„Alles wird Amphi“ – so das Motto, das veranstalterseitig gerne ausgegeben wird. „Alles wird gut“ ist hingegen das, was man manch argwöhnischem Festivalbesucher am Samstag mit auf den Weg gegeben hätte. Während andere Festivals durch massive Unwetter bedingt komplett abgesagt werden mussten, konnte beim Amphi auf dem neuen Gelände zumindest die Hauptbühne bespielt werden, die in der LANXESS Arena ihren Platz hatte. Dennoch war eine Menge Missgunst über das neue Gelände zu hören – und das, obwohl eigentlich noch keiner es wirklich kannte, schließlich war nur der Innenbereich freigegeben.

Doch gehen wir erst einmal einen Tag zurück, als die Welt noch in Ordnung war. Das mit 1.111 Zuschauern ausverkaufte Schiffsevent „Call The Ship To Port“ auf der MS RheinEnergie fand wie gewohnt am Freitagabend statt.

Freitag

Einer schönen Tradition entsprechend, treffen sich die, die sich eines der begehrten Tickets für die Eröffnung besorgt haben, in entspannter Atmosphäre aufeinander, um sich hier bei kühlen Getränken in schöner Club-Atmosphäre auf die kommenden drei Tage einzustimmen. 2015 konnte man sich bei einer Fahrt von Köln aus nach Bonn und in Richtung Düsseldorf drei Bands anhören. Das Warm-up kam in diesem Jahr von !distain aus München, die mit Synthiepop für eine angenehme Stimmung sorgen konnten.

Setlist: Remote Control, Tears Of Joy, Monokultur, Where In This World, Gunfires, A Million Engines, Why (Bootlicking Hypocrites), Sex’n’Cross, Confession, Metal Rules

Stimmung machten danach auch Agonoize, die an diesem Abend als Ezionoga in veränderter Besetzung auftraten und sich die Kunstblut-Arie für ihren Festivalauftritt aufhoben.

Setlist: Earpain, Fight for your Right (Beastie Boys), Alarmstufe Rot, Bloodqueen, Vollrauschfetischist, Gottlos, Dafür (Version), Das zweite Ich, Schaufensterpuppenarsch, Blutverlust, Deutsch, Bäng Bäng Goodbye, Bis das Blut gefriert, I Was Made for Lovin‘ You (Kiss)

Topact war am Freitag And One mit einem ganz besonderen Set. Steve Naghavi hatte sich für die treuesten der treuen Fans etwas Besonderes ausgedacht und so spielten er und seine drei Bandkollegen ein starkes Set, das sich nur aus Songs der Frühwerke zusammensetzte.

Setlist: Second Front, Anguish, The Secret, Exit, Life Isn’t Easy in Germany, Loser, Consequence of Time, Wild Pain, Die Mitte, Deutschmaschine, Body Nerv, Take Some More, Over There, Die Stille vor dem Ton, Metalhammer, Tanz der Arroganz, Recover You, Für, Second Voice, Techno Man

Eine Seefahrt, die ist gruftig. Und gegen 00:30 Uhr ging dann ein stimmungsvoller Turn zu Ende und ließ die Gothic-Anhänger in die schwarze Nacht. Ohne, dass man ahnen konnte, wie das Wetter sich entwickeln sollte.

Samstag

Bald kam er dann auch, der nächste Tag. Jener Samstag mit seinen Wetterkapriolen. Wie bereits oben erwähnt, war nur der Innenbereich freigegeben. Dieser wurde dann auch folglich sehr früh bespielt, denn als eine Reaktion auf den nicht freigegebenen Außenbereich – bei dem unklar war, ob er an diesem Tag noch freigegeben werden kann – hatte man den Auftritt von Centhron nach innen verlegt und ihn bereits um 10:30 Uhr beginnen lassen. Man kann zum Cyber-Sound und den Texten der Band nun stehen, wie man will: Beeindruckend war allemal, wie sie es geschafft haben, zu einer so frühen Zeit eine recht ansehnliche Menge von Menschen mitzureißen.

