„Wenn wir in unserem Studio aufnehmen, ist nichts konzipiert. Vieles entsteht spontan und man weiß nie, in welche Richtung sich ein Track von uns entwickelt.“ Mit ihrem neuen Album „Sacrifice & Isolation“ sind Chris Burda und Martin Grimm von Collapse Under The Empire wieder in aller Munde. Was es mit dem Nachfolger von „Shoulders & Giants“, sprich, mit der Idee hinter ihrem zweiteiligen Konzeptalbum auf sich hat, erklärte uns Burda im Interview. Dort gab er außerdem interessante Einblicke in die Studioarbeit von Collapse Under The Empire, verriet musikalische Pläne für die Zukunft und beschrieb die Vorteile, die es hat, als Künstler in der Hamburger Musikszene unterwegs zu sein.

Zum Einstieg: Wie würdest du den Stil von Collapse Under The Empire beschreiben? Mal über das gängige Attribut „Post-Rock“ hinaus, das ja immer wieder in Rezensionen zu eurer Musik auftaucht.

Eigentlich haben wir nie „klassischen“ Post-Rock gespielt. Wir bewegen uns eher zwischen den Genres. Klassischer Post-Rock besteht in der Regel aus zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug, einem wiederkehrenden laut-/leise- Bruch à la Mogwai und einer Lauflänge über zehn Minuten. So richtig haben wir diese Merkmale nie bedient. Unsere Musik ist anders aufgebaut – wir gehen zum Beispiel selten über die sechs Minuten Marke hinaus. Trotzdem ist das, was wir machen, dem Post-Rock immer noch am nächsten; wir spielen instrumentale Musik und funktionieren von der Melancholie und dem Melodieaufbau ähnlich. Wenn du mich jetzt fragst, würde ich uns selbst irgendwo zwischen Filmmusik, Instrumental, Rock, Post-Rock, Ambient, Dark und Elektro-Musik einordnen. Das spiegelt auch ganz gut den Querschnitt der Zuhörer wieder, die uns bei Lastfm, Spotify und anderen Plattformen mit solchen Begriffen taggen.

Vielleicht erzählst du unseren Lesern auch etwas über eure musikalischen Vorbilder…

Musikalische Vorbilder sind unter anderem Talk Talk. Die sogenannten„Urväter des Post-Rock“, obwohl sie mit ihren ersten Alben eigentlich reinen Syntie-Pop gespielt haben. Talk Talk haben sich mit ihren letzten zwei Alben neu erfunden und damit einen so bedeutenden Schritt vollzogen, dass man bis heute nur ehrfürchtig den Hut vor so einer Meisterleistung ziehen kann. Ich würde mal sagen, dass es vielleicht nur eine Handvoll Bands gibt, die komplett und ohne Rücksicht auf Verluste ihre Vorstellung von ehrlicher Musik verwirklicht haben.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, ein zweiteiliges Konzeptalbum zum Thema „Existenzialismus“ zu machen? Würdet ihr „Sacrifice & Isolation“ und seinen Vorgänger überhaupt unter diesem Stichwort zusammenfassen?

Inspiriert hat uns der Film „Into the wild“ von Sean Penn. „Wer wir sind“ und was wir aus unserem Leben machen – diese Gefühlswelten wollten wir musikalisch ausdrücken. Es geht darum, sein Leben für seine Ideale einzusetzen und dafür zu kämpfen. Wir wollten etwas Großes erschaffen, was eben aus zwei Teilen bestehen sollte. Dann kam uns die Idee, dass Thema in ein Konzept einzuflechten: Der erste Teil („Shoulders & Giants“) sollte etwas hoffnungsvoller und euphorischer beginnen, um im zweiten dann die dunkle Seite der Geschichte beleuchten zu können. Ich glaube, dass uns das mit „Sacrifice & Isolation“ ganz gut gelungen ist. Das Ganze sollte ein Album werden, das sich nicht sofort erschließt, bei dem man ein wenig Ausdauer benötigt, um die bedrohliche Stimmung und die sperrigen Sounds in einigen Tracks zu verdauen. Man kann viel in das Konzeptwerk hinein interpretieren – aber genau das wollten wir auch: Jeder Zuhörer soll seine eigene Geschichte finden.

