Groß war die Freude unter den Fans und Anhängern der Band Seigmen, als bekannt wurde, dass nach 18 Jahren ein neues Album ansteht. Aber auch durch die Ausflüge mit Zeromancer haben Seigmen unter den Fans einen gewissen Kultstatus erreicht. Dass „Enola“ entsprechend mit Spannung erwartet wurde, ist kein Wunder. Wir haben uns mit Sänger Alex Møklebust unterhalten, um dem Album und der Band nach der langen Pause ein bisschen auf den Grund zu gehen, die Inhalte und das Entstehen von „Enola“ zu thematisieren, über das Touren zu sprechen und über vieles mehr.

Zuerst einmal möchte ich gern wissen, wie es war, nach 18 Jahren wieder ein Album mit der Band aufzunehmen und zu veröffentlichen.

Es war wirklich großartig. Wir hätten nie gedacht, dass wir das tun würden. Wenn wir bessere Geschäftsleute wären, hätten wir das auch 2005 nach dem ersten Reunion-Konzert machen können. Aber wir sind nicht besonders geschäftsorientiert. Es hat eine Weile gedauert, bis wir uns danach gefühlt haben, wieder ein Album aufzunehmen. 2005 hat das einfach nicht gepasst. Zum ersten Mal darüber nachgedacht haben wir 2008, als man uns gebeten hat, die Norwegische Oper mit zwei ausverkauften Konzerten zu eröffnen. Damals mussten wir zum ersten Mal unsere Songs umschreiben. Keine neuen Songs schreiben, aber unsere alten für diese Konzerte etwas abändern. Wir waren zum ersten Mal im Proberaum, ohne nur immer alte Songs zu spielen. Wir mussten einen Weg finden, um dieseShows etwas anders zu gestalten. Damals haben wir schon versucht, auch neues Material zu schreiben, aber es war einfach nicht der richtige Zeitpunkt. Man muss das schon unglaublich wollen. Es war einfach nicht dasselbe wiedamals in den Neunzigern. Angefangen haben wir mit diesem Album 2012, als wir ein Festival namens Slottsfjell geplant haben, das in unserer Heimatstadt stattfindet. Es ist eines der besten Festivals in Norwegen, und es hat sein zehnjähriges Bestehen gefeiert. Bei den Proben dafür hatte Kim plötzlich eine Idee, wie man einen Song weiterentwickeln könnte, auf den einer der Gitarristen in den Neunzigern gekommen war. Wir haben alle zusammen gespielt, um zu sehen, ob wir noch Songs schreiben können, und dann ist es plötzlich passiert: wir haben drei Songs am Stück geschrieben! Wir sollten eigentlich für eine Liveshow proben, aber wir haben stattdessen neue Songs geschrieben, und es war super. Nach dem Festivalsommer sind wir ins Studio, um diese drei Songs aufzunehmen. Wir hatten sie nicht vergessen, weil wir so viel live gespielt und sie richtig gut drauf hatten. Dann haben wir sie ersteinmal weggelegt und nicht weiter darüber nachgedacht. Es hat noch einmal ein Jahr gedauert, bis wir überlegt haben, ob wir nicht noch ein Album veröffentlichen sollen. Wir waren ein bißchen hin-und hergerissen zwischen der Art, wie man so ein Album angehen sollte und der Art, wie wir es machen wollten: wie früher, alle fünf zusammen in einem Raum. Ende 2013 und Anfang 2014 haben wir dann den Rest der Songs geschrieben. Aber wir haben das alles geheimgehalten und niemandem erzählt. Wir wollten keinerlei Druck von den Fans oder der Presse, sondern einfach auf unsere Art ein Album aufnehmen.

Auf welche Art hatsich das denn anders angefühlt? Du hast gemeint, 2008 hätte es einfach nicht gepasst. Was passte denn jetzt?