Um 11:30 Uhr dann Schöngeist, die ebenfalls bereits auf ein recht großes Publikum zurückgreifen konnten. Ihr Gothic Rock-Sound hatte dabei auch im weiten Rund die Gelegenheit, sich gut zu verbreiten und am Ende ein äußerst gesättigtes Klangbild zu ergeben. Mit Stücken vor allem aus dem aktuellen Album Wehe! kratzten sie zwar textlich hin und wieder am Klischee, boten aber einen weitestgehend runden und auch sympathischen Auftritt. Stücke wie Traumtanz, Zusammen Allein und der am Ende gespielte Titelsong des aktuellen Albums verfehlten ihre Wirkung nicht und man war zur Mittagszeit gut unterhalten.

Setlist: Intro, Sonne der Nacht, Tief, Wieder, Traumtanz, Kenne Mich, Zusammen Allein, Wehe!

Auf Gitarre folgt Elektro. Chrom standen auf dem Plan. Und man sah: Durchaus gefragt sind sie, die Halle war ansehnlich gefüllt. Sicher: Es gab natürlich auch keine Wahl als die Mainstage und der Aufenthalt draußen war mit engen Arena-Gängen verbunden oder sehr kalten Wind, aber einem Act wie Chrom kann man es auch gönnen, ein paar neue Zuhörer zu gewinnen. Eingängiger Elektro-Sound, Synthie-Pop mit hier und da auch mal härteren Anleihen darin, wie ein Titel im Stil von Loneliness gut zeigen kann. Eingängigkeit gepaart mit Tanzbarkeit, rund 40 Minuten boten Chrom ein gelungenes Set.

Setlist: Slave, The Start of Something New, Morbid Mind, In My World, Losing Myself, Loneliness, Visions, Memories

Wer den Elektro gerne etwas härter hatte, kam anschließend mit Rabia Sorda auf seine Kosten, eine Überraschung hingegen gab es im Anschluss, denn dass The Other spielen, war nirgends vermerkt. Auf dem Billing stand Wesselsky, der jedoch sehr kurzfristig absagen musste. Kommuniziert waren The Other nicht, aber die Überraschung wurde gut angenommen. Horrorpunk at its best, neue Stücke kombiniert mit alten Klassikern, dazu viele Show-Elemente, wie beispielsweise die Augenbälle beim Klassiker Beware of Ghouls. Neue Stücke wie Doll Island wurden ebenfalls gut angenommen und nach Lover’s Lane musste gar eine Zugabe her. Wurde gewährt: Blood runs cold rundete das Set ab und der Mitsing-Part wurde vom Publikum dankbar angenommen. Es gab eben auch noch Dankbarkeit inmitten von viel zu viel Missgunst an diesem Tag.

Setlist (ohne Gewähr): Nie mehr, Bloodsucker, Back to the cemetary, Transylvania, Puppet on a String, Doll Island, Black Sails against a midnight sky, Dreaming of the Devil, Beware of Ghouls, Lover’s Lane
Zugabe: Blood runs cold

Auch bei den folgenden Crüxshadows stellte sich wieder dieser Gedanke ein: Irgendwie faszinierend, Acts dieser Art in einer Arena dieser Art sehen zu dürfen. Da Rogue die große Bühne längst beherrscht, war es auch kein Problem, diese mit Stücken wie Valkyrie, Dragonfly und wie sie alle heißen für sich einzunehmen. Schade dabei war, dass der Sound nicht wirklich in den Oberrängen ankam, sodass es von der Perspektive aus leicht verloren wirkte. Das jedoch kann man schwerlich der Band ankreiden, die alles gab. Wie übrigens auch die fleißigen Umbauhelfer, die anschließend einen rekordverdächtigen Umbau von nur wenigen Minuten vollzogen, damit [X]-RX noch ein kurzes Set spielen konnten, da auch sie draußen dem Wetter zum Opfer fielen. Wie übrigens das gesamte Außenprogramm an diesem Tag, wie sich herausstellte. Keine behördliche Freigabe. Und wer einmal kurz draußen war, konnte das dann auch nachvollziehen.