Du hast gerade von einer „bedrohlichen Stimmung“ gesprochen. Für mich scheint sich bei eurer Musik im allgemeinen eine gewisse Tendenz zur getragenen Grundstimmung herauszukristallisieren. Woher kommt diese wiederkehrende düstere Motivik in den Alben?

Das ist schwer zu beantworten. Unsere Alben und EPs bauen zwar häufig eine bedrohende und düstere Szenerie auf, aber wenn man genau hinhört, entdeckt man auch einige Tracks, die optimistisch daherkommen und fast schon einen poppigen Charakter haben. Bei „Sacrifice & Islolation“ ist das zwar nicht der Fall, aber auch hier werden wir zum Ende hin wieder etwas hoffnungsvoller. Der Hang zum Düsteren liegt mit Sicherheit an unseren eigenen Hörgewohnheiten, die wir über die Jahre gepflegt haben. Wahrscheinlich verarbeiten Martin und ich beide die Musik, mit der wir aufgewachsen sind und die uns seit Jahren Inspiration und neue Bands finden lässt.

Auf welchen Track vom neuen Album seid ihr besonders stolz? Oder steht das große Ganze, also der Gesamtzusammenhang im Vordergrund?

Wir haben auf jedem unserer Alben ein paar Favoriten, auf die wir besonders stolz sind. Nach dem Motto, wir sind froh darüber, solche Eingebungen beim Komponieren gehabt zu haben. Wenn wir in unserem Studio aufnehmen, ist nichts konzipiert. Vieles entsteht spontan und man weiß nie, in welche Richtung sich ein Track entwickelt. Bestes Beispiel ist „Stairs to the Redemption“, unsere aktuelle Single. Der Track war zunächst ein reiner Ambient Track, bis sich der Schlussteil zu einer der härtesten und rohesten Nummern von uns entwickelt hat. Das war so überhaupt nicht geplant und entstand rein zufällig. Als wir uns die Gitarrenaufnahmen nach dem ersten Durchlauf angehört haben, waren wir echt baff, was da aus den Boxen kam und haben den Track letztendlich so belassen.

Interessanterweise bin ich das erste Mal über das britische Q-Magazine auf euch aufmerksam geworden. Was geht einem als erstes durch den Kopf, wenn man seinen Namen nach kürzester Zeit in so großen, internationalen Blättern liest und dort auch noch so positive Kritiken bekommt? Ihr wart ja sogar in amerikanischen und russischen Magazinen vertreten…

Ja genau. Bis heute ist das für uns selbst genauso erstaunlich. Wir haben ja auch nie ein Konzert gegeben. Gerade als deutsche Band ist es unglaublich schwer, überhaupt im Ausland wahrgenommen zu werden. Wir hatten das Glück, dass wir uns mit unserem Sound ein wenig von der Post-Rock-Masse abgesetzt und unseren elektronisch angelegten Pfad weiter verfolgt haben. Dass unsere Musik bei Fans und Redakteuren so positiv aufgenommen wird und wir auch im Ausland immer noch präsent sind, freut uns natürlich riesig.

In Rezensionen zu eurer Musik – meiner inklusive – ist immer die Rede von „cinematographischer“ Komposition und Wirkung. Wär das mal eine Option für euch, Musik für einen Film zu machen?

