Der siebte Durchgang war es in diesem Jahr – und er war ein voller Erfolg. 25.000 Besucher konnte das diesjährige Reeperbahn Festival vermelden, die sich auf und rund um die Reeperbahn bei einem weitgefächerten Musikprogramm mit über 350 Shows vergnügten, dazu ein umfangreiches Campus- und Arts-Programm. In diesem Jahr begann das Festival bereits mit dem Warm-Up Wednesday, bevor am Donnerstag dann der offizielle Startschuss fiel und man fortan tagtäglich die Qual der Wahl hatte.

Donnerstag

Als man am späten Nachmittag die erste Runde über den Spielbudenplatz machte, sein Bändchen holte, begann es bereits langsam sich zu füllen, man konnte die erste Festivalluft schnuppern und Laune und Vorfreude begannen zu steigen. Einmal auf und ab gegangen, sah man vor dem Schmidt’s Tivoli bereits eine große Menschentraube – eh man dachte, es sei vielleicht eine Stadtführung, sah man: Tatsächlich war diese Traube bereits jetzt für Lena dort, die doch erst um 23:30 Uhr die Bühne betreten sollte…

Also doch erst einmal wieder rauf und ein Blick auf die Stage East. Die eine der beiden Bühnen auf dem Spielbudenplatz, bei der allerdings nur eine kleine Ecke wirklich Bühne ist, während das Publikum mit auf der Bühne steht und auch die Getränkeversorgung auf der Bühne steht. Ein lauschiges Feeling zwischen Straße und Clubmeile, wo es um 18:30 Uhr Einar Stray zu sehen gab, der mit folkigen Arrangements und viel Gefühl einen guten Vorgeschmack gab auf seinen noch folgenden Auftritt in der St. Pauli-Kirche am Festival-Samstag. Gefolgt wurde er von Nicolas Sturm mit Singer-Songwriter-Klängen und Skinny Lister, die mit Akkordeon, Kontrabass und Gitarre für Fiddle-Folk-Feeling sorgten und ebenfalls auch noch häufiger am Wochenende zu sehen waren, wie beispielsweise am selben Abend noch in Angie’s Nightclub.

Nun also wieder zurück zu Schmidt’s Tivoli, wo auch inzwischen der Einlass war und um 20:30 Uhr Amanda Mair auf der Bühne stand. Zwar warteten viele auf Lena, aber auch Amanda hatte einige Fans dabei und ihr 45-minütiger Auftritt wurde warmherzig aufgenommen von den Zuschauern. Fragile Arrangements, bei denen sie oft am Klavier saß und viel Gefühl zeigte, trafen dabei auf druckvolle Popnummern, bei der sich die Schwedin spielfreudig, sympathisch aber auch erstaunlich abgeklärt zeigte – bedenkt man, dass sie gerade mal 18 Jahre alt ist. 45 Minuten bester Unterhaltung, die gut ins Ambiente der Lokalität passten.

Anschließend sollte der Weg dann aber wieder raus führen, denn der Donnerstagabend des Reeperbahn Festivals bietet stets Konzerte in einer unüblichen Lokalität: die Filiale der Hamburger Sparkasse. Immer wieder interessant zu sehen, wie die Bankangestellten auf einmal da stehen und Getränkeverkaufen, wo sonst über Kredite diskutiert wird. Mittendrin die Auftritte von Johann van der Smut mit druckvollem deutschsprachigem Indie-Rock und Titeln wie 23 Grad, gefolgt von den etwas poppigeren The bianca Story, die auch in dieser unüblichen Umgebung Atmosphäre versprühen konnten und dem anwesenden Publikum Freude bereiteten.

Befürchteten viele, man käme zu später Stunde wegen des zu erwartenden Andrangs nicht mehr ins Schmidt’s Tivoli zurück, zeigte sich gegen 23:00 Uhr dann: Kein Problem. Zwar war es gut gefüllt, aber genug Platz für Nachrücker war vorhanden. Und so kam sie dann 23:30 Uhr auf die Bühne: Lena Meyer-Landrut, die besser ins Festival passte, als manch einer denken mochte. Schließlich ist ihr neues Album Stardust eine Art Befreiungsschlag und ihr erstes wirkliches Solo-Album, das zudem in Zusammenarbeit unter anderem mit Rosi Golan und Miss Li – die im Vorjahr einen umjubelten Auftritt im Docks spielte im Rahmen des Festivals – entstand. So bot sie in der Folge auch einen atmosphärischen Auftritt, bei dem unter anderem der Titeltrack des Albums glänzte. Natürlich – auch die bekannten Nummern wie Taken By A Stranger und Satellite fehlten nicht. Auch wenn man tags drauf viele Gespräche hörte, die das Konzert schlechtredeten, weil es sich offenbar so gehört, muss man mal ehrlich sein und konstatieren: Lena hat hier einen wirklich guten Auftritt gespielt!

