Manchmal hat man als Musikjournalist ordentlich Muffensausen vor Menschen, die als nicht gerade einfach gelten, die einem aber das Leben bereichern, seit man als kleiner Steppke langsam begann, sich für Musik zu interessieren. Mit Nummern wie „Cars“ oder „Are friends electric“ schaffte es Gary Numan ab dem Jahr 1979, sich auch in Deutschland einen Namen zu machen und seitdem in der Elektropopszene zu einem der führenden Musiker zu werden. Wir trafen Mr. Numan zu einem persönlichen Gespräch im Backstage des Kölner Luxors, wo er später ein hervorragendes Konzert gab. Hier also die Fragen an einen, der gar nicht zu den gängigen Vorurteilen über finstere Musiker passen wollte.

Mr. Numan…

(mit gespielter Entrüstung) Stopp, so fangen wir mal gar nicht an, sag einfach Gary zu mir.

Vielen Dank! Also Gary, du bist seit einigen Tagen auf Tour, wie läuft‘s bislang?

Herrlich, wir kamen mit dem Tourbus aus London und fuhren nach Belgien und Holland und jetzt sind wir in Köln.

Ich habe bei den Vorbereitungen auf dieses Interview gesehen, dass du in, du sprachst es selbst an, Belgien, Holland, Deutschland und sogar in Israel gastierst, gibt’s da einen Unterschied im Bezug auf Publikumsreaktionen?

Also zur Zeit muss ich dir sagen, gibt’s keinen großen Unterschied. Um ehrlich zu sein, gibt’s da kaum kulturelle Unterschiede zwischen Europa, Israel oder den USA. Sie reagieren eigentlich alle sehr ähnlich im Bezug auf mich. Es gibt da nur wenige kulturelle Unterschiede und ich glaube, dass mich das Publikum respektiert, das ist ja sehr wichtig und ein schlechtes Publikum ist und bleibt ein schlechtes. Was ein wenig verwirrend war, waren die Erfahrungen, die ich in Japan gemacht habe, als nach dem Ende es frenetischen Jubel gab, aber dazwischen hättest du eine Nadel zu Boden fallen hören, das meine ich mit kulturellem Unterschied. Sie haben dann immer gewartet, ob ich was sage, aber ich rede kaum während meiner Show.

Wie würdest du allgemen dein Publikum beschreiben? Da gibt‘s doch bestimmt viele verschiedene Arten von Fans oder gibt es den einen speziellen Gary Numan-Fan?

Nein, den typischen Gary Numan-Fan gibt‘s nicht, aber man kann schon sehen, wie sehr sich Menschen verändern, die schon seit meinem Beginn mich und meine Karriere aufmerksam verfolgten. Sie wurden älter und andere Dinge traten in Ihr Leben, wie Heirat und Kinder und das ist nicht gerade einfach, dann noch zu einem Musiker auf Konzerte zu gehen. Umso dankbarer muss man sein, dass manche doch noch kommen und auch mal jemanden Neues mitbringen. Aber es fühlt sich gut an, wieder von den ganzen neuen Musikern als Idol bezeichnet zu werden. In den letzten Jahren vor allem erschienen einige Coverversionen der Foo Fighters und anderer, die meine Songs sampleten oder coverten und das hatte einen positiven Effekt im Hinblick darauf, mich bei auch bei einer jüngeren Zielgruppe bekannt zu machen.

Mit deiner großen Anzahl an Aufnahmen: Wie gestaltest du da eine Setlist für ein Konzert, was ist das Hauptaugenmerk bei der Zusammenstellung?

In erster Linie liegt der Fokus natürlich auf dem neuen Album, von dem ich 9 Titel spielen werde und das natürlich einen großen Raum einnimmt. Dann natürlich Songs, die die Leute hören wollen wie „Cars” oder „Are friends electric” und einige persönliche Stücke, die mir wichtig sind. Aber es ist schon schwierig, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, dass ich im Laufe meines Lebens über 300 Songs geschrieben habe.

Bist du nicht manchmal genervt, jeden Abend „Cars” und „Are friends electric” zu spielen?

Man erwartet diese Songs von mir. Ich habe mich in den letzten Jahren vor allem „Cars” wieder angenähert. Es ist ein Teil von mir, auch wenn ich mit Begriffen wie „Held des New Wave“ oder „Idol der 80er” nicht viel anzufangen weiß. Das liegt 30 Jahre zurück und in der Zwischenzeit haben sich viele Sachen geändert. Man fühlt sich gefangen, wenn man nur in einer Dekade oder nur mit einer Musikrichtung in Verbindung gebracht wird. Aber ich realisiere gerade wieder, wie stark „Cars” ist und wie stolz ich drauf sein kann, den Song in meinem Repertoire zu haben.

Gary, du wirst heute Abend, wie du gesagt hast, 9 Songs von deinem neuen Album „Splinter (Songs From A Broken Mind)” spielen. Wie funktionieren die bislang?

„Splinter“ live zu spielen ist wie eine frische Brise. Es hat lange gedauert, die Songs zu schreiben und es fühlt sich so gut an. Es macht viel Spaß, die neuen Stücke zu performen. Es ist ein eher aggressives Album, wo man sich nicht ganz sicher war, ob die Leute, die mich als Synthie-Popper kennen, auch diesen radikalen Schritt nachvollziehen können, aber es scheint zu funktionieren.

