Rock am Ring 2012 war wieder mal ein Treffpunkt für Musikstile unterschiedlichster Art, die aber wie in jedem Jahr hervorragend zusammenpassen und für jeden Musikfreund etwas boten. Durch das hervorragende Booking von MLK durften sich auf der altehrwürdigen Rennstrecke in der schönen Eifel wieder allerlei Topstars und interessante Newcomer die Klinke in die Hand drücken. Auf drei Bühnen – der Centerstage, der Alternastage und der Clubstage – gab es nicht nur Rock, sondern auch viele andere Klänge wie Elektronik oder HipHop. Eine Mischung, auf die die Veranstalter besonders viel Wert legen, wie sie immer wieder betonen. Selbst der Wettergott, dem man gelegentlich vorwirft, kein Ringrocker zu sein, ließ sich zumindest an zwei von drei Tagen nicht zu seinen eifeltypischen Kapriolen verleiten.

Freitag

Das Rock am Ring von Alternativmusik.de begann am Freitagmittag mit dem Auftritt von Steel Panther auf der Alternastage. Die Jungs aus L.A. lieben den in den 80ern durch Bands wie Def Leppard oder Mötley Crue geprägten „Hair Metal“ und zelebrieren ihn auch entsprechend. Mit wilden Frisuren, engen Hosen und Songs, die von Frauen, Sex und Drogenkonsum handeln, veralbern sie das Genre und erfüllen so mit voller Absicht die bestehenden Klischees, die man gegen die übertriebene Attitüde der Hair Metaler haben kann. Auch der inflationäre Gebrauch der bösen „Fourletterwords“ wird hier satirisch auf die Spitze gebracht, ein unterhaltsamer Auftritt.

Auf der Centerstage machten sich danach die Subways auf, für den ersten von einer ganzen Reihe an Höhepunkten zu sorgen. Mit ihrem Indie Pop und Nummern wie Oh yeah, der neuen Single Kiss Kiss Bang Bang und natürlich dem Hit Rock & Roll Queen sorgten sie für strahlende Gesichter auf und vor der Bühne. Für ein breites Grinsen sorgten im Anschluss Cypress Hill, die ihren HipHop mit Songs wie When the shit comes down, Dr. Greenthumb und Insane in the brain mit witzigen Lyrics und ihrer Vorliebe für illegale Substanzen würzen konnten.

Kasabian schafften es danach, die gute Stimmung zu halten und so spielte die Band um Sänger Tom Meighan einen zwar kurzen, aber dennoch prägnanten Auftritt mit Stücken ihres letzten Albums Velociraptor und der drei Vorgänger.

Gossip, mit der charismatischen Frontfrau Beth Ditto, konnten danach unerklärlicherweise nicht das hohe Niveau der vorigen Bands halten und ergingen sich in eintönigen Songs ihres letzten Albums A Joyful Noise. Und trotz der stets bemühten Beth sprang der Funke zu keinem Moment so richtig über und auch das ins Publikum Steigen und sich dort Aufhalten konnte leider nur die Hardcore-Fans begeistern. Als dann mit Standing in the way of control und Heavy Cross doch noch gute Songs gespielt wurden, war es für eine Trendwende leider zu spät.

Danach hatten es Chris Cornell und seine Band Soundgarden schwer, wieder Stimmung zu machen. Aber wer mit einem Song wie dem Kracher Spoonman seine Konzerte eröffnen kann, um den muss man sich keine größeren Sorgen machen. Im Gegenteil, abgeklärt und auf den Punkt, auch ohne übertriebene Show, kann man eine gute Show abliefern und mit Songs wie Rusty Cage und Black Hole Sun hatte man noch das ein oder andere Ass im Ärmel.

Bei Moonbootica durften dann die Fans der beiden DJs KoweSIX und Tobitob, besser bekannt als Tobi Tobsen, die eine Hälfte von Der Tobi und das Bo und Mitglied von Fünf Sterne Deluxe, entspannt abzappeln. Mit Nummern wie Der Mond oder dem unnachahmlichen Moonbootica Remix des Deichkind-Songs Leider geil sorgten sie für Dancehall-Stimmung in der Eifel.

Die Entscheidung zwischen Linkin‘ Park und Motörhead ging trotz eines beherzten Auftritts der Band um Mark Whitefield und Mike Shinoda dann doch an das Flaggschiff des Rock’n’Roll. Motörhead, die Band um Urgestein Lemmy Kilmister, schaffte es mit ihrem unnachahmlichen Sound nochmal, für Freude zu sorgen. Songs wie Bomber, Going to Brazil, Killed by death und natürlich Ace of spades sind einfach zeitlos.

