Was im Vorjahr noch zaghaft als zusätzliches Gimmick für die Drei-Tages-Karten-Besitzer eingeführt wurde, gehörte in diesem Jahr zum festen Festival-Bestandteil: der Mittwoch. So ging das Reeperbahn-Festival in diesem Jahr offiziell vier Tage lang und der Kiez war erneut gut bevölkert – insgesamt zählte man über das Wochenende verteilt 30.000 Besucher, die sich für die zahlreichen Konzerte und Veranstaltungen interessierten. Newcomer und kleinere Acts trafen erneut auf die Großen und man konnte sich vier Tage lang herrlich treiben lassen, um nicht nur das, was man eh schon kennt, zu hören, sondern auch, um Neues zu entdecken.

Mittwoch

Der erste Tag konnte ganz entspannt angegangen werden, die Veranstaltungen begannen überwiegend erst am späten Nachmittag. Ganz vorne mit dabei: der N-Joy Reeperbus. Hier traten schon die ersten Künstler auf, bevor überhaupt die Bändchenausgaben öffneten. Das aber stellte kein Problem dar, denn der Reeperbus gehört zum Programm, das draußen stattfand und für jeden zu sehen war, da es für die Reeperbahn selbst keines Tickets bedarf. Dort waren auch Skinny Lister zu sehen, die mit ihren treibenden Folk-Klängen eine Menge Bewegung in die anwesende Menge brachten.

Anschließend stand das bereits genannte Stichwort „treiben lassen“ auf dem Programm. Zum Beispiel bis zur randvollen Hasenschaukel. Dort stand zunächst mal Mrs. Class auf der Bühne, der allerdings keine Mrs., sondern ein männlicher Singer-Songwriter ist, der hier gefühlvoll intonierte und damit begeistern konnte. Auch die folgende Carson Mchone konnte mit ihren folkigen Klängen begeistern. Die noch junge Künstlerin spielte dabei vor allem Stücke ihres für den Herbst angedachten Debüt-Albums. Den Namen sollte man sich schon einmal merken.

Der Abend blieb charismatisch, auch in der Prinzenbar, wo Luca Vasta die kleine Eckbühne enterte und ab 21:20 Uhr mit eingängigen Pop-Perlen das Publikum verzückte. Stücke wie Cut My Hair oder auch Imperial, beide aus dem Debüt-Album Alba, wussten zu begeistern und wurden auf eine sehr sympathische Art und Weise dargeboten.

Wie das immer so ist, zahlreiche Möglichkeiten standen weiterhin offen, wo man hingehen könnte. Lohnenswert beispielsweise ein Besuch in der Spielbude, wo Skinny Lister um 22:15 Uhr einen weiteren Auftritt ablieferten, diesmal ausführlicher als zuvor. Da die Spielbude aus den zusammengeschobenen beiden großen Bühnen des Spielbudenplatzes besteht, war es gleichzeitig auch die gute Gelegenheit, ein bisschen Festivalflair mitzunehmen und anschließend eine Runde über den Spielbudenplatz zu flanieren, denn mit dem Reeperbus und dem Astra Bühne gab es auch hier immer etwas zu sehen.

Zum Ausklang des Abends lohnte sich es, die Prinzenbar ein weiteres Mal aufzusuchen. Kid Simius bat zum Tanz. Der vor allem durch Auftritte mit Marteria bekannte Musiker und DJ kann es auch solo, wie er hier eindrucksvoll bewies und dabei natürlich auch viele Stücke des aktuellen Albums Wet Sounds berücksichtigte.

Ein gelungener erster Festival-Tag nahm somit sein Ende. Aber es sollten ja zum Glück noch drei folgen…

Donnerstag

Früh sollte es losgehen an diesem Tag, denn bereits zwischen 12 und 15 Uhr gab es in der Spielbude den Showcase Don’t Panic, We’re From Poland mit vier Bands zu erleben. Den Anfang machten Bokka, die selbst nicht viel von sich preisgeben. Auch auf der Bühne trugen sie große, verspiegelte Brillen in Taucherbrillengröße. Selbst bedankt wurde sich nur per hochgehaltenen Zetteln, aber die Musik sprach für sich. Druckvolle Klänge mit wuchtigen Gitarren und elektronischen Einsprengseln, und einer, soweit erkennbar, durchaus charismatischen Frontfrau. Nach einer halben Stunde wusste man: Diese Band möchte man gerne noch einmal sehen.