Mal direkt zum neuen Album. Wer ist dieses „Broken Mind”, von dem Du sprichst?

Das bin ich. In den letzten Jahren sind einige schwerwiegende Dinge in meinem Leben passiert, die mich in eine tiefe Depression gestürzt haben. Ich musste starke Medikamente nehmen, meiner Frau Gemma widerfuhr ein ähnliches Schicksal nach der Geburt unseres zweiten Kindes und wir durchlebten eine schwierige Zeit. Als es ihr besser ging, erwischte es mich, aber mir geht‘s endlich wieder gut. Man fühlt sich wie ein Zombie, ist desinteressiert und vegetiert nur so vor sich hin. Man ist geistig abwesend, aber dann kommt man mit Hilfe eines Therapeuten zurück und schreibt neue Songs über diese Krankheit. Viele der Songs auf „Splinter” beschäftigen sich mit dem Thema Depression.

Wie lange hat es gedauert dein neues Album zu schreiben?

Nachdem ich die Depression im Griff hatte, schrieb ich die erste Hälfte in London und dann zurück nach Los Angeles, wo ich lebe und dann ging es ganz schnell. Ich würde sagen, in drei Monaten war alles fertig geschrieben.

Deine erste Single vom Album ist „Love Hurt Bleed”. Warum fiel die Entscheidung auf diese Nummer?

Das war eine schwere Entscheidung zwischen „Love Hurt Bleed” und „I am dust”, wobei dann aber die Radiokompatibilität den Ausschlag gab.

Du sprachst es gerade eben an, es gibt ein Stück auf dem neuen Album namens „I am dust”. Warum bezeichnest du dich selbst als Staub?

Nun neben dem Song ist auch „We’re The Unforgiven” ein Song, der nichts mit meinen Depressionen zu tun hat. Beide Songs sind Geschichten aus dem Buch, das ich begonnen habe zu schreiben, eine Novelle mit unterschiedlichen Kurzgeschichten.

Das letzte Stück des Albums heißt „My last day” Worum geht‘s hier?

Entstanden ist er in Amerika, wo meine Frau eine gute Freundin hat, die an einem Gehirntumor erkrankt ist und die Ärzte sagten ihr, dass sie keine Hoffnung mehr hätte und dass sie sterben würde, man könne nur nicht genau sagen wann, es könnte heute sein oder in 5 Jahren. Nach dieser niederschmetternden Diagnose haben wir uns getroffen und sie hat es wunderbarerweise und durch eine riskante Operation überlebt. Manchmal gehen Sachen auch gut aus. Aber in dem Song geht es um die beherrschende Frage: „Was würdest du tun, wenn du nur noch einen Tag zu leben hättest?”

Bist du bislang mit dem Erfolg des Albums zufrieden?

Absolut, es verkauft sich großartig und die Konzerte sind voll – und ich liebe, es Konzerte zu geben.

Wo nimmst du deine Motivation her?

Es gab eine Phase, in der ich sehr zurückgezogen gelebt habe, fast nicht rausging, das war keine Faulheit, sondern der Gedanke, ein neues Album aufzunehmen, hat mich verängstigt. Aber als es dann soweit war, wurde es fantatisch und aufregend. Zwar eine Herausforderung, der ich mich aber nach jahrelangen Krisen stellen musste und sie auch bewältigt habe. Endlich waren diese permanenten Ängste und Versagensängste wieder besiegt. Auf einmal war dieses ganze Verdrängen und Auf-morgen-Verschieben nicht mehr möglich und man musste sich den Herausforderungen stellen. Als ich vor rund 35 Jahren das Live-Spielen entdeckte, waren das immer Momente voller Anspannung, ich hatte Heimweh und das hat man mir angemerkt. Aber mit den Jahren wurde ich sicherer und mittlerweile liebe ich es, auf der Bühne zu stehen. Ich liebe das Reisen, interessiere mich für die Kultur in den Städten, in denen ich spiele, und bin sehr glücklich.

Bist du immer noch nervös vor Konzerten?

Absolut nicht, nein, ich kann es kaum erwarten auf die Bühne zu gehen.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Am Ende der Tournee gehts zurück nach Los Angeles zu meinen drei Kindern, die ich sehr vermisse, dann geht‘s auf eine US-Tour, die 5 oder 6 Wochen dauern wird, dann arbeite ich an einem Song mit Jean Michel Jarre und dann beginne ich mit der Arbeit am neuen Album. Festivals stehen auch noch an. Dazu kommt noch eine große Show im November in London, die vielleicht als Live-DVD gefilmt wird. Du siehst, ich habe noch genug Pläne

Vielen Dank für dieses nette Gespräch, Gary Numan!

Weitere Artikel
Konzertbericht: Gary Numan – 17.02.2014, Hamburg Gruenspan
News: Gary Numan – im Februar auf Deutschland-Tour
Rezension: Gary Numan – Splinter (Songs from a broken mind)

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Interview und Übersetzung: Dennis Kresse
Bilder: Pressefreigabe