Du musst es wollen. Wirklich wollen. Du musst dir treu bleiben, und wir wollten einfach wieder dieses Gefühl haben wie in den Neunzigern. Wir haben uns 1999 nicht unbedingt freundschaftlich getrennt. Und dann hat es einfach eine ganze Zeit gedauert, bis wir wieder wie früher miteinander reden konnten und wir unseren Sound wiedergefunden haben. Drei von uns haben lange bei Zeromancer gespielt. Kim hatte lange überhaupt nichts auf Norwegisch geschrieben. Bei seinem letzten Soloalbum hat er langsam wieder damit angefangen, und das hat ihm dabei geholfen, wieder ein Gespür für die norwegische Sprache zu gewinnen. Es musste einfach alles zusammenkommen. Es war für uns alle wichtig, es wieder genau wie früher zu machen. Das ist es, was Seigmen ausmacht: fünf Leute in einem Raum. Niemand anderes, nur wir fünf zusammen. Auch beim Songwriting. Wir sind eine verwöhnte Band, weil wir den wahrscheinlich weltbesten Proberaum haben. Es ist eine Art Pre-Production-Raum mit voller Anlage; wir proben unter Konzertbedingungen. Das war uns ein wenig zu bequem, deshalb haben wir so eine Art Container-Proberaum gemietet. Es war wirklich nicht toll, keine Toilette, keine fließendes Wasser, gar nichts. Da sind wir also zum Songwriting hingezogen. Wir wollten es nicht zu bequem, denn früher hatten wir auch einen furchtbaren Proberaum in einer alten Fabrikhalle. Wir haben also die Bedingungen von früher nachgestellt und sind alle fünf in diesen Raum gegangen. Die Aufnahmen sind größtenteils in unserem alten Studio entstanden, in dem wir unser erstes Album aufgenommen haben. Dieses Album ist genauso entstanden wie wir es damals gemacht haben. Das mag für andere seltsam klingen, aber uns war das wichtig.

Du hast gerade eure Zeit bei Zeromancer erwähnt. War es schwer, nach all den Jahren wieder zurück zum Seigmen-Sound zu finden?

Es war ganz einfach, weil wir nichts anderes können. Seigmen klingt immer wie Seigmen. Das Zusammenspiel von uns fünf, den zwei Gitarren, den Drums, dem Bass und den Vocals, das ist Seigmen. Was immer wir mit in den Proberaum nehmen, klingt danach wie Seigmen. Das passiert einfach, wenn wir alle zusammen sind. Es war ganz, ganz einfach. Wir können einfach nicht anders. (lacht)

Wenn du den Sound des neuen Albums mit „Radiowaves“ vergleichst, wo siehst du da die Unterschiede? Was ist neu und anders auf dem neuen Album?

„Radiowaves“ unterscheidet sich vom Rest unserer Alben, weil es viel elektronischer ist. Der Schreibstil und der Klang gehen eher in Richtung Zeromancer. Wir sind noch weiter zurück gegangen. Wir haben auf den Electro-Part verzichtet und sind zurück zum alten Seigmen-Sound der Neunziger gegangen. Nicht, dass das geplant war; es hat sich einfach so ergeben. Wir haben keine Synths dabei, weil das einfach ein ganz anderer Ansatz ist. Es hat eher etwas von einem Liveauftritt. So klingen wir einfach.

Jetzt möchte ich ein bißchen intensiver auf das Album eingehen. Zuerst der Titel. Warum habt ihr euch für „Enola“ entschieden?

Das ist eine Mischung verschiedener Elemente. Wir sind alle mit Achtziger-Jahre-Musik aufgewachsen, also ist uns „Enola Gay“ von OMD wichtig. Wir spielen immer eine norwegische Coverversion namens „Hjernen er alene“ als Abschluss bei unseren Shows. „Enola“ ist rückwärts „alone“, also „alleine“, oder eben „alene“ auf Norwegisch. Außerdem waren wir mit Seigmen und Zeromancer viel in L.A., und das ist natürlich auch Teil des Wortes. Es ist eine Mischung aus verschiedenen Elementen und Worten, die jedem von uns etwas bedeuten.

