Silvester in kurzen Hosen auf einem Festival – in Deutschland undenkbar, in Australien absolut möglich. Um genauer zu sein: Auf dem Falls Music & Arts Festival in Lorne im Bundesstaat Victoria. Lorne ist ein kleines Städtchen im Süden Victorias (ca. 150 km von Melbourne) und liegt gleichzeitig an der beliebten Touristenstraße Great Ocean Road und im Otway Nationalpark. Das Gelände des Falls Festivals befindet sich im letzteren und die Kulisse ist atemberaubend: Umgeben von hochgewachsenen Gianttrees und Eukalyptusbäumen liegt eine riesige, abschüssige Lichtung auf der sich Mainstage, zwei Zirkuszelte, die weitere Bühnen bilden und Fressbuden tummeln.

Dieser Platz bildet das Herzstück des Festivals und kann durch den Abschuss gut zu überblickt werden. Auf einer Nebenlichtung findet sich das sogenannte Village wieder, in welchem verschiedene Kunstprogramme stattfinden – dieses reicht von Theaterstücken, über gemeinsames Basteln und Comedyvorstellungen bis hin zu Installationen und Kunstmärkten. Das Falls Festival in Lorne findet seit 1993 jährlich statt und hat mittlerweile auf zwei weitere Locations (Marion Bay/Tasmania, Byron Bay/New South Wales) expandiert.

Los ging der Spaß am 28.12.2014 und endete (wenn man einen 4-Tages Pass für 417 Australische Dollar (knapp 300 Euro) gekauft hatte) am 01.01.2015. Am ersten Tag hieß es erst mal ankommen und es fand die sogenannte Boogie Nacht statt. In dieser wurde der Menge mit verschiedensten Kniffen eingeheizt. So beispielsweise beim Twerkshop, in dem mehrere eher korpulente Frauen die Menge dazu bewegten, das Twerken zu erlernen. Wäre diese Aktion in Deutschland wohl eher in die Hose gegangen, stellten sich die australischen Besucher hingegen in ordentliche Reihen hintereinander auf und befolgten ohne Wenn und Aber den Anweisungen der Twerkmeisterinnen. Das Ganze hätte eher an eine Massen Arobic- (Twerk) Stunde unter freiem Himmel erinnert als an ein Music and Arts Festival, wären die “Teilnehmer” nicht alle von oben bis unten verkleidet gewesen. Diese Auffälligkeit zog sich übrigens durch die gesamten 4 Festivaltage: Es war ein ständiges Schaulaufen. Während es in Deutschland wohl eher verbreitet ist, sich in seine abgeranzten Festivalschuhe und 2, 3 Bandshirts zu schmeißen, versuchten sich die Australier in ihren Outfits zu übertreffen. Dabei ging es entweder um das verrückteste Kostüm oder das hippste Hipster Outfit (mit einem Auffälligen Touch in den Style der 70er Jahre). Festivaloutfits ala Germany gab es so gut wie gar nicht zu sehen.

Nach dem Twerkshop legten dann die Damen des HipHop-Acts Salt ’n‘ Pepa, vor allem bekannt durch ihre Songs Lets talk about Sex, Whatta Man oder Push it, mit voller Bounceenergie nach. Zum krönenden Abschluss des ersten Abends legte dann die aus Melbourne stammende DJane Allison Wonderland auf. In Australien bekannt als “one of the best DJ’s Australias” bot Allison Wonderland eine 1A Bühnenshow aus Old School Dance, Hip Hop und Electro. Gepaart mit einer verrückten Lichtshow und einer Menge Konfetti beendete sie den ersten Festivalabend bereits um Mitternacht.

Der nächste Festivaltag startete mit dem erst 17-jährigen Künstler Japanese Wallpaper. Durch die multiinstrumentalen Klänge und sanften Gesänge, kann seine Musik in die Ambient Music eingeordnet werden. Japanese Wallpaper’s Debütsingle wurde übrigens als Soundtrack des Hollywood Filmes Wish I Was Here genutzt.