Samstag

Der Samstag begann vor der Alternastage, wo sich mit The Morning Parade, The Rifles und den neuen Mädchenschwärmen Boyce Avenue die Vertreter des melodischen Alternative Rocks die Klinke in die Hand gaben. Vor allen die Brüder Manzano konnten mit ihren zu Herzen gehenden Melodien für Laune sorgen.

Dann ein Stilwechsel, wie man ihn bei Rock am Ring zum Glück immer wieder vorfinden kann: Von den neuesten Teeniehelden Boyce Avenue zu den vor 40 Jahren gegründeten Stranglers, die mit ihrem eigenwilligen Sound und einem Greatest Hits-Gig mit Nummern, die schon vor 25 Jahren erfolgreich waren, wie Golden Brown, Always the sun, Nice ‘n Sleazy oder No more heroes zu begeistern wussten. Ein großer Auftritt.

Refused are fucking dead? Weit gefehlt, die Schweden sind quicklebendig, wie sie mit ihrem atemberaubenden Auftritt bewiesen. Es ist gut, dass die Veteranen des New Noise wieder zurück auf den Bühnen der Welt sind. Eine Überraschung gab es derweil auf der Alternastage: Peter Doherty war pünktlich und spielte ein Set, das aber eine Frage offen ließ. Mit Nummern der Libertines, Babyshambles und aus seinem Soloalbum und dem obligatorischen Fuck Forever schaffte es Doherty immer wieder, für Begeisterung zu sorgen. Aber was die beiden Tänzerinnen im Tutu damit zu tun haben, die während seines Auftrittes auf der Bühne herumwackelten, ließ er leider unbeantwortet.

Was danach passierte, lässt sich am ehesten mit Sternstunde beschreiben: Tenacious D wurden von über 80.000 Zuschauern auf Knien empfangen und die Huldigungsgesten werden Jack Black und Kyle Gass im Leben nicht mehr vergessen, soviel ist sicher. Mit einer unglaublichen Show und allerlei lustigen Anspielungen und Zitaten schafften es JB und KG, einen magischen Moment festzuhalten. Mit immer und immer wieder aufbrandenden „Tenacious D“-Sprechchören feierten die Fans und die Band eine Party, wie sie bislang nur von Rage Against The Machine und den Beatsteaks auf dem Ring zelebriert wurde. Ein Gänsehautmoment!

Dass Maximo Park eine Bank sind, das machte die Band um den Melonenträger Paul Smith schon mit dem Opener Girls who play guitars schnell klar. Neben ihren Hits gaben sie schon einen Einblick in das in Kürze erscheinende neue Maximo Park-Album The National Health.

Dass man bei MLK immer schon die Zeichen der Zeit erkannt hat, bewies man mit der Verpflichtung von Triggerfinger. Das Trio aus Antwerpen hat sich in diesem Jahr aus dem Schatten von dEUS und Milow herausgespielt und beweist, dass es auch in Belgien eine interessante Musikbewegung gibt. Mit Bluesrock der feinsten Sorte, wie in My Baby’s got a gun, schafften sie es, sich neue Fans zu erspielen und auch der „Unfall“, wie ihn Sänger und Gitarrist Ruben Block scherzhaft ankündigte, das wunderbare Cover von I Follow Rivers von Lykke Li durfte im Auftritt nicht fehlen.

Danach dann die Metal Band der letzten beiden Jahrzehnte: Metallica, die eigens mit einem eigenen Moshpit angereist sind. Metallica boten eine gut zweistündige Show, in der sie neben ihren Hits auch das komplette „Schwarze Album“ performten – mit einer Lightshow und allerlei Pyro-Effekten, die immer noch ihresgleichen suchen.

Sonntag

Als sich am Sonntagmorgen endlich der Regen in der Eifel ausbreitete, lächelten die erfahrenen Ringrocker weise, das habe man doch gewusst. Aber irgendwie gehört das ja auch zu einem richtigen Rock am Ring dazu und der Stimmung tat das auch keinen Abbruch, im Gegenteil. Nach dem Opener auf der Centerstage mit King Charles und der Erkenntnis, dass die Queen auch noch ihr 70. Thronjubiläum feiern möge, dann mit den Donots die Band, die überall Stimmung macht, wo es eine Steckdose gibt. Ingo von den Donots gab schier Unmenschliches und war ständig in Bewegung und schaffte es mit den Nummern des jüngsten Albums Wake the dogs, aber auch mit den Donots-Klassikern wie Stop the clocks, Whatever happened to the 80’s oder dem Twisted Sister-Cover We’re not gonna take it, die Fans bestens zu unterhalten.

