Bei durchgängig heißen Temperaturen und praller Sonne wurde der Name zum Programm: Beim erneut ausverkauften Melt! konnten die 25.000 Besucher nur dahinschmelzen. Das Festival in der „Stadt aus Eisen“ Ferropolis bei Dessau bot den gewohnten Mix aus Indie-Rock und elektronischer Musik. Zwischen den stillgelegten, mächtigen Tagebaubaggern am Gremminger See warteten Tage mit schweren Entscheidungen: Oft hätte man sich am liebsten geteilt, um vor mehreren Bühnen gleichzeitig mit dabei sein zu können.

Am Donnerstagabend, bei der mittlerweile traditionellen Pre-Party im Intro-Zelt, war das noch einfach. Vor allem die Crystal Fighters sorgten für einen berauschenden Start, der einmal mehr nicht nur eine Einstimmung auf das Wochenende, sondern selbst ein Höhepunkt war. Auch Abby und PTTRNS überzeugten.

Am Freitag erlebte die Main Stage eine ruhige Eröffnung. Zum einen war das Publikum vor der Bühne noch eher überschaubar, zum anderen ist die Musik der Local Natives nun mal nicht die lauteste. Wer da war, erlebte einen wunderschönen Auftakt, an den Daughter am Anschluss anknüpfen konnten. Elena Tonras himmlische Stimme gesellte sich perfekt zur strahlenden Sonne. Nachdem James Blake Hits wie Limit To Your Love aus seinem viel gefeierten, selbstbetitelten Debüt und nicht weniger überzeugende Songs aus dem aktuellen Album Overgrown gespielt hatte, ging es los mit den schwierigen Entscheidungen. Mount Kimbie lockten mit ihrem vor kurzem erschienenen, grandiosen Cold Spring Fault Less Youth an den Strand, Alt-J spielten jedoch zeitgleich auf der Main Stage. Ganz zu schweigen von Purity Ring auf der Gemini. Man konnte sich weder falsch noch richtig entscheiden. Wer Alt-J wählte, erlebte eine etwas müde wirkende Band, deren Hymnen aber trotzdem wirkten. Der Abend endete – mehr oder weniger überraschend – mit dem geheimen Auftritt der Kosmonauten mit K alias Kraftklub und den Audiolith-Punkern von Feine Sahne Fischfilet im Intro-Zelt.

Samstag wurde frühes Erscheinen von Claire belohnt. Die junge deutsche Band, die es erst eineinhalb Jahre gibt, machte Spaß und erfüllte sich gleichzeitig selbst einen Traum: Sängerin Josie-Claire Bürkle verriet nämlich, dass sich das Quintett seit seiner Gründung sehnlichst wünschte, einmal auf dem Melt! zu spielen. Dieses Ziel konnte also schnell erreicht werden. Als nächstes steht wohl die Veröffentlichung des ersten Albums auf dem Plan. Die Single Games – ein unwiderstehlicher Sommerhit – und das restliche Set machten auf jeden Fall viel Lust auf das Debüt, das im August erscheinen soll.

Nicht weniger frisch ging es mit dem blutjungen Trio Sizarr weiter. Die Band aus Landau hat die Veröffentlichung ihres ersten Albums bereits hinter sich und wurde mit durchweg positiven Kritiken bedacht. Wenn man Sänger Fabian Altstötter, der im luftigen Basketball-Trikot erschien, so vor sich sieht, ist es beinahe unglaublich, dass diese gewaltige Stimme, die auf Psycho Boy Happy sofort auffällt, zu diesem zierlichen jungen Mann gehört. Sizarr schafften es auch live, ihre Songs, die viele Genres durchstreifen, überzeugend rüberzubringen.

Nun warteten wieder die schweren Entscheidungen: Roosevelt auf der Gemini- und Kettcar auf der Main Stage begannen beinahe gleichzeitig. Da Roosevelt zumindest ein paar Minütchen Vorsprung hatten, ging es zunächst zum Indie-Trio. Roosevelt, das ist Marius Lauber aus Köln, der sich inzwischen zwei Mitstreiter gesucht hat, und extrem einprägsamen und tanzbaren Indie-Pop mit elektronischen Klängen mischt. Abgefeiert wurden vor allem Sea und Soleil, die beiden aus dem Internet bekannten Songs. Nur wenige Meter weiter rechts boten Kettcar etwas Kontrastprogramm. Ihr deutscher Indie-Pop geht zwar hin und wieder auch in die Beine, ist aber vor allem etwas für den Kopf. Sänger Marcus Wiebusch nutzte die Chance der Liveübertragung im Fernsehen, um seine Kinder zu grüßen. Er musste sich eine Sonnenbrille aus der ersten Reihe leihen, um gegen die Sonne bestehen zu können.

