Es fühlt sich für sie an wie ein neues Debüt-Album. Ganze sechs Jahre ist es her, dass Inglow mit Till Deaf Do Us Part auf sich aufmerksam machen wollten, es aber nicht wirklich auf den deutschen Markt schafften. Nun ist das selbstbetitelte neue Album auch in Deutschland erschienen und man konnte die Band bereits live sehen. Ein Halt dabei war das Hamburger Rockspektakel