10 Jahre Amphi Festival… Wenn das mal kein Grund zum Feiern ist. Natürlich isses das! Und so war der Kölner Tanzbrunnen auch in diesem Jahr wieder bereits im Vorfeld ausverkauft und 16.000 Besucher feierten bei bestem Festival-Wetter ein gelungenes Wochenende mit einer großen Vielfalt der dunklen Musik, vielen alten und neuen Bekannten und einem ansehnlichen Rahmenprogramm. Bereits am Freitag reisten viele an, um sich angemessen auf das Festival einzustimmen – Möglichkeiten waren schließlich genug vorhanden.

Wer zu den 1.111 Glücklichen gehörte, die eines der begehrten Tickets für das Eröffnungsevent Call The Ship 2 Port an Bord der MS RheinEnergie ergattert hatte, konnte sich unter anderem daran erfreuen, Project Pitchfork live mit Stücken wie Terra Incognita oder auch The Seeker zu erleben, die selten gespielt wurden, andere drängten sich in den Alten Wartesaal zur Pre-Party des Festivals oder trafen sich in geselliger Atmosphäre auf die ersten Kaltgetränke des Festivals, bevor dann am Samstagmorgen um 10 Uhr die Pforten des Tanzbrunnens öffneten.

Samstag

Erfreulich zu sehen war an diesem Samstag, wie gut sich das Gelände bereits zu früher Stunde füllte. Von Partyleichen keine Spur, bereits um 12:00 Uhr konnten sich The Juggernauts einer ansehnlichen Menge erfreuen, die ihre elektronischen Klänge der härteren Gangart feierten. Direkt darauf folgte dann auch bereits die erste positive Überraschung des Festivals: She Past Away, die mit Gothic Rock der alten Schule den Geist von Bands wie Joy Division wieder auferstehen ließen und dabei völlig auf Staub an ihren Klängen verzichteten. Auch dazu sind Festivals schließlich immer wieder gut: neue und tolle Bands entdecken, die man vorher nicht auf dem Zettel hatte. So wie She Past Away.

Um 13:50 Uhr kam bereits eine der alteingesessenen Bands auf die Mainstage: Clan Of Xymox. Leider gelang es der Band nicht, die Atmosphäre ihrer Stücke bei Tageslicht zu so früher Stunde voll zur Geltung zu bringen. Zwar war es bei weitem kein schlechter Auftritt, jedoch wirkte er etwas blass, obgleich die Stücke wie Emily, Louise oder auch A Day von ihrer Qualität nichts eingebüßt haben und auch heute gut dargeboten wurden. Manchmal soll es einfach nicht sein – nächste Gelegenheit, nächste Chance!

Die nächsten Alteingesessenen folgten kurze Zeit später im Staatenhaus mit The Neon Judgement, bei denen man merkte, dass sie bereits von vielen vorfreudig erwartet wurden. Da brauchte es keine großen Show-Elemente und Special Effects: Die elektronischen Klänge der Band, die inzwischen auch schon über 30 Jahre im Geschäft hinter sich hat, sprechen da schlichtweg für sich und sorgen für Begeisterung! Begeisterung ist etwas, das übrigens auch in einer entfernteren Ecke des Staatenhauses in etwa zeitgleich dazu zu spüren war: Zwischen dem Gig auf dem Schiff und dem Headliner-Slot im Staatenhaus gaben Project Pitchfork noch fleißig Autogramme. Eine nicht enden wollende Schlange fand sich ein, um Unterschriften und gemeinsame Fotos abzustauben.

Mit dem nächsten folgenden Act im Staatenhaus schloss sich dann gewissermaßen ein Kreis: Zeromancer spielten auf, die dereinst 2001 zu größerer Bekanntheit kamen, als sie besagte Band der vorangegangenen Autogrammstunde auf deren Daimonion-Tour supporteten. Wie gut sich Zeromancer gehalten haben, bewiesen sie auch in diesem Jahr wieder auf dem Amphi-Festival, wo sie mit einer guten Mischung aus jüngeren Stücken wie Auf Wiedersehen Boy und alten Klassikern wie Doctor Online das Publikum 40 Minuten lang bei bester Laune hielten.

