Zum zwölften Mal jährte sich das Burgfolk Festival im Innenhof des Schloss Broich und wiederum fanden sich an zwei Tagen Bands zusammen, die zwar alle mit Folk zu tun haben, jedoch aus den verschiedensten Musikgenres kamen. Allerdings gab es in diesem Jahr einen starker Fokus auf den Mittelalter-Bereich und Pagan Metal. In Sachen Folk Punk/Speedfolk bekam man nur eine einzige Band zu sehen. Da diese Bands jedoch trotz musikalischer Ähnlichkeiten stilistisch doch unterschiedlich, gab es dennoch genug Abwechslung am Burgfolk-Wochenende. Daher war wie in den Jahren davor an beiden Tagen schon kurz nach dem Einlass der Burghof gut mit Besuchern gefüllt, was sich im Laufe des Tages auch nicht ändern sollte – im Gegenteil.

Freitag

Den Anfang machten The Sandsacks, die eine Mischung aus keltischem Folk und Rockelementen im Stile von Bands wie Dropkick Murphys oder Fiddler’s Green machen und sich als durchaus live lohnenswerter Act präsentierten. Wer diese Musikrichtung kennt, wird zwar nichts gehört haben, was man nicht woanders schon mal gehört hätte, aber die Band wusste, wie man Stimmung macht, so trat dies schnell in den Hintergrund.

Als zweites betraten dann die Schotten von Saor Patrol die Bühne und es wurde schnell klar, dass man es hier mit dem ersten Highlight des Festivals zu tun hatte: Die Band bestand aus fünf Mann, davon drei an Trommeln und Pauken, einer an der Gitarre und ein Dudelsackspieler – und wie zu erahnen war, ging es direkt brachial zu: Schnelle Riffs und martialisches Getrommel gingen durch Mark und Bein und es war leicht, sich Krieger in Schottenröcken vorzustellen, die durch die Highlands marschierten. Gegen Ende standen dann alle fünf an den Trommeln, was dem an sich schon beeindruckenden Auftritt noch mehr Wucht verlieh. Der Veranstalter, der die Band ankündigte, bezeichnete die Musik als „Pipes and Drums from Hell“. Besser konnte man es nicht formulieren. Ein Auftritt, der selbst nach seinem Ende noch lange seine Wirkung entfaltete.

Dass an diesem Abend das Niveau gehalten werden würde dafür sorgten dann Heidevolk, bei denen natürlich Methörner nach oben gehalten wurden. Der Bassist Rowan war leider ausgefallen, weswegen man für Ersatz sorgen musste, was den Auftritt aber keinesfalls schlechter machte. Lieder wie Saskenland, Ostara oder Walhalla wacht funktionieren auch noch, nachdem man die Band schon oft gesehen hat und wissen noch immer zu begeistern.

Als letzte Band des Abends betraten schließlich Faun die Bühne. Ein Auftritt, auf den man gemischten Gefühlen gewartet hatte, löste das letzte Album Von den Elben doch sehr gemischte Reaktionen bei den Hörern aus. Die Frage, ob die Band selber von dem Album im Nachhinein überzeugt war, stellte sich dann während des Konzertes, denn es wurden vor allen Dingen alte Lieder zum Besten gegeben, während sich das neue Material auf Diese kalte Nacht beschränkte. Dafür zeigte die Band, wie sie es versteht, einen stimmungsvollen Auftritt hinzulegen, was sich zeigte, als mit Tinta das womöglich letzte Lied gespielt wurde, aber noch drei Zugaben folgten. Und als man das Publikum bei Hymn to Pan aufforderte, den Mittelteil mitzusingen und dies in einem Mantra-artigen und nicht enden wollendem „Listen now and I shall follow“-Gesang mündete, war die Stimmung perfekt. Man mag an dem Auftritt kritisieren, dass Faun inzwischen bei ihren Konzerten häufiger dieselben Sprüche bringen und die Auftritte auch professioneller durchziehen, dennoch hatte man das Gefühl, dass man seine Hörerschaft ernst und sich auch Zeit für diese nimmt. Dass man sich auch einfach nicht als Musiker, sondern als Dienstleister verstehen kann, konnte man vergangenes Jahr ja schon auf dem Festival beobachten. Und auch am zweiten Tag, da der Sänger von eben jener Band auch noch seinen Auftritt haben sollte. Aber zurück zu Faun: Der Auftritt ging schließlich mit Tagelied zu Ende und man verließ den Innenhof des Schloss Broich mit dem Gefühl, einen lohnenswerten ersten Tag auf dem Festival verbracht zu haben.