Im Anschluss folgten The Art of Sleeping, eine Indie/Folk Band aus Brisbane. Die 5 Jungs verbreiteten bei strahlendem Sonnenschein super Laune. Die eingängigen Songs mit der prägenden Stimme des Frontsängers Caleb Hodges, sollte sich jeder Indiefan definitiv mal anhören!

The Kite String Tangle ist ein musikalisches Experiment vom alternative Electro Künstler Danny Harley. Spätestens durch seine Single Given the Chance steht er an der vordersten Front der australischen Electro Szene.

Nach diesen beidem Stilbrüchen stand ein weiterer bevor: Dan Sultan betrat die Bühne und eroberte während eines warmen Regenschauers mit einer Mischung aus Country Soul und Rock’n’Roll die Feierlaune des Publikums. Produziert wurde sein letztes Album übrigens von Grammy Award Gewinner Jacuire King, der unter anderem auch Kings of Leon produziert. Dieser Einfluss war durch die starke live-Performance nicht nur herauszuhören sondern auch zu sehen.

Daraufhin folgte der einzige deutsche Akt: Milky Chance, die in Australien Dauerthema sind, spielten ihren aller ersten Gig in Australien auf der Main Stage des Falls Festivals in Lorne. Die beiden 20 jährigen Jungs aus Kassel performten souverän ihr Album Sadnessecary und wirkten teilweise sehr überwältigt von der Textsicherheit der Australier bei wirklich jedem Song. Milky Chance schafften es durch ihren einzigartigen Musikstil und ihrer charmanten Bühnenpräsens das Publikum zu begeistern.

Im Anschluss betraten The Temper Trap die Bühne. Neben Klassikern wie Sweet Disposition spielten die 4 Australier einige neue Songs, die auf dem bald erscheinenden Album zu finden sein sollen. Frontsänger Dougy Mandagi verkörperte eine solche Bühnenpräsens wie man sie wirklich nur bei den ganz großen Stars beobachten kann: Mit seiner Gitarre in der Hand steigerte er sich in jeden Songtext herein und die jeweiligen Gefühle spiegelten sich auf seinem Gesicht wider. Spielte Mandagi nicht Gitarre, griff er zu den Drumsticks und spielte gekonnt die verschiedensten Trommeln. Wer irgendwann mal die Gelegenheit hat The Temper Trap live erleben zu können, sollte sich diese Chance definitiv nicht entgehen lassen! Ein absolutes Highlight auf dem Falls Festival in Lorne!

Nach diesem glorreichen und gelungenen Auftritt ging es weiter mit Jamie XX, ein in Australien gefeiertes Multitalent in Sachen Electro. Er gilt als einer der einflussreichsten Künstler unserer Generation. Trotz dieser hochgesteckten Beschreibung konnte das Mitglied der englischen Band The XX irgendwie nicht überzeugen. Seine Beats wirkten eintönig, die dazugehörige Lichtshow war viel zu umfangreich für die Sounds die er ablieferte. Ob es an der hohen Messlatte lag, die zuvor von The Temper Trap gelegt worden war, oder ob es einfach nicht sein Tag war, blieb an dieser Stelle offen.

Infolge dieses Flops betrat dann Big Freedia die Bühne: Mit viel Hip Hop und Bounce verausgabte sich nicht nur der transsexuelle Künstler mit viel Humor und verrückten Dancemoves sondern auch die Menge.

Am Dienstag den 30.12. ging es dann los mit DMA’s , einer dreiköpfigen Band aus Sydney, die mit ihren Brit-Pop-Tunes irgendwie an Blur und Oasis erinnern. Die isländische Band Ásgeir, die mit ihrem Debütalbum alle Verkaufsrekorde in ihrem Heimatland brach, sorgte für eine ausgeglichene, chillige Stimmung auf der Festivalwiese. Kurz darauf betrat Remi die Bühne, ein aus Melbourne kommender Künstler, der es schafft HipHop, Rap und Indie unter einen Hut zu bekommen. Remi’s Apell an das Publikum “I definetly want you to dance, but I also want you to parcitipate!” drückt ganz gut aus, dass seine Texte nicht nur versuchen gut zu klingen, sondern auch einen tieferen Sinn verfolgen.

