Seit elf Jahren findet das Burgfolk Festival nun schon im August auf Schloss Broich in Mülheim an der Ruhr statt. An zwei Tagen finden sich dazu Bands zusammen, deren Musik auf irgendeine Weise mit Folk zu tun hat, wobei dies schon andeutet, dass das Programm stets sehr vielseitig ist: Egal ob nun Pagan Metal, Folkpunk, mittelalterliche Musik – das Programm gestaltete sich schon die letzten Jahre sehr abwechslungsreich, weswegen es nicht verwundert, dass auch 2012 eine zwar mitunter eigenwillige, aber dennoch in sich schlüssige Bandzusammenstellung auf die Besucher wartete. Und das am (bislang) heißesten Wochenende des Jahres, was aber offensichtlich keinen davon abschreckte, sich zwei Tage in den Innenhof des Schlosses zu begeben.

Freitag

Hätte man sich abschrecken lassen, wäre es auch schade drum gewesen, was schon kurz nach Einlass deutlich wurde, als Punch’n’Judy um halb sechs die Bühne betraten und mit einer Mischung aus Hard Rock, Metal und Folk überzeugten. Mit wuchtigen Gitarren und Akkordeon konnten sie schon als erste Band einige Fans vor die Bühne locken.

Dasselbe galt auch für The Shanes, eine Band, die vom Veranstalter sogar persönlich angekündigt wurde. Man fand sich musikalisch zwischen Polka, Folk, Rock und Country ein, was sich nicht so richtig zuordnen ließ, aber verdammt viel Spaß machte. Live kam die Band äußerst gut rüber. Gerade die Zugabe machte richtig Spaß: Sie spielten Love Will Tear Us Apart in einer Coverversion, die ebenfalls ungewöhnlich aber originell war.

Wenn man das mit dem Klamauk auch über die nächste Band sagen könnte: Feuerschwanz betraten um halb acht die Bühne und man kann ihre Mittelalter-Comedy entweder lieben oder hassen. Man kann der Meinung sein, dass sie der Herrenwitz des Rollenspiel-/Metal-/Mittelalter-Bereichs sind und die Struktur ihrer Lieder mit Schlager vergleichen oder sich wie das Publikum amüsieren. Tatsächlich schafft es die Band auch irgendwie mitzureißen und die Metmaschine „Big Mama“, die dann Met ans Publikum verteilt, war lustig. Geschmackssache war es eher dann, als bei Bück dich Fee jemand männliches aus dem Publikum auf die Bühne gebeten wurde und die Fee spielen sollte. Die zwei „Miezen“ tanzten wie üblich zu den Liedern und zum Schluss gab es noch zwei Zugaben. Fazit: Stimmung hat die Band gemacht, ob man den Humor teilt, ist was anderes.

Als letzte betraten dann Subway To Sally um viertel vor neun die Bühne und sollten den ersten Tag auch gelungen abschließen. Gespielt wurde eine gute Mischung aus neuen und alten Liedern. So gab es Die Trommel, Wenn Engel hassen, Mephisto und vieles andere neben neueren Liedern wie Kämpfen wir und Das Schwarze Meer zu hören. Bei Besser du rennst gab es einen Moshpit und sehr positiv fiel die Lichtshow auf, die mit vielen Kalt/Warm-Kontrasten arbeitete und die Lieder immer atmosphärisch unterstützte. Sehr häufig wurde auch der „Schrei“ gefordert. Gegen Ende gab es noch ein Medley aus Sieben und dem Veitstanz und nachdem das Publikum eine Zugabe forderte noch Julia und die Räuber, welches schon öfter während des Konzertes gefordert wurde. Somit ging ein gelungener erster Abend zu Ende.

Samstag

Der zweite Tag sollte aber nicht weniger gelungen ausfallen. Pünktlich um ein Uhr betraten Vogelfrey die Bühne, die auch direkt zu Beginn für eine gute Stimmung sorgten. Die Mischung aus Mittelalter und Rockmusik war zwar nicht unbedingt innovativ, aber sehr gut gemacht und man präsentierte sich humorvoll, ohne aber jemals in den Klamauk überzugehen und hatte auch Überraschungen parat, wie beispielsweise bei Galgenvogel, bei dem man richtig brachiale Riffs präsentierte.

Es war verdammt heiß an dem Tag, aber immerhin wurde oft genug mit dem Wasserschlauch für Abkühlung gesorgt. Das war bei Cromdale auch notwendig, die Celtic Rock spielten und die die Gemüter noch mehr anheizten. Während des Auftritts mischte man irische, schottische und skandinavische Folklore, mit Teacher’s Grave wurde ein neues Lied gespielt und bei I know I have to die (but not for you) forderte die Band vom Publikum eine Choreographie, die zwar einfach war, aber wohl nicht jedem gelingen wollte. Abgeschlossen wurde das Konzert mit To my horizon.

Bei Ingrimm machte sich schon vor dem Auftritt gute Stimmung breit, als beim Soundcheck die Pipi Langstrumpf-Melodie gespielt wurde. Das war dann auch beim Auftritt nicht anders, auch wenn es zu Beginn ein paar Probleme mit dem Sound gab, die aber behoben werden konnten. Ansonsten spielten die Bayern ihre dreckige Art von Mittelalter Metal und äußerten sich dazu, dass manche meinten, wenn sie ruhiger oder melodischer würden, erfolgreicher wären. Für Leute, die das meinten, wurde dann auch vom neuen Album Die Pest, die man jenen an den Hals wünscht, gespielt. Ja, Ingrimm gehören zu den wenigen Bands, die tatsächlich in ihren fünf Jahren nicht seichter geworden sind und immer noch schön roh klingen. Eines der besten Konzerte des an sich guten Festivals.

