Nach einer überaus erfolgreichen Premiere 2012 präsentierte Marek Lieberberg wieder eine feine Sammlung musikalischen Ohrenschmauses in der Veltins Arena „auf Schalke“. Die Fans hatten sich allerdings mit dem Kauf von Vorverkaufskarten sehr zurückgehalten. Die Folge: lokale Vorverkaufsstellen verramschten die begehrten Karten für die „Front of Stage“ nach dem Motto „Kauf eins, nimm zwei“. Was dem Veranstalter vermutlich finanziell weniger behagte, sorgte immerhin für einen gut gefüllten Innenraum. Bis auf den Oberrang war die Arena insgesamt sehr gut besucht.

Schon vor Einlassbeginn um 12 Uhr war das Wetter eher herbstlich-nass. Dass die Veltins-Arena über ein verschließbares Dach verfügt, war also ein echter Segen. Immer mehr Zuschauer tauchten vor der Arena auf. Viele mussten noch Tickets von abgesprungenen Freunden weiterveräußern und der ein oder andere schien sich mit Tickethandel etwas Geld dazuverdienen zu wollen.
Die Securities waren außerordentlich sympathisch, aber bestimmt. Besonders bei Großevents erlebe ich so etwas selten. Es tut gut, mal nicht direkt wie ein Schwerverbrecher behandelt zu werden.
Nicht ganz überzeugt hingegen war ich von der Informationspolitik der Mitarbeiter bei Fragen. Oft bekamen wir widersprüchliche Infos. Immerhin blieben sie bei ihren Ausführungen immer freundlich.
Für viel Unmut sorgte die Umsetzung vom Oberrang auf den Unterrang – einige Fans standen bis nach 16 Uhr noch in der Schlange vor einem Schalter, an dem sie ihre Tickets tauschen sollten.

Um 14 Uhr war es dann endlich soweit, Biffy Clyro eröffnete den Tag mit fulminanter, musikalischer Unterhaltung. Die Arena war bei weitem noch nicht gefüllt, aber die Band aus Schottland gab ihr bestes, um die Fans zum Feiern zu motivieren. Dass sie sich richtig anstrengten, zeigte sich unter anderem in Schweißausbrüchen und nackten Oberkörpern. Die Akustik der Halle überzeugte schon hier, trotz schlechter Stimmen, die mir vorher zugetragen wurden. Obwohl nicht jeder Zuschauer begeistert war, freuten sich die Jungs umso mehr darüber, vor so einer Kulisse spielen zu können. Besonders mitgerissen haben die Lieder Black Chandelier und Mountains, das Abschlusslied des dreiviertelstündigen Sets. Lautes Jubeln begleitete die Band von der Bühne. Die Fans waren zuletzt doch überzeugt.

Nach einer kurzen Umbauphase waren die Deftones an der Reihe, den Pott zu rocken. Das Urgestein hatte schon deutlich mehr Anhänger in die Arena gelockt. So war der Innenraum von vorn bis hinten schon ziemlich vollgestellt, die Tribünen allerdings mehr schlecht als recht besetzt. Die fünf Bandmitglieder stellten eine solide Show auf die Beine. Die Menge wurde animiert, sich zu bewegen und – das liegt schon in der Rockmusik – es ist schwer, es nicht zu tun. Zu einprägsam waren die Rhythmen, zu virtuos die Gitarrenriffs. Nach ebenfalls 45 Minuten mussten sie die Bühne räumen. Für viele hätte das Konzert deutlich länger sein können.

