Club-Festivals sind ja immer eine schöne Angelegenheit. Völlig unabhängig von Wind und Wetter kann man sich zwischen den Lokalitäten treiben lassen, hier mal reinschauen, da mal reinschauen und dabei Neues entdecken sowie Altbekanntes feiern. Neben Platzhirschen wie dem Reeperbahn Festival gibt es auch kleinere Festivals an vielleicht unerwarteten Orten. Eines davon ist das Hanse Song Festival in Stade, das dieses Jahr seinen vierten Durchgang feierte und dabei 700 Besucher in die sechs verschiedenen Lokalitäten zog. Nach einer Auftaktveranstaltung mit Rocko Schamoni am Freitagabend öffneten am Samstag die Bühnen und ab 17:30 Uhr war für beste Unterhaltung gesorgt.

Der erste bespielte Veranstaltungsort des Abends war der Schwedenspeicher, wo Marcel Gein das Festival eröffnete. Nach und nach füllte sich der Veranstaltungsort und zusätzlich zu den besetzten Stuhlreihen standen mindestens noch einmal genauso viele Zuschauer da, um dem Singer-Songwriter zu lauschen, der es schaffte, alleine mit seiner Gitarre mehr Emotion zu vermitteln als manch einer in Bandbesetzung dazu in der Lage ist. Stücke wie Marathon oder auch Fassade berührten mit ihrem klaren Gitarrenspiel und schafften es, sich in das hineinzuversetzen, was Gein dort auf der Bühne zum Besten gab. Mit Licht an / Licht aus endete dann eine kurzweilige und gelungene halbe Stunde Show.

Ein paar Minuten Spaziergang und schon war man beim gut gefüllten Königmarcksaal, wo Karl Larsson auf der Bühne stand und einen seltenen Auftritt spielte: Spielen Last Days Of April sonst zumeist als Band, so war er diesmal allein mit seiner Gitarre vor Ort und bot die Stücke seiner Band, die es bereits seit 1996 gibt, im intimen Rahmen, bewaffnet mit seiner Gitarre, dar. Ist es sonst eher Indie-Rock, was es von der Band zu hören gibt, so hatte es an diesem Abend alles eher einen Singer-Songwriter-Charakter. Aber man merkte schnell, dass die Stücke auch in dieser Version gut funktionieren. Die ruhige Facette steht den Nummern der Band sehr gut, Titel wie America konnten berühren, zudem punktete Karl Larsson mit seiner natürlichen, nie aufgesetzt wirkenden, Sympathie. Der Applaus nach dem letzten Stück Where We Belong, sehr einfühlsam dargeboten, war mehr als verdient.

Kaum war das Last Days Of April-Set vorbei, folgte der nächste kurze Fußweg – er führte in die Seminar-Turnhalle. Zu einer Band, die sich nach einem Wetterphänomen benennt und aus einer Band entstand, die ebenfalls nach einem solchen klingt. Die Sonne war an der Reihe und hierbei handelt es sich um eine erweiterte Form von Wolke. Eigentlich wollten Wolke nur ihren Klang um ein paar Farben erweitern, beim Ausprobieren der Bandbesetzung als Fünfer wurde schnell klar: Das ist mehr als nur „Wolke extended“ – hier kommt Die Sonne! Mir Wir sind wir eröffneten sie ein Set, das durch und durch gelungenen deutschsprachigen Indie-Rock mit Pop-Anleihen bot und die Stimmung vor Ort immer weiter steigerte.

Die Sonne ist eine der Bands, die zeigen, wie gut man die deutsche Sprache in der Musik mit Gefühl verwenden kann, ohne in irgendeine Kitsch-Falle dabei zu tappen. Stücke wie Als ich eine Taube war zeigen gelungene Musik, hochwertige Texte (wie von den Musikern auch bei Wolke gewohnt) und wissen, wie man ein Publikum mitnimmt. Das ruhige Ahnung von dir setzte dann nach 45 Minuten einen gelungenen Schlusspunkt und hinterließ ein Publikum, in dem sicher viele waren, die sich nicht zum letzten Mal mit Die Sonne beschäftigt haben dürften.