Danach folgten Mr. Irish Bastard, die mit „ausziehen“ Rufen begrüßt wurden und für einen Kontrast sorgten: Denn gespielt wurde Speedfolk im Stile von Dropkick Murphis oder Fiddler’s Green. Interessant war das You Spin me right round Cover von Dead or Alive, in dem auf einmal die Melodie von I was made for loving you Baby von Kiss auftauchte. Zum Schluss wurde noch gesagt „wenn ihr unser Konzert Scheisse fandet, wart ihr nicht besoffen genug“ und man sagte, man habe genug Hasser im Publikum. Ob es wirklich so war, lässt sich nicht sagen, man konnte die Band auch gut finden, wenn man nicht besoffen war. Jedoch unterschied man sich nicht von diversen Speedfolk-Bands und wirklich viel hängen geblieben ist nicht. Man hat sich amüsiert, das war‘s aber auch.

Langsam wurde Abend und um halb sechs betraten Versengold die Bühne, die das machten, was im Mittelalter-Bereich gern gesehen wird: Lieder über Alkohol in allen erdenklichen Varianten und denen, die man nicht mal erahnt hätte. Man musste ihnen lassen, dass sie Stimmung machen konnten: Der Sänger sprang wie Rumpelstilzchen über die Bühne und allgemein schien die Band ständig nur in Bewegung zu sein. Ein Besucher bezeichnete sie als „Discountervariante von Rapalje“, die letztes Jahr da waren. Das ist zwar gemein, der Gedanke war aber nachvollziehbar. Mit etwas weniger Rumgealber hätte der Auftritt besser sein können, allerdings schienen das die Fans anders gesehen zu haben. Mit Im Namen des Folkes gab es noch ein neues Lied und zum Abschluss gab man Ich will ein Fass voller Wein zum Besten. Außerdem solidarisierte man sich mit Pussy Riot, die an jenem Wochenende zu Haftstrafen verurteilt wurden. Wer danach nicht genug hatte, konnte am Merch-Stand noch ein akustisch vorgebrachtes Lied miterleben.

Als vorletzte Band betraten Celtica die Bühne und schafften es, den Innenhof auf gefühlte Siedetemperatur zu bringen. Die Band aus Arizona spielte ebenfalls Celtic Rock mit starkem Metal-Einschlag. So gab es viele brachiale Riffs und dazu noch wuchtige Trommeln, die Gänsehaut erzeugten. Die meisten Lieder waren akustisch, außer Have some Whisky. Zwischendurch gab es Feuershows, einmal mit brennenden Pois und auch mit den Gitarren, aus denen die Band Feuer schießen ließ. Zum Schluss gab es noch Highway to Hell mit Dudelsäcken und Smoke on the Water zu hören, in dem noch Scotland the Brave auftauchte. Als Zugabe spielte man dann noch We will rock you und I love Rock’n‘ Roll, wobei der Refrain lediglich vom Publikum gesungen wurde. Zwar gab es viele Coverversionen zu hören, aber derartig energisch hat man diese selten erlebt. Nicht nur eine lohnende Entdeckung, sondern eine der besten Bands des gesamten Festivals.

Als letztes kamen dann Saltatio Mortis auf die Bühne und schon zu Beginn wurde deutlich, was sich nun eineinhalb Stunden abspielen würde: Sänger Alea zeigte, wie beweglich er ist und sprang uns kletterte zu den Liedern. Auch Saltatio Mortis solidarisierten sich während des Auftritts mit Pussy Riot. Positiv fiel auch die Interaktion mit dem Publikum auf: So sollte es eine Gasse bilden, durch die Alea mit einer Flagge durchlief, hinter ihm gab es dann eine Wall of Death und bei Halt mich fest sollte man sich an den Händen halten. Ohnehin wurde fast durchgehend mitgesungen und Fehler im Sound wurden ebenfalls humorvoll damit kommentiert, dass man schon immer mal „Industrial-Varianten“ der eigenen Musik machen wollte. Man gab sich charismatisch und riss das Publikum mit. Auch wurde der Veranstalter auf die Bühne geholt, der mit der Band tanzen sollte. Lediglich schade war, dass man zum Schluss kaum noch Energie hatte, sodass die Zugaben nur noch an einem vorbeirauschten und man sich nicht mehr richtig konzentrieren konnte. Aber das spricht ja eigentlich auch nur für den Auftritt.

Keine Frage, auch 2012 gehört das Burgfolk zu den angenehmsten Festivals in Deutschland: Die Atmosphäre war familiär, die Bands waren gut ausgesucht und man kann sagen, es war für fast jeden Geschmack etwas dabei. Und wer offen für neues ist, konnte auch einiges neues hörenswertes entdecken. Einziger Kritikpunkt: Es sollte nächstes Jahr nicht ganz so heiß werden, dann wäre es perfekt. da das aber außerhalb der menschlichen Macht steht, kann man nur sagen, dass man ein tolles Wochenende hatte und sich schon jetzt auf 2013 freut…

Text und Bilder: Tristan Osterfeld