Eine lieb gewonnene Tradition fand am ersten Freitag des Jahres 2008 seine Fortsetzung: Zum sechsten Mal ging der Planet Myer Day über die Bühne der Moritzbastei. Auf dem Programm: Überraschungen, erfreuliche Auftritte und weniger erfreuliche Nachrichten. Als Überraschung galt sicherlich die Weltbühnenpremiere von Solar Fake, dem neuen Nebenprojekt von Sven Friedrich. Erfreulich war, dass auch Painbastard in diesem Jahr einen Auftritt absolvierten, weniger erfreulich war hingegen der Rahmen, in dem Haujobb spielten: So war dies der vorletzte Auftritt der Band und dabei der letzte im Osten des Landes.

War der Beginn für 20:30 Uhr abgesetzt, so dauerte es dann doch ein paar Minuten länger, bis mit Sinessence der Opener des Abends die Bühne betrat. Das gemischte Berliner Trio spielte eine gute halbe Stunde lang vornehmlich düsteren Elektro, der Eingängigkeit mit Härte kombinierte und bereits eine ganze Menge Zuschauer in die Veranstaltungstonne der Moritzbastei lockte. Während es in den vergangenen Jahren meist zu den ersten Acts noch relativ leer in der Veranstaltungstonne war, füllte es sich in diesem Jahr ziemlich flott. Schön für Sinessence, gleichermaßen aber auch schön für das Publikum, dem sonst ein gelungener Auftritt entgangen wäre.

Dass die Veranstaltungstonne sich so schnell so gut füllte, war sicherlich auch maßgeblich durch den zweiten Act des Abends bedingt. Denn hier sollte jemand alles andere als Unbekanntes auftreten: Sven Friedrich mit seinem neuen elektronischen Projekt Solar Fake. Die Position an zweiter von fünf Positionen war inzwischen sicherlich ungewohnt für ihn, aber Sven Friedrich und sein Mitstreiter an der Elektronik meisterten ihre Aufgabe mehr als gut. Die Gitarren hatten an diesem Abend Pause, stattdessen präsentierte sich das Duo wirklich komplett elektronisch, aber dennoch nicht minder mitreißend. Sicherlich spielten Solar Fake an diesem Abend den seichtesten Auftritt, aber diese „Seichtheit“ ist keineswegs negativ anzusehen. Nein, die halbe Stunde Auftritt verging wirklich schnell. Treibend-pulsierende elektronische Klänge, klar nach vorn, dabei versehen mit der unverkennbaren Stimme Sven Friedrichs. Ein Auftritt, der eindeutig Lust auf das Anfang Februar erscheinende Album Broken Grid machte. Die Coverversion von Creep (Radiohead) war zwar sicherlich Geschmackssache (und wird dies auch auf dem Album sein), aber rein von der musikalischen Seite her gesehen ist an diesem Stück und dem Projekt im Gesamten nicht viel auszusetzen.

Nächster Programmpunkt: Hecq vs. S´apex. Der in der Szene unter anderem durch Remixalben für In Strict Confidence und Pzychobitch bekannt gewordene Hecq (aka Benny Boysen) stellte sich in einem Duell an der Technik dem Gastgeber des Abends, Daniel Myer, der hier als S´apex an den Reglern stand. Dabei war an sich nicht so ganz klar, ob die beiden eigentlich gegen- oder miteinander agierten, denn das klangliche Ergebnis konnte beides nahe legen: Zwar entstand ein ziemlicher Krach, aber im Endeffekt war schließlich auch nichts anderes intendiert. Die hohe Lautstärke bewog zwar einige zum zwischenzeitlichen Verlassen der Veranstaltungstonne, die dageblieben aber sahen ein gelungenes Set innovativen Krachs, bei dem die Songstruktur außen vor blieb. Beide waren sichtbar in ihrem Element und hatten gleichermaßen auch sichtlich Freude an den Klängen und der Darbietung. Ein gelungener dritter Auftritt dieses sechsten Planet Myer Days.

