Mit „Shelter“ erschien kürzlich das neue, inzwischen vierte, Album der 2000 von Sänger Neige gegründeten Band Alcest, der aktuell zusammen mit Schlagzeuger Winterhalter gemeinsam die Stammbesetzung von Alcest darstellt. Ein Album, das nicht mehr viel von den Black Metal-Wurzeln spüren lässt und gut zeigt, wie die Band sich mit den Jahren entwickelt hat. Wir nahmen uns das Album zum Anlass, um der Band einen Stapel Fragen zukommen zu lassen, die uns Winterhalter gerne und ausführlich beantwortete. Viel Spaß beim Lesen!

“Shelter” ist euer viertes Album. Worin bestehen eurer Meinung nach den die größten Unterschiede zu „Les Voyages de l’Âme“?

Wenn du dir „Souvenirs D’un Autre Monde“ anhörst, besteht musikalisch kein großer Unterschied zu „Shelter“, außer vielleicht unserer Erfahrung. Es ist ein einfaches Rock-Album mit vielen verschiedenen Facetten. Auf „Les Voyages de L’âme“ gibt es Songs wie „Summer Glory“ und „Autre Temps“, die bereits den neuen Sound von Alcest eingeleitet haben. Auf dem zweiten und dritten Album haben wir mehr Metal-Elemente wie starke Verzerrung, Schreie, double kick und Blast beats verwendet. Wir wollten einfach mal was ganz anders probieren und nicht immer wieder das gleiche Album veröffentlichen. Vielleicht verwenden wir solche Effects ja in der Zukunft wieder, abgesehen von den Schreien, aber wer weiß.

Wenn man sich die Entwicklung von Alcest mal betrachtet – wie würdest du die Entwicklung von den Anfängen bis zu „Shelter“ beschreiben?

Ich denke, es war für uns eine ganz natürliche Entwicklung. Als wir an den Songs für „Shelter“ gearbeitet haben, war uns klar, dass eine Fans, die uns durch „Ecailles de Lune“ oder “Les Voyages de L’âme” entdeckt hatten, enttäuscht werden würden, aber wenn du dir unser erstes Album “Souvenirs d’un Autre Monde” anhörst, wirst du feststellen, dass es „Shelter“ musikalisch näher steht als jedes andere unserer Alben; es ist immer noch Alcest, nur anders gespielt. Alcest kann man sich als einen Felsen vorstellen, der von jeder Seite anders aussieht – und bei den Alben ist es genauso, es ist immer noch die gleiche Musik, nur anders präsentiert. Wir wollen nicht immer die gleiche Musik spielen und das gleiche Album veröffentlichen. Es gibt keine Grenzen, und wir wollen unsere Musik auf vielen verschiedene Arten ausdrücken.

Auf dem Albumcover sieht man ein Licht und eine erhobene Hand. Was soll das darstellen?

Das Foto ist am Strand in Frankreich entstanden, in der Nähe von Neiges Heimat. Er mag den Strand und ist gern allein, um die Aussicht zu genießen und seinen Gedanken nachzuhängen. Es gibt mehrere Gedanken, die mit dem Bild zusammenhängen, und die meisten sind in den Texten zu finden, aber generell geht es um Sommer. Natürlich ist es nicht so oberflächlich, aber ich allein kann das nicht beschreiben. Neige hat seine eigene Sicht auf die Dinge, genau wie ich auch. Das spiegelt sich auch in unserer Musik wider; wir haben oft die gleichen Ansichten und Ideen, sehen sie aber oft auf unterschiedliche Weise, und daraus entsteht Alcest. Ich persönlich muss bei diesem Foto immer an eine Art Tipi denken – die Dreiecksform aus Arm, Hand, Fingern und so weiter. Das ist eine ganz andere Art, es zu sehen, aber für mich symbolisiert es eben auch eine Art „Shelter“, einen Zufluchtsort.

Was steckt denn hinter dem Titel „Shelter“?

Jeder hat eine Art Unterschlupf, eine Zuflucht – das kann ein Ort sein, ein Film, ein Buch, ein Album… Für Neige hat das Album besondere Bedeutung. Er hat die Demos für das Album ununterbrochen gehört, als wir über fünf Wochen lang in den USA auf Tour waren. Das hat ihm geholfen durchzuhalten, denn Touren kann physisch und mental sehr anstrengend sein. Vielleicht ist das Album ja auch für andere Leute eine Art Zuflucht bieten, nach einem schlechten Tag oder einer schlimmen Erfahrung. Ich hoffe, dass das Album ein paar Menschen dabei hilft, sich besser zu fühlen!

Würdest du sagen, dass sich der Titel als Thema durch das gesamte Album zieht?

Ja, das stimmt.

Jetzt würde ich gern etwas näher auf einzelne Songs eingehen. Zu „Opale“ gibt es sogar ein Video. Worum geht es da? Und wie hängt es mit dem Song zusammen?

Das solltet ihr lieber Neige fragen, denke ich. Er hatte eine ganz präzise Vorstellung für dieses Video, also hatte ich nicht so viel damit zu tun, aber ich denke, es vertritt den Grundgedanken von „Shelter“ ganz gut. Da treffen sich zwei Menschen, und es entwickelt sich für beide etwas ganz Besonderes. Ihre Verbindung wird immer enger, vielleicht bleiben sie auch für immer zusammen, und es scheint, als verschmelzen sie miteinander. Ich sehe das als ein sehr angenehmes Gefühl, und als eine Form der Zuflucht.

