Der Großteil des musikhungrigen Hamburger Publikums war zwar in naher Entfernung in Scheeßel auf dem Hurricane Festival, aber dennoch schafften es Paramore am 22.06.2013, im Docks für ausverkauftes Haus zu sorgen. Als Support-Act mit im Gepäck waren die Dutch Uncles, die Paramore-Gitarrist Taylor York als einen Einfluss des neueren Materials nennt. Eine schöne Gelegenheit, sich einmal mit den Dutch Uncles zusammenzusetzen, die selbst in diesem Jahr mit Out Of Touch, In The Wild ihr drittes Album herausbrachten. Mit Sänger Duncan Wallis und Gitarrist Daniel Spedding entwickelte sich ein interessantes Gespräch, das es hier nun nachzulesen gibt.

Zunächst einmal: Willkommen zurück in Hamburg! Wie ist es für Euch, wieder hier zu sein? Euer erstes Label ist ja nicht weit von hier entfernt…

Tapete, genau! Das sind wilde Erinnerungen an die Zeit, als wir das erste Album mit Tapete gemacht haben. Jedes Mal, wenn wir nach Hamburg kommen, denken wir daran. Wir sind jetzt seitdem das zweite Mal hier. Vor etwa zwei Jahren haben wir die Wild Beasts supportet. Das war eine tolle Zeit damals.

Wie war es in Deutschland bisher?

Das ist die einzige Deutschland-Show für uns auf der Paramore-Tour. Aber gestern zu meinem Geburtstag waren wir in Berlin. Das war toll, wir waren in Kreuzberg. Das ist eine tolle Reise, von Kreuzberg auf die Reeperbahn nach St. Pauli zu reisen.

Wie lief die Tour allgemein?

Es war toll. Wir wussten nicht wirklich, was wir zu erwarten haben und dachten zunächst, als wir das Angebot bekamen, das wäre irgendwie seltsam, aber es hat wirklich gut funktioniert. Da sieht man mal, dass man so einen ersten Eindruck noch einmal überdenken sollte. Das waren die größten Shows, die wir bisher gespielt haben und alle waren freundlich zu uns. Einige Zuschauer wollten hinterher sogar Fotos mit uns machen.

Euer Sound ist etwas anders als der von Paramore. Glaubt Ihr, dass es da eine musikalische Verbindung gibt?

Bevor wir das Angebot bekamen, mit auf Tour zu gehen, hat Taylor von Paramore in einem Interview gesagt, dass ihr neues Material teilweise von uns beeinflusst ist. Daher ist da ein Link. Aber auch in der Art und Weise, wie sich Paramore entwickeln, gibt es eine Verbindung. Sie haben ein bisschen mehr Pop-Flair in ihrem neuen Material und das ist etwas, das wir auch versuchen. Wir werden nicht gerne als Math-Rock-Band angesehen. Wir mögen auch Pop-Musik. Es gibt da also einige Gemeinsamkeiten.

Aber wie bereitet ihr eine solche Show vor, wenn Ihr wisst, dass Ihr nur 30 Minuten zu spielen habt und da tausende Leute sind, die nicht wirklich auf Euch warten?

30 Minuten sind eine gute Spielzeit, das ist genau richtig. Wir haben es geschafft, dort acht Stücke reinzukriegen und spielen acht Singles. Wir haben die gitarrenlastigeren genommen, damit die Fans sehen, dass wir eine Rock-Band sind.

Und warum sollten die Leute definitiv rechtzeitig kommen, um auch Euch zu sehen? Was ist an Euren Shows besonders?

Nun, was ist besonders an unseren Live-Shows? (beide denken nach) Da gibt es einige Überraschungen. In der halben Stunde gibt es überraschend viele Momente, an denen das Publikum mitwirken kann. Und es gibt Momente, in denen ich tanze, was für die Leute wirklich toll anzusehen ist. (lacht) Es gibt auf jeden Fall eine Show zu sehen.

Das dritte Album ist jetzt eine Weile draußen. Wie funktionieren die neuen Songs live im Vergleich zu den älteren?

Da haben wir drüber nachgedacht, bevor wir unser Set zusammengestellt haben. Taylor war mehr inspiriert von unserem zweiten Album, daher spielen wir eine Menge daraus. Das neue Album ist nicht so gitarrenbasiert. Es hat eine andere Dynamik und einen minimaleren Sound. Alle Stücke, die wir spielen, haben einen Chorus, das ist es, was zählt.

Aber würdet Ihr denn sagen, dass da so ein großer Unterschied zwischen dem dritten Album und dem Vorgänger ist?

Es gibt eine Weiterentwicklung aber auch Ähnlichkeiten zwischen den Songs. Ich denke, es ist ein bisschen wie mit dem britischen Sound generell – jedes Jahr heißt es in England, dass Gitarrenbands tot wären und es werden mehr Synths genutzt. Ich weiß aber nicht, wie populär dieser Sound auf dem Kontinent ist.