Mancher Act konnte nach drinnen verlegt werden, einige auf den nächsten Tag verlegt werden. Ein Act, dem die Verlegung nach innen sehr gut tat, war DAF. Ursprünglich als eines der letzten Konzerte geplant, hatte man bei DAF zwar auch schon wieder den Rücktritt vom Rücktritt verkündet, das aber machte den Auftritt nicht weniger besonders. Die große Arenabühne stand Robert Görl und Gabi Delgado dabei gut zu Gesicht und man merkte: DAF waren eine der Bands, die hier sehnsüchtig erwartet wurden. Schon das direkt aufs Intro folgende Verschwende deine Jugend sorgte massiv für Bewegung, in der Folge blieben keine Wünsche offen. Der Mussolini, Sato Sato, Alle gegen Alle oder auch Der Sheriff, hier fehlte es an nichts. Kein Wunder also, dass man mit Als wär’s das letzte Mal auch nur so tat, als wäre es das letzte Mal. Natürlich kamen DAF zur Zugabe wieder und rundeten ihren einstündigen Auftritt mit Der Räüber und der Prinz hervorragend ab.

Setlist: Intro, Verschwende Deine Jugend, Ich und die Wirklichkeit, Der Mussolini, Ich will, Muskel, Tanz mit mir, Mein Herz macht Bum, Der Sheriff, Die Lippe, Osten Währt Am Längsten, Sato-Sato, Liebeszimmer, Nachtarbeit, Verlieb Dich in mich, Alle gegen Alle, Verlier nicht den Kopf, Die Lüge, Als wär’s das letzte Mal
Zugabe: Der Räuber und der Prinz

Natürlich, auch wenn manch einer es immer noch nicht so ganz einsehen wollte: Die Verlegung nach innen war, dem behördlich verordneten Rahmen entsprechend, eine Win-Win-Situation für Bands und Publikum. Der female fronted Gothic Rock von The Birthday Massacre konnte sich so einem Publikum erfreuen, das größer war als unter „normalen“ Bedingungen zu warten gewesen wäre, das Publikum konnte sich freuen, trotz widrigster Bedingungen Musik zu erleben – und eventuell dadurch sogar noch etwas für sich zu entdecken, was sonst unentdeckt geblieben wäre. Auch die in der Folge aufgetretenen Agonoize konnten sich sicherlich nicht beklagen. Ihre Musik polarisiert zwar wie kaum die einer anderen, aber sowohl Pro- als auch Contra-Seite dürften sich somit vergrößert haben.

Einer, der mit seiner Art stets wenige Probleme hat, das Publikum einzunehmen, ist Oswald Henke. Ob solo mit der nach seinem Nachnamen benannten Band oder seinem Hauptprojekt Goethes Erben: Die Spannung ist stets garantiert. Bewegung, Bühnenshow und berührende Momente sind garantiert. Das bewiesen Goethes Erben auch auf dem Amphi Festival. Was war bleibt eröffnete den Auftritt, gefolgt von Nichts bleibt wie es war – beinah schon programmatisch zum Festivalgeschehen, denn das Amphi bleibt das Amphi, aber die neue Location zeigt: Es bleibt nicht, wie es war. Dass es aber eben gut sein kann, so wie es jetzt ist, zeigte der einnehmende Auftritt von Goethes Erben. Mit Stücken wie Himmelgrau und Mensch sein blieben keine Zweifel daran, dass die Band auch über 25 Jahre nach der Gründung noch in Topform ist. Die deutschsprachige Nick Cave-Adaption Sitz der Gnade beendete einen sehr starken Auftritt.