Warum war „Opale“ für euch die richtige Wahl als erste Single?

Ich persönlich finde, dass „Opale“ mehr als alle anderen Titel des Album eine Art Dreampop-Song ist. Es sagt nicht viel über den Rest des Albums aus. Neige wollte ihn als erste Singleauskopplung, ich war da etwas skeptischer. Ich hätte eher „L’Eveil des Muses” oder “Voix Sereines” gewählt, aber das sind beides sehr lange Songs, also haben wir uns gegen sie entschieden.

Was sind eure Erwartungen für das Album?

Es hat alle unsere Erwartungen schon übertroffen.

Das Album ist außerdem in einer extra Book Edition erschienen. Kannst du uns ein bisschen mehr über dieses Buch erzählen?

Uns gefällt das Buch-Format, wir konnten dadurch mehr Bilder unterbringen und die Seiten größer gestalten, und das Ergebnis ist besser als ein normales CD-Booklet. Es ist sowas wie eine Mischung aus CD und Vinyl für Leute, die keinen Plattenspieler besitzen.

Außer der Book Edition gibt es auch noch andere Deluxe-Editionen. Warum habt ihr euch für so viele verschiedene Versionen entschieden? Oder sind das Dinge, die die Plattenfirma entscheidet?

Prophecy legen immer viel Wert auf die Qualität ihrer Produkte, und sie haben gern mehrere Editionen, damit für jeden Fan etwas dabei ist. Bei den Deluxe-Editionen sind viele Sammelstücke dabei, wie zum Beispiel ein Fotobuch von meinen Islandreisen, Testpressungen, das CD-Booklet im Vinylformat, Poster, Singles und so weiter.

Einer der Gäste auf dem Album ist Neil Halsted von Slowdive, einer Band, die die meisten wohl dem Shoegazing zuordnen würden. Würdest du Slowdive als wichtigen Einfluss für Alcest bezeichnen?

Slowdive sind Neiges Lieblingsband, also denke ich schon, dass sie einen Einfluss haben.

Es gibt jetzt seit einigen Jahren immer neue Bands, die als Shoegazing-Bands oder von Shoegazing beeinflusste Bands bezeichnet werden. Würdest du sagen, es gibt da eine neue Welle, oder wird der Begriff „Shoegazing“ einfach zu oft verwendet?

Ich glaube, Musik kommt in Zyklen immer wieder zurück. Sie entwickelt sich, aber sie wird immer auch von der Vergangenheit beeinflusst. Also denke ich schon, dass bestimmte Musikstile in irgendeiner Form immer wieder zurückkommen. Stoner und Psychedelic sind zum Beispiel schon seit einigen Jahren wieder im Kommen, da gibt es so eine Art Revival, also warum sollte das nicht auch auf Shoegazing zutreffen?

Am Anfang gab es auf euren Alben mehr Black Metal. Wieviel davon ist denn deiner Meinung nach noch in Alcest zu finden?

So richtig Black Metal waren wir nie; vielleicht auf dem ersten Demo, aber das war ja kein Album. Unser Konzept ist eigentlich das genaue Gegenteil, wenn man bei unserer Musik genau hinhört und mitliest. Manchmal benutzen wir Mittel wie Schreie und Blast Beats, und manchmal reichen Saiten. Wir wollen die Dinge sowohl für uns als auch für die Zuhörer interessant gestalten, und deshalb ändern wir manchmal hier und da etwas. Vielleicht benutzen wir auf unseren nächsten Alben wieder mehr Metal-Elemente, aber geschrien wird bestimmt nicht. Wir wissen nie so genau, was auf dem nächsten Album passieren wird; es kann wieder heavier werden oder auch nicht.

Wie kann man sich eure Tour vorstellen?

Wir haben nach der Album-Veröffentlichung auch in Deutschland gespielt, und wir hatten viele positive Rückmeldungen vom Publikum. Es war interessant zu sehen, wie viele unterschiedliche Leute da waren und die Show genossen haben. Wir spielen einen Mix aus neuen und alten Songs, und das hat ganz gut gepasst. Wenn du zu einer Alcest-Show kommst, wirst du feststellen, dass die Songs alle eine Verbindung haben und perfekt zusammenpassen!

Jetzt haben wir über das Album und die Tour gesprochen – gibt es denn noch andere Pläne für dieses Jahr?

In ein paar Wochen touren wir in Japan und China. Ich kann es kaum erwarten, wieder dort zu spielen, und dieses Mal haben wir die Chance, ein paar Akustik-Gigs in japanischen Tempeln zu spielen, und bei einem großen chinesischen Festival aufzutreten. Wir sind total gespannt darauf! Wir spielen im Sommer viele Festivals, und arbeiten auch schon an neuem Material.

Weitere Artikel
Rezension: Alcest – Shelter
Rezension: Alcest – Les Voyages des L’âme
Rezension: Alcest – Le Secret
Rezension: Alcest – Souvenirs d’un autre monde

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Twitter: www.twitter.com/Alcestofficial

Interview: Marius Meyer
Bilder: Pressefreigabe