Auch der weitere Aufenthalt in der Halle sollte sich lohnen, denn eine Umbaupause später stand mit Aesthetic Perfection ein Elektro-Act auf der Bühne, der zwar schon lange immer wieder auf den Bühnen steht, aber mit dem neuesten Album ‘Til Death eine größere Zuschauermenge erreicht hat. Mit harten Elektro-Klängen in Stücken wie Antibody und einer Show, bei der der kalifornische Sänger Daniel Graves zu keinem Moment stillstand, gelang es Aesthetic Perfection auch beim diesjährigen Amphi Festival, die Menge auf ihre Seite zu holen. Eine kurzweilige Dreiviertelstunde!

Auch wenn es drinnen verhältnismäßig kühl war (verhältnismäßig!), stand erst einmal ein Gang nach draußen an. Auf der Hauptbühne ertönten dazu die Klänge von Hocico, die – wie nicht anders zu erwarten war – die Menge im Griff hatten. Dass sich für die darauffolgenden Blutengel das Publikum ein bisschen austauschte, ist nicht weiter verwunderlich, aber so oder so muss man der Band um Chris Pohl lassen, dass die Idee mit den Streicher-Arrangements eine gute Idee war! Ob man es nun wollte oder nicht, war es interessant, Blutengel mal auf diese Weise kennenzulernen.

Allerdings war es an diesem Samstag vor allem der Tag des Staatenhauses, denn dort stand ein großer Act nach dem anderen an. Mit The Klinik erst einmal wieder ein Vertreter des belgischen EBM und dabei eines der verschiedenen Projekte um Dirk Ivens. Ein Auftritt, der herbeigesehnt wurde und folglich die Erwartungen erfüllte. Eine Stunde lang Elektro der alten Schule und der härteren Gangart, bei dem die Protagonisten zwar nicht viel Show boten und der Kontakt zum Publikum eher sporadisch zu sehen war, die aber dennoch allen Beteiligten sichtlich Spaß machte.

Was folgte, war eines der Festivalhighlights. Midge Ure, vor allem für seine Aktivität bei Ultravox bekannt, spielte eine Solo-Show mit seiner Band und ließ sich dabei ganz und gar nicht lumpen. Mit Fragile veröffentlichte er zwar jüngst sein aktuelles Solo-Album, aber auf einem Festival wie dem Amphi überließ er nichts dem Zufall. Bereits an zweiter Stelle spielte er Fade To Grey, das er schließlich auch mitgeschrieben hat, bevor es mit Visage zum Welthit wurde. Selbst die E-Gitarre passte hier super ins Bild – das Publikum war bereits voll und ganz auf Ures Seite! Da sollte es auch bleiben, denn ein gut gelaunter Musiker und eine beeindruckende Song-Auswahl sorgten für ein Highlight nach dem anderen. Groß auch der Applaus bereits vor If I Was, als der Sänger und Gitarrist zugab, nie gedacht zu haben, dieses Stück jemals auf einem Gothic-Festival zu performen. Gut, dass er es doch getan hat! Dass Stücke wie Vienna, Hymn und das finale Dancing With Tears In My Eyes Selbstläufer waren, muss wohl nicht mehr erwähnt werden…

Unter dem Eindruck des vorangegangenen Auftritts hatten es Camouflage folglich nicht gerade einfach. Leider erwies sich ihre Show auch gerade zu Beginn etwas zahnlos. Handwerklich perfekt und auch sympathisch, wusste der Funke einfach nicht überzuspringen. Die Nachricht, dass ein neues Album absehbar ist, war dennoch sehr erfreulich und gerade in der zweiten Hälfte des Sets war eine deutliche Steigerung zu erkennen. Die Hits wie Love Is A Shield und The Great Commandment funktionieren immer, ein Stargast wie Peter Heppner bei That Smiling Face ist dabei auch hervorragend. So sorgten Camouflage letztlich für einen versöhnlichen Ausklang ihres Sets beim diesjährigen Amphi Festival.