Einmal aus der Seminar-Turnhalle raus, ein paar Schritte gegangen und schon stand man inmitten der St. Wilhadi-Kirche. Im sakralen Ambiente dieses Veranstaltungsortes begann um 20:15 Uhr Miss Kenichi ihr Set, das sie in Viererbesetzung bestritt (Katrin Hahner: Gitarre/Gesang/Harmonium, Earl Harvin: Schlagzeug, Stella Veloce: E-Cello, Shaun Mulrooney: Gitarre/Bass). Wenn man Stücke wie Bobby Bacala hörte, merkte man dann auch direkt, warum für Miss Kenichi ausgerechnet dieser Veranstaltungsort ausgewählt wurde, denn die ruhigen, folkigen Klänge der jungen Dame und ihrer Band konnten den Raum gut ausfüllen, berührten und funktionierten eben gerade hier so wunderbar. Das galt sowohl für die älteren Stücke als auch für die Nummern des aktuellen Werks The Trail. Dessen Titelstück war es auch, das den Auftritt würdig beendete mit seinen geschlagenen Akustikgitarren-Klängen, teils sphärischem Gesang und viel Atmosphäre.

In der St. Wilhadi-Kirche folgte eine 75-minütige Umbaupause, bevor dort Niels Frevert auftreten sollte, aber auch auf den anderen Bühnen hatte man inzwischen die Qual der Wahl. In der Seminar-Turnhalle konnte man den Songwriter-Klängen des Audiolith-Künstlers Clickclickdecker lauschen, Locas in Love beehrten den Alten Schlachthof mit ihrem Indie-Rock, The Late Call boten ihre folkigen Klänge im gediegenen Ambiente des Königsmarksaals… Kurzum: Es war eine gute Zeit, sich einfach mal zwischen den Bühnen treiben zu lassen, gab es doch überall Spannendes zu entdecken. Dadurch, dass die Veranstaltungsorte allesamt nur wenige hundert Meter auseinanderlagen, war dies auch sehr gut möglich.

Zudem hatte man auch am späten Abend noch große Auswahl, wenn es um die Headliner ging. Niels Frevert in der St. Wilhadi-Kirche wurde bereits erwähnt, um 22:45 Uhr ging in der Seminar-Turnhalle Felix Meyer auf die Bühne, der Schreiber dieser Zeilen entschied sich indes für die Fehlfarben im Alten Schlachthof. Eine gute Wahl, wie sich schnell zeigte. Die Band um Sänger Peter Hein, der ja mitunter gerne mal etwas knurrig unterwegs ist, zeigte sich an diesem Abend in Stade in Höchstform und füllte ihre 45 Minuten Spielzeit mit einer Menge Hits des inzwischen 35-jährigen Fehlfarben-Kosmos‘ (wenngleich mal fünf Jahre Pause dazwischen waren). Ihre Klänge im Spannungsfeld von Post-Punk, New Wave und NDW funktionieren auch anno 2015 noch hervorragend, Titel wie Gottseidank nicht in England haben einen zeitlosen Charakter, was man auch daran sah, wie gut das Publikum hier gemischt war. Dass die Fehlfarben schon aufgrund ihres Renommees den Headliner-Slot verdient hatten, war im Vorfeld bereits klar. Umso schöner, dass sie auf der Bühne noch einmal eindrucksvoll bewiesen, wie verdient diese Platzierung war!

Damit war es auch schon vorbei, das diesjährige Hanse Song Festival. Zumindest, was den musikalischen Teil betraf, denn im Alten Schlachthof folgte nun die After Show Party mit DJ Schmied, der 80/90er, Pop, Rock, Indie, Soul und Disco auflegte. Wer nicht gerade die letzte S-Bahn nach Hamburg um 00:35 Uhr kriegen musste, konnte also noch munter weiterfeiern.

Es war ein Festival, das in jeder Belange überzeugen konnte. Bands, Veranstaltungsorte, Durchführung… Hier hat alles gepasst. Da wusste man hinterher direkt, welcher Termin auch im nächsten Jahr wieder im Kalender stehen wird!

Homepage: www.hansesongfestival.de
Facebook: www.twitter.com/hansesongfestival

Text und Bilder: Marius Meyer