Darauf hat Recklinghausen gewartet: ein eigenes Musikfestival im Stadtgarten. Sonst eher bekannt für seine Theaterfestspiele, wurde dieses Jahr das erste „Rock am Hügel“ – oder kurz „RAH Festival“ – an einem traumhaften Sommerwochenende mitten im August veranstaltet. Etwas unglücklich war vielleicht, dass es Freitag und Samstag stattfand. Am Freitag startete es bereits um 12:30, was sich in der Zuschauerzahl bemerkbar machte. Jedoch änderte sich das während des Tages dann stetig und auf dem absolut einladenden Festivalgelände wurde vor der Bühne getanzt und auf dem Rest der Wiesenfläche tummelte sich das sehr gemischte Publikum auf Picknickdecken und genoss Musik und Sonne.

An den Seiten des Geländes hatte der Veranstalter für einen ausgefallenen „Foodmarket“ gesorgt, auf dem es neben den Standartstärkungen wie Pommes und Currywurst auch internationale Köstlichkeiten zu entdecken gab. Vor allem der Fokus auf Vegetarische und Vegane Gerichte viel schnell ins Auge und wer sich traute etwas experimentierfreudig zu sein wurde belohnt. Der Erste Festivaltag war musikalisch auf jeden Fall sehr bunt gemischt: Neben leicht tanzbaren Sounds wie von The Gadgets performten zum Beispiel Pf3rd, die mit einer Mischung aus Ska, Rock und Punk sowohl ihre eigenen Songs als auch den ein oder anderen Cover Song wie Don’t worry be happy präsentierten.

Leo hört Rauschen überzeugten mit durchdachtem, tiefgründigem deutschen Indie-Rock, der live sogar noch dringender wirkt als auf ihrem Debutalbum Modern Modern. Mit Nerd-, Elvis-, und Orientkostüm sowie im kleinen Schwarzen betraten The Fabulous P-Boyz die Bühne. Zuerst wusste man nicht ganz genau was einen zu erwarten hatte, da die ersten Stücke rein instrumental waren – bis auf Ausrufe wie „Muh“ und „Mäh“, die auch vom Publikum gerufen werden sollten. Selbst ordnen sich die fünf Berliner als eine „Fusion aus Rock, Dub, World & Bass n’Drums“ ein. Irgendwie unterlegen The Fabulous P-Boyz das Ganze dann noch mit Surftunes, singen zwischendurch mit rauer Stimme ein bisschen auf Französisch: und dabei kommt wirklich ein wohlklingendes Ganzes heraus, bei dem es Spaß macht zuzuhören. Die aus München angereiste Band Troubadix Rache haben nicht nur einen brillanten Namen, sondern präsentierten auch ganz klassischen Ska gepaart mit Reggae, Rock und Hip Hop Elementen. Die 8 köpfige Band brachte neben spaßigen Texten auch aktuelle politische Themen auf die Bühne und regten so, auf eine ganz charmante Weise, zum Nachdenken an.

Als vorletzter Akt folgte, man kann es nicht anders sagen, das Highlight des gesamten Festivaltages. Obwohl Thomas Godoj als Headliner aufgestellt war und seine Fans wirklich schon den ganzen Tag in der prallen Sonne in der ersten Reihe sehnsüchtig auf seinen Auftritt hingefiebert hatten: Die wahren Helden des Abends waren Reefer Madness. Die Recklinghäuser Dancehall/Reggae/Ska Band, die vor ein paar Jahren auch als Support von Dellè auftrat, legten ihren allerletzten Auftritt hin. Mit einer Leidenschaft und Liebe zu ihrer Musik hängten sich alle neun Bandmitglieder in diesen Heimspiel Gig hinein und präsentierten neben ihren Songs von den Alben All In und Ready fi Bashment auch noch ganz alte Schätzchen, die nur in der frühsten Zeit ihres Bestehens aus ihrem Proberaum herausgekommen sind. Vor ihrem ersten Song wurden traditionell kleine weiße Handtücher ins Publikum geworfen – für diejenigen, die nicht ihre eigenen mithatten. Der gesamte Auftritt war grandios, Frontsänger Django sang und rappte mit einer absoluten Hingabe und auch der Rest der Band verausgabte sich, genau wie das Publikum, während der „Handtuch Choreografie“. Reefer Madness waren einfach großartig und mit ihrem endgültigen Rückzug aus dem Musikbusiness, geht ein wirklich prägender Teil der Dancehall Szene in Deutschland oder mindestens im Ruhrgebiet verloren.