Samstag

Am zweiten Tag sollte es dann um ein Uhr mit Zwielicht weitergehen und die Regensburger präsentierten eine Mischung aus Mittelaltermusik und Rock, die soweit gefällig war. Nur hatte der Auftritt zwei Haken: Zum einen waren aufgrund des Dialektes des Sängers sowohl die Ansagen als auch der Gesang nicht immer gut verständlich. Ob das nun gut oder schlecht war, die Frage stellte man sich dann, wenn man die Texte verstand, denn diese handelten dann von Hexen im Wald, die Jünglinge verführten (Schwarzer Engel), Meerjungfrauen, die Ritter verführen (Die Nixxen) oder eben vogelfreiem Gesindel (Zwielichtige Gestalten). So richtig Klischee-frei ging es daher nicht zu, was eigentlich sehr schade war, denn musikalisch präsentierte man sich mit Flöten, Oboe, Harfe und E-Gitarre, mit der man zwischendrin Soli spielte, die an Classic Rock erinnerten, dass man viele schöne Ideen hatte, mit denen man sich vom sonstigen Mittelalter-Einerlei absetzen konnte. Die Idee, das Lied Zwielichtige Gestalten mit einem Kanon einzuleiten, wusste ebenfalls zu gefallen. Letztendlich musste man feststellen: Über die lyrische Qualität mag sich streiten lassen, aber als Opener war die Band völlig in Ordnung.

Als zweites betraten dann Ally the Fiddle die Bühne, die einem fast schon leidtun wollten: Zunächst wollte von der Geigerin und Sängerin der Bügel der Geige nicht halten, dann musste man sich noch mit diversen Soundproblemen rumschlagen. Immerhin reagierte man auf der Bühne sehr souverän auf diese Schwierigkeiten und konnte darüber auch selber lachen, sodass auch das Publikum darüber wegsehen konnte. Alles andere wäre auch unfair gewesen, denn der Auftritt konnte sich mehr als sehen lassen: Man interpretierte sowohl fremde Stücke als auch Eigenkompositionen und nannte das ganze instrumentalen Folk Metal, wobei der Begriff schon fast zu einengend war: Denn die Geige bildete das Grundgerüst jedes Liedes, wozu sich die anderen Instrumente gesellten und man scheute auch nicht, mal in Klassik-Gefilden, im keltischen Folk oder auch im Progressive Rock zu wildern. Dabei gefielen sowohl das Geigenspiel als auch der Gesang von Ally, die zudem zwei neue Lieder vom kommenden Album präsentierte, die große Erwartungen weckten. In jedem Fall präsentierte man sich vielseitig und überraschend, wodurch die Band mit Sicherheit eines der Highlights des Festivals war.

Krasser konnte der Gegensatz dann kaum zu der Band sein, die danach die Bühne betrat: Heimataerde – die auch konzeptuell, wenn nur am Rande, mit Folk zu tun haben und bei deren Auftritt sich wohl meisten gewundert haben werden, die nur dort waren, weil das Burgfolk in der Nähe liegt und man sonst mit Gothic, Metal oder Mittelalter nicht viele Berührungspunkte hat. Wie üblich trat man in Kreuzritterrüstungen auf, Statisten präsentieren sich martialisch im Hintergrund mit wehrhaften Schwertern oder es wurde auch mal ein Kreuzritter erstochen. Die Mischung aus Industrial, E-Gitarren und mittelalterlich anmutenden Melodien war zusätzlich auf brachial gebürstet, besonders der Bass schien wirklich auf einen einzuhämmern. Ein Auftritt, der mit Sicherheit polarisierte, aber auch in die Hose hätte gehen können, hätte man das eigene Konzept todernst durchgezogen. Doch die Peinlichkeitsfalle vermied man durch viel Selbstironie, wodurch dann alles zusammen funktionierte und mitreißend wirkte. So wurde die Funktionsweise der elektrischen Flöte erklärt und ebenfalls ein Lied vom kommenden Album vorgestellt, das zusammen mit Thomas Elbern von Escape With Romeo entstand.