Danach Dick Brave & The Backbeats aus Kanada. Irgendwie hat Dick eine frappierende Ähnlichkeit mit dem Sänger Sasha aus Hamburg, aber das ist bestimmt Zufall. Auf jeden Fall schaffte es Sasha, Verzeihung, Dick, mit einem großen Augenzwinkern zwischen dem guten alten Rock ’n Roll aus dem 50s/60s wie dem Twenty Flight Rock von Eddie Cochran bis hin zu American Idiot von Green Day, auf ganzer Linie zu überzeugen. Die Mischung macht’s! Dass ein echter Rock ’n Roller jedes Instrument spielen kann, beweisen Dick Brave und seine Backbeats, als sie im letzten Song Great Balls of Fire mal eben die Instrumente untereinander mehrfach austauschen. Sehr gelungen.

MIA. lieferten mal wieder einen zauberhaften Auftritt ab. Mit zahlreichen Kostümwechseln von Sängerin Mieze und alten Liedern wie Hungriges Herz oder Alles neu bis zu neuen Stücken wie Fallschirm vom neuen Tacheles-Album ließen sie keine Wünsche offen.

Als die Dropkick Murphys auf die Bühne kamen, schaffte es der Siebener aus Boston/Massachusetts gleich, die Betriebstemperatur beizubehalten. Mit Songs wie Johnny I hardly knew ya und das von einem AC/DC-Cover eingeleitete Im shipping up to Boston schaffte es die Irish-amerikanische Folk-Punk Band, die Erwartungen voll und ganz zu erfüllen.

Gleiches gilt für The Offspring und ihren Punk. 1986 gegründet, spielen Bryan „Dexter“ Holland und Gitarrist Noodles immer noch ihren eigenen Sound. Es ist toll, wieviele Hits The Offspring im Gepäck haben. Mit Come out and play, Americana, Why don’t you get a job, Pretty fly (for a white guy) und natürlich Self esteem lieferten sie die Vorlage für das „Heimspiel“ des Jahres.

Die Toten Hosen aus Düsseldorf sind eine Institution des Festivals und auch dieser Auftritt sollte wieder in die Geschichtsbücher von Rock am Ring eingehen. Es ist verblüffend, wie viele, man kann es nicht anders sagen, „Gassenhauer“, die Band in den 30 Jahren ihre Bestehens geschrieben hat. Liebesspieler, Bonny & Clyde, Alles aus Liebe, Hier kommt Alex und und und. Natürlich wird, wie es seit jeher Tradition der Toten Hosen ist, auch gecovert. Von Hannes Wader stammt der Song Heute hier, morgen dort, das gute alte Halbstark von den Yankees aus dem Jahr 1965, was die Hosen längst zu einem eigenen Song gemacht haben. Dann gab‘s da noch ein Lied von der von Campino launenhaft als „die andere Band“ angekündigt. Und dieses Schrei nach Liebe entwickelte sich zu einem Orkan.

Zur ersten Zugabe gab es dann einen Überraschungsgast: den Sänger der US-Punkurgesteine Bad Religion, Greg Graffin. Dieser war extra eingeflogen wurden und performte mit den Toten Hosen die Songs Raise your voice, Punkrock Song und das Ramones-Cover Blitzkrieg Bop. Als erste Zugabe dann ein echter Hosenklassiker mit Eisgekühlter Bommerlunder. Was dann geschah. hat ein weiteres Kapitel im Buch der Großen Momente mit den Toten Hosen bei Rock am Ring verdient! Campinos Versuch, sich vom Publikum mit einer vollen Dose Bier zum Lichtpfeiler als Crowdsurfer zu beweisen. Dort angekommen, wurde erstmal ein Bengalo in 15 Metern Höhe entzündet, was die Hosen Fans schon das ganze Konzert über immer wieder getan hatten. Danach noch Zehn kleine Jägermeister und dann ging, wie üblich, mit Schönen Gruß, auf Wiedersehen und You’ll never walk alone ein denkwürdiges Konzert zu Ende.

Das Finale dieses wieder mal großartigen Festivals boten Deichkind, die mit ihre opulenten Show die Herzen der müden Fans nochmal erreichen konnten und so mit Bück Dich hoch, Leider geil, Illegale Fans und den Klassikern wie Bon Voyage oder der Ferris-MC-und-Afrob-Nummer Reimemonster nochmal für Stimmung sorgten. Mit Remmi Demmi (Yippie,Yippie Yeah) ging ein wieder mal höchst bemerkenswertes Festival auf dem Nürburgring in den frühen Morgenstunden zu Ende!

Text: Dennis Kresse
Bilder: Marek Lieberberg Konzerte