Wenn doch alle Premieren so wären, wie die des neuen Ein-Tages-Festival in der Veltins-Arena auf Schalke. Mit einer tollen Besetzung kamen über 40.000 Musikfans zusammen, um 8 Stunden lang mit Bands aus den verschiedenen Genres eine tolle Party zu feiern. Organisatorisch lief das Ganze auch gut an und so wurden alle entstehenden Fragen der Besucher von freundlichem Personal kompetent beantwortet. Aber kommen wir zu dem Grund, warum sich Menschen am Samstag bei gutem Wetter in einem überdachten Stadion versammeln: der Musik. Und die konnte sich bei der Auswahl an etablierten Künstlern wirklich sehen und vor allen Dingen auch hören lassen.

Als um kurz nach 15 Uhr die Newcomer des Jahres 2012 die Bühne betraten, spielten sie zwar gegen ein sich nur langsam füllendes Stadion an, aber das tat der Spielfreude von Kraftklub keinen Abbruch. Im Gegenteil: Überall, wo die Jungs aus Chemnitz auftauchen, ist binnen weniger Songs zu sehen, wie auch Skeptiker der Band ihr, gelinde gesagt, verfallen. Mit ihrer Ostalgie und einer großen Portion Ironie rocken Kraftklub mal eben so das Haus und das mit einer Handvoll cleverer und witziger Nummern wie Ich will nicht nach Berlin oder Songs für Liam. Der Band stehen alle Türen weit offen.
Setlist: Intro, Ritalin, Zu jung, Liebe, Eure Mädchen, Randal, Karl-Marx-Stadt, Ich will nicht nach Berlin,Songs für Liam,ScheissIndieDisko

Nach einer halbstündigen Umpaupause dann die Cowboys aus Berlin von The BossHoss, die durch den Erfolg der Casting-Show The Voice of Germany nochmal einen Popularitätsschub erhielten. Ob man das gut findet, diese „Cowboys ohne Indianer“-Masche, sei mal dahingestellt, aber man gaukelt dem dankbaren Publikum unter Zuhilfenahme von Netzhemden und amerikanischem Akzent eine perfekte Illusion vor. Der wilde wilde Westen fängt nicht mehr in Hamburg an, sondern kommt aus Berlin – und Songs, die Stimmung machen, haben Boss Burns und Hoss Power eh im Gepäck.
Setlist: Intro, Last Day, Rodeo Radio, I Keep On Dancing, Live It Up, Don’t Gimme That,Shake & Shout, Run Run Devi,Word Up

Danach gab‘s dann was fürs Auge: Jan Delay und seine Disko No. 1 kamen wie üblich im feinsten Zwirn auf die Bühne und boten was für Augen und Ohren. Mit messerscharfen Bläsersätzen und dem von Jan Delay gewohnten Mix aus Disco, Reggae, Funk und HipHop machen die Herren und Damen unglaublich viel Spaß und „klauen“ charmant in der Musikgeschichte und kochen da ihr eigenes Süppchen draus, was sehr schmackhaft ist. Geschickt, wie Jan Delay hier agiert und die Fans mit einbezieht. Sei es mit dem Arschdreher, wo er es schafft, dass sich ein ganzes Stadion um die eigene Achse dreht oder bei der berühmten Freeze-Aktion, wo er die Leute dazu bringt, dass ein ganzes Rund, das eben noch ekstatisch tanzte, auf einmal mitten in der Bewegung verharrt. Kann man so machen und der Spaß war den Beteiligten auf der Bühne und davor deutlich anzumerken.
Setlist: Rave Against The Machine, Türlich Türlich, Large,Backstreet Boys Medley, Vergiftet, Für immer und Dich, Disko, Freeze, Feuer, Oh Jonny, Klar, Pump Up Medley

Von der Partymusik von Jan Delay zu anspruchsvollsten Klängen von Placebo. Auch dieser Spagat funktionierte auf Schalke außerordentlich gut. Brian Molko und seine Mitstreiter Steven Olsdal und Drummer Steven Forrest mitsamt ihrer Gastmusiker sind in Bestform und spielen ein Set, das das hohe Niveau dieser Band wiederspiegelt. Mit deutschen Ansagen, bei denen man bei Brian Molko immer rechnen kann, und einigen Hits, avancieren Placebo zum heimlichen Headliner und legen die Latte für die Red Hot Chili Peppers sehr hoch.
Setlist: Kitty Litter, Battle For The Sun, Every You Every Me, Black-Eyed, Special Needs, For What It’s Worth, I Know, Slave To The Wage, Bright Lights, Meds, Teenage Angst, Song To Say Goodbye, The Bitter End, Running Up That Hill, Post Blue, B3, Infra-Red

Aber wenn es eine Band gibt, die mit Druck umgehen kann, dann sind es die Red Hot Chili Peppers, die vor fast 30 Jahren in Kalifornien gegründet wurden. Mit ihrem alterrnativen Funk Rock sind sie seit Dekaden nicht mehr aus der Musikhistorie wegzudenken. Mit ihrer opulenten Bühne und gigantischen Videoleinwänden machen die Herren klar, wer an diesem Abend der uneingeschränkte Platzhirsch in der Schalke-Arena ist.

Wenn der leicht schräge Bassist Michael „Flea“ Balzary seine berüchtigten Ansagen macht und Anthony Kiedis, der trotz seiner fast 50 Lenze immer noch aussieht wie ein Mittdreißiger, einen Hit nach dem anderen anstimmt, dann hat man das Gefühl, mal wieder an was ganz großem teilzuhaben.

Mir Songs wie Scar Tissue, Californication oder der Superhit Under the bridge, der von einen ganzen Stadion beseelt mitgesungen wird, bringen die Peppers die gewünschte Würze in einen tollen Auftritt. Trotz eines gehandicapten Gitarristen Josh Klinghoffer, der mit Krücken auf die Bühne kam und den Auftritt im Sitzen absolvierte, wussten die Red Hot Chili Peppers zu begeistern. Ein Best Of-Programm krönt ein neues Festival, das trotz mancher Soundprobleme doch zu begeistern wusste. Man darf gespannt sein, wer im nächsten Jahr bei Rock im Pott Station macht.
Setlist: Monarchy Of Roses, Dani California, Can’t Stop, Scar Tissue, Look Around,Throw Away Your Television, Universally Speaking, Soul To Squeeze, The Adventures Of Rain Dance Maggie, I Like Dirt, Under The Bridge, Higher Ground, Californication, Goodbye Hooray, By The Way, Suck My Kiss, Ethiopia, Give It Away

Text: Dennis Kresse