Setlist: Was war bleibt, Nichts bleibt wie es war, Himmelgrau, Tage des Wassers, Sie wusste mehr, Kopfstimme, Verboten, Die Sonne schmilzt, Mensch sein, Ironie im Plattenbau, Sitz der Gnade

Der Rest des Abends sollte ganz im Zeichen der elektronischen Klänge stehen und im Grunde auch im Zeichen der Rampensäue. Denn dass Front 242 sich darauf verstehen, die Bühne für sich einzunehmen und dabei auch den Kontakt zum Publikum nicht außer Acht zu lassen. Im Rhythmus bleiben ist somit nicht nur ein Stück der Band, das im Set gespielt wurde, sondern auch ein Motto für die Show. Nach all den Jahren haben sich schließlich auch genug Hits angesammelt, um die Stunde mit der geballten Ladung ebendieser zu füllen. Kampfbereit, Welcome to Paradise oder auch das abschließende Funkahdafi waren da natürlich Selbstläufer.

Setlist: Commando Mix, Punish Your Machine, Im Rhythmus Bleiben, Take One, U-Men, Together, Kampfbereit, Happiness (More Angels), W.Y.H.I.W.Y.G., Master Hit, Welcome to Paradise, Funkahdafi

Als Headliner des Tages dann And One. Die Rampensau- und Entertainer-Qualitäten eines Steve Naghavi müssen an dieser Stelle wohl niemandem, der die Band auch nur einmal mitbekommen hat, weitergehend erläutert werden. Weit nach Mitternacht konnte die Band noch einmal die Reserven der anwesenden Zuschauer mobilisieren und mit Stücken wie Krieger, Deutschmaschine oder auch ihrer bewährten Project Pitchfork-Coverversion von Timekiller die LANXESS Arena in Bewegung bringen. Ein Set, das sich bis zum Finale hin immer weiter steigerte, war es, was Steve Naghavi und Band hier spielten. Klassiker wie Techno Man verfehlten ihre Wirkung nicht und nach dem großen Finale mit Shouts of Joy wollten wohl so einige Freudenschreie ausstoßen.

Setlist: An alle Krieger!, Steine sind Steine, Krieger, Unter meiner Uniform, Für, The Walk (The Cure), Männermusik, Deutschmaschine, Timekiller (Project Pitchfork), Second Voice, High, Back Home, Techno Man, Military Fashion Show, Sometimes, Shouts of Joy

Ein Festivaltag, den sich sicher viele anders vorgestellt hatten, nahm so dennoch ein harmonisches Ende und hinterher waren es nur wenige Programmpunkte, die im Endeffekt wirklich ausfallen mussten. Ausfälle von Bands wie Neuroticfish und Der Fluch waren sehr ärgerlich, aber auch aus terminlichen Gründen der Künstler konnte nicht alles auf Sonntag verlegt wurden, wie es in so manchen Fällen wie Inkubus Sukkubus gelang. Dennoch ein Tag, aus dem das Beste gemacht wurde und der mit so manchen Highlights glänzen konnte.

Aus Chronistenpflicht-technischen Gründen hier noch eine Liste der Ausfälle: Lebanon Hanover, Neuroticfish, Christian von Aster, The Devil & The Universe, Aeon Sable, Der Fluch, Lesung Alexander Kaschte, Songwriting Interaktiv C=64

Sonntag

Auch am Sonntag sollte es wieder früh losgehen. Für manch einen leider zu früh. Oder andersherum betrachtet: Die Informationen über das frühe Geschehen wurden zu spät wahrgenommen. Dass [:S.I.T.D.]: beispielsweise ihren ursprünglich für 19:20 Uhr am Vorabend geplanten Auftritt um 10:30 Uhr in der Arena nachholen, war nicht allen geläufig. Diejenigen, die dort waren, zeigten sich trotz der frühen Uhrzeit und der lichten Reihen sehr begeistert.

