Bei Neuroticfish ist so einiges bemerkenswert… Mal eben so zehn Jahre Pause zwischen zwei Alben zu lassen, ist ja die eine Sache, die andere aber: Sie wurden dabei nie vergessen. Live machen sie sich rar, dennoch wurden sie immer wieder gefeiert, wenn sie mal wieder auftauchten, gefragt waren sie immer. Nun, zehn Jahre nach „Gelb“ hat die Band mit „A Sign Of Life“ den Nachfolger veröffentlicht, der eine Menge Gesprächsstoff hergab. Rund um das Album, aber auch zur Band an sich, zum Live-Spielen und mehr. Hier die Antworten auf den Stapel Fragen, den wir Sascha von Neuroticfish gemailt haben.

Auch wenn es bereits das „Jahr 10 nach Gelb“ ist, hat man Euch in den letzten Jahren immer mal wieder live spielen sehen. Wann und wie kam dann der entscheidende Punkt, an dem Ihr dachtet: „So, jetzt muss auch wieder ein Album her“?

Das Ganze ging eher parallel von statten. Als ich 2012 wieder den Drang verspürte wider was mit Neuroticfish zu machen, rief ich direkt Henning an. Wir hatten bis zu dem Zeitpunkt nur sporadisch Kontakt und telefonierten immer mal zwischendurch. Seine Reaktion war sehr euphorisch „Ich hab gedacht Du fragst nie. Komm vorbei, wir fangen sofort an…“ Was wir dann auch taten. Dabei kam dann „Former Me“ heraus und ich fing wieder an Songs zu schreiben. Die Produktion das Albums hat sich dann doch länger hingezogen als wir erwartet haben.

Wie hat sich das für Euch angefühlt, trotz so langer Abstinenz vom Publikum immer noch so gefeiert zu werden? Auch in einem Umfeld habe ich viele erlebt, die sehr begeistert auf Eure Rückkehr reagiert haben.

Das ist schon ein seltsames Gefühl. Wir sind nicht davon ausgegangen, dass man uns noch kennt, da es so viele neue erfolgreiche Musik gibt und die Möglichkeiten Musik zu veröffentlichen und zu promoten immer einfacher geworden sind. Als wir aufgehört hatten, gab es ja auch bisher nur 3 Alben von uns. Als dann im März 2013 unser Reunion-Konzert komplett ausverkauft war, waren wir schon sehr überrascht. Man konnte uns auch die Nervosität auf der Bühne anmerken. Aber die Leute haben uns so herzlich empfangen, dass das alles sehr schnell verflogen war.

Wie würdet Ihr den Weg charakterisieren, der vom Entschluss zum Album dann zum vorliegenden Werk geführt hat?

Ich glaube uns geht es dabei immer primär um den Prozess, die eigentliche Entwicklung von Songs. Uns war schon klar, dass wir ein Album machen wollten, aber wir haben uns vorab keine Gedanken gemacht, wann es fertig sein sollte oder wieviele Songs es enthalten wird. Ich habe einfach angefangen zu schreiben und die Demos dann an Henning geschickt. Irgendwann hatten wir dann ein Berg aus Songs, aus denen wir dann das Album zusammengestellt und mit der Produktion begonnen haben.

Das neue Album ist auf Eurem eigenen Label erschienen. Wie hat das die Arbeitsweise an „A Sign Of Life“ beeinflusst?

Freiheit ist, glaube ich, hier das Schlüsselwort. Wir haben NOR nur aus dem einen Grund gegründet, die volle Kontrolle über unsere Arbeit zurück zu erlangen. Nicht dass wir die Arbeit der Labels, mit denen wir über Jahre zusammen gearbeitet haben, nicht schätzen würden – Die Entscheidungsprozesse sind jetzt viel einfacher und schneller. Bei einem Label-Deal hast nicht immer die Freiheit, zu entscheiden, wo und wie und wann dein Album erscheinen wird. Ein eigenes Label bedeutet natürlich viel mehr Arbeit und mehr eigenes Risiko, aber dafür sind wir jetzt wirklich wieder „indie“ ;)

Wie kann man sich denn generell so das Entstehen eines typischen Neuroticfish-Stückes vorstellen?

Das ist sehr unterschiedlich. Ich bin als Künstler immer an neuen Methoden interessiert, Kreativität zu auszulösen und permanent auf der Suche nach Inspiration. Ich experimentiere dann sehr viel mit Beats, Melodien und Text-Phrasen herum, bis sich etwas herausarbeitet, das für sich alleine bestehen kann. Ich höre mir auch gern Musik unterschiedlicher Genres an und versuche mich daraus inspirieren zu lassen. Ich empfinde das immer als einen sehr spannenden aber auch sehr schwierigen Prozess.

Ich würde nun gerne inhaltlich näher auf das Album eingehen… Laut Albuminfo ist „A Sign Of Life“ nicht nur der Name des Albums, sondern auch das Konzept. Könnt Ihr das näher erläutern?