Das ist einer der größten Träume, den wir in der Zukunft noch verwirklichen möchten! Mit Collapse Under The Empire klingen wir ja schon an einigen Stellen wie der Soundtrack zu einem imaginären Film. „Eure Musik wär‘ eine gute Untermalung für ’nen Trip oder ’nen Film“, sowas haben wir jetzt schon öfter gehört, seitdem wir unser Debüt veröffentlicht haben. Uns würde eine Zusammenarbeit mit einem klassisch ausgebildeten Komponisten vorschweben, mit dem wir gemeinsam an einem Score, zum Beispiel für einen Thriller, Science Fiction- oder Horrorfilm arbeiten.

Fallen dir da spontan konkrete Vorbilder für solche Kollaborationen ein?

Was uns zuletzt begeistert hat, war die Zusammenarbeit von M83 und Joseph Trapanese, die die Musik für „Oblivion“, diesen Film mit Tom Cruise, komponiert haben. Hier verschmelzen beide Musikwelten meiner Meinung nach perfekt zusammen. Mit Filmmaterial zu arbeiten ist für uns zwar kein Neuland, da wir schon Musik für zwei Kurzfilme komponiert haben, aber Langfilme sind natürlich noch mal eine ganz andere Liga. Die erfordert eine tiefere Herangehensweise, um die Charaktere und Stimmungen im Film genau einzufangen. Man muss als Komponist voll in die Geschichte eintauchen können, damit sich Emotionen überhaupt ans Tageslicht bringen lassen.

Da hört man aber wirklich Begeisterung raus. Und wenn du an dieser Stelle mal träumen darfst, für welchen Film hättest du gerne die Musik geschrieben?

Das wäre für mich der Soundtrack von Ennio Morricone zu dem Film „Zwei Glorreiche Halunken“ aus dem Jahre 1967. Das mag damit zusammenhängen, dass mich dieser Film und seine Musik schon als Jugendlicher, in den Bann gezogen haben. Bis heute gibt es wenige Soundtracks, die wirklich hängen bleiben und die man auch nach Jahren noch zuordnen kann. Bei diesem Film brennt sich dir die Filmmusik förmlich ins Gehirn ein. Ich bin sowieso ein großer Fan von Morricone. Er schreibt seine Melodien mit solcher Hingabe und Leidenschaft, dass man einfach nur niederknien möchte. Den Soundtrack hätte ich gerne geschrieben…

Zur Geschichte von Collapse Under the Empire: Wie habt ihr beiden euch kennengelernt und zur (gemeinsamen) Musik gefunden?

Vor Collapse Under The Empire haben wir beide schon in mehreren Bands gespielt. Dass wir uns getroffen haben, war aber eher ein Zufall: Wir sind damals beide wegen eines neuen Jobs nach Hamburg gezogen und mussten wegen der Entfernung aus unseren Bands aussteigen. Um quasi nicht ganz „bandlos“ zu sein, haben wir beide nach einem Studioprojekt gesucht, Collapse Under The Empire gegründet und von da an immer weiter an unserem Sound gefeilt. Gestartet haben wir das Projekt ursprünglich, um aus üblichen Bandmechanismen auszubrechen. Das war ein ganz neuer kreativer Freiraum für uns, den wir vorher noch nie in dieser Form hatten. Mit mehreren Bandmitgliedern bist du in deiner Kreativität stark eingeschränkt und kannst dich schwer verwirklichen. Wohin sich Collapse Under The Empire entwickeln sollte, war uns anfangs allerdings noch gar nicht bewusst. Was wir aber schnell festgestellt haben, war die Tatsache, dass jeglicher Gesang unseren neuen Songs nur im Wege stand – der ganze Flow ging verloren – und wir ohne einfach besser funktionieren. Danach ging alles total schnell.

Gibt’s bei euch, das heißt bei der Produktion eurer Alben, verschiedene Zuständigkeitsbereiche, oder ist jeder für alles zuständig?