Die Band Stinky Fingers lieferten daraufhin eine gelungene Show mit Elementen aus Hip Hop, Rock und Reggae ab und riefen durch ihre Musik, passend zum Wetter, Sommerfeeling hervor.

Weiter ging es dann mit George Ezra. Wer George Ezra das erste Mal live erlebt, kann vorerst gar nicht glauben, dass zu diesem schmächtigen, schüchtern wirkenden Jungen eine solch prägende Stimme gehört. Während der 21 jährige Gitarre spielt, trifft er wirklich jeden Ton und wer davon ausgegangen ist, dass die hohen Töne seiner Songs von Backgroundsängerinnen stammen, der hat falsch gedacht: George Ezra hat nicht nur eine ausgezeichnete Bassstimme, sondern auch eine grandiose Kopfstimme.

Danach ging es weiter mit Cloud Control, einer Band mit Vintage Pop Sound aus Australien. Hiernach fand ein echter Ohrenschmaus statt: Die dreiköpfige Band Movement aus Sydney nahm das Publikum komplett für sich sein. Der Sound der 18-jährigen ist einzigartig: Geprägt von elektronischen Tönen und starkem Bass wird die klare, ruhige Stimme des Frontsängers Lewis Wade begleitet. Ein absolutes Highlight war das neuinterpretierte Cover von Justin Timberlakes Mirrors. Obwohl man diesen Song wohl schon hunderte Male gehört hat, kam er einem doch völlig unbekannt vor. (Noch) ein Geheimtipp für jeden der Lust auf energiegeladene, rhythmische Sounds mit jeder Menge Überraschung hat. Ein wirklich gelungener Auftritt!

Der Abend steigerte sich nur noch ins Unermessliche. La Roux rockte die Bühne mit einer unglaublichen Bühnenpräsens, die bei ihrer zierlichen Erscheinung gar nicht zu vermuten ist. Neben ihren Hits Bulletproof und In for the Kill gewann sie auch mit allen anderen Songs das Publikum ganz für sich und brachte die Menge zum ausgelassenen Tanzen und mitsingen. Wer hiernach eine Verschnaufpause brauchte, hatte nicht viel Zeit, denn eine halbe Stunde später standen Empire of the Sun auf dem Plan. Die aus Australien stammende Elektro Band, die in Deutschland wohl eher durch ihre tanzbaren Songs Alive und We are the people bekannt sind, lieferten eine Bühnenshow ab, die vor allem eins war: Verrückt. Eher ungewöhnlich für Festivalgigs, scheuten sich Empire of the Sun nicht davor, Kostümwechsel einzulegen, Backgroundtänzerinnen mit einstudierten Choreographien und aufwendige Solos in ihrer Show zu integrieren. Dachte man im einen Moment, diese Konfettikanone wird wohl die letzte für diesen Abend sein, folgten drei weitere. Dachte man in einem anderen Moment, es kann nicht mehr abgedrehter werden, präsentierte sich Frontsänger und Gesicht der Band Luke Steele von einer weiteren, absolut verrückten Seite. Am Ende dieses Wahnsinns zerschmetterte er wie von Sinnen noch seine Gitarre zum Abschied. Grandioser, völlig verrückter Auftritt.

SBTRKT (gesprochen „Subtract“), ist ein musikalisches Projekt des Musikers Aaron Jerome aus London. Er vereint Dupstep, Electro und Indiepop miteinander und ist vor allem mit seinen Tracks Wildfire (feat. Little Dragon) und natürlich New Drop. New York mit Vampire Weekend’s Frontsänger Ezra Koenig im Alltag präsent. Mit einer an die Mayakultur erinnernden Maske legte er eine knappe Stunde auf und begeisterte die mittlerweile schon völlig verschwitzte Menge nun vollends. Wer nach diesem Schlag auf Schlag Aufgebot noch die Kraft hatte weiter zu feiern, konnte sich dann bei dem, in Melbournes Clubszene bekannten DJ, Tooren Foot verausgaben.

