Der erste Gang entlang des Gremminger Sees in Richtung Festivalgelände gleicht Jahr für Jahr den letzten Minuten vor der Bescherung am Heiligabend. Vorbei am großen Schriftzug „Ferropolis“, der über der Straße ragt, sind schon bald die riesigen Tagebaubagger mitsamt Diskokugeln zu erkennen. Es gibt wohl kein anderes Festivalgelände, das es ähnlich wie die Halbinsel Ferropolis schafft, schon beim bloßen Anblick Euphoriestürme auszulösen. Das Melt! ist anders als andere Festivals. Es liegt wohl so etwas wie ein Zauber über Ferropolis. „You Melt My Heart.“ – „Du bringst mein Herz zum Schmelzen.“ Das Melt!-Motto ist nicht aus der Luft gegriffen.

Das Einzige, was die Vorfreude in der Festivalwoche trübt, ist der Blick auf die Wetter-App. Jegliches Aktualisieren nützt rein gar nichts. Freitag: Regen, Samstag: Regen, Sonntag: Regen. Umso schöner ist die Ankunft in Gräfenhainichen. Auch die Sonne ließ sich nämlich am Freitag – zumindest gelegentlich – blicken. Zum Beispiel bei The Rapture. Die New Yorker Band bespielt am frühen Abend die Mainstage. How Deep Is Your Love, der Hit vom aktuellen Album In The Grace Of Your Love, funktioniert immer noch bestens!

Weiter geht es auf der Gemini Stage, die einem riesigen Gewächshaus gleicht. M83 bitten zum Tanz. Die Elektro-Popper aus Frankreich sind live unfassbar wuchtig. Die Show beginnt mit dem Auftritt eines seltsamen aussehenden Wesens, das Laserstrahlen aus den Händen sendet und erreicht ihren Höhepunkt mit Midnight City. Kollektives Hüpfen, Schreien und Ekstase! Im Anschluss geht die Party wenige Meter weiter rechts weiter – mit Caribou.

Nach Mitternacht wird es vor der Hauptbühne richtig voll. Mit Bloc Party kommt nun die Band, auf die viele lange gewartet haben. Nach ihrer Pause spielt das Quartett einige neue Songs des im August erscheinenden Albums Four. Los geht es mit der vielversprechenden Single Octopus. Banquet. Es folgen zum Beispiel: So Here We Are, Helicopter – hach! Je länger der Auftritt der Briten dauert, desto deutlicher wird, dass Bloc Party in den vergangenen Jahren gefehlt haben. Die Vorfreude auf Four könnte größer nicht sein. Frittenbude und I Heart Sharks machen den Freitag komplett.

Chartstürmer Casper bespielt am Samstag die Mainstage. Highlight: der Besuch von Thees Uhlmann, der zusammen mit dem Rapper den gemeinsamen Song XOXO performt. Später am Abend folgt der Gegenbesuch. Bei Thees Uhlmanns Auftritt im Intro-Zelt rennt Casper pünktlich zu seinem Einsatz in & Jay-Z singt uns ein Lied auf die Bühne. Zur Überraschung und Freude aller folgt im Anschluss noch einmal XOXO. Beim zweiten Hören an diesem Tag klingt der Song noch eine Stufe besser.

Auch zwischen Casper und Uhlmann passiert einiges: Zu den Höhepunkten des fünfzehnten Melt!s gehört auf jeden Fall der Auftritt von Two Door Cinema Club. Die Iren sorgen mit alten und neuen Songs für ein äußerst wüstes Rumgespringe vor der Bühne. Die Lieder vom bald erscheinenden Album Beacon reihen sich nahtlos ins Programm ein und werden vom Publikum euphorisch aufgenommen. Ähnlich ergeht es Beth Ditto und Gossip. Einen „richtigen“ Headliner gibt es beim Melt! wie gewohnt nicht. Wenn doch, wären es am zweiten Festivaltag wohl Gossip.

Am Sonntag kündigt sich einer der Shootingstars des letzten Jahres an: Lana Del Rey lässt die vielen Menschen vor der Gemini Stage allerdings ein paar Minuten warten, beginnt mit Verspätung und verzaubert dann schließlich alle. Viele mit ihrer Stimme, einige wohl auch mit ihrem Kleid, die meisten mit einer Kombination aus beiden. Im Vergleich zu den Studioversionen der Songs vom Debüt Born To Die rückt Lana Del Reys einzigartige Stimme noch mehr in den Vordergrund. Im Hintergrund sind Streicher und Klavier mit dabei.

Nach den Auftritten von The Jezabels und Destroyer kommt es zum letzten großen Tanz vor der Mainstage. The Whitest Boy Alive und Justice ziehen jeweils Massen vor die Bühne. Im Anschluss kann an vielen anderen Plätzen noch lange weitergefeiert werden – auf dem Sleeples Floor bis Montagmittag. Als auch hier die letzten Beats runtergefahren werden, ist ein wunderbares fünfzehntes Melt!-Festival vorbei. Leider, wie immer. Gut 130 Acts spielten an spielten an sieben verschiedenen Plätzen. Bis 2013!

Text und Bilder: Martin Zenge