Beinah planmäßig dann die Patenbrigade:Wolff, die etwas früher anfing als geplant, aber der Zuschauermenge nach bereits erwartet wurde. Dr. Mark Benecke als Betriebsarzt der Patenbrigade versicherte zu Beginn noch einmal das Stattfinden des Auftritts und schon gegen 11:20 Uhr war der muntere Baustellenbetrieb auf der Bühne im Gange. Tanzbare Elektro-Klänge mit härterem Touch und inhärenter Ironie kamen auch in der großen Arena gut an. Ob Feind hört mit!, Volksarmee oder auch Gefahrstoffe, es wurde charismatisch dargeboten und die Bühnenshow war immer wieder ansehnlich, wenn unter anderem auch mal die Funken flogen. Und es floss Bier! Zu Der Brigadier trinkt Bier wurde nicht nur getanzt, sondern auch Bier ausgeschenkt – durch das lange Rohr direkt von der Bühne aus in des Zuschauers Kehle. Als Demokratischer Sektor das Set beendete, war man sich einig: Der frühe Besuch der Hauptbühne hat sich gelohnt!

Setlist: Feind Hört Mit!, Die Brücke, Freunde der Technik, Volksarmee, Voyage, Gefahrstoffe, Der Brigadier trinkt Bier, Demokratischer Sektor

Zeit, mal kurz rauszuschauen. Und siehe da: Die Sonne scheint, die Bühnen sind freigegeben, die Bands spielen. Mit den eingängigen Klängen von Diorama auf der Green Stage kommt erstmals so etwas wie richtiges Festival-Feeling auf. Sonne, Freunde, gute Musik auf der Bühne – so geht Festival. Ungewohnt bei Diorama war der starke Gitarreneinsatz, der der Band aber gut zu Gesicht stand. Und wie der Zeitplan es so wollte, zog einen die Gitarre dann auch direkt wieder in die Arena, denn Stahlmann standen an. Schon zur Mittagszeit merkte man: Stahlmann + LANXESS Arena = pure Energie. Man merkte, dass Stahlmann sich inzwischen eine große Fanbase erspielt haben, von der auch ein beachtlicher Teil den Weg in die Arena fand. In ihren 40 Minuten spielten sich die Musiker nicht nur durch ihre bisherigen Alben, bei denen Stücke wie Süchtig und Spring nicht glänzen konnten, sondern präsentierten mit Plasma auch bereits ein Stück des kommenden Albums Co2. Die Tanzmaschine zum Abschluss war da nur folgerichtig. Ein sehr gelungenes Set!

Setlist: Willkommen, Adrenalin, Stahlmann, Süchtig, Der Schmied, Spring nicht, Schwarz, Plasma, Tanzmaschine

Nach einem Interview mit Zeraphine ging es dann wieder nach draußen. Darkhaus spielten auf der Green Stage. 14:15 Uhr, bestes Festivalwetter, dazu bester Gothic Rock. Die international besetzte Gothic Rock-Band zeigte in perfektionierter Art und Weise, wie man harte Klänge mit Eingängigkeit kombiniert und dazu noch charismatisch darbietet. Wenn beispielsweise bei Hour Of Need an vierter Stelle bereits von der Bühne bis hin zum Mischpult mitgeklatscht wird, muss eine Band schließlich irgendetwas richtig gemacht haben. Darkhaus haben an diesem Nachmittag im Grunde alles richtig gemacht und das Gefühl der Leute richtig getroffen. Klar, Gedankengänge wie in Side Effect Of Love dürfte jeder schon einmal erlebt haben. Darkhaus wussten schlichtweg, wie sie das Publikum ansprechen und haben sich an diesem Nachmittag viele Sympathien erspielen können. Womit? Mit Recht!

