen dazu die schlechte Aussprache englischer Wörter von Chris Pohl nicht stört, mag das ganze auch durchaus seinen Reiz haben, vor allem, wenn einen dann die Love, Blood, Death, „Und meine Welt zerbricht für dich“-Phrasen-Dreschmaschine auch nicht schlimm findet. Man kann also geteilter Meinung über den Auftritt sein. Vielleicht bin ich auch mit Mitte 20 zu alt, um sowas nachvollziehen zu können. Geschmäcker sind nun mal verschieden.

Im Staatenhaus war dann immerhin wieder etwas, was meinem Geschmack mehr entgegen kam: Die Crüxshadows spielten und machten eine Supershow: Die Geigerinnen sprangen auf der Bühne rum und Rogue heizte mit zwei Lampen, jeweils in jeder Hand, das Publikum an, sodass man eigentlich die ganze Zeit nur mittanzen musste und gefangen war. Ärgerlich, dass danach Anne Clark spielen sollte, aber man die Halle nicht verlassen wollte, da danach Project Pitchfork spielen sollten und man weit vorne stand.

Aber das hat sich dann doch gelohnt: Project Pitchfork präsentieren sich seit Jahren wieder in Bestform und machten da auch an diesem Abend keine Ausnahme. Der Moshpit vor der Bühne, hohe Temperaturen und viel verlorene Flüssigkeit standen auf dem Programm. Dazu ein sichtlich gut gelaunter Peter Spilles, der ein Hit-Feuerwerk zündete. Schade war, dass Dirk Scheuber noch an Krücken läuft und daher nicht teilnehmen konnte. Der Stimmung tat dies keinen Abbruch. Groß die Freude, mal wieder I Live Your Dream live hören zu dürfen und auch die Tatsache, mit Souls erneut den Dauerbrenner im Programm zu haben. Ein Auftritt, der einen zwar kaputt, aber glücklich schwer begeistert, zurückließ, nachdem mit Existence der letzte Song zuende war.

Das sorgte dann leider auch dafür, dass man Skinny Puppy nicht mehr so folgen konnte, wie es die Band verdient hätte: Im Totenkostüm ging man eine halbe Stunde zu spät auf die Bühne und präsentierte schräge Videopräsentation, die einen verstörten und herausfordern sollte. Leider klappte das aufgrund der eigenen Konzentrationsfähigkeit nicht mehr so gut. Ein toller Auftritt, der im Gesamteindruck nur leider etwas unter dem vorherigen Auftritt litt. Immerhin wurde man so am Ende des ersten Tages – nicht zuletzt durch Hits wie Assimilate und Worlock noch einmal an seine Grenzen gebracht, damit es dann an Tag zwei munter weitergehen konnte.

Tag 2
Und so ging es am zweiten Tag wieder aufs Gelände, wo man dann zu Beginn von Ext!ze belästigt wurde: Belangloser Plastik-Elektro mit peinlichen Samples und rumspringenden Figuren auf der Bühne. Das ganze wirkte recht peinlich und das einzig sehenswerte waren einige Cybergoths oberhalb der Rollstuhl-Tribüne, die direkt über dem Schild mit dem Rollstuhl tanzten. Situationskomik hat halt immer was für sich. Aber man muss ihnen lassen: Tanzen konnten sie! Und Ext!ze konnten die Massen begeistern. Die Frage nach dem Warum ist zwar eine andere, aber gute Stimmung war durchaus vorhanden.

Dennoch ging man dann lieber zu Escape With Romeo ins Staatenhaus und wurde mit einem tollen Auftritt belohnt: Die Band machte viel Stimmung und hat gezeigt, dass sie noch längst nicht zum alten Eisen gehört. Es wurde gezeigt, wie man mit ruhiger Musik mehr schaffen kann als mit albernen Elektrokrach. Einzig schade war, dass viertel nach zwölf die Halle noch nicht wirklich voll war und kaum Leute da waren. Die Band hätte definitiv mehr Publikum verdient, mit einem verdichteten Wave-Rock-Sound, der heutzutage seinesgleichen sucht.

Es folgten im Staatenhaus Frank the Baptist. Solider Gothic Rock, der nur leider live extrem harmlos rüberkam: Unterhaltsam und nicht schlecht, aber richtig gezündet hat es irgendwie nicht. Rabia Sorda heizte draußen dagegen dem Publikum gut ein, während der Sänger rastlos über die Bühne sprang und nie zur Ruhe zu kommen schien. Dem Publikum hats gefallen, meins war‘s nicht wirklich, aber unterhaltsam auf jeden Fall!

Der Batcave von Blitzkid war dagegen das erste richtige Highlight des Tages: Das Staatenhaus war gut gefüllt und die Band machte eine extrem unterhaltsame und temperamentvolle Show, sodass man eigentlich nicht nicht von der Stimmung, die die Band machte, gefangen genommen werden konnte.