Als nächstes betrat der wohl umstrittenste Act des Tages die Bühne: Casper. Wenige verstanden, was ein Rapper auf einem Rock-Event zu suchen hatte. Casper wandelt auf dem schmalen Grat, mit Tendenz zum Hip-Hop; das Band-Format mit Gitarren, Bass, Schlagzeug und Keyboard machte den Auftritt bei Rock im Pott erst möglich. Schon die Eröffnung mit Auf und Davon sorgte für Gänsehaut. Gerade die Fans in den ersten paar Reihen feierten ausgelassen. Immer wieder im Laufe des Konzertes fiel auf, dass es dem gebürtigen Benjamin Griffey alias Casper sehr viel bedeutete, so viele Leute mit seinen Texten besingen zu dürfen. Auf die Frage „Wer ist wegen Hip-Hop hier?“ bekam er viele Mittelfinger zu sehen und pfeifen zu hören. Er lachte, griff sich in den Schritt und weiter ging es. Auch xoxo ließ die Herzen höher schlagen. Immer wieder versuchte Casper die Leute zu motivieren. Auch das Publikum auf den Rängen wurde aufgefordert, aufzustehen und mitzutanzen. Mittelfinger hoch sorgte für die nötige Resonanz des Publikums. Caspers Reaktion: „Ich finde es doch auch zum Kotzen!“ Was genau, ließ er offen. Das finale Lied des 60-Minuten-Sets war So perfekt, das die Menge noch einmal richtig zum Kochen brachte. Caspers Abschiedsworte: „Ich weiß, ich pass hier nicht rein, aber ich hoffe, ihr hattet trotzdem Spaß!“
Schade war, dass Caspers Stimme nicht immer perfekt zu verstehen war – bei einem Rapper fatal – und außerdem wurden die Hoffnungen auf die neue Single Im Ascheregen, die durch das Banner auf der Bühne geweckt worden waren, leider bitter enttäuscht. Aber mal ehrlich – wer hängt denn das neue Cover auf die Bühne und spielt dann nicht einmal die schon länger veröffentlichte Single?

Die nächste Show begann mit ein paar Kuttenträgern und dunkler Musik. Auf der Running-Order war Tenacious D angekündigt. Kein Wunder also, dass sowohl der Innenraum, als auch die Tribünen randvoll mit Leuten waren. Nach dem Intro warfen die Rocker ihre Kutten ab und die sympathischen Frontmänner Jack Black und Kyle Gass blickten in die Runde. Rise of the Fenix elektrisierte die Menge und gegen Ende des Liedes baute sich hinter der Band ein riesiger phallusartiger Phoenix-Luftballon auf. Die Menge johlte! „Rock the Pott!“, motivierte er das Publikum. Die Fans ließen sich das nicht zweimal sagen und selbst auf den Rängen stand beinahe jeder auf den Beinen, die Arme in der Luft. Die Stimmung war wirklich genial und auch die Show hatte einiges zu bieten. Hin und wieder ein paar Witze gerissen „How about ein bisschen Moshpit?“, tauchte bei Death Star doch tatsächlich ein Alien auf der Bühne auf, der dann von JB mit einem Spielzeuggewehr wieder vertrieben wurde.
Mit lautem metallenen Stampfen kündigte sich ein Stahlkoloss auf der Bühne an.
„I think I know what it is…“ „Was?“ „The Metal!“, unterhielten sich JB and KG, um dann The Metal zu spielen – eines ihrer beliebtesten Stücke. Klar, dass der Roboter dann noch ganz locker den wiedergekehrten Alien verdreschen durfte, um von Fans und Band gleichermassen gefeiert zu werden.
Als Überleitung zu Beelzeboss war der E-Gitarrist leider vom Teufel besessen. Ein feines Rock-Out wurde der Menge geboten. Weitere wichtige Stücke gegen Ende waren dann noch Tribute mit einer wahnsinnigen Stimmung und – natürlich Fuck her Gently, was gefühlt jeder mitsingen konnte. Klar, dass sich hier die ein oder anderen entblößten – ein brillantes Konzert eben. Selbstredend entlud sich der Fenix mit einer Menge Spermium-Konfetti über die ersten paar Reihen der Fans – und erschlaffte.
Zu meiner Enttäuschung haben sich Tenacious D nicht die Mühe gemacht, eine neue Show zusammenzustellen. Ich bin mir sehr sicher, dass ich dieses Konzert schon quasi 1:1 am Nürburgring 2012 gesehen und gehört habe. Aber, was soll’s; ein tolles Konzert kann man sich zwei Mal anschauen!