Zunächst war „A Sign Of Life“ nur der Arbeitstitel des Albums aber uns wurde relativ schnell klar, dass viel mehr dahinter steckt. Ein Lebenszeichen ist ja das Ergebnis einer Zustandsabfrage – Schrödingers Katze kommt mir da sofort in den Sinn, oder die heisenbergsche Unschärfe-Relation. Das hat uns sehr inspiriert
und deswegen wird der Titel auch nicht auf die CD gedruckt. Die CD ist ja das eigentliche Lebenszeichen. Genauso verhält es sich mit unseren Live-Shows. Wir machen keine ausgiebigen Tourneen, wir platzieren einzelne exclusive Gigs als „Signs of Life“.

Auch, wenn „Gelb“ lange her ist: Wie würdet Ihr die Unterschiede und Neuerungen auf „A Sign Of Life“ gegenüber „Gelb“ benennen?

Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. „Gelb“ war ein Kind seiner Zeit, genauso wie es „A Sign Of Life“ ist. Wir alle haben uns verändert und weiterentwickelt, und so ist das neue Album auch ein Stück Weiterentwicklung für uns. Als Songwriter habe ich das Gefühl, dass meine Texte direkter geworden sind. Ein Freund sagte mir mal, meine Texte würden endlich nicht mehr „um den Brei herum“ reden. Vom Sound her haben wir natürlich neue Einflüsse aus unterschiedlichen Genres aufgesogen und in unsere Songs integriert.

Ihr setzt Euch auf dem Album sehr mit dem Thema „Angst“ auseinander. Warum ist Euch das Thema so wichtig?

Wir mastern ja gerade unsere alten Alben neu. Das haben wir ja schon mit „No (More) Instruments“ begonnen. Dabei ist uns aufgefallen, dass sich „Angst“ als Ursache oder Auslöser, nicht immer direkt erkennbar, aber doch fast durchgängig durch unsere Songs zieht. Anscheinend ist es das Thema, das mich als Songwriter künstlerisch am meisten interessiert. Wenn man sich so paar Gedanken über unser Leben und unsere Gesellschaft macht, stellt man Fest, dass Angst ein sehr starker Motor sein kann. Zum Beispiel ist Angst ein beliebtes Mittel in der Politik um die Bevölkerung zu beeinflussen oder Handlungen zu rechtfertigen. Nehmen wir doch mal die Angst vor Terrorismus. Wenn die Leute nicht soviel Angst vor Terrorismus hätten, würden sie nicht so leicht die ganzen Bespitzelungsaktionen der Geheimdienste über sich ergehen lassen. Aber Angst ist ja nicht grundsätzlich falsch. Sie wird nur in der Gesellschaft oft als Schwäche interpretiert. Dabei ist Angst, das was uns am Leben hält, was uns z.B. davon abhält lebensgefährliche Risiken einzugehen.

Inwieweit würdet Ihr das Thema „Angst“ in Zusammenhang mit dem Thema der ständigen Erreichbarkeit in Zusammenhang bringen? Seht Ihr Gefahren in der heutigen, äußerst vernetzten, Gesellschaft?

Es ist schon sehr seltsam, dass wir uns schon vor 10 Jahren in „Bomb“ mit dem Thema der ständigen Erreichbarkeit auseinander gesetzt haben, ohne wissen zu können wo das alles noch hinführt. Jeder hat heute ein Smartphone und teilt diesem, sein ganzes Leben mit. Ich nehme mich da nicht aus. Bist Du dann noch in den gängigen Social-Media-Plattformen, wie Facebook, Google+ usw. aktiv, ist es für die Hersteller relativ einfach, ein Profil von Dir zu erstellen, dein Verhalten vorauszusagen, etc. Die Plattformen bieten Dir nur vermeintlich ihre Dienste kostenfrei an – bezahlt wird mit deinen Daten. Das alles hat mittlerweile eine Eigendynamik entwickelt, die mir wirklich Angst macht. Denn niemand weiß, wofür seine Daten benutzt werden können.

Ich habe mal ein paar Stücke rausgepickt, über die ich gerne mit Euch sprechen würde. Eines ist „Depend On You“. Wie beurteilt Ihr es, von anderen abhängig zu sein? Welche Idee steckt hinter dem Stück?

In unseren Songs arbeite ich ja immer in Personen oder nehme andere Persönlichkeiten an und entwickle neue Charaktere. Das ist meine Art, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen. In dem Lied geht es um jemanden, der sich dadurch bequem gemacht hat, von einem anderen Menschen abhängig zu sein. Er übergibt die Kontrolle an diese Person und reagiert nur noch. Die kontrollierende Person, kann wiederum nicht leben, ohne andere zu kontrollieren und gerät dadurch in die Abhängigkeit von der zu kontrollieren Person. Solche Beziehungen sind mir schon mehrmals begegnet und haben mich zu „Depend On You“ inspiriert.

„Former Me“ ist ebenfalls sehr interessant. Worum geht es hier?

„Former Me“ ist über eine Person, die Ihr Leben nur als einzige Party versteht und sich später wundert, warum sie so kaputt ist. Sie hat Angst etwas zu verpassen und verpasst dann im Grunde ihr komplettes Leben.

Es folgt „The Creep“, eröffnet mit den Worten „I’m a creep because I always suffer“. Klingt ja alles nicht sehr erbaulich. Worum geht es?

„The Creep“ ist über jemanden, der versucht dem Leistungsdruck seiner Umwelt gerecht zu werden und dadurch Angst bekommt, nicht dazuzugehören. Er versucht etwas darzustellen, was er nicht ist und zerbricht daran. Wir merken doch alle, dass unsere Gesellschaft ständig kälter, leistungs- und konsumorientierter wird. Wenn Du nicht der sogenannten „Norm“ entsprichst, bist Du schnell ein „Versager“ oder „Freak“. Meist bist du dann nicht „schön“ genug oder nicht „reich“ genug, oder beides. Guck dir doch die ganzen widerlichen und zynischen TV-Formate an, wo Leuten vorgegaukelt wird, sie wären was Besonderes, sie aber dabei vorgeführt und erniedrigt werden. Nur damit der Zuschauer sich darüber erheben und daran ergötzen kann. Das sind die modernen Gladiatoren-Spiele.

Das Album endet mit „Illusion of Home“. Wie würdet Ihr diese Illusion beschreiben?

„Illusion of Home“ ist die Sehnsucht nach der sprichwörtlichen „heilen Welt“. Ich glaube, dass jeder versucht, diese heile Welt für sich zu erschaffen und zu bewahren. In diesen Songs bedeutet das, jemand nicht gehen lassen zu wollen. Das haben wir zugegeben recht böse und zynisch beschrieben.

Wenn wir das Album wieder in seiner Gesamtheit sehen: Wie sieht Eure Erwartungshaltung mit dem Album aus? Wen oder was möchtet Ihr damit erreichen?

Wir haben da nicht wirklich spezifische Erwartungen. Zugegeben, möchte man als Künstler natürlich wissen, wie das Album ankommt und ob es den Leuten gefällt. Der eigentlich spannende Part, die Entwicklung, das Schreiben, das Produzieren ist ja beendet. Wir machen unsere Alben im Grunde immer nur für uns… dabei freut es uns natürlich, wenn’s noch anderen Leuten gefällt – Wir werden sehen ;)

Ist denn zum Album auch dann eine Tour geplant? Bisher habe ich für Shows von Euch eher nur vereinzelte Daten entdeckt…

Wir werden nicht touren. Es wird einzelne exklusive „Signs Of Life“ geben. Das ist unser Konzept und dabei werden wir auch bleiben. Ganz zu schweigen davon, dass es für uns an sich schon schwierig war gemeinsame Termine für die Album-Produktion zu finden. Umso schwieriger wäre es für uns eine ausgiebige Tour zu organisieren. Henning ist erfolgreicher Musikproduzent und dadurch ständig unterwegs, ich habe auch mehrere Projekte um die ich mich kümmern muss und dann haben wir beide noch Familien.

Ob nun viele oder wenige Termine: Wie würdet Ihr selbst Eure Shows beschreiben? Warum sollte der Zuschauer unbedingt zu Euren Shows kommen?

Unsere Shows sind purer Electro. Wir haben keine aufwändige Bühnenshow mit Requisiten, Kostümen oder ähnlichem, theatralischen Blödsinn, den einige Bands der Szene so gerne zelebrieren ;) Bei uns gibt es 200% Neuroticfish, bis wir nicht mehr stehen können. Das merkt man auch an der Stimmung bei unseren Konzerten.

Andersrum gefragt: Wie definiert Ihr eine gute Show für Euch selbst? Wie muss es laufen, damit Ihr rundum zufrieden von der Bühne geht?

Es muss der sprichwörtliche Funke überspringen. Wir haben beide wahnsinnigen Spaß auf der Bühne und nehmen uns dabei nicht wirklich ernst. Für uns ist wichtig, dass die Leute dann genau soviel Spaß haben wie wir. Erst wenn das erreicht ist, sind wir zufrieden ;)

Zum Schluss noch die Frage nach einem kurzen Ausblick: Gibt es schon weitere Pläne für das, was nach dem Album kommen wird?

Wir überlegen noch, ob wir eine weitere Single auskoppeln wollen und falls ja, welche das sein wird. Dann werden wir noch ein Paar Shows machen. Wir spielen z.B. in diesem Sommer auf dem Amphi. Weitere Shows werden folgen. Ich werde an meinen Solo-Projekt „Simon Fawlter“ weiterarbeiten und noch ein Projekt mit befreundeten Musikern aus der Taufe heben. Es wird also nicht ruhig werden, keine Sorge ;)

Homepage: www.neuroticfish.com
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Interview: Marius Meyer
Bilder: Mareile Vaags (ausgenommen Album-Cover)