Ein bisschen ruhiger dann der folgende Anthony Chorale, der in relativ ruhigen Fahrwassern eingängige Gitarrenklänge bot und dabei zu berühren wusste. Ein bisschen versunken und doch voll bei der Sache, konnte er das Publikum in der Spielbude gut für sich einnehmen, bevor der nächste Act folgte. Dieser war eher ein Kontrast, denn Olivia Anna Livki gab sich eher extrovertiert. Mit Vogelnest-Frisur spielte sie ein wildes Set irgendwo zwischen Rock und Indie, charismatisch und mit dem gewissen Etwas. Das Publikum war begeistert.

Danach war schon Zeit für den Abschluss des mittäglichen Showcases. Den bestritten KAMP!, die eindrucksvoll bewiesen, dass sie verdient den Abschluss als „Headliner“, wenn man einen solchen Begriff um 14:30 Uhr wählen darf, gemacht haben. Synthie-Pop in Höchstform, viel Elektronik, dazu eingängiger Gesang, all das machte die Band aus. KAMP! sind dabei wieder eine dieser Bands, bei denen man davon ausgehen kann, dass schnell eine große Nummer draus wird, wenn nur die richtigen Menschen darauf stoßen.

Von der Spielbude runter, gab es auf dem Spielbudenplatz dennoch so einiges zu erleben. Viele interessante Mehr-oder-weniger-Newcomer standen auf Astra Bühne und Reeperbus. Malky mit angesoultem Singer-Songwriter auf der Astra Bühne, die Schweden von The Majority Says mit ihren eingängigen Indie-Klängen vor dem Reeperbus, oder auch die Kanadier von July Talk, die ebenfalls beim Reeperbus ihre Indie-Klänge präsentierten. Zu sehen gab es schließlich immer etwas.

Auch ein Gang in Angie’s Nightclub sollte sich als lohnenswert erweisen, denn die sympathischen Belgier von Pale Grey spielten auf und präsentierten in ihrem ur-eigenen Stil leicht verspulten Indie mit Elektronik-Einflüssen – das, was man gemeinhin auch gerne mal mit “Indietronic” tituliert. 50 Minuten lang taten sie das und boten dabei einen sehr angenehmen Auftritt, der bewies, dass innovative Klänge auch heute noch möglich sind. Ein gelungener Auftritt.

Zeit zum Verschnaufen? Beileibe nicht. Das Docks lud zum furiosen Ausklang des zweiten Festival-Abends ein. Maxim stand noch auf der Bühne und bot seine poppigen Klänge mit Singer-Songwriter- und HipHop-Elementen, was das Publikum erfreut dankte. Eine Umbaupause später dann eine der Bands, die würdig den Headliner an diesem Abend in dieser Lokalität gaben: The Subways. Garagenrock mit Drive, mit viel Bewegung auf der Bühne und einer gelungenen Mischung aus alten und neuen Songs – so das Rezept, mit dem die Subways hier erfolgreich das Publikum für sich einnahmen.

Ein weiterer Festival-Tag war vorbei, aber es war schließlich erst Halbzeit des Festivals…

Freitag

Die Zahl der Veranstaltungen stieg am Freitag noch einmal an und auch tagsüber gab es genug Gelegenheiten, sich einfach mal überraschen zu lassen. Bei bestem Spätsommerwetter herrschte allerorten gute Stimmung, vor sowie auch in den Locations. Beispielsweise im Molotow, das nun einen neuen Standort am Nobistor eingenommen hat. Hier stand am späten Nachmittag Gossling auf der Bühne. Eine australische Musikerin aus Melbourne, die man zwar in den Großbereich des Singer-Songwriter einordnen kann, womit man ihr aber eher wenig gerecht wird. Eher ist es alternative Pop-Musik mit Einflüssen von Harfen, Retro-Sounds, Disko-Anleihen… Und all das auf sehr sympathische Weise dargeboten. Eine der besten Entdeckungen des diesjährigen Reeperbahn Festivals.