Das war es dann auch mit den elektronischen Ausflügen, denn als nächstes betraten Eric Fish and Friends die Bühne und es kam das einzige Sitzkonzert des Abends und auch das einzige, bei dem die an sich gute Stimmung in den Keller ging. Dass Subway To Sally inzwischen ihre Auftritte als Dienstleistung ansehen und runterspulen, mag nichts neues sein, zugutehalten muss man ihnen dennoch, dass sie es dennoch schaffen, für Stimmung zu sorgen, bei Eric Fish and Friends war es dann nicht so. Das Konzert wollte einfach nicht zünden, da man auf der Bühne auch nicht wirklich motiviert wirkte und als Eric bei Anders sein das Publikum aufforderte mitzusingen und dieses ihm genau das verweigerte, sagte er Enttäuschung macht sich breit, was eher verbissen denn ironisch klang. Nur beruhte das wohl auf Gegenseitigkeit.

Immerhin schafften Fijd es dann, diesen Tiefpunkt vergessen zu machen. Denn die Folk-Metaller schafften es direkt, das Publikum zu begeistern, denn dieses klatschte bei so gut wie jedem Lied mit, egal ob mit oder ohne Aufforderung mit und man merkte, dass es sowohl den Leute vor als auch auf Bühne Spaß machte und nachdem mit Offerök schon das letzte Lied angekündigt war, gab man dann doch noch mit Yggdrasil eine Zugabe, nach der die Band euphorisch entlassen wurde.

Dann folgten Tanzwut mit ihrem Mittelalter-Auftritt, der schließlich genial und grausam zugleich sein sollte. Zunächst mal mögen die Livequalitäten von Tanzwut über jeden Zweifel erhaben sein, auch bei einer reinen Mittelalter-Show, die nur auf Schlagwerk und Dudelsäcken sowie gelegentlichen Flöten besteht. Denn so eine sollte auf den Zuschauer warten und dieses Konzept mag für eine dreiviertel Stunde begeistern, mit viel Kraft auch für eine Stunde, denn die bombastischen Trommeln fügten sich zu den Dudelsäcken sehr gut. Da sich nur leider die Lieder wenig voneinander unterschieden, war man irgendwann mehr als nur übersättigt und die sich penetrant in die Hörgänge bohrenden Dudelsäcke strengten nur noch an und nur noch hartgesottene hielten die ganzen ein anderthalb Stunden durch. Da konnten die sympathischen Ansagen der Band auch nicht viel ändern. Zu viel des Guten – ja, so könnte man den Auftritt zusammenfassen.

Immerhin reichte die Kraft dann doch noch, um Alestorm zu schauen. Im Gegensatz zu früheren Auftritten sah man sogar einigermaßen Ernsthaft aus, wenn man von der schwarzen Schminke im Gesicht absieht. Ansonsten bewiesen die Schotten aber, dass sie wunderbar unterhalten können. Egal ob bei alten Liedern wie Captain Morgan’s Revenge oder Nancy the Tavern Wench oder neuem Material – es machte einfach großen Spaß. Zwischen den Liedern wurde auch immer wieder ausführlich mit dem Publikum gesprochen und vom Keyboard erklangen in der Zeit mal sphärische Klänge, mal Klavieruntermalung, mal gab es Hundegebell vom Keyboard und als der Gitarrist auf Klo verschwinden musste, überspielte man mit schmerzfreier Bravour und es wurde ein Chanson angespielt, zu dem der Sänger Christopher diesen mitquietschte, was ebenfalls amüsierte. Zum Schluss spielte man noch drei Zugaben und beim letzten Lied Rum ging der Sänger noch Crowdsurfen und danach bewies man dann, dass man sich selber absolut nicht ernst nimmt dadurch, dass der Burghof mit einem Technoremix von Over the Seas beschallt wurde.

Auch 2013 war das Burgfolk so, wie es sein sollte: Sowohl zum Entdecken neuer Künstler als auch zum Bands abfeiern, die man schätzt. Ein wunderbares Festival. Zwar war es in diesem Jahr meistens bewölkt aber bei Temperaturen von 25 Grad gut auszuhalten. Fazit: Viele gute Bands waren zu sehen, davon einige, die man nicht kannte und die es zu kennen lohnt, gutes Wetter und ein angenehmes Publikum sorgten dafür, dass das Burgfolk eines der schönsten Festivals ist, die man besuchen kann.

Text und Bilder: Tristan Osterfeld