Auf der Gemini Stage baten nun Disclosure zum Tanz. Die beiden Brüder aus England haben mit ihrem ersten Album Settle, das im Juni erschienen ist, viel Aufsehen erweckt. Auf dem Melt! brachten sie die Menge eine Stunde lang durchweg zum Ausrasten. Auch wenn Guy und Howard Lawrence nur selten die Stimme erhoben – das Publikum sang ständig mit. Stimmgewaltig ging es auch auf der Hauptbühne zu. Yoann Lemoine, der besser als Woodkid bekannt ist, war der Ruhepol des Abends, sorgte allerdings ein ums andere Mal für Gänsehaut. Mit Bläsern und mehreren Schlagzeugen flankiert, lieferte Woodkid ein beeindruckendes Set in schwarz-weiß ab. Anfangs schaute das Publikum hin und wieder noch ein wenig irritiert drein, weil sich der distanziert wirkende Franzose immer wieder abwand. Je länger sein Auftritt dauerte, desto mehr schmolz die wohl absichtlich erzeugte Mauer zwischen Künstler und Menge jedoch, bis er mit The Great Escape und Run Boy Run zum großen, euphorischen Finale ansetzte.

Nun zur wirklich spannenden Frage des Abends: Was ist eigentlich mit Pete Doherty? Tatsächlich betraten die Babyshambles eine halbe Stunde vor Mitternacht pünktlich die Bühne. Doherty, der sich wohl schon das eine oder andere Glas genehmigt hatte und nicht allzu frisch wirkte, führte relativ pannenfrei durch das Programm. Er sah aus, als ob er Spaß hatte, das Publikum – vor allem die jungen Mädchen in vorderster Front – hatten ebenfalls ihre Freude. Musikalisch wertvoller ging es im Intro-Zelt zu. Vor voller Hütte standen Django Django auf der Bühne. Absolutes Highlight: Default in einer schnelleren Version.

Für einen weiteren Höhepunkt des Abends sorgten Chvrches auf der Gemini Stage. Zum Elekropop-Trio aus Glasgow gehört neben Sängerin Laura Mayberry und Martin Doherty auch der von Aereogramme und The Unwinding Hours bekannte Iain Cook. Mit Chvrches macht er weitaus tanzbarere Musik als mit den genannten Bands, geblieben ist aber die hohe Qualität. Neben bereits bekannten Hits wie Gun, Recover und Lies gab es auch weitere Kostproben von The Bones of What You Believe, das im September erscheint. Das Publikum konnte sich überzeugen: Da kommt Großes!

Außergewöhnlich war auch der Auftritt von Flying Lotus am Sonntagabend. Der Amerikaner Steven Ellison schob sich und sein DJ-Pult zwischen zwei Wände, an welche diverse Formen und Figuren projiziert werden. Zum Abschluss seines Sets schaute er dann doch mal hinter der Wand hervor und verbrachte einige Songs, bei denen er auch selbst rappte, im Bühnengraben. Nun kam der grandiose Abschluss: der Auftritt der Supergroup Atoms for Peace. Die Blicke waren naturgemäß vordergründig auf Radiohead-Frontmann Thom Yorke und Flea, den Bassisten der Red Hot Chili Peppers, der munter über die Bühne hüpfte, gerichtet. Besser und beeindruckender hätte das diesjährige Melt!-Festival wohl nicht enden können. Yorke und Co. spielten ihre Songs treibender und druckvoller als auf dem Album Amok und überzeugten so voll und ganz.

Im Anschluss folgte auf das musikalische auch noch das optische Feuerwerk, hoch über Main Stage und Baggern. Tschüss, bis nächstes Jahr, Melt!, du warst wieder top organisiert – etwas anderes hatte man von dir auch nicht erwartet!

Text und Bilder: Martin Zenge