Eine kleine Reise weiter zum Uebel & Gefährlich folgte erst einmal ein Interview. Esben and the Witch spielten zwar erst am Abend auf, aber um 17 Uhr stand ein Interview anlässlich des Konzerts und der neuen Platte A New Nature. Ein gemütliches Gespräch auf der Dachterrasse des Bunkers, bei dem man sich hinterher ärgerte, die Show selbst wegen Terminüberschneidungen nicht mitgenommen zu haben. Wie gut, dass die Band im Oktober sowieso noch einmal auf Tour kommt, wenngleich auch nicht durch Hamburg.

Nicht ganz mit dem Reeperbahn Festival verbunden, aber dennoch parallel stattfindend, war der geheime Kraftklub-Auftritt auf dem Außengelände der MagnusHall in Hamburg-Hammerbrook, über das wir an dieser Stelle bereits ausführlich berichteten.

Zum Festival-Programm zurück führte dann die Universal Music Night in der Großen Freiheit 36, bei der Talisco den Job hatten, den Abend zu eröffnen. Abwechslungsreicher Gitarrenrock einer aufstrebenden Band war da zu hören und zu sehen, bei dem auch der Publikumszuspruch für die Qualität der Klänge der Band sprach. Viele waren inzwischen gekommen, auch für den nachfolgenden Act. Ella Ayre stand auf dem Programm. Die erst 20-jährige Londoner Musikerin wird zwar gemeinhin unter R&B gezählt, aber die Pop-Klänge in der Musik hatten einen derartigen Schwung dabei, dass man beinah sagen kann: Ella Ayre hat das Publikum gerockt!

Was folgen sollte, war ein Highlight des Festivals: Triggerfinger waren an der Reihe und zogen ein großes Publikum, wie man beim Blick vor die Bühne deutlich sehen konnte. In ihrer recht knappen Spielzeit spielten sie vor allem jüngere Stücke wie den Titeltrack des jüngsten Albums By Absence Of The Sun oder auch vom Vorgänger All This Dancin’ Around inkl. Drumsolo von Teufelsschlagzeuger Mario Goossens. Mut bewiesen sie darüber hinaus auch, denn eine Nummer wie My Baby’s Got A Gun, die acht Minuten lang auf einem Riff reitet zu spielen, dafür aber den Hit I Follow Rivers wegzulassen, ist auf seine Weise konsequent. Ein wirklich guter Auftritt der Band!

In der Großen Freiheit bat anschließend Hozier mit seinem Folkrock zum Tanz, härter wurde es im Gruenspan, wo Heisskalt den Abend beendeten und für ihre Show auch satte 70 Minuten Spielzeit bekamen. Schade war, dass der Zuschauerzuspruch größer hätte sein können, aber die, die da waren, bekamen eine hervorragende Show einer sich schnell etablierten Band, die Alternative Rock der härteren Sorte bis zur Grenze zum Hardcore bot. Dennoch wurde auch Melodie nie vergessen. Stücke wie Der Mond bewiesen dies eindrucksvoll und auch die Stücke ihres Albums Vom Stehen und Fallen. Viel Druck, mitreißende Klänge und eine Band, der man die Spielfreude durch und durch anmerkte, beendeten den dritten Festivaltag.

Nun galt es, letzte Kräfte für den abschließenden vierten Tag zu sammeln…

Samstag

Da war er dann schon wieder. nach drei kurzweiligen Festivaltagen war man selbst erneut überrascht, wie schnell die Zeit doch wieder vorbeigezogen ist. Da galt es natürlich, den letzten Tag noch einmal ausgiebig zu nutzen. Angebot war auf jeden Fall erneut genug vorhanden, sogar für diejenigen, die nicht im Besitz eines Festival-Tickets waren. Neben den bereits besagten Angeboten des Reeperbus’ und der Astra Bühne waren auch die Plattenladen-Konzerte, unter anderem bei Michelle Records, für jeden zugänglich. So hatte man bereits die Qual der Wahl, bevor das Abendprogramm losging.

Für den Autor begann das Abendprogramm zumindest beim Uebel & Gefährlich. Nach dem Interview mit Esben and the Witch am Vortag, gab es nun die Gelegenheit, ein Interview mit INVSN. zu führen, also jener Band um Dennis Lyxzen, den man ja auch von Refused und The (International) Noise Conspiracy kennt. Dieser war im Interview auch gut drauf, wie auch Bandkollegin Sara Almgren und beide gaben gerne Antworten.