Zum Abschluss des Tages ging es dann noch zur Molotow Bar, um den Finnen von Zebra and Snake zu lauschen, wobei viel mehr als Lauschen auch nicht möglich war, denn es zeigte sich hier ein Problem, das das Festival vor allem in den späten Abendstunden immer wieder heimsucht: Die kleineren Lokalitäten sind gerne mal überfüllt und mit langen Einlass-Schlangen versehen… Was man hörte, war indes sehr lohnenswert. 80er-inspirierter Synthie-Pop für jene, die gerne Acts in Richtung Mirrors hören, dabei Ecken, Kanten und eine leichte Verspieltheit mögen. Auch von draußen ein schöner Abschluss des ersten Festivaltages!

Freitag

Auch, wenn der Großteil des Programms beim Reeperbahn Festival erst in den Abendstunden beginnt, konnten man gerade in den kleineren Lokalitäten auch schon tagsüber vieles zu sehen. Beispielsweise Blaudzun, der bereits um 15:30 Uhr mit seinen folk-poppigen Klängen aus dem Album Heavy Flowers die Molotow Bar verzauberte. Oder auch Zeus, die etwa einen Monat vor Erscheinen des Albums Busting Visions um 17:30 Uhr im Hörsaal schon einmal eine Kostprobe daraus gaben und sich sehr begeistert vom Festival zeigten, wie sie im Interview im folgenden Tag zeigten. „Es war gut! Ein tolles Publikum, sie waren begeistert. Sie reagierten mit Applaus und Woo-Hoos”, äußerten sich die Kanadier aus Toronto gut gelaunt.

Während der Nachmittag langsam in den Abend überging, war es zudem Zeit, sich mit den Künstlern auszutauschen, sodass der Weg um 17:00 Uhr in den Sommersalon führte, um mit Iremembertapes zu sprechen. Da im Saal gerade Soundcheck war, führte der Weg in einen zugigen Treppenaufgang, um einmal über das Festival, das neue Album und einige weitere Themen zu sprechen, bevor der Weg weiter ins Hotel Monopol ging, um gegen 18:00 Uhr ausführlich mit Jon Spencer zu sprechen, der gerade erst frisch aus New York eingetroffen war, um am Folgetag gleich zwei Shows zu spielen. Beide Interviews gibt es hier natürlich in voller Länger nachzulesen!

Draußen an der frischen Luft ging es dann mal wieder auf die geschätzte Stage East. Husky traten dort den ersten von zwei Auftritten an diesem Tag an. Nachdem sie in diesem Jahr bereits zweimal im Vorprogramm von Boy in Hamburg waren, traten sie hier nun wieder auf und begeisterten mit ihren akustischen Klängen, die mit minimalistischen, folkigen Klängen große Wirkung erzeugten. Nach diesen 20 Minuten gab es sie später noch einmal ausführlich in der St. Pauli-Kirche zu sehen. Jetzt aber ging es zunächst in der Prinzenbar mit Washington weiter. Die junge Dame bezauberte um 19:30 Uhr in der bereits gut gefüllten Prinzenbar mit Singer-Songwriter-Klängen und Folk-Einflüssen, die sich charismatisch vom Piano aus darbot.

Nachdem um 17:00 Uhr bereits das Interview auf dem Programm stand, sollte nun der eigentliche Auftritt von Iremembertapes folgen. Im gut gefüllten, aber glücklicherweise nicht überfüllten, Sommersalon spielten die Briten um 21:00 Uhr ein halbstündiges Set 80er-inspirierten Elektros, animierten das Publikum zum Mittanzen, kamen auch mal selbst vor die Bühne und verbreiteten mit den Songs aus ihrem jüngst veröffentlichten Debüt-Album Human Architecture gute Laune. Titel wie die Single Gossip verbreiteten ihren Charme und ließen keine andere Wahl, als sich mitzubewegen. Ein wirklich toller Auftritt!