Am 31.12., der letzte Tag des Festivals, ging es dann vorerst entspannt los, um dem Publikum nach dem vorangegangen Hammer-Abend noch ein bisschen Auszeit zu gönnen. Der Vormittag war vor allem geprägt durch Jazz (Horns of Leroy), Blues, Folk und Pop (Kim Churchill) und melodischem Electro (Fishing) geprägt.

Das nächste größere Highlight stand an, als Vance Joy die Bühne betrat. Ein Heimspiel für den aus Melbourne stammenden 26 jährigen: Natürlich konnten die Festivalbesucher jeden Song des Lockenkopfes mitsingen. Für jedes Lied griff Vance Joy zu einer anderen Gitarre oder Ukulele. Als er seinen Hit Riptide anspielte, war das Publikum nicht mehr zu halten und schrie den Songtext auch ohne musikalische Begleitung in den wolkenlosen, sonnigen Himmel.

Die englische Band Glass Animals, die im Juni letzten Jahres ihr Debütalbum ZABA veröffentlichte, folgte und legte einen Indie-Rock Auftritt hin. Ihre Sounds gehen ins Ohr und sind für jeden Fan von Bands wie SOHN empfehlenswert. Weiter ging es dann mit Cold War Kids, einem Indiequartett, welches geschaffen ist für die Festivalbühne. Sie brachten die auf Neujahr wartende Menge definitiv richtig ins Schwitzen. Hiernach folgten Safia und Tycho, die jeweils mit elektronischem Pop und Synthesizerklängen für ausgelassene Stimmung sorgten.

Blue Juice, eine in Australien populäre Band aus Sydney, spielten im Anschluss ihre aller letzte Show nach einer 13 Jahre langen Karriere mit drei veröffentlichten Alben. Das war der Band durchaus anzusehen: Sie verausgabten sich bis auf Letzte und Sänger Jake Stone brauchte zwischenzeitlich auch die ein oder andere Verschnaufpause, nachdem er sich (kläglich) im Stagediven versucht hatte oder während des Auftrittes ein Workout performte.

Als nächstes Highlight standen Alt-J, bekannt durch ihre Songs Breezeblocks und Matilda, auf dem Plan. Obwohl sie musikalisch und gesanglich einwandfrei ablieferten, konnten sie dennoch nicht richtig überzeugen. Dies lag jedoch wohl einfach daran, dass ihre Musik vielleicht nicht die festivaltauglichste ist und sich in einem kleinen Club einfach besser machen würde.

Hiernach wurde dann mit Joey Bada$$ ins neue Jahr gefeiert. Und das sorgte für genau die richtige Stimmung! Der 19 jährige New Yorker, der vor allem an den HipHop der 90er Jahre erinnert, brachte das Falls Festival grandios in ein Neues Jahr 2015.

Kurz nach Neujahr betraten dann The Presents die Bühne: Mit einem überwältigen DJ-Set startete man in das neue Jahr. Die beiden Australier waren nicht zu stoppen und das färbte definitiv auf die Menge ab. Nach knapp anderthalb Stunden völliger Eskalation folgten dann noch die DJs Yahtzel, Todd Terje und Benson, die alle auf jeden Fall für Stimmung sorgten, allerdings nicht besonders aus dem Rahmen fielen. Um 4:00 Uhr ging dann der letzte Gig zu Ende.

Alles in allem war The Falls Music & Arts Festival ein absolut gelungenes Festival, mit einer Menge Überraschungen und viel Spaß auch abseits der Festivalbühnen im Village.

Achja, und eine Sache noch: Die Australier sind bisher noch nicht zu dem, in Deutschland leider immer auffälliger werdenden, Trend herübergegangen, alle Künstler mit dem Handy zu filmen. Sie genießen einfach.

Text: Melina Pospiech
Bilder: James Douglas