Auf Eurer Homepage habe ich gesehen, dass man „Flexxin“ dort gratis herunterladen kann. Warum habt ihr euch für genau dieses Stück entschieden?

Zuvor gab es auch „Fester“ zum Download. Aber generell ist es so, dass wir vom Albumverkauf her dachten, dass die Leute auch eine Nummer gratis runterladen können. Wenn ihnen der Song gefällt, kaufen sie das Album dennoch.

In einigen Rezensionen habe ich gelesen, dass „Flexxin“ als der bisher eingängigste Song Eurer drei Alben bezeichnet wurde. Würdet Ihr da zustimmen?

Da stimmen wir zu. Es hat auch das größte Airplay in Großbritannien gehabt und hat viel Zuspruch bekommen. Als wir es geschrieben haben, befürchteten wir schon, es sei zu poppig und eingängig im Vergleich zu unserem anderen Material.

Ebenfalls interessanter auf dem Album ist die Nummer mit dem deutschen Titel „Zug Zwang“. Wovon handelt er?

Textlich behandelt der Song die Idee des Albums, eine Art Konzept zu haben, das sich um den Hang zur Sucht dreht. Alles kann einen süchtig machen, vielleicht Drogen, vielleicht aber auch nicht. Dieser Song hat den Charakter des Selbsthasses an einem Tiefpunkt der Sucht. Es ist der emotionale Tiefpunkt des Albums. Es ist wie beim Schach, wenn man keinen nächsten Zug mehr hat. Es geht dabei um den Moment, in dem man sich genau das eingesteht. Daher ist es ein hässlicher Song, weshalb ich ihn selbst eigentlich nicht so gerne höre.

Ein Kollege von mir hat die Nummer mit Steve Reich verglichen. Stimmt Ihr diesem Vergleich zu?

Definitiv! Wir haben beim Schreiben oft die Nähe zu Steve Reich und dessen rhythmischen Konzept. Auf dem Vorgänger „Cadenza“ hatten wir noch mehr von diesen elektronischen Konterpunkten. Nach „Zug Zwang“ wollten wir aber dann ein bisschen andere Sounds verwenden.

Ihr habt gerade Sucht als ein Thema erwähnt. Würdet Ihr sagen, dass das ein Thema ist, das sich durch das gesamte Album zieht?

Ja, das ist immer da. Ich habe die Story ja schon erwähnt, auch wenn sie vielleicht teilweise nicht durchgängig vorhanden ist, weil sich Worte und Zeilen verändert haben. Aber Sucht in vielen Facetten ist definitiv ein Thema auf dem Album. Es gibt die negativen Punkte von Sucht, die einen herunterziehen, weil man einfach nicht damit aufhören kann. Aber es gibt auch positive Sucht, wenn man nach seinen Freunden und guten Zeiten süchtig ist.

Wie schon gesagt: Das Album ist jetzt bereits eine Weile draußen. Wie habt Ihr die Reaktionen darauf erlebt?

Die ersten zwei Monate waren super. Gerade in England lief es in den ersten Wochen deutlich besser als beim vorherigen Album und auch die Tour im Februar war hervorragend. Dann wurde es erst einmal einen Monat lang ruhig, was komisch war. Wir wollten nach Europa kommen und eine Tour spielen, aber dazu kam es nie. Aber dann gab es beispielsweise Taylor, der uns in Interviews als Einfluss nannte und einige Festivals kamen auf uns zu. Es sieht so aus als wären wir jetzt bis zum Ende des Jahres wieder sehr beschäftigt, nachdem es im März und April ruhig war. Es ist toll, dass wir auch mal wieder in Deutschland spielen können, das konnten wir seit den Tapete-Tagen nicht mehr. Ich weiß nicht, wie wir an Shows in Deutschland kommen. Als wir beispielsweise mit den Wild Beasts auf Tour waren, haben wir sie in Hamburg supportet, aber nicht in Belrin. Wir haben dann versucht, in Berlin einen Showcase zu arrangieren mit freiem Eintritt, für die Presse beispielsweise. Aber auch das hat nicht geklappt. Vielleicht sollten wir Tapete noch einmal fragen. (lacht)

Wenn Ihr jetzt auf das aktuelle Album schaut: Gibt es etwas, das ihr inzwischen definitiv anders machen würdet aus jetzigem Blickwinkel?

Man kann immer eine Single mehr haben, davon gibt es nie genug. Es gibt keine Nummer, die so catchy wie „Flexxin“ ist. Davon sollte es vielleicht noch eine geben. Vielleicht dann auf dem nächsten Album. Aber wir haben das Album sehr schnell geschrieben. Wahrscheinlich dreht sich deswegen auch alles um Sucht, da wir nicht viel Zeit hatten, noch mit anderen Themen zu arbeiten. Da bleibt man bei einem hängen und will das nutzen. Die ganze Musik wurde innerhalb von sechs Monaten geschrieben und als wir das Album aufgenommen haben, habe ich die Texte zu vier Stücken noch im Studio geschrieben. Das würde ich jetzt definitiv anders machen und mir zum Schreiben eine bessere Atmosphäre verschaffen. Aber hier sind wir jetzt und wir sind zufrieden mit dem Album. Außerdem waren die Reviews so erstaunlich, dass wir es kaum glauben konnten, gerade in Großbritannien.

