Kaum mit dem Flugzeug aus New York City gekommen, schon bereit für ein Interview mit Alternativmusik.de. Sehr vorbildlich, dieser Jon Spencer. Anlässlich des neuen Albums „Meat and Bone“ führten wir im Rahmen des Reeperbahn Festivals ein Interview im Hotel Monopol und sprachen über das erste Blues Explosion-Album nach acht Jahren, die Songs darauf, den Weg zum Album, Hamburg, das Live-Spielen und so einige andere Themen. Trotz Jetlag vom Interkontinentalflug zeigte Jon Spencer sich sehr auskunftsfreudig.

Du bist heute schon nach Hamburg gekommen, eure Show spielt ihr aber erst morgen…

Zwei Shows: Wir werden den Festivalauftritt spielen und zuvor am Nachmittag im Plattenladen.

Dennoch ist immer noch viel Zeit bis zu den Shows. Was machst du bis dahin?

Jetzt rede ich gerade mit dir, dann kommen noch andere Interviews, es gibt Essen… Wir sind gerade erst aus New York City angekommen, wir sind über Nacht geflogen. Wir werden versuchen, uns bis zur Show ein bisschen auszuruhen.

Wie fühlst du dich, acht Jahre nach dem letzten Blues Explosion-Album wieder in Deutschland zu sein?

Ich fühle mich sehr gut. Ich bin sehr erfreut über das neue Album „Meat and Bone“ und bin neugierig, wie die Leute in Deutschland darauf reagieren werden. Das waren einige Jahre seit dem letzten Album, aber wir haben in den letzten Jahren einige Konzerte in Deutschland gespielt. Hamburg ist natürlich ein besonderer Ort. Gerade diese Gegend hier ist für uns mit vielen Erinnerungen verbunden. Wir hatten hier gute Freunde bei Crypt Records, bei denen wir viele Jahre veröffentlicht haben. Das Büro und deren Store waren hier. Da haben wir viel Zeit verbracht.

Acht Jahre sind eine lange Zeit. Wann habt ihr euch entschieden, ein neues Blues Explosion-Album zu schreiben?

Das letzte Album „Damage“ erschien im Jahr 2004, danach sind wir fast das komplette Jahr 2005 auf Tour gewesen. Dann haben wir eine Auszeit genommen und sind für einige Jahre nicht getourt. Im Jahr 2008 haben wir dann wieder angefangen, zusammen Konzerte zu spielen und auf Tour zu gehen. Erst langsam, dann wurde es wieder mehr und mehr, weil wir eine tolle Zeit hatten und das Spielen genossen haben. Wirklich ernsthaft daran gedacht, ein neues Album aufzunehmen, haben wir vor etwa anderthalb Jahren. Die meisten Stücke wurden im Sommer 2011 geschrieben.

Wenn du das neue Album „Meat and Bone“ mit „Damage“ vergleichst: Wo würdest Du Unterschiede zwischen den Alben sehen?

Da gibt es große Unterschiede. Das neue Album „Meat and Bone“ erscheint nach einer langen Pause. Die Pause hatte denke ich positiven Einfluss auf die Band. Wir sind erfrischt wiedergekommen und machen das zusammen ganz einfach, weil wir es wollten… Es macht uns Spaß, zusammen zu arbeiten und Musik gemeinsam zu machen. Wir machen das für uns, weil es sich gut anfühlt – wie wir es immer gemacht haben. Das neue Album unterscheidet sich stark von „Damage“. Auf „Damage“ hatten wir eine Menge Gäste, sehr gute Musiker wie Martina Topley-Bird und großartige Produzenten wie David Holmes. Diesmal ist das Album wirklich nur von uns. Keine Gastmusiker, keine äußere Produktion, keine Einflüsse von außen. Einfach nur Blues Explosion! Das ist ein großer Unterschied.
Ein weiterer Unterschied ist, dass das Album nach den Re-Issues erscheint, die wir 2010 rausgebracht haben. Dieses Projekt und die Geschichte hat uns in der Art und Weise des Songwritings und wie wir das neue Album gemacht haben, beeinflusst. Wir wurden von der Vergangenheit beeinflusst, aber es ist im selben Moment sehr modern. Das ist ein Album der heutigen Blues Explosion, wie es nur von einer Band aufgenommen werden kann, die bereits seit über 20 Jahren zusammen gespielt hat.

Ich habe gelesen, dass sich das Album für dich gewissermaßen wie ein weiteres erstes Album anfühlt…

Das ist genau das, wovon ich spreche. Trotz der Einflüsse aus der Vergangenheit mit den Gastmusikern und tollen Produzenten sind es diesmal einfach nur wir drei. Die Band! Wir gehen zurück zum Herz und der Essenz der Blues Explosion. So gesehen ist es etwas wie ein erstes Album. Aber ich will das nicht überstrapazieren. Es ist ein neues Album das nur mit der Erfahrung von so vielen Jahren gemacht werden konnte.

Ich würde dann gerne mal den Albumtitel anschauen. Warum heißt das Album „Meat and Bone“?

Ich denke, dafür gibt es mehrere Gründe. Einer der Gründe ist, wie wir bereits diskutiert haben, dass es das Herz der Band zeigt, den Kern. Wir haben alle Zwischenschichten abgelegt, die Kleidung ausgezogen, die Haut abgezogen und so sind nur noch Fleisch und Knochen übrig.
Aber das Album nimmt auch Bezug auf das Altern. Wir sind nicht nur seit vielen Jahren eine Band, wir sind auch ältere Menschen geworden. Wir werden alle älter. Das ist ein wichtiges Thema auf dem Album. Verfall, Tod… Wir bewegen uns durch die Welt und werden älter. Man sammelt Erfahrungen und lernt eine Menge, aber im selben Moment stirbt der Körper langsam und verfällt. In dieser Maschine sind wir alle gefangen, daher fand ich es sinnvoll, ein Album „Meat and Bone“ zu nennen, da es sich auf diese Gedanken bezieht. Das ist ein grausamer Trick, den Mutter Natur mit allen von uns spielt.