Der Auftritt, der dann im gut gefüllten Saal des Uebel & Gefährlich stattfand, konnte den sympathischen Eindruck aus dem Interview nur bestätigen. Mit dem Wechsel der Sprache vom Schwedischen ins Englische, soll nun auch auf dem internationalen Markt Fuß gefasst werden. Da kommt ein Tour-Abschluss beim Reeperbahn Festival natürlich genau richtig. Rock-Songs mit Eingängigkeit, einem leichten Old-School-Touch und doch sehr betont dargeboten – all das sind INVSN. Titel wie God Has Left Us Stranded animierten das Publikum zum Mitgehen, alles passte gut zusammen und die Band hatte sichtlich Spaß auf der Bühne. Auch wenn es nur 40 Minuten Spielzeit waren: INVSN. dürften zufrieden mit diesem Tour-Abschluss gewesen sein. Das Publikum konnten sie zumindest eindeutig für sich erobern.

Der Weg führte zurück in die Große Freiheit. Jedoch diesmal nicht in den großen Saal, der schlicht nach der Hausnummer benannt ist, sondern in den Kaiserkeller, wo The Dark Horses aufspielten und dem Klima trotzten. Bei Sauna-artigen Temperaturen präsentierten Sie natürlich auch Stücke des jüngst erschienenen neuen Albums Hail Lucid State und bewegten sich in einem Spannungsfeld von 80er New Wave, punkigen Anleihen und druckvollen Rock-Klängen. Dass das gut ankam, bewies auch die große Schar an Menschen, die trotz der besagten Temperaturen im Kaiserkeller da blieb und sich begeistern ließ.

Im Docks begegnete zu später Stunde eine Musikerin, die zu den eingesessenen Größen gehört: Judith Holofernes. Gut gelaunt betrat sie mit Band gegen 22:10 Uhr die Bühne und gab ein gut einstündiges Set zum Besten, das nicht nur musikalisch begeisterte, sondern auch eine angenehme Unbedarftheit der Künstlerin zeigte. Die Stücke von Ein leichtes Schwert konnten musikalisch überzeugen und obgleich die Stücke alles andere als ohne Botschaft sind, waren immer das Augenzwinkern und eine feinsinnige Ironie zu spüren. Titel wie Danke, ich hab schon waren so einigen bekannt – und auch, wem sie noch nicht bekannt waren, mitgesungen wurde so oder so.

Zunächst einmal im Docks geblieben, spielten als nächstes Die höchste Eisenbahn auf. Jene Supergroup rund um Moritz Krämer, Tele-Sänger Francesco Wilking, Tomte-Schlagzeuger Max Schröder und Kid-Kopphausen-Bassist Felix Weigt. Dass eine solche Band auf einem Festival in Hamburg nur für Begeisterung sorgen kann, ist vorher klar. So funktioniert dies natürlich auch am Samstagabend des Reeperbahn Festivals.

Zum guten Schluss führte der Weg abschließend noch ins Rock Café. The Durango Riot spielten auf und zeigten, warum sie das „Riot“ im Namen trugen. Laute und wilde Rock-Klänge in der Tradition von Acts wie The Hives, Billy Talent, Danko Jones und wie sie alle heißen, gab es hier zu hören und ließ noch einmal die letzten Energie-Reserven im Festival-geschlauchten Körper freisetzen. Ein guter Abschluss des Festivals!

Nach vier kurzweiligen Tagen hatte man spätestens jetzt den ersten Kalendereintrag für September 2015: Vom 23. bis zum 26. September 2015 steigt die Jubiläums-Ausgabe und es dürfen „10 Jahre Reeperbahn Festival gefeiert werden“!

Weitere Artikel
Interview mit INVSN auf dem Reeperbahn Festival 2014
Interview mit Esben and the Witch auf dem Reeperbahn Festival 2014

Homepage: www.reeperbahnfestival.com

Text: Marius Meyer
Bilder: Stefan Malzkorn (1, 3,4, 5), Heiko Sehrsam (2, 5)