In der Umbaupause zu Painbastard zeigte sich schnell, dass dieses Projekt inzwischen eine ordentlich gewachsene Fangemeinde vorzuweisen hat. Die ersten Reihen des Raumes füllten sich sichtbar schnell und es waren so einige T-Shirts der Gruppe zu sehen, die bei vielen Anwesenden Vorfreude auslöste. Diese sollte auch gerechtfertigt sein, denn der Auftritt hielt, was er versprach. Obgleich man die Gruppe um Alex P. für gewöhnlich vor allem für Musik direkt – um es salopp zu sagen – auf die Zwölf (oder auch – noch salopper und mit den Worten der Gruppe selbst – „in die Fresse“) kennt, ließen sie es sich an diesem Abend nicht nehmen, auch so einige ruhigere Momente mit in die Show einzubeziehen. Somit entstand ein Set, das zwar nach vorne ging, aber auch das Gefühl mit einbezog. Harte, aggressive Beats trafen auf getragene Klangflächen, über denen stets die Stimme Alex P.s für Eingängigkeit sorgte. Diese Eingängigkeit war selbst in den härtesten Momenten zu finden und zeigte, dass hinter der harten musikalischen Fassade durchaus Seele steckt. Auch allgemein schimmerte immer wieder durch, dass die Gruppe Spaß an dem hat, was sie da macht, wie nicht zuletzt die aktive Kommunikation mit dem Publikum zeigte. Abgerundet wurde das Set zum einen durch den Sternentanz, der im Verlauf des Sets immer wieder lautstark aus dem Publikum gefordert wurde, zum anderen aber auch dadurch, dass die Gruppe Eye over you von Haujobb coverte und dies von Daniel Myer als quasi-Gastsänger selbst singen ließ. Verdienter, lautstarker Applaus verabschiedete die Gruppe anschließend von der Bühne – nach einem wirklich starken Auftritt!

Zu fortgeschrittener Stunde kündigte – wie schon im vergangenen Jahr – Eskil von Covenant den Headliner Haujobb an. Wie eingangs schon erwähnt: Es sollte der letzte Auftritt von Haujobb im Osten der Republik sein. Dieser wurde dem Rahmen dann aber auch dementsprechend würdig. Mit Achim Färber am Schlagzeug bekamen die Stücke mehr Schub als ohnehin schon und Daniel Myer und seine Band spielten sich durch einen Querschnitt ihres gesamten Schaffens. Musikalisch wie immer qualitativ hochwertig, gab es dieses Jahr einige Dinge, die man selten sieht: Da Sachsen – und somit auch die Moritzbastei – im Februar ein flächendeckendes Rauchverbot einführen wird, spendete Daniel Myer seinem Publikum großzügig Zigaretten. Für die Nichtraucher gab es außerdem direkt von der Bühne aus gratis hochprozentigen Alkohol: Kleiner Feigling, polnischer Wodka und andere Flüssignahrung wurden da verschenkt. Die ausgelassene Stimmung in den ersten Reihen steigerte sich dabei noch weiter, so dass man am Ende des Konzerts Tänzer aus dem Publikum plötzlich auf der Bühne finden konnte. Nach mehreren Zugaben – vom Publikum durch „wir wollen Haujobb sehen“-Gesänge direkt durch das Bühnenmikro eingefordert – war dann um kurz vor zwei in der Nacht Schluss. Ein würdiger letzter Auftritt der Band. Glücklicherweise nur der letzte von Haujobb, nicht der letzte von Daniel Myer. Dieser kündigte bereits an, dass der Planet Myer Day im kommenden Jahr seine Fortsetzung finden wird, dann mit Destroid in der Headliner-Position. Wäre auch zu schade, diese Tradition zu beenden. Warum? Das hat der diesjährige Planet Myer Day eindrucksvoll bewiesen.

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Bericht zum fünften Planet Myer Day beim Dark Obsession Magazin

Text und Bilder: Marius Meyer