Wenige Türen weiter und schon war man im Docks, wo mit den letzten Klängen von We Were Promised Jetpacks, deren Indie-Rock das Publikum gut unterhielt, bereits die Vorfreude auf die folgenden The Undertones stieg. Die alten Herren haben nichts verlernt und zogen bei ihrem Set alle Register. 1975 gegründet, boten sie hier eine Energieleistung, bei der sich manch junge Band noch die Augen reiben würde. Songs wie Teenage Kicks, Jimmy Jimmy und wie sie alle heißen, verfehlten auch beim Reeperbahn Festival 2012 ihre Wirkung keineswegs. 70 Minuten Brit-Rock mit Punk-Spirit vom Feinsten.

Trotz inzwischen schwerer Beine, spätestens nach dieser Leistung der Undertones, war noch ein Fußmarsch an der Tagesordnung. Einmal über das Heiligengeistfeld, rüber ins Uebel & Gefährlich. I Heart Sharks waren schließlich dort – ein Spektakel, das man nicht verpassen will. Draußen war es zwar kalt, aber bei den Temperaturen im Bunker fiel es nicht schwer, es sich vorzustellen, wenn die Band „Let’s just pretend it’s summer“ sang. Trotz heißer Luft ließ das Publikum es sich nicht nehmen, ausgelassen zur Band zu tanzen. Klar, Titel wie Neuzeit, Wolves und wie sie alle heißen, ließen kaum eine Wahl. Der Indietronic mit Rock-Gestus überzeugte zu später Stunde hundertprozentig und stellte einen guten Abschluss des zweiten Festivaltages dar.

Samstag

Der Samstag begann früh, denn im Arcotel stand bereits der nächste Interviewtermin an. Zeus, am Vorabend noch auf der Bühne, waren noch in Hamburg und luden zum Interview. Es ergab sich ein interessantes Gespräch über das Festival, das Touren, das kommenden Monat erscheinende Album und viele weitere Themen.

Der frühe Beginn des Tages erwies sich als Glücksgriff. Zwar gab es auch heute wieder einige unübliche Veranstaltungsorte wie beispielsweise der Ratsherrn Brauerei, in der auch Bands spielten, aber auch die bereits häufiger besuchte Stage East auf dem Spielbudenplatz sollte sich wieder lohnen. Eine junge Amerikanerin namens Erica Buettner spielte dort und freute sich, endlich an einem Ort zu sein, wo man ihren Namen richtig aussprechen könne. Gute 20 Minuten überzeugte sie alleine mit ihrer Gitarre auf der Bühne und sorgte dafür, dass kaum einer, der in dieser Zeit auf der Stage East geriet, die Bühne wieder verließ. Eingängige Folk-Klänge, viel Gefühl und eine große Ausstrahlung ließen Erica Buettner zu einer lohnenswerten Neuentdeckung des Festivals werden. In einem kurzen Gespräch zeigte sie sich begeistert vom Festival und auch die Umgebung zwischen Straßengeräuschen und lauten Bands z.B. im Hörsaal machte ihr nichts aus. „Ich habe schon in allen möglichen Situationen gespielt, daher überrascht mich da nichts mehr wirklich. Aber ich mag die Energie hier. Das ist sehr erhebend. Es ist großartig, hier zu sein.“ Das war es in der Tat, auch für die anwesenden Zuschauer!

Frankie Chavez folgte am selben Ort und spielte ebenfalls ansprechenden Folk mit beeindruckendem Fingerpicking und ließ wie seine Vorgängerin den Trubel drumrum vergessen. Wieder einmal wusste man: Die spannenden Events sind dann doch nicht immer da, wo man sie am ehesten vermutet. Die Umgebung unmittelbar am Spielbudenplatz hielt bereits so einige Überraschungen parat. Auch am Reeperbus von N-Joy Radio, wo immer wieder Künstler des Festivals kurze Akustik-Sets spielten und die Menschen zum Verharren brachten. Da der Spielbudenplatz frei zugänglich auch für Nicht-Festival-Besucher war, blieben auch viele hier stehen, die sonst nicht zum Festival dort waren.

