Irgendwo zwischen Dortmund, Köln, Frankfurt und Hannover, im tiefen Sauerland, eine halbe Stunde bis zur nächsten Autobahnauffahrt liegt das Örtchen Balve, in dem auch die gleichnamige Höhle zu finden ist. Diesen Ort hat sich das Label Prophecy Productions für sein erstes Label-Festival nach neun Jahren ausgesucht. Die Suche nach einem angemessenen Ort soll ganze drei Jahre gedauert haben und man muss im Nachhinein sagen, dass sich die Suche mehr als gelohnt hat, denn einen ansprechenderen Ort für die Musik hätte man kaum finden können: Vorteilhaft war, dass die Höhle war so angelegt ist, dass man die Bühne von fast jeder Stelle gut einsehen konnte. Nicht zu vergessen, dass die Höhle atmosphärisch auch schon vor den Konzerten überzeugen konnte.

Dezente Beleuchtung, einige Sitzgelegenheiten und eine Kunstausstellung warteten unter anderem auf den Besucher und während der Konzerte wurden dann noch die Wände durch Lichtspiele angestrahlt und sorgten für eine besondere Stimmung.

Und wegen der Konzerte war man dann auch dort. Den Anfang machten Crone, die einen farbenfroh-verträumten Sound präsentierten, der von gelegentlichen Heavy Metal Einflüssen durchbrochen wurde und einen guten Start hinlegten.

Danach sollte es dann mit einer Band weiter gehen, die man nur lieben oder hassen kann – und wenig anderes möglich ist: Lifelover. Nach dem Tod von B ist die Band auch eigentlich nicht mehr auftreten, doch zum zehnjährigen „Jubiläum“ raufte man sich dann doch zusammen. Darauf schienen viele gewartet zu haben, denn die Höhle wurde so voll wie bei sonst keiner anderen Band. Den Fans scheint der Auftritt auch gefallen zu haben, während andere eher das Gefühl hatten, dass durchgehend ein Song gespielt wurde und zwischendurch der Bass dazukam und die auf der Bühne präsentierte Theatralik doch eher unfreiwillig komisch wirkte. Die Band polarisierte eben.

Weiter ging es mit Amber Asylum, die in ihrem inzwischen mehr als zwanzigjährigem Bestehen das erste Mal in Europa spielten. Nach dem Konzert kann man nur hoffen, dass dies nicht das letzte Konzert in Europa gewesen sein wird, denn die Band zog einen direkt in den Bann: Dezent und düster präsentierte man sich und die zerbrechlichen weiblichen Stimmen fügten sich wunderbar in den Klang ein. Untermalt wurde das Konzert durch Visualisierungen von Naturaufnahmen, Federn und abstrakten Zeichnungen. Während des Konzertes merkte man auch, wie es immer voller wurde. Offenbar war die Band wohl bislang wenigen bekannt, die auch draußen zu hörende Musik schien jedoch viele zu faszinieren. Gelegentlich gab es dann auch dynamischere Momente, in denen die Instrumente verzerrt wiedergegeben wurden und dann die sonst sehr ruhige Stimmung nochmal anheizten.

Als nächstes folgten Camerata Mediolanense, die mit einen 30-köpfigen Chor auftraten. Die Band selber bestand aus drei Sängerinnen und drei Trommlern, die den neoklassischen Liedern einer rhythmisch-martialischen Gestus gaben. Der Auftritt verfehlte seine Wirkung nicht: Gänsehautmomente und Dramatik gab es zur Genüge, nur der gelegentlich am Klavier und Gesang beteiligte Musiker, der zudem den Chor dirigierte, lief immer mal wieder etwas verloren auf der Bühne herum, so als wüsste er nichts mit sich anzufangen, wenn er gerade nicht am Geschehen beteiligt war. Dennoch ein majestätischer Auftritt.

Danach ging es wieder deutlich ruhiger mit Darkher weiter, die eine ruhige und meditative Form des Black Metal präsentierten. Sehr langsam und getragen, mit weiblichem Gesang, der wiederum zum Träumen einlud. Gelegentliche brachiale Ausbrüche in der Musik gab es genauso wie experimentelle Momente, wenn die Gitarre von einem Geigenbogen gespielt wurde.