Die erste Single des neuen Albums war „Hva vi elsker“. Wieso habt ihr gerade diesen Song ausgewählt?

Das hängt mit dem Text zusammen. Der ist eine Anspielung auf die norwegische Nationalhymne, die „Ja vi elsker“ heißt. Wir haben das „ja“ durch „hva“, also „was“, ersetzt. Die Hymne heißt also „Ja, wir lieben“, und unser Song macht daraus „Was wir lieben“. Diese Veränderung macht den Song für norwegische Hörer sofort interessant.

Ist der Song denn auch ein guter Vertreter für den Klang des gesamten Albums?

Ja, schon. Obwohl die Titel, die den Seigmen-Sound am besten vertreten, eher die sind, die als Single zu lang wären. „Trøst“ zum Beispiel.

Und wie würdest du so einen „typischen“ Song beschreiben?

Er ist dynamisch – ruhigere Strophen, und dann härtere Refrains. Und meist ist er länger als drei Minuten und zwanzig Sekunden (lacht). Es gibt Seigmen-Songs, die fünf Minuten lang und anders aufgebaut sind. Das sind die typischeren. Mache, wie „Hva vi elsker“ oder „Forevig og alltid“ , sind strukturierter. Wir mögen es, wenn Arrangements sich ein wenig unterscheiden. Es muss aber alles noch einen Sinn ergeben.

Sprechen wir doch kurz über „Forevig og alltid“. Was ist denn daran „für immer und ewig?“

Das ist das Lustige an unseren Songtexten: Wir arbeiten alle auf unterschiedliche Art. Kim schreibt die Texte, und ich singe sie. Und wir reden nie darüber, worum es in den Lyrics geht. Kim will, dass ich sie so verwende, wie ich es für richtig halte, solange das Gefühl dabei rüberkommt, was er ausdrücken wollte. Deshalb schreiben wir unsere Songs auf diese getrennte Art und Weise. Die Texte sind Fiktion, persönliche Dinge oder gemeinsame Erinnerungen. Aber wir diskutieren sie nie aus. Manche Texte sind natürlich recht einfach zu verstehen, aber bei anderen ist es schwieriger. Ich muss die Texte ans Volk bringen, deshalb muss ihre Verwendung und Darbietung für mich logisch sein. Deshalb reden wir nie darüber, auch wenn es offensichtliche Themen sind.

Aber wie fühlt es sich an, die Texte eines anderen zu singen? Du kannst dir ja nie sicher sein, ob du auch seine Gefühle ausdrückst, oder den Text für dich ganz anders auslegst.

Ich habe das schon immer so gemacht, und es war nie ein Problem. Das war sogar bei Zeromancer so, und bei den alten Songs fühlte es sich immer an, als ginge es um mich. Das war cool. Ich habe kein Problem damit. Ich lese die Texte, denke darüber nach, bringe sie mit einer Situation aus meinem Leben in Verbindung, oder mit etwas, das ich ausdrücken möchte, und dann mache ich den Text zu meinem Text und singe ihn so, dass ich damit eine Geschichte erzählen kann.

Wenn wir das Album als Ganzes betrachten… Wie wertest du die Reaktionen, die es seit der Veröffentlichung vor ein paar Tagen erhalten hat?

Sie waren richtig gut. Seigmen rufen in Norwegen immer Reaktionen hervor, es gibt so viele Norweger, die die Band lieben. Ich vermute, wir sind die einzige Band in Norwegen, die Festivals headlinen kann und auf Tour geht, ohne in 18 Jahren ein einziges Album veröffentlicht zu haben. Wir haben viele Fans. Ich fühle mich wirklich geehrt. Es ist fantastisch – auch, wenn ich es selbst nicht ganz begreife. Und dann gibt es eine Menge Leute, die die Band nicht mögen. Es ist so eine Art Hassliebe, und das ist cool, denn als Künstler will man ja Reaktionen hervorrufen, und wir tun das halt in beide Richtungen. Das ist schon fantastisch.

