„Was uns alle eint, ist das Boom Boom Boom“, sagte Thomas Rainer beim Set mit seinem Projekt Nachtmahr und beschrieb damit sehr treffend, was es kurz nach dem – wenig spürbaren – Frühlingsanfang 2013 in C-Halle und C-Club auf dem Columbiagelände in Berlin zu hören und sehen gab. Nach der Verschiebung aus dem September 2012 hieß es nun im März 2013: Ring frei für Runde 3 des E-tropolis Festivals! Ab dem frühen Nachmittag wurde hier bis tief in die Nacht dunkler Elektro der verschiedensten Spielarten geboten, der abwechslungsreich und zu keiner Zeit langweilig begegnete.

Früh ging es los. Noch bevor in der großen Halle das Programm eröffnet wurde, ging es im kleinen C-Club bereits rund. Um 14:50 Uhr betraten Centhron die Bühne des Clubs und sorgten mit harschem Elektro für erste Begeisterung. Zwar waren im Publikum viele Freunde des Cyber-Elektro zu sehen, Centhron hier einzuordnen aber fällt schwer, denn die Band wurde bereits 2001 weit vor Cyber gegründet und auch die Einflüsse aus EBM waren nicht zu überhören. Stücke wie Fuck off and die begegneten tanzbar und machten Spaß. Zwar war nicht immer der tiefere Sinn zu erschließen, wenn beispielsweise mit einer Konstruktion aus Gasmaske mit integriertem Mikro über die Bühne gelaufen wird, aber in Sachen Bühnenshow kann man hier niemandem einen Vorwurf machen. Guter Auftakt!

Setlist: Einheit C, Gasman, Fuck off and die, Cyberlady, Bitch of dreams, Asgard, 666, Cunt, Eisenfresse

Punkt 15:00 Uhr ging es auch in der großen C-Hall los. Music For Your Body And Mind, so das Motto, unter dem Autodafeh hier antraten. Was sie damit meinten, wurde auch von den ersten Tönen des Openers Exercise Your Brain klar, denn das bereits zahlreich anwesende Publikum wurde sich schnell der Tanzbarkeit der Schweden bewusst und es wurde sich zahlreich bewegt. Eingängiger Elektro, der immer wieder die Grenze zum EBM streifte, wurde hier mit Druck und Charme dargeboten. Heaven Screams beispielsweise als gelungener Stampfer zeigte gut, worum es hier ging. Auch in der großen Halle wurde somit ein gelungener Opener geboten.

Setlist: Exercise Your Brain, Getaway, Emerging Sadness, Make Us Believe, Divided We Fall, Mother Green, Heaven Screams, Seven Sins, Stompers, Dark Sky, Fuel Of Fire

Derweil brachte sich im C-Club eine Formation in Position, die man gerne für die Minusgrade verantwortlich machen wollte – zumindest, wenn es nach dem Namen geht. Winterkälte traten an. Mit Videoprojektionen untermalt wurden munter Knöpfchen gedreht und die Drumpads bearbeitet. Gewohnt noisig, vertrackt und dezidiert disharmonisch ging das Duo zu Werke und bot vieles, aber keine leichte Kost. Keine Band für die große Bühne, aber eine, die hier im Club gut untergebracht ist. Ein ansprechendes Set, das hier 40 Minuten lang geboten wurde. Zwar fehlte so etwas wie „Show“, aber wie man die Menschen in seinen Bann zieht, das wissen Winterkälte sehr gut.

Setlist: Alpine Transit, Incinerator, Greenwar Theme Three, Band Depleted Uranium Weapons, Stop Exxon, Nuclear Free North America, DDT

Wieder in der großen Halle angelangt, folgte ein Heimspiel. Sven Friedrich ging mit seinem Elektro-Projekt Solar Fake an den Start und bot den bisher wohl harmonischsten Auftritt des Festivals. Tanzbarer Elektro, der dennoch nicht ohne Ecken und Kanten daherkam. Eine gelungene Mischung der bisherigen Alben wurde geboten, bei denen neuere Titel wie der Opener Under The Skies neben eingesessen Nummern wie dem kantigen You Think You’re Radical standen. Die Talk Talk-Coverversion Such a shame wurde auch in Berlin ein weiteres Mal gefeiert, die Stimmung war durchweg gut. Schade, dass Lies dann an elfter Stelle schon den Schlusspunkt markierte. Da hätte man gerne noch länger zugehört und zugesehen.