Es war Zeit für das große Finale des ersten Abends. Project Pitchfork enterten mit zehn Minuten Verspätung um 00:10 Uhr die Bühne und versorgten das Publikum mit einem ausufernden Set voller Klassiker. Auffällig dabei ist, dass auch jüngere Stücke wie der Opener Pitch Black bereits zünden, als wären sie bereits seit Jahren im Standard-Repertoire – wie beispielsweise das folgende IO. Das Set bot dabei einen guten Querschnitt durch alle Epochen des Schaffens der Hamburger – sei es Timekiller aus dem Jahr 2001, Alpha Omega aus dem Jahr 1995 oder Acid Ocean aus dem Jahr 2013. Alles ging gut Hand in Hand und machte Publikum und Musikern Spaß. Mit Blood-Line gab es bereits einen ersten Vorgeschmack auf das im September erscheinende neue Album Blood, am Ende mussten noch zwei Zugaben her, wobei Rescue dann um zwei Uhr nachts den Rausschmeißer markierte. Die Beine schwer, die Augen müde, das Gesicht strahlend – so endete der erste Festivaltag!

Sonntag

Für den Sonntag wurde erst einmal ein ruhigerer Start gewählt. So führte der Weg zur Mittagszeit erst einmal ins Theater, wo um 12:30 Uhr Ecki Stieg eine Lesung aus seinen diversen Essays gab. Mit trockenem Humor und einer sehr pointierten Art erzählte er beispielsweise aus dem Wirken als DJ und charakterisierte die Leute, die zum DJ kommen – dabei gab es Gestalten wie den „Nerver“, die er alle sehr detailliert schilderte. Bewusst überspitzt begegneten einem immer wieder Gestalten, die man selbst irgendwie schon einmal erlebt hat. Auch seine Erzählungen von Facebook-Chats mit einem unglücklich Verliebten brachten so einige Lacher mit sich. Ein schönes Programm eines gut aufgelegten Ecki Stieg. Nicht nur die Grenzwellen sind immer wieder wert, angehört zu werden, auch seine Lesungen sind und bleiben ein Tipp!

Musikalisch ging es anschließend zur Mainstage, wo Sven Friedrich mit seinem elektronischen Projekt Solar Fake zum Tanz einlud. Eine Einladung der sehr viele folgten: Das Gelände vor der Bühne war sehr gut gefüllt und die Menschen standen dicht an dicht. Schon der aggressive Opener I Hate You More Than My Life brachte Bewegung in die Reihen, melodischere Stücke wie Here I Stand taten das Ihrige für einen gelungenen Auftritt. Auch die Cover-Version von Linkin‘ Parks Klassiker One Step Closer funktionierte bestens. Sven Friedrich lieferte hier einen guten Auftritt ab und bewies erneut das, was er eigentlich gar nicht mehr beweisen muss: dass er mit Solar Fake ein ernstzunehmendes Elektro-Projekt etabliert hat, obwohl man ihn sonst er als gothicrockenden Musiker kennt.

Atmosphärisch ging es weiter. In The Nursery spielten auf und man durfte gespannt sein, ob das eigentlich auf der großen Bühne funktionieren kann. Nicht wegen der Größe, sondern wegen des Tageslichts. War die Band zuvor im Staatenhaus aufgetreten, so stand sie diesmal im hellen Licht und ließ die Zweifel schnell verpuffen. Die Atmosphäre ihrer Songs funktioniert auch draußen. Und das souverän, sympathisch und gekonnt. Dass da inzwischen über 30 Jahre Bandgeschichte hinterstecken, merkt man vielleicht am Können, nicht aber an der Frische, die die Band immer noch an den Tag legt. Stücke wie Bombed funktionieren auch anno 2014 super. Irgendwo zwischen Neoklassik und Ambient angesiedelt, konnte eine große Menge von In The Nursery hier verzaubert werden.

Kontrastreich ging es auf der Hauptbühne weiter. Kein Kontrast allerdings dabei: Auch der nächste Act funktionierte blendend. Mesh zeigten erneut, dass sie mit ihrem Album Automation Baby auf dem Zenit ihres Erfolges sind und dass auch ihre Live-Performances davon profitieren – auch bei ihren Klassikern. Wie bei Trust You, das sie nicht etwa auf der Bühne performten, sondern minimalistisch arrangiert in der Mitte am Mischpult sangen, bevor sie sich gen Hauptbühne bewegten. Von dort aus zündeten sie in der Folge ein Hitfeuerwerk, bestehend aus renommierten Nummern wie You Didn’t Want Me und gleichermaßen neueren Stücken wie Just Leave Us Alone. Nach dem abschließenden Taken For Granted war klar: Mesh sind nach wie vor eine sichere Bank, wenn es um Live-Shows geht!