Je wichtiger die Band, desto länger die Show und desto länger auch die Umbaupause. Aber ohne Pause hätten sich die Fans auch nicht mit Getränken versorgen können. Nach einer halben Stunde warten war es dann so weit: Volbeat gaben sich die Ehre. Und was für eine. Schon im Laufe des Tages war mir aufgefallen, dass sehr viele Besucher des Festivals mit Volbeat-T-Shirts herumliefen. Kein Wunder also, dass sich die Stimmung mit Volbeat noch einmal deutlich verbesserte. Das Publikum war sehr textsicher und schon bei einem der Top-Songs, Heaven Nor Hell, erklangen zehntausende Stimmen wie aus einer Kehle. Da dies nicht mein erstes Volbeat-Konzert war, hätte ich meine Hand ins Feuer gelegt, dass die Jungs Jonny Cash covern würden – und so war es auch. Kaum war Ring of Fire angespielt, rastete die Menge komplett aus. „You’re so beautiful!“, sagte Sänger Michael Poulsen und komplimentieren lassen sich Menschen bekanntlich sehr gern. Spätestens zu diesem Zeitpunkt gehörte die komplette Arena Ihnen – ob System of a Down das noch toppen würde?
16 Dollars kündigte Poulsen wie immer an: Das ist ein Lied für alle Frauen – also nehmt sie auf die Schultern. Mindestens 150 Frauen kamen der Bitte nach.
Nach einigen Mini-Covern von Rammstein, Judas Priest und Slayer schrie er: „Supergeil!“
Das war es auch. Besonders gut gefallen hat mir die wirklich gute Abmischung und Abstimmung von Instrumenten mit dem Gesang, was bei den bisherigen Auftritten der anderen Bands nicht so brillant funktioniert hatte. Nicht so schön fand ich die bei jedem Konzert wiederkehrenden Ansagen wie: „Oh, you still love Jonny Cash.“ Aber vielleicht gehört das einfach zu Volbeat dazu.

Um Punkt 21.15 Uhr, nach 40 Minuten Umbaupause war es dann soweit. System of a Down kam auf die Bühne. Was für ein Konzert. Schon mit dem Opener Aerials war klar: Volbeat war zu toppen. Von Beginn an, hatte die Band die Arena im Griff und ließ sie auch nicht mehr los. Auf einige Lieder eher härterer Gangart wie B.Y.O.B. oder A.D.D. folgten deutlich sanftere wie Lost in Hollywood. Gerade bei diesem Lied war ein beinahe unheimlicher Chor zu hören. Ganz vorne hörte man dann teilweise die leicht zeitversetzten Stimmen von hinten erklingen. Das waren wirklich ganz besondere Augenblicke. System of a Down stellte ein geniales Best-Of-Konzert auf die Beine. Das Hauptaugenmerk lag auf den Alben System of a Down und Toxicity mit wahnsinniger Live-Performance von Liedern wie Know, Suggestions, Spiders, Chop Suey!, X, Prison Song, Needles, Toxicity und Psycho. Ein weiteres Gänsehautlied war selbstverständlich Lonely Day. Das wirklich Besondere an System of a Down scheint mir wirklich die Vielfältigkeit des Gesamtwerks zu sein. Während man bei manchen Bands nach fünf Liedern schon beinahe Langeweile aufgrund der Ähnlichkeit der Lieder verspürt, erwartet einen bei SoaD immer wieder etwas neues. Diese Virtuosität zeigt sich insbesondere auf Live-Konzerten, denn alle Spektren zwischen gefühlvoll und hart werden abgedeckt und zu einem schönen Live-Set vereint. Im Vergleich zum Auftritt bei Rock am Ring 2011 haben mir eigentlich nur mehr Spielzeit und mehr visuelle Effekte gefehlt (man erinnere sich zurück an die riesigen beschneiten Berge bei Lonely Day).
Mit Sugar beendete System of a Down ein wirklich tolles Konzert ¬¬– leider zehn Minuten zu früh. Höchstwahrscheinlich hat das aber nur so anspruchsvolle Zuhörer wie mich wirklich gestört, denn mir haben einige Lieder noch zur Perfektion gefehlt.
Dennoch: Anschauen lohnt sich!

Alles in Allem war es ein Live-Ereignis der Extraklasse. Die Akustik war besser als erwartet, aber wer ganz hinten saß hatte möglicherweise wenig zu sehen. Denn Monitore für Kameraübertragungen gab es nicht! (bzw. der große Bildschirmkasten in der Mitte wurde nur für Werbung, nicht für eine Kameraübertragung genutzt) Außerdem sollte der Veranstalter vielleicht die Preispolitik überdenken, damit die Arena bei einer hoffentlich stattfindenden Neuauflage im nächsten Jahr ausverkauft wird. Mehr Publikum bedeutet auch mehr Spaß auf Künstler- und Fanseite!

Homepage: http://www.rock-im-pott.com
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Text: Max Keller
Bilder: Marek Lieberberg Konzertagentur (Publikumsbild, Plakat), Warner Music Group (Biffy Clyro, Deftones), Christoph Voy (Casper), Michael Elins (Tenacious D), Erik Weiss (Volbeat), Danny Clinch (System of a Down)