Setlist: Under the skies, No apologies, (You Think You’re) Radical, Here I stand, More than this, Parasites, Reset to default, Where are you, Such a shame, The Rising doubt, Lies

Weitaus krachiger war es in der Folge nebenan im C-Club. [X]-RX machten ihrem Motto We Want Blood On The Dancefloor alle Ehre und konnten auch neben ihrem Hit Sexualkiste aus der Hölle auf ganzer Linie punkten. Während dies eher die jüngere Generation ansprach, freute man sich in der Halle auf eine Legende: Leæther Strip standen um 17:10 Uhr auf der Tagesordnung. Claus Larsen plus Unterstützung an den Geräten brauchten dabei keine großen Bühnenaufbauten, um zu glänzen. Eröffnet mit Kiss my Deutschland war die EBM-Gemeinde bereits voll in ihrem Element. Eine gute Stunde lang unterhielt das Urgestein die inzwischen große Menge, spielte Hits wie Japanese bodies und toste dabei munter über die Bühne. Der Däne hatte sichtlich Spaß an seiner Sache und spielte sich durch seine große Diskografie, bis er mit Desert storm den Schlusspunkt setzte. Mit minimalistischen Mitteln wurde eine große Show geboten.

Setlist: Kiss my Deutschland, I am your conscience, Power trip, Antius, Torment me, Japanese bodies, Strap me down, Evil speaks, Adrenalin rush, Crash flight 232, Desert storm

Im Club indes: Einlass-Stopp! Tatsächlich haben Noisuf-X inzwischen eine große Hörerschaft, wie das E-tropolis in diesem Jahr eindrucksvoll beweist. 50 Minuten lang bieten sie ab 18:00 Uhr apokalyptischen Elektro mit krachigen Beats, hohem Tempo, Loops und Samples. Frei nach dem Motto Deutschland Braucht Bewegung, das sie im Mittelteil ihres Sets spielten, ging es hier brachial zur Sache und ließ kaum jemanden im C-Club stillstehen. Munter wurden die Knöpfe gedreht, Videoprojektionen untermalten das Ganze und die Bitte ans Publikum, mitzugehen, wurde über die Maßen erfüllt.

Setlist: Scary Looking Thing, Hit Me Hard, Wir Fühlen Den Krach, Warning, Shout Loud, Deutschland Braucht Bewegung, Du Musst Tanzen, I Am Watching You, Shut Up, Jezebel, Klick Klick

Halb sieben dann die eingangs bereits zitierten Nachtmahr, die vor einem vollen Haus die C-Halle bespielen durften und dabei alle Register zogen. Nach dem Opener Tradition folgte gleich der Tanzdiktator, allerdings brauchte es hier niemandem, der dies diktierte, denn getanzt wurde von den ersten Klängen an auch ohne die Aufforderung dazu. Treibend-tanzbarer Elektro der harscheren Sorte, dargeboten im typischen Nachtmahr-Stil, gespickt mit Hits wie Feuer frei!, Mädchen in Uniform und wie sie alle heißen. Dazu ein Thomas Rainer in Bestform, der voll in seinem Element war und sein Programm eiskalt durchzog. Das Publikum war zurecht entzückt und man bemerkte schnell, warum Nachtmahr inzwischen zu den etabliertesten Acts der gegenwärtigen dunklen Elektro-Landschaft zählen.