Auch für Thomas Godoj war es an diesem Abend ein Heimspiel: Der Recklinghäuser erzählte während seines Auftritts viel über seine Verbundenheit zu dieser Stadt und über seine endlich erreichte Unabhängigkeit im Musikgeschäft. Seine bereits stundenlang wartende Fanbase, die man schon den ganzen Tag durch tragende Merchandise Artikel nicht lange zu suchen hatte, feierte ausgiebig zur kraftvollen Stimme Godojs und den rockigen Klänge der dominierenden Gitarren.

Der zweite Festivaltag wurde von Sympathieträger Max Buskohl eröffnet, der durch die recht frühe Uhrzeit leider mit wenig Publikum gestraft war. Egal, das Ganze hatte dadurch einen sehr persönlichen Privatkonzert Charakter und der Singer/Songwriter wusste mit seinen einfühlsamen und gefühlvollen Songs die Zuhörer in brütender Hitze zu berühren. Liam X folgte mit elektronischen Synthesizer und Gitarren Sounds unterlegt mit weich gesungenen Texten wie von Schlaflose Nacht, Liam Xs erste Single, die bereits zu mehreren Remixen wie von Robot Koch genutzt wurde, oder „Erstmal für immer“, die Mitte September ihr Release hat. Daraufhin folgten Mira Wunder, die trotz des Erfolges ihres Songs „Straßen von Berlin“ mit allem anderen live irgendwie eher nach Kirmesschreier als nach nettem Deutschpop klangen.

Schafe&Wölfe hingegen konnten durch elektronischem Hip Hop gepaart mit Indie-Rock durch Aufbruchsstimmung überzeugen. Das Duo weckte definitiv die Tanzwut im Publikum und unterstrich mit ihren Sounds dieses Freiheitsgefühl, dass nur die Mischung aus schönem Wetter und guter Musik in einem auslösen kann. Daraufhin folgte Sebel, der in feinster Ruhrgebietsmanier mit dem Publikum herumalberte und auch seine (meist nicht wirklich tiefsinnigen, dafür aber sehr humorvoll und ironischen) Songs verausgabend performte. The Picturebooks, bestehend aus Frontsänger und Gitarrist Fynn Claus Grabke und Schlagzeuger Philipp Mirtschnick sehen nicht nur aus wie harte Rocker, sie machen auch feinsten Alternative Rock, der einem nach einer schlichten Bühnenperformance und starker Ausstrahlung des Dous sehr im Gedächtnis bleibt.

Es folgten Luxuslärm, die während ihres Auftrittes unter anderem daran erinnerten, dass ihr Song „Atemlos“ zuerst da gewesen wäre und sie es „ziemlich scheiße finden, dass jemand anderes mit diesem Song jetzt so viel Geld verdient“. Aha. Ansonsten spielten sie ihr Set sehr souverän herunter und konnten das Publikum (spätestens bei „1000 Kilometer bis zum Meer“) auf jeden Fall abholen. Headliner des Tages waren Jennifer Rostock, die, wie nicht anderes von ihnen zu erwarten, überzeugten. Ihr kompletter Auftritt polarisierte, es wurden Fans auf die Bühne geholt, politische Statements herausgeschrien’, Konfettikanonen geschossen, die Gay Pride Flagge geschwenkt, anzügliche Witze gerissen und zwischendurch immer wieder Kurze gekippt: Jennifer Rostock wissen definitiv wie man die Einen provoziert und die Anderen für sich gewinnen kann. Ihre Songs wurden vom gesamten Publikum mitgesungen, und man muss einfach sagen, dass ihr Auftritt im Endeffekt wohl der spektakulärste und derjenige war, der (im positiven) am meisten eskalierte. Jennifer Rostock waren ein absolut gelungener Abschluss für das zum ersten Mal stattfindende RAH Festival in Recklinghausen.

Es steht fest, dass eine Wiederholung dieses insgesamt sehr gelungenen Festivals mehr als gewünscht ist!

Text: Melina Pospiech