Nach dem Auftritt ging es nochmal raus zu Leaves‘ Eyes und man dachte: „Hach ja, Gothic Rock mit Frauengesang…“ Und wenn man der Meinung ist, dass nach Nightwish sowas eigentlich nicht mehr nötig ist, hat es eine solche Band natürlich schwierig. Besonders wenn dann noch die vielen „Oooohooohoohs“ und sphärische „Aaaahaaaahaaahs“ von Liv Kristine dazukommen, die nicht gerade spannend sind und sich wie Alexander Krulls männlicher Grunzgesang dazugesellt. Trotz allem ein gelungener Auftritt, der nur unter dem viel zu lautem Doublebass litt.

Danach sollte es aber richtig gut werden, denn im Staatenhaus spielten Coppelius. Und was für ein Auftritt sie spielten! Theatralisch, lustig und einfach nur klasse war das, was man geboten bekam. Zu Beginn wurde vom Butler auf dem Röhrenradio die Intromusik gesucht – eine herrliche Showeinlage, wie viele andere auch: So wurden erst zwei Fans auf die Bühne gebeten, später noch eine junge Dame, die Triangel spielen durfte und so merkte man gar nicht, dass schon über eine Stunde vorbei war. Ein Mittelalter-Act der ganz anderen Sorte – und sehr unterhaltsam.

17 Uhr – und wieder wurde es schwierig: Samsas Traum drinnen und dann Combichrist draußen. So schaute man sich zunächst ersteres an, obwohl die Band einen schon ein anderes mal live eher belästigt als begeistert hatte. Immerhin konnte man dem Auftritt schon was abgewinnen und sagen: Ja, Samsas Traum sind eine gute Band, aber eher überbewertet. Gute Show, aber nichts herausragendes, während Kaschte sich vor allem feiern ließ. Den Fans hat‘s gefallen – und das ist die Hauptsache.

Combichrist sind ja auch eine Band, die viele Fans hat, aber bei mir nie privat gelaufen ist, da sie mich nie überzeugen konnte. Live immerhin waren sie echt gut. Allerdings fing es bei ihrem Konzert an zu regnen, weswegen man zu Frontline Assembly ins Staatenhaus ging, die einem musikalisch auch mehr lagen. Und es war eine mitreißende Show: Die Halle war rappelvoll und überall waren Leute am tanzen und mitschreien. Eines der energischsten Konzerte überhaupt und vom neuen Album gab es dann noch Angriff zu hören. Und ein „Fuck You“ bei Fuel. Wahnsinnshow!

Als das Konzertvorbei war, ging es nochmal raus, um festzustellen, dass der Regen stärker geworden war, aber die ASP Fans ließen sich vom Regen nicht stören. Die Band machte eine gute Show, die wie gewohnt sehr theatralisch war. Richtig laut mitgeschrieben wurde dann bei Ich will brennen. Das Publikum war begeistert.

Noch einmal im Staatenhaus sah man dann Diary of Dreams und natürlich ist die Band eine sichere Nummer. Es war wie erwartet ein hervorragender und sehr professioneller Auftritt, nur leider manchmal etwas zu professionell. Vieles kannte man bereits, wenn man die Band schon mehrmals gesehen hatte: Immer wieder schön, aber etwas mehr wäre dennoch drin gewesen.

Was dann aber bei VNV Nation los war, spottete dann aber jeder Beschreibung: Man war einfach nur gefesselt! Überall gingen die Leute mit, selbst an Stellen, von denen die Bühne aus nicht zu sehen war. Es war rappelvoll vor der Hauptbühne und dort wurde permanent mitgesungen, im Takt geklatscht, usw. So eine Atmosphäre hatte noch keine Band hinbekommen an dem Tag. Wahnsinn. Ein Konzert, das noch lange nachhallen sollte.

Danach folgte eine wirklich klasse Live-Band, und zwar Letzte Instanz. Aber das Problem war wie am Vortag: Man war schon echt geschafft, aber davon konnte man sich nicht abhalten lassen. Die Show war wie immer super und hatte viel Spaß gemacht, auch wenn man dann für Eisbrecher endgültig zu wenig Energie hatte.

Unterm Strich war es wie immer ein tolles Festival, auch wenn das Wetter nicht immer perfekt mitspielte, aber davon soll man sich die Laune ja nicht verderben lassen. Dafür hat man viele nette Leute getroffen und viele gute Bands gesehen. Klar, dass nicht jede Band den eigenen Geschmack getroffen hat, aber wann ist das mal so? Trotz allem also ein wieder mal gelungenes Wochenende!

Festival-Homepage: www.amphi-festival.de
Amphi bei MySpace: www.myspace.com/amphifestival

Text: Tristan Osterfeld (außer New Talents Special + Project Pitchfork: Marius Meyer)
Bilder: Tristan Osterfeld (Ausnahme Schecküberreichung + Atmosphäre: Amphi Festival)