Kontrastreich sollte es weitergehen. Diesmal nicht mehr auf der Mainstage, sondern mit einem Gang ins bestuhlte Theater, das gut gefüllt war mit Zuschauern, die Sonja Kraushofer mit ihrer Band Persephone sehen wollten. Warum Persephone im Theater spielten, war bereits im Wortsinn zu erkennen. Theatralisch ging es zu. Und das im positiven Sinne. Noch immer beherrscht Sonja Kraushofer es, ihre Musik auch in der Live-Umsetzung in ein großes Schauspiel zu verwandeln und die Emotionen zu visualisieren und gleichermaßen für den Zuschauer spürbar zu machen. Stücke wie The Man Who Swallowed My Soul boten dabei gute Beispiele.

Was anschließend folgte, war für viele ein Highlight des Festivals. Um dem Ansturm gerecht zu werden, traten Janus an beiden Festivalabenden auf, am Sonntagabend war es erneut gut gefüllt, als die Band die Bühne betrat. Viele Jahre hatte die Band nicht live gespielt und auch der Schreiber dieser Zeilen hat die Band zuletzt vor 13 Jahren live erleben können. Getreu dem Sprichwort „willst du gelten, mach dich selten“ wurden die Amphi-Shows sehnsüchtig erwartet und RIG und Toby erfüllten dabei alle Erwartungen. Sowohl mit Band als auch ohne Band, nur mit Piano, konnten die Musiker überzeugen. Ein breites emotionales Spektrum wurde dabei abgedeckt, manch einen Zuschauer konnte man dabei erwischen, wie sie Tränen in den Augen hatten, gerade nach Anita spielt Cello. Ein aufwühlendes und begeisterndes Konzert, das auch viele Tage später noch aufwühlt.

Auch nach Janus können Kontraste fast als Leitmotiv des Festival-Sonntages gelten, dann der Weg führte ins Staatenhaus, wo die Show von Die Krupps bereits in vollem Gange war. Vor einer gut gefüllten Halle zeigte die Band sich in Höchstform, Titel wie Metal Machine Music und Wahre Arbeit Wahrer Lohn taten ihren Anteil zur Stimmung sehr gut! Eine gelungene Show, auch wenn man nach Janus noch recht aufgewühlt war.

Während auf der Mainstage noch die letzten Töne von Eisbrecher zu hören waren, gab es noch die Möglichkeit, sich Lacrimosa als Headliner an diesem Tag im Staatenhaus anzuschauen. Oder man gehörte zu den 777 Zuschauern, die Platz auf der MS RheinFantasie fanden, um zum zehnjährigen Festival-Jubiläum mit besonderen Auftritten von Sonja Kraushofer, Solar Fake und VNV Nation einen gediegenen Festivalausklang zu erleben. Sonja Kraushofer spielte dabei einen kleinen Überblick über ihre verschiedenen Projekte, Solar Fake gaben akustisch einige ihrer Stücke zum Besten und überraschten mit einer Darbietung von Die Flut, für die sich als Special Guest Peter Heppner einfand, bis dann VNV Nation unter dem Motto VNV Classical – Music for Piano and Voice Stücken wie Solitary und Perpetual neue Facetten verliehen und ruhigere Stücke wie Nova noch mehr veredelten.

Auch im zehnten Jahr konnte man wieder eindrucksvoll erleben, warum man sich jedes Jahr aufs Neue den späten Juli für einen Aufenthalt in Köln vormerken sollte. Auf die nächsten 10 Jahre also! Aber erst einmal darf man sich auf die Schnapszahl am 25. und 26. Juli 2015 freuen.

Text: Marius Meyer
Bilder: Michael Gamon (1, 2, 3, 5 – danke an www.sparklingphotos.de für die freundliche Bereitstellung), Marius Meyer (4)