Das Album wird auch auf Vinyl veröffentlicht, mit einem Bonus-Track darauf. War es euch wichtig, diesen Bonus auf der Vinyl-Ausgabe zu haben?

Das ist ein Song, den ich mit Kim zusammen für einen Werbefilm geschrieben habe. Vor langer Zeit. Die Musik in dem Spot kam so gut an, dass die Firma uns gebeten hat, einen ganzen Song daraus zu machen. Das war schon komisch, nur Kim und ich, ohne den Rest der Band. Wir können es, aber es ergibt für uns nicht viel Sinn. Wir sind nur Teil einer Band. Also haben wir den Leuten gesagt, bucht uns ein Studio, und wir nehmen den Song mit dem Rest der Band auf. So kam es dann auch, und das Ergebnis ist jetzt unser Bonus-Track. Es ist unser Song, mit dem Text eines alten norwegischen Volksliedes. Der Text ist also nicht von uns, aber musikalisch haben wir dieses Lied stark verändert.

Aber warum ist der Song nur auf der Vinyl-Version zu haben?

Das hat sich einfach so ergeben. Wir haben zwölf Songs aufgenommen, und wollten zehn auf dem Album haben. Einer ist als Bonus auf der Vinyl-Version, und einen haben wir uns als zukünftigen Bonustrack aufgehoben.

Ihr spielt jetzt noch einige Gigs in Norwegen, scheint aber sonst in keinem anderen Land auf Tour zu gehen. Gibt es in der Hinsicht noch Pläne?

Wir mussten leider viele Gigs ablehnen. Wenn es nach uns ginge, wären wir bis Weihnachten beschäftigt, aber durch viele verschiedene persönliche Verpflichtungen all unserer Bandmitglieder können wir nie lange am Stück touren. Wir hatten also ein Limit, und wir wollten uns auf Norwegen konzentrieren; deshalb sieht unsere Tourplanung jetzt so aus. Wir wollen vor September erst einmal keine weiteren Shows buchen.

Und kann man sich danach Hoffnungen machen?

Ich weiß nicht; vielleicht. Wir wollen im Herbst eine kurze Pause einlegen. Wir haben danach noch nichts in Planung, weil wir immer nur sechs Monate im Voraus buchen. Wir wollen das jetzt erst einmal in vollen Zügen genießen. Kein Stress, kein Druck, nur ein paar Shows und jede Menge Spaß dabei. Das Interesse an mehr Shows ist zumindest in Norwegen riesig, aber wenn wir mehr planen würden, wäre irgendwann der Druck zu groß, und es würde keinen Spaß mehr machen. Wie ich schon sagte: wären wir Unternehmer, wäre definitiv mehr geplant, aber wir konzentrieren uns lieber darauf, uns bei dem, was wir machen, wohl zu fühlen.

Du sprachst gerade von einer Pause im Herbst. Ihr wisst aber doch schon, wie es danach weitergeht?

Nein, es gibt für die Zeit nach dem Herbst noch gar keine Pläne.

Wir können also nur hoffen, dass wir nicht wieder 18 Jahre warten müssen?

(lacht) So wird es nicht laufen. Wir wissen einfach nicht, was passieren wird. Das kommt ganz drauf an. Wir haben gerade so viel Freude an der Sache, und das wollen wir auch weiterhin haben. Das kann zu weiteren Projekten führen, oder auch nicht. Wir warten es einfach ab. Wir wollen jetzt einfach nichts weiter planen – es hat anderthalb Jahre gedauert, alles hinter den Kulissen zu planen, bevor wir überhaupt etwas aufgenommen und veröffentlicht haben. Jetzt gehen wir es erst einmal langsam an.

Homepage: www.seigmen.no
Facebook: www.facebook.com/Seigmen
Twitter: www.twitter.com/Seigmenofficial

Interview: Marius Meyer
Bilder: Bjørn Opsahl