Setlist: Providence, Break Down The Walls, Ghost, Hour Of Need, Life Worth Living, Side Effect Of Love, Drive, Don’t Close Your Eyes, Grace Divine, Breaking The Silence

Es folgten Stunden der Unentschlossenheit. Aus Festivalbesucher-Sicht betrachtet kann man auch sagen: Luxusprobleme! Denn auf der Orbit Stage beeindruckte Sonja Kraushofer mit klassisch inspirierten Klängen, in der Arena konnten Das Ich auf die erwartet große Fanbase zurückgreifen, Qntal beehrten die Green Stage und anschließend gab es in der Arena noch den Auftritt von Der Tod. In Anbetracht der durch das Wetter am Vortag bedingten Ausfälle und Verschiebungen waren viele Festivalbesucher nicht begeistert davon, dass die Comedy von Der Tod wie geplant eine Stunde lang stattfinden sollte, aber es gab dann während des Auftritts doch keinerlei Missgunst-Äußerungen. Zwar war die Halle relativ leer, die Anwesenden aber zeigten sich in der Mehrzahl begeistert.

Während drinnen noch Der Tod seine Weisheiten verkündete, stand auf der Green Stage ein besonderer Auftritt an, nämlich der von Zeraphine. Besonders daher, weil Sven Friedrich eigentlich inzwischen vor allem mit Solar Fake unterwegs ist und Zeraphine auch bereits seit 2010 kein neues Album mehr kam. Wie im Gespräch deutlich wurde, ist auch in Sachen „neues Material“ nicht viel zu erwarten in der nahen Zukunft, weshalb sich die Band auch umso mehr auf der Bühne darüber freute, dass genug Leute das alte Material mögen. Eine realistische Einschätzung, denn No More Doubts aus dem 2003er-Album Traumaworld konnte beispielsweise bereits früh das Publikum für sich einnehmen. Man merkte kaum, wie groß die zeitlichen Spannen zwischen den Zeraphine-Werken teilweise sind. Louisa beispielsweise vom „aktuellen“ (2010) Album Whiteout fügt sich nahtlos ein. Zum Abschluss spielte die Band Die Wirklichkeit vom 2002er-Debüt Kalte Sonne, das auch anno 2015 noch super funktioniert. Es ist zu hoffen, dass eines Tages doch noch neues Material und mehr Präsenz von Zeraphine kommen werden.

Setlist: Die Macht in Dir, No more doubts, Ohne Dich, Be my rain, Louisa, No tears, Still, I will be there, Sterne sehen, Die Wirklichkeit

Und da waren sie wieder, die Luxusprobleme. Draußen Welle: Erdball, drinnen CombiChrist. Die einen können draußen mit ihrer Sendung problemlos die Menge zum Tanzen bringen, die anderen feiern drinnen eine Abrissparty, inmitten des Geschehens knurrt auch noch der Magen. Aber auch hier konnte das Amphi Festival auf dem neuen Gelände multiple Abhilfen schaffen – rund um die LANXESS Arena konnte so gut wie jeder kulinarische Wunsch erfüllt werden. Von vegan bis Krustenbraten konnte hier niemand klagen, denn die Auswahl war riesig. Und wie ein jeder weiß: Mit einer angenehmen Sättigung schaut es sich einfach besser auf die Bühne.

Apropos Sättigung: Der gesättigte Sound in der Arena wurde bereits öfter erwähnt, aber auch in Zusammenhang mit Oomph! kann man ihn gut noch einmal erwähnen, denn auch diese profitierten davon merklich. Überhaupt gehörten sie zu den Gewinnern des Tages, die trotz ihres neuen Albums XXV wussten, was ihr Publikum gerade an diesem Wochenende hören wollte. Mit Alles aus Liebe war der Opener vom aktuellen Album, danach aber ging die Reise einmal quer durch die Bandgeschichte. Damit sind an dieser Stelle nicht nur Nummern wie Träumst Du oder Das weisse Licht gemeint, die ja auch schon ein zweistelliges Alter erreicht haben, sondern auch Stücke wie Der neue Gott vom Debüt-Album, das den Publikumsreaktionen zufolge manch einer im Regal stehen haben dürfte. Die Dramaturgie war perfekt aufgebaut, sodass man am Ende mit Gott ist ein Popstar und Augen auf! harmonisch wieder in die Gegenwart gelangte.