Setlist: Tradition, Tanzdiktator, Weil ich’s kann, Kriegserklärung, Feuer frei!, Mädchen in Uniform, Mütterchen Russland, Rise and Fall, Ich bin, Boom Boom Boom, Can you feel the beat?, Deus Ex Machina, I believe in Blood, Katharsis

Wie auch schon zuvor, gab es auch jetzt ein ähnliches Bild im Club: Der Einlass war zwischenzeitlich gestoppt und man durfte nur rein, wenn ein anderer rausging. Kein Wunder, sind Melotron doch auch keine Unbekannten, sondern haben eine treue Fanbase vorzuweisen, die auch den Weg zum E-tropolis antrat. Eröffnet mit – nomen est omen – Der Anfang sorgten sie durchweg für gute Laune und spielten ihren treibenden und melodiösen Synthiepop mit Titeln wie Menschenfresser, Tanz mit dem Teufel und weiteren heißerwarteten Titeln. Zum Ende steigerten sie sich immer mehr zu einem furiosen Finale. Der Club-Hit Stuck in the Mirror wurde gefolgt vom frenetisch gefeierten Brüder, dem Evergreen der Band, der nichts von seiner Wirkung verloren hat. Für manche wohl so etwas wie der heimliche Headliner des Festivals.

Setlist: Der Anfang, Gib mir alles, Menschenfresser, Gib mir alles, Du bist es nicht wert, Halt mich fest, Tanz mit dem Teufel, Love is calling, Stuck in the mirror, Brüder

In der C-Hall war man inzwischen auch bei einer Aneinanderreihung von Headlinern angelangt. Welle: Erdball betraten um 20:00 Uhr die Bühne. A.L.F. erholte sich noch von einer Erkrankung, aber auch mit seinem Ersatz konnten die Band hier voll und ganz überzeugen. Honey führte wie gewohnt durch die Sendung, auch Plastique und Frl. Venus hatten maßgeblichen Anteil an der Show und der C-64 wurde ein weiteres Mal gebührend gefeiert. Ich bin nicht von dieser Welt, Ich bin aus Plastik, Der Telegraph: Der Klangkosmos des Funkhauses Welle: Erdball muss wohl niemandem mehr großartig vorgestellt werden. Die 70 Minuten ihres Sets vergingen dementsprechend schnell und ließen kaum Wünsche offen.

Im Club indes eine Band, bei der man sich doch ein wenig über ihre Spielzeit wunderte. Das niederländische Quartett Grendel gab dort den Co-Headliner und sorgte für ein volles Haus. Was auf dem Papier noch wundern mag, wird hier durch Taten belegt: Tatsächlich schaffen es Grendel mit ihrem harschen Elektro, der Titel Harsch Generation als Opener kann hier Pate stehen, die Massen zu begeistern. Mit ihrer Bandbesetzung erzeugen sie nicht nur tanzbare Klänge, sondern offenbaren auch echte Live-Qualitäten, animieren das Publikum, binden auch einmal eine echte Gitarre ein und feiern eine Stunde lang eine Party, beendet mit ihrem Hit Zombienation.

Setlist: Intro, Harsh Generation, Conflict Instigation, Chemicals + Circuitry (V.2012), Soilbleed, One Eight Zero, Timewave Zero, Void Malign, Hate This, Dirty, Shortwired, Zombienation

Mit Leæther Strip und Welle: Erdball gab es ja bereits Urgesteine in der C-Halle zu sehen, mit DAF folgte um 21:40 Uhr das nächste. Robert Görl und Gabi Delgado brachten die versammelte Elektro-Gemeinde ins Schwitzen und boten ein energiegeladenes Set der Extraklasse. Delgado stand auf der Bühne nie still und schon mit dem an zweiter Stelle gespielten Verschwende deine Jugend waren alle Dämme gebrochen. Treibender Elektro, der damals wie heute hervorragend funktioniert mit einer Setlist, die keine Wünsche offen ließ. Der Mussolinie, Mein Herz macht Bum, Sato Sato, das gefeierte Alle gegen Alle, aber auch der Klassiker des letzten Jahrzehnts, Der Sheriff: Es funktionierte hervorragend und benötigte manch Flasche Wasser, um wieder auf Betriebstemperatur runterzukühlen. Als wärs das letzte Mal war dann folglich auch nicht das letzte Mal: Mit Der Räüber und der Prinz und Kebabträume wurden noch zwei Zugaben gespielt, die einen Auftritt beendeten, der vielen noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Setlist: Gewalt, Verschwende deine Jugend, Ich und die Wirklichkeit, Der Mussolini, Ich Will, Muskel, Die Lippe aufgeschnitten, Mein Herz macht Bum, Algorithmus, Rote Lippen, Opium, Du bist DAF, Sato Sato, Alle gegen Alle, Nachtarbeit, Der Sheriff, Die Lüge, Als wärs das letzte Mal
Zugaben: Der Räuber und der Prinz, Kebabträume