Mal zu einem ganz anderen Thema… Ich habe heute früh einige Stories über Euch gelesen. Ein Name, den Ihr nicht so gerne mögt, scheint Nickelback zu sein…

Nickelback? (lachen) Wo kommt das her? Magst Du Nickelback?

Nicht soo sehr…

Ich weiß nicht, wo das her kommt, aber wir mögen Nickelback tatsächlich nicht wirklich. Wahrscheinlich habe ich das mal erwähnt.

Spekulativ betrachtet: Wenn jetzt Chad Kroeger ankäme und Euch fragt, ob Ihr den Support machen würdet, was würdet Ihr sagen?

Wahrscheinlich würden wir zustimmen. (lachen) Wenn er uns noch haben wollte.

Gibt es denn Bands, bei denen Ihr sagen würdet, dass Ihr sie unbedingt mal supporten wollen würdet?

Eine Band, die wir gerne supporten würden… Ich denke gerade darüber danach, wer noch aktiv ist. Die meisten Bands, die wir mögen und die uns beeinflusst haben, kommen aus den späten 70ern und frühen 80ern. Viele von ihnen haben aufgehört oder sind tot. Aber als wir die Wild Beasts supported haben – wir erwähnen sie jetzt ein drittes Mal – hat das gut zusammengepasst und wir haben es sehr gemocht. Ich war immer wieder überrascht, wie gut die live waren, da war wirklich jede Show richtig toll. Aber man sollte vorsichtig mit seinen Wünschen sein. Ich glaube, es gibt da keinen idealen Support. Es gibt ideale Möglichkeiten, aber nicht den idealen Support. Und es gibt einige ideale Venues, in denen wir gerne mal spielen würden.

Welche sind das?

Dieser Auftritt war ursprünglich mal in der Großen Freiheit 36 angesetzt. Wir haben dort vor einigen Jahren beim Reeperbahn Festival mal TV On The Radio gesehen, als wir mit Tapete hier waren und ich erinnere mich an diesen Venue. Wir würden dort gerne spielen, aber der Ort hat sich geändert, was kein Problem ist. Aber das ist ein toller Laden, denke ich. Und The Ritz in Manchester. Dort spielen wir im Oktober, wenn wir Everything Everything in Großbritannien supporten. Das ist eine tolle Tour und eine tolle Gelegenheit mit einem ähnlich eingestellten Publikum. Das sollte gut werden.

Ihr habt erwähnt, dass das letzte Album innerhalb von sechs Monaten geschrieben wurde. Plant Ihr, das nächste Album auch so schnell zu schreiben?

Nein. Nachdem wir das letzte Album vor etwa einem Jahr beendet hatten, haben wir uns keine Deadline gesetzt. Wir würden sagen, dass wir das neue Album nächsten im Sommer aufnehmen, aber das ist nicht in Stein gemeißelt wie beim jetzigen Album, bei dem wir wussten, wann aufgenommen wird. Uns selbst keine konkrete Deadline zu setzen bedeutet, dass wir uns ein bisschen mehr Zeit nehmen können und nicht in die Situation kommen können, dass etwas nicht fertig ist, wenn wir aufnehmen müssen. Im letzten Sommer mussten wir das Album fertig haben und dann wurde der Veröffentlichungstermin in den Januar verschoben. Es folgten die sechs vermutlich schrecklichsten Monate seit der Bandgründung. Wir hatten nichts zu tun, keine Auftritte oder sonst was und wurden beinah wahnsinnig miteinander. Wir haben dann ein bisschen geprobt, wie wir die Stücke live spielen, aber das war echt furchtbar. Eine solche Situation wollen wir nicht noch einmal haben, das ist unser Ziel.

Das war es von mir fast mit Fragen. Zum Schluss würde ich nur gern wissen, ob es sonst schon weitere Pläne bei Euch gibt, von denen Ihr bereits erzählen könnt…

Wir werden ab Oktober vermutlich bis zum Jahresende in Großbritannien auf Tour sein. Außerdem spielen wir in Kroatien beim Unknown Festival. Es gibt noch ein paar andere Festivals, aber das ist das einzige in Europa. Wir werden schauen, ob in noch weitere Nachfragen nach Konzerten gibt. Konzerte in Europa wären natürlich toll. Ansonsten werden wir in unser neues Studio gehen und anfangen zu schreiben – mit der Zeit, die wir brauchen, um alles richtig machen zu können.

Weitere Artikel
Rezension: Dutch Uncles – Out Of Touch In The Wild
Rezension: Dutch Uncles – Cadenza

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Interview und Übersetzung: Marius Meyer
Bilder: Pressefreigabe (1, 3, 5), Adrian Lambert (2, 4)