Komponieren und Austüfteln neuer Sounds machen wir fast immer gemeinsam. Martin spielt alle Saiteninstrumente; ich die Tasteninstrumente und das Schlagzeug. Alle Dinge rund um die Aufnahmen, den Mix und das Mastering übernimmt Martin; ich bin dann wieder für die organisatorischen Dinge zuständig, zum Beispiel für die Promotion. Vor zwei Jahren haben wir außerdem unser eigenes Musiklabel, Finaltune Records, gegründet, um auch unbekannten Künstlern die Möglichkeit zu geben, ihre Musik veröffentlichen zu können.

Wo gebt ihr eure Musik zum Besten?

Die Frage kann ich dir schnell beantworten. Wie gesagt, wir haben bis heute kein einziges Konzert gegeben und werden wahrscheinlich auch in den nächsten 1–2 Jahren nicht dazu kommen. Neben unseren Hauptjobs haben wir noch andere Projekte am Laufen, zum Beispiel unser Label, das wir weiter voranbringen möchten. Aber wenn es zu Konzerten kommen sollte, wäre der beste Auftrittsort mit Sicherheit vor einer großen Leinwand, mit der fettesten PA (einer Beschallungsanlage). Ach, am besten gleich im Kino.

Bei euren Alben bekommt man als Hörer schnell den Eindruck, dass ihr euren ganz persönlichen Stil gefunden, oder besser, verfestigt zu haben scheint. Schlagen in eurer Brust dennoch die berühmten zwei Herzen? Ich denke da zum Beispiel an Sänger wie Jack White, der als Solokünstler vor einiger Zeit ein kurzes Intermezzo mit der Folkmusik hatte. Hast du da Ähnliches zu berichten? Eine geheime musikalische Leidenschaft vielleicht, die ihr in der Zukunft gerne mal umsetzen möchtet?

Nach 5 Alben und 4 EPs in 6 Jahren ist es Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen und neue Sachen auszuprobieren. Ich will nicht zu viel versprechen, aber unser nächstes Album wird mit Sicherheit komplett anders klingen und einen neuen Weg beschreiten. Musik macht für mich nur so wirklich Spaß, wenn man es schafft, seine Zuhörer immer wieder zu überraschen.

Noch eine generelle Frage zum Musikmarkt. In letzter Zeit hat sich dort extrem viel Elektronisches angesammelt. Dubstep hat den Sprung vom Untergrund zum Eurovision Song Contest geschafft. Das ganze natürlich in Anführungsstrichen. Wie schätzt du solche Entwicklungen ein?

Obwohl unser Sound elektronisch angelegt ist und wir auch immer wieder mit Synthesizern experimentieren, verfolgen wir die Elektro-Szene so gut wie gar nicht. Ich bin zwar mit Bands wie Depeche Mode groß geworden und bin auch nach wie vor Fan, aber interessiert haben mich die ganzen Elektro-Hypes der letzten Jahre eigentlich nicht sonderlich.

Welche Vorteile hat es, als Musiker in der Hamburger Musikszene groß zu werden?

Hamburg ist ein wahres Eldorado für Musikbegeisterte! Das Konzertangebot ist so groß wie in fast keiner anderen deutschen Stadt – Berlin mal ausgenommen. An manchen Tagen geht’s sogar soweit, dass man abwägen muss, welches Konzert man sich abends anschaut. Als Musiker bist du durch so ein enormes Live-Angebot ständig inspiriert und entdeckst neue Bands, die dich selber beeinflussen können.

Welche Musik hörst du privat?

Im Moment höre ich viel von Clint Mansell. Mansell hat zum Beispiel die Filmmusik für „The Fountain“, „Black Swan“ oder „The Wrestler“ komponiert. Ansonsten ist relativ viel unterschiedliches dabei.

Die letzte CD, die du gekauft hast:

“Breach” von The Kissaway Trail.

Die wichtigste Frage zum Schluss. Musikmachen bedeutet für dich:

Eine Menge Herzblut und Leidenschaft. Ohne Musik wäre die Welt doch nur halb so schön.

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Text: Janina Kück
Bilder: Oliver Sorg (Ausnahme CD-Cover: Pressefreigabe)