Dass das Reeperbahn Festival den Bereich Reeperbahn gerne mal etwas ausdehnt, ist bereits aus den Vorjahren bekannt. So stand nun ein etwas längerer Fußmarsch an, der zum Schulterblatt führte. Genauer: zum Plattenladen Zardoz Records, denn dort spielte die Jon Spencer Blues Explosion den ersten Auftritt des Tages. Dichtgedrängt standen die Menschen zwischen den Schallplatten und bestaunten eine halbe Stunde lang das New Yorker Trio, inzwischen wacher als deren Frontmann im Interview am Vortag, wie sie Stücke ihres neuen Albums Meat and Bone präsentierten und das in einer für einen Plattenladen wirklich gute Akustik. Die Menge war begeistert, ließ anschließend zahlreich CDs signieren und erwarb auch das ein oder andere T-Shirt.

Zeit für Abendessen und einen anschließenden Verdauungsspaziergang. Wohin? Zurück auf die Reeperbahn und weiter in die lauschige Prinzenbar, wo um 19:30 Uhr die Arkells begannen, das bereits wieder zahlreich vertrene Publikum mit einem ansprechenden Indie-Rock-Set zu begeistern. Die Kanadier spielten Songs ihres aktuellen Werks Jackson Square, aber auch weitere Stücke ihrer bisherigen Laufbahn und nutzten die ihnen zur Verfügung stehenden 50 Minuten gut aus, um Begeisterung zu verbreiten.

Großer Andrang dann bei den Fliegenden Bauten. Jupiter Jones sind spätestens seit ihrem Hit Still ja längst keine Unbekannten mehr, sondern ziehen große Mengen. Die Folge: Einlass-Stop! Nicht der einzige an diesem Abend, wie man so hörte. Cro beispielsweise ereilte dasselbe Schicksal im Docks. Wer aber bei Jupiter Jones drin war, hat sich richtig entschieden. Man merkte: So still ist die Band dann doch gar nicht. Rockig bis punkig präsentierten sie sich, aber auch mit einem Akustik-Teil dabei, wo beispielsweise Wir sind schließlich nicht Metallica in sehr ruhiger Manier sehr ansprechend dargeboten wurde.

Es folgte der beschwerliche Gang ans andere Ende der Reeperbahn, genauer gesagt: zur Großen Freiheit 36. Beschwerlich nicht etwa wegen der schwerer werdenden Beine, sondern weil die Reeperbahn inzwischen sehr gut gefüllt war. Aber es sollte sich lohnen, denn es stand das zweite Set der Jon Spencer Blues Explosion an, die um 23:00 Uhr die gut gefüllte Location bespielte und dabei genau das tat, was Jon Spencers Meinung nach eine gute Show ausmacht: Sie haben sich in ihrer Musik verloren, haben gerockt und das Publikum ging dabei gut mit! Stücke des aktuellen Albums Meat and Bone trafen auf Klassiker wie Bellbottoms und es passte einfach alles zusammen. Über eine Stunde gelungener Klänge der Blues Explosion gab es zu sehen und hören, die sich auch am Folgetag noch in den Ohren bemerkbar machten.

Der letzte Gang des Festivals führte noch einmal in den Bunker, des Uebel & Gefährlich. Stereo Total gaben hier heute den Headliner. Zwar sah man, dass die ganz großen Headliner heute in anderen Lokalitäten zu sehen waren, aber für diejenigen, die das Duo sehen wollten, war dies schließlich nur gut, da sie ohne Probleme reinkamen. Und sie erlebten einen starken Festivalausklang einer Band, die ernstzunehmende Musik macht, ohne sich dabei allzu ernst zu nehmen. Ein erfrischender letzter Auftritt des Festivals!

Ein sehr gelungenes Festival, an das man sich gerne zurückerinnert. Und wer in diesem Jahr dabei war, sollte wissen, dass er sich den 26.09. bis 28.09.2013 schon einmal in den Kalender schreiben sollte, denn dort findet die achte Ausgabe des Festivals statt!

Weitere Artikel
Interview mit Iremembertapes beim Reeperbahn Festival 2012
Interview mit Jon Spencer beim Reeperbahn Festival 2012
Interview mit Zeus beim Reeperbahn Festival 2012

Homepage: www.reeperbahnfestival.com

Bilder: Stefan Malzkorn (1, 2, 3, 4, 8), Lena Meyer (5), Marius Meyer (6, 7), ninazimmermann.com (9)