Wer im Club nun auf den dortigen Headliner Diorama wartete, musste sich noch ein wenig gedulden, denn der Umbau zog sich etwas hin, sodass man etwa 20 Minuten später begann. Lohnen aber sollte es sich, denn es gab einen charismatischen Auftritt der Band um Torben Wendt zu sehen. Mit Titeln des aktuellen Albums Even the devil doesn’t care und einer Reise durch die Bandgeschichte konnten sie überzeugen, die Videoprojektionen rundeten das Bühnenbild ab. Torben Wendt, mal am Mikro, mal am Piano, gab mit seiner Band hier einen würdigen letzten Auftritt des Festivals im C-Club, der vielleicht für die Zuschauer manchmal etwas klein war, für die Bands aber eine Freude gewesen sein durfte, die hier alle vor vollem Haus spielen konnten.

Setlist: Maison du tigre, When we meet again in hell, Ignite, The scale, Summit, Weiß und anthrazit (alt. the long way home), Child of entertainment, Hope, Synthesize me, Why

Um 23:20 Uhr war es dann soweit: Die letzte Band des Festivals sollte die Bühne betraten. Nachdem Covenant beim ersten E-tropolis Festival anno 2010 an einem Tiefpunkt ihrer Karriere waren, man erinnere sich an Joakim Montelius, der sich kaum am Instrument halten konnte, erschienen sie nun beim dritten Festival-Durchgang in neuer Formation und boten einen herausragenden Auftritt, der die Headliner-Position würdig ausfüllte. Eskil wie gewohnt im Anzug, eröffnete mit Shelter und mit Bullet wurde bereits früh einer der großen Hits zum Besten gegeben. Es folgten viele Stücke, die Covenant berühmt und beliebt gemacht haben, beispielsweise Der Leiermann und Ritual Noise, aber auch Ausflüge in die ersten Tage waren dabei. Edge of dawn beispielsweise ging zurück zum Debüt Dreams of a cryotank. Kurz vor Schluss hingegen mit Last dance eine Nummer, die aktueller kaum sein könnte. Die neue Single sorgte für gute Stimmung, bevor Call the ships to port den regulären Teil beendete. Natürlich mussten die Schweden noch einmal wiederkommen und boten mit Happy man und We stand alone Nachschub. Ein hervorragender Auftritt!

Setlist: Intro/Shelter, Monochrome (ext), Bullet, Judge of my domain, 20 hz, Voices, Edge of dawn, Kairos, Beauty and the grace, Der Leiermann (Like tears in rain), Ritual noise, Pain amplifier, Improvisation, Last dance, Call the ships to port
Zugabe: Happy man, We stand alone

Der dritte Durchgang des E-tropolis Festivals konnte auf ganzer Linie überzeugen. Dass einzig und allein das Wetter nicht zu überzeugen wusste, kann man der Veranstaltung nicht anlasten, auch wenn es natürlich schöner wäre, wenn man zwischen den Hallen auch ohne Frösteln und Bibbern für das leibliche Wohl sorgen könnte. So oder so: Einer vierten Auflage des Festivals steht nichts im Wege und auch das Veranstaltungsgelände erwies sich ein weiteres Mal als glückliche Wahl.

Text und Bilder: Marius Meyer