Setlist: Alles aus Liebe, Labyrinth, Träumst Du, Mein Schatz, Das weisse Licht, Mein Herz, Der neue Gott, Mitten ins Herz, Niemand, Gekreuzigt, Gott ist ein Popstar, Augen auf!, Always Look on the Bright Side of Life (Monty Python)

Hoch anzurechnen ist der folgende Auftritt in der Arena. Trotz starkem Infekt hatte sich Wayne Hussey entschlossen, mit The Mission aufzutreten. Dass dadurch eventuell etwas weniger Kommunikation mit dem Publikum stattfindet: geschenkt! Musikalisch und auch von der Gesamt-Performance her gibt es nichts auszusetzen, sondern ganz im Gegenteil einen sehr starken Auftritt zu sehen. Gewohnt eröffnet mit Beyond The Pale gab es ein angemessenes Best Of, das sowohl rocken (Like A Hurricane) als auch Gänsehaut verbreiten (Butterfly On A Wheel) konnte. Und das mit Steigerungspotenzial zum Finale. Deliverance ist schließlich der gewohnte Klassiker, mit dem man auch mal eine ganze Arena zum Mitgehen animieren kann, bevor das epische Tower Of Strength einen trotz erkrankten Frontmanns ganz starken Auftritt beendet.

Setlist: Beyond The Pale, Serpent’s Kiss, Like A Hurricane, Naked & Savage, Garden Of Delight, Severina, Butterfly On A Wheel, Wasteland, Deliverance, Tower Of Strength

21:50 Uhr war es dann soweit – das große Finale stand an. Und das mit einem, um dessen Animations-Qualitäten es seit jeher sehr gut bestellt ist. Ronan Harris weiß, wie er mit VNV Nation die Masse mitzieht. Das zeigt sich mit Space & Time gleich zum Anfang, Klassiker wie Darkangel und Epicentre sind Selbstläufer. Und einen der ganz großen Gänsehaut-Momente des Festivals haben VNV Nation dann auch im Gepäck: Nova (Shine a Light On Me) in der riesigen Arena und gut gefüllten Arena mit entsprechender Beleuchtung. Sehr respektabel! Mitsing-Parts in Perpetual beenden dann das Set und somit auch das Amphi Festival.

Setlist: Space & Time, Tomorrow Never Comes, Darkangel, Genesis, Illusion, Epicentre, Control, Standing, Everything, Farthest Star, Resolution, Nova (Shine a Light On Me), Perpetual

Damit war es dann vorbei. Das erste Amphi Festival in der neuen Location. Eine Location, die im Vorfeld für viele Diskussionen gesorgt hat und gerade am Samstag sehr kontrovers diskutiert wurde, obwohl sie unter den gegebenen Umständen ein Segen war. Welches Potenzial das neue Areal rund um die Arena eigentlich bietet zeigte dann der Sonntag und in vielen Gesprächen nach dem Festival war zu merken, dass auch viele Skeptiker inzwischen merkten: Das Konzept geht auf. Hoffen wir also, dass im kommenden Jahr bereits am ersten Festivaltag das volle Potenzial ausgeschöpft werden kann und sich der Amphi Eventpark weiterhin bewährt.

Weitere Artikel
Interview: Mit Zeraphine beim Amphi Festival

Text: Marius Meyer (Einleitung, Samstag, Sonntag), Dennis Kresse (Call The Ship To Port)
Bilder: Patrick Beerhorst (facebook.com/BeerhorstPhoto – 1, 3, 5, 7, 8), Michael Gamon (sparklingphotos.de – 2, 4, 6)