Zudem ist da auch der Song „Bag of Bones“…

Gewissermaßen rede ich da von mir, ich bin der Sack voller Knochen. Aber eigentlich ist es ein Angriff oder eine Beschwerde über die Musikszene. Ein Fingerzeig sozusagen. Das ist wie als wir die Blues Explosion gestartet haben. Es gibt viele Bands, die meinen, Rock zu machen, dabei aber langweilig und nicht echt wirken. Das ist damals wie heute so. Diese Art von Stücken schreiben wir seit Bandbeginn.

Ich habe noch zwei weitere Songs ausgewählt. Einer ist „Ice Cream Killer“. Wer ist dieser Killer?

Das ist nicht wirklich ein Killer in dem Sinne. Der Song ist beeinflusst von einem Ereignis, das mir und meinem Sohn in New York City passiert ist. Er fuhr auf seinem Fahrrad und wurde von einem Laster angefahren, einem Eiscreme-Laster. Ihm ist nichts passiert, aber es war schlimm für mich, ihn so zu sehen. Er fuhr vor mir und ich konnte nichts tun. Das war sehr beängstigend, diesen Unfall zu sehen. Dazu die Vorstellung, dass er da unter die Räder hätte geraten können und ihm etwas ernsthaftes passiert wäre. Zum Glück war es nicht so, aber daher kommt der Song, das war die Inspiration.

Ein anderes Stück ist „Black Thoughts“. Was sind diese schwarzen Gedanken?

Verzweiflung, Einsamkeit, Depression, Angst…

Würdest du generell sagen, dass es ein depressives Album ist? Du hast ja nun schon so einige negative Aspekte aufgezählt…

Das denke ich nicht. Die Blues Explosion ist eine Rock-Band mit Wurzeln im Blues, wo wir auch oft Einflüsse hernehmen. So ist das bei uns. Das ist kein depressives Album, es ist sehr lebhaft und lebendig. Die Musik ist sehr rockig, aber die Texte gehen manchmal in Richtung Blues. Sie stehen in dieser Tradition. Einige Stücke handeln von unschönen und traurigen Dingen, aber wir machen keine traurige Musik. Wir machen Musik, die dagegen ankämpft.

In Deutschland erscheint das neue Album heute. Wie sind eure Erwartungen mit damit?

Es wird die Nummer 1! (lacht) Ich hoffe einfach, dass die Leute es mögen. Ich liebe diese Band, ich finde die Blues Explosion großartig. Ich hoffe, dass die Leute das Album finden, es mögen und vielleicht zu unseren Shows kommen.

Gibt es für euch so etwas wie den typischen Blues Explosion-Hörer? Gibt es ein bestimmtes Publikum?

Menschen im Gefängnis. Verurteilte, Kriminelle, du weißt schon… Nein, ich weiß es nicht. Ich bin neugierig zu sehen, ob sich unser Publikum mit dem neuen Album verändert hat. Wir haben eine Auszeit genommen, aber in den letzten zwei Jahren wieder Konzerte gespielt. Manchmal sieht es von der Bühne so aus, als wären viele im Publikum dieselben. Leute, die uns vielleicht schon vor zehn Jahren gesehen haben. Ja, ich bin daher gespannt, ob evtl. auch ein paar jüngere Leute kommen.

Wie du schon sagtest, spielt ihr morgen zwei Shows. Warum sollte man sich euch unbedingt live anschauen?

Wir sind eine großartige, dynamische Rock-Band und ein aufregender Live-Act. Ich bin mir sicher, dass die Zuschauer kommen, um uns zu sehen, eine großartige Zeit haben werden. Wir spielen eine tolle Show. Und wer weiß, vielleicht machen wir ja wieder eine Pause, also sollte man die Chance nicht verpassen. (lacht) Nein, aber man sollte uns sehen, da wir euch umhauen werden.

Wenn wir einen Schritt weitergehen: Was muss passiert sein, damit ihr von der Bühne runtergeht und du sagst „ja, das war eine großartige Show“?

Meine Lieblingsshows sind die, in denen ich mich völlig verliere und Probleme vergessen. Wenn man schlechte Dinge und Probleme vergessen kann und so eins ist mit dem Sound, dem Publikum, dem Moment, dass man aus sich heraus geht. Das sind für mich die besten Shows. Ich denke, darum geht es in der Rock-Musik auch: sich selbst neu erschaffen.

Zum Schluss gefragt: Gibt es schon Pläne für das, was in der nahen und fernen Zukunft von der Jon Spencer Blues Explosion zu erwarten ist?

Erst einmal ist der einzige Plan, die nächsten sechs Monate auf Tour zu sein. Jetzt sind wir hier, dann in den Vereinigten Staaten, dann Kanada, Japan… Danach kommen wir nach Europa zurück, spielen noch einmal mehr in Amerika, noch einmal in Europa, dann in Australien… Wir haben eine Menge Konzerte zu spielen. Das ist unser Plan!

Vielen Dank!

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Festivalbericht: Reeperbahn Festival 2012
Rezension: The Jon Spencer Blues Explosion – Meat and Bone

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Interview: Marius Meyer
Bilder: Pressefreigabe (Oktober Promotion)