Naturmystisch ging es mit Empyrium weiter, die auch einen sehr umfangreichen Soundcheck vor sich hatten, der dann auch dafür sorgte, dass die Band mit einer halben Stunde Verspätung anfing – zudem wurde das Intro dreimal angestimmt und abgebrochen, bevor es losgehen konnte. Dennoch bekam man den Sound bis zum Ende nicht komplett in den Griff. Der Stimmung tat dies keinen Abbruch, denn als man als zweites Lied The Franconian woods in Winter’s silence spielte hatte man das Publikum komplett gefesselt – und das änderte sich den gesamten Auftritt über nicht. Eine Zugabe spielte man dann zum Schluss auch noch, die vom Publikum auch mehr als deutlich gefordert wurde.

Tenhi haben ihr Konzert lange herauszögern müssen, weil sie keinen (vernünftigen) Monitorsound bekamen, was ihnen bald sichtlich auf die Nerven ging. Das Warten hat sich jedoch gelohnt, denn die Finnen schafften es, die bislang intensiven Konzerterlebnisse an dem Tag nochmal zu steigern. In bislang größter Besetzung (zu siebt) mit Klavier und Schlagzeug boten sie ein Best Of dar, das Atem raubend war und wohl einigen in die Jahre gekommenen Weggefährten die Tränen in die Augen trieb. Inka Eerola an der Geige brillierte schlichtweg und verlieh den manchmal bedächtig dahinschleichenden Liedern gemeinsam mit Schlagzeuger Raimo Kovalainen eine Dynamik. Die Präsenz der Musik wurde noch gesteigert durch den mehrstimmigen dunklen Gesang, der dem Namen Tenhi eindringlich eine moderne Facette verlieh. Beim letzten Lied gesellten sich Jochen und Thomas von Dornenreich auf die Bühne, von welcher sich die Mitglieder Tenhis einzeln beim Publikum verabschiedeten, so dass letztlich Dornenreich zurückblieben, um zur Überraschung aller ein Lied zum Besten zu geben, bevor es an Vemod war, das Fest in der Höhle zu beenden.

Das norwegisch-kanadische Quartett begann sehr ruhig, ja, behutsam: Jan Even Åsli schien mit seinem Gesang zunächst die Höhle vorsichtig erkunden zu wollen, und sachte gesellten sich die Klänge eines Windspiels hinzu, bevor sich nach geraumer Weile Bassist Espen Kalstad zunächst an der Gitarre mit einigen Raum greifenden Melodien behutsam dazu gesellte. Der im Anschluss dargebotene hypnotische Black Metal (im weitesten Sinne) stand dazu in keinem Kontrast, sondern verband die Höhle einerseits mit dem Sternenzelt, während die Höhlenwände andererseits näher zu rücken schienen und sich alles in einem schwarzen Sog zu verdichten schien.

Obwohl das Prophecy Fest insgesamt als mehr als gelungen war, gab es dann doch ein paar Kritikpunkte: Zum einen gab es bei fast jeder Band Soundprobleme. Zum einen rauschten und knackten die Lautsprecher zwischendrin immer mal wieder, zum anderen war öfter der Sound nicht perfekt abgemischt, sodass der Gesang durch die Instrumente überlagert wurde.
Ein weiterer Punkt waren die Schlangen am Merchandise-Stand, die mitunter unerträglich lang waren und man ewig wartete, bis man dann endlich drankam.

Ob ein anderer Punkt nun Anlass zur Kritik ist oder nicht ist dagegen jedem selbst überlassen: Da man ein so hochkarätiges Programm hatte, kam es immer wieder vor, dass man sich einfach übersättigt fühlte und zum Schluss einfach nur noch gerädert war. Zu viel des guten auf einem Festival, ja das Prophecy Fest hat bewiesen, dass dies möglich ist.

Letztendlich zeigt der letzte Punkt aber, dass das Prophecy Fest eine mehr als gelungene Angelegenheit war, die so auch nicht einzigartig bleiben wird. Denn im Programmheft wurde bereits eine Fortsetzung im kommenden Jahr angekündigt. Und bis dahin sollten die Schwachpunkte auch behoben worden sein.

Text: Thor Joakimsson und Tristan Osterfeld
Fotos: Andreas Schiffmann (Vemod), Irina Blödel und Tristan Osterfeld