Er ist die neue Hoffnung der deutschen Jazz-Trompeter: Nils Wülker. Bei Schmuddelwetter in Köln stellte alternativmusik.de Nils Wülker einige Fragen im Hallmackenreuther, einem Café im Herzen der Domstadt und wir erfuhren einiges Wissenswertes über den Mann, der auf Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Musikern zurückblicken kann, wie etwa Ute Lemper, Dominic Miller oder Samy Deluxe. Wir sprachen mit dem Jazzer über seinen Ausgleichssport, das Klettern und über die zahlreichen Gäste auf seinem neuen Album „Up“ wie Max Mutzke, Xavier Naidoo und anderen. Zudem haben wir ihn auch nach Till Brönner gefragt und die Antwort war erstaunlich. Viel Spaß beim Lesen!

Dein Album „Up“ ist jetzt ein paar Tage draußen. Spürt man da sowas wie Erleichterung, „Endlich fertig“ oder überwiegt da das Gefühl, „Ach, das hätte man besser machen können“?

Also ein paar Sachen kann man natürlich immer besser machen, das ist ja gar keine Frage. Das hab ich auch noch nie erlebt, dass man mit einem Album rundum zufrieden ist. „Up“ ist eine Standortbestimmung, es zeigt den Istzustand. Wenn ich es ein halbes Jahr früher oder später veröffentlicht hätte, dann würde es mit Sicherheit anders klingen. Wobei das nicht zwingend besser oder schlechter ist, es ist halt ein paar Monate später oder früher. Ist ja auch stimmungsabhängig, was dabei rauskommt. Aber im Großen und Ganzen bin ich sehr zufrieden mit dem Album und auch sehr glücklich, dass es jetzt veröffentlicht wurde, es lastet halt ein gewisser Druck auf einem. Umso schöner ist es dann, wenn man es endlich mit der Welt teilen kann. Das erste Feedback ist sehr, sehr gut.

Auf dem neuen Album geben sich die illustren Gäste die Klinke in die Hand, wie bist du an die rangekommen? War das dein Management oder trifft man sich zufällig und tauscht Handynummern aus?

Tatsächlich rund 80% der Kontakte über das Management. Ich wollte nach dem Vorgängeralbum „Just here just now“, was nur aus Instrumentals bestand, endlich mal Vocals dabei haben, da meine Musik über die Jahre immer songmäßiger wurde und da lag der Wunsch halt nahe, meine Musik mal mit Gesang zu verbinden. Letztendlich haben wir auch Leute gefragt, von denen wir angenommen haben, dass die Lust haben, dabei zu sein. Natürlich hab ich da als Kompositeur immer noch die Entscheidungsgewalt, aber wenn zum Beispiel Xavier Naidoo, mit dem ich ja „I just want to play“ geschrieben habe, dann kann ich ja nicht sagen, „Xavier, sing das so“. Das ist bei den Kalibern, die wir auf diesem Album vereint sind, überhaupt nicht nötig. Xavier muss das so machen, wie er es in dem Moment erfindet, das gilt auch für Max Mutzke oder Sasha, die sich direkt in den Song eingebracht haben. Es war eher ein großes Brainstorming, wo alle den Vorschlägen des anderen gegenüber sehr offen waren. Mein Respekt vor diesen gestandenen Künstlern ist sehr groß. Außer Max, mit dem ich schon live aufgetreten bin, kannte ich keinen persönlich, aber es war trotzdem binnen weniger Augenblicke eine freundschaftliche Atmosphäre da.

Du wirst im Mai mit dem Jazz Echo als bester Instrumentalist ausgezeichnet. Was bedeuten dir Auszeichnungen, hast du eine Vitrine oder siehst du die als Staubfänger?

Das freut mich natürlich sehr, das ist ein bisschen wie Applaus bekommen, eine Auszeichnung und der Beweis, dass man irgendwas richtig gemacht haben muss.

Dein Album heißt „Up“. Welche Idee steckt hinter dem Namen? Geht‘s jetzt steil nach oben?

Ha, ha, wäre wünschenswert. Der Titel kommt daher, dass ich bei den Aufnahmen festgestellt habe, dass es eine nach vorne treibende Energie hat. Dieser Drive und dieses Vorangehen und dann ist es ein kleiner Schritt bis zu „aufwärts“. Die Musik geht nach vorn, auch wenn es, wie immer bei mir, auch einige melancholische Momente hat. Aber es ist, wie man im Englischen sagt, „uplifting“.

„Up“ heißt ja aufwärts. Wenn man sich deine Facebook-Seite so ansieht, dann kann man dich als Kletterer sehen. Ist das ein höherer Adrenalinspiegel als live auftreten oder kann man das nicht vergleichen?

Der Adrenalinspiegel ist bei beiden gleich, aber auch wenn die beiden Sachen, Trompete spielen und Klettern, auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, gibt es doch Gemeinsamkeiten. Dieses Fokussieren auf einen Moment, das ist bei beiden gleich. Dieses meditative Gefühl als solches.

Wie siehst du eigentlich andere Trompeter, die ein anderes Genre bespielen, wie Sven Regener von Element of Crime oder die Ska-Bewegung?

Ich habe früher auch gerne mal Ska gehört, klar. Da gibt’s Unterschiede, nicht jeder, der eine Trompete spielt, hat auch eine gewisse Technik, aber das ist ja auch gar nicht nötig, letztendlich ist doch der Kontext entscheidend, wenn es mich emotional berührt, ist es klasse. Das ist ja wie bei Gesang – ich hab letztens „Hurt“ von Johnny Cash gehört. Das ist auch nicht „schön“ gesungen, aber das treibt einem die Tränen in die Augen und die Haare stellen sich auf. Cash hatte nie eine klassische Gesangsausbildung, aber mehr als Johnny Cash kann man nicht aus einem Song herausholen. Und wenn jemand einen Weg findet, mit der Trompete was zu machen, was Emotionen hat, dann ist es völlig egal, ob der auch in anderen Genres zu Hause ist.

Wie kann man generell sagen, entsteht ein typischer Song von Dir, von der Inspiration bis hin zum fertigen Song?

Eine Formel gibt’s nicht, manchmal bin ich irgendwo unterwegs und dann kommt mir eine Idee für einen Song und es geht ganz schnell, wie im Falle des Openers von „Up“, der Nummer „Dawn“. Da war ich in Los Angeles zu Beginn des Jahres und hab da mit Mocky, der schon mit Gonzales oder Feist zusammengearbeitet hat, zusammengesessen und da ich ja einen Jetlag hatte, konnte ich ganz frühmorgens ins Studio, denn da war eine Wohnung integriert und wenn man dann in Hollywood Hills, wo dieses Studio liegt, sich den Sonnenaufgang ansieht, dann setzt man sich gerne ans Klavier oder greift sich die Trompete und beginnt zu komponieren. Im Falle von „Dawn“ ging das sehr schnell, es hat einen Tag gedauert, den Song zu schreiben. Auf der anderen Seite aber, wie bei „A fine line“, wo ich zwei Teile hatte und gar nicht genau wusste, wie die Teile anzuordnen sind, das war ein ziemliches Rumdoktern. Manche Songs fallen total leicht und wieder andere sind ein langwieriger Prozess, aber ich hoffe und meine, dass man es den Songs nicht anmerkt. Ich brauche halt auch im Studio das Gefühl des Livespielens.

Warum sollte man Dich unbedingt live anschauen?

Also, ich achte da schon drauf, dass es nicht Ton für Ton wie auf dem Album klingt, dann kann man sich auch eine CD kaufen. Die Songs entwickeln sich auch während einer Tour. Die Band, die mich begleitet, ist dieselbe wie auf den letzten beiden Alben und dieses blinde Verständnis, das zwischen uns herrscht, das merken halt die Zuseher auch. Rob Summerfield wird die Vocals übernehmen, ein junger Mann mit einer herausragenden Stimme.

Welche drei Dinge sollten Deiner Erfahrung nach auf keinem Fall im Tourgepäck fehlen?

Musik zum hören, viel zu lesen und ein Paar Laufschuhe. Ich bin ein Fan der Old School, also am liebsten Vinyl und richtige Bücher, zumindest nicht problemlos mit Schallplattenspieler, ha ha.

Welches Lied hättest Du gerne selbst geschrieben und warum?

Also der Startschuss für mich im Jazz war natürlich „Kind of Blue“ von Miles Davis, das ich entdeckt habe, als ich 16 war und das war eine starke Erfahrung. Als hätte man mir eine neue Farbe gezeigt, ein für mich sehr prägendes Album, denn Jazz kannte ich vorher nicht. Es fand weder zu Hause statt noch bei meinem Trompetenlehrer. Aber es gibt so unendlich viele Songs, ich hätte gerne irgendeinen Stevie Wonder-Song geschrieben, egal welchen, oder auch Sting-Songs. Ich kenne ja seinen Stammgitarristen Dominic Miller von mehreren Alben – ein toller Typ.

Ich kann es dir nicht ersparen: Wie ist es, wenn man in jeder Kritik mit Till Brönner verglichen wird? Nervt das oder ist dir das egal oder lacht man drüber?

Wir kennen uns sehr gut und wir verstehen uns auch sehr gut. Ich selbst fühle mich Till musikalisch eigentlich gar nicht so nah. Okay, wir kommen beide aus Bonn und machen Jazz, der nicht nur die Jazzhörer erreicht. Aber Till nimmt sich mit jedem Album ein bestimmtes Thema vor, wie sein aktuelles, wo er bekannte Filmmelodien aufgenommen hat, also „Till Brönner plays the music of…“ und ich seh‘ mich irgendwie eher als Singer-Songwriter. Für mich ist Songs-Schreiben total wichtig. Ich brauche dieses Gefühl: „Das ist meine Musik.“ Ich bin nicht der Typ, der sich ein Thema vornimmt oder covert. Tills Herangehensweise ist eine ganz andere.

Wo siehst Du Dich und Deine Musik in 10 Jahren?

Ich habe keinen Masterplan und hab‘s auch bis heute nicht geschafft, weiter als bis zum nächsten Album zu denken. In so ein Album fließt immer alles mit ein und ich will auch nie eine Idee zurückhalten und für die nächste Platte erst verwenden. Also beginnt jedes Album immer bei Null und das hat sich bewährt.

Mit wem würdest Du gerne mal zusammen ein Stück aufnehmen?

Wir haben ja eben über Johnny Cash gesprochen, das wäre sicher ein Highlight meiner musikalischen Karriere geworden, mit dem mal was zu machen. Aber unter den Lebenden gibt’s natürlich auch noch so einige, Sting natürlich oder Stevie Wonder.

Vervollständige bitte den folgenden Satz: Musik ist für mich die Welt, weil …

… Sie der unmittelbarste Weg ist, mich auszudrücken.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Interview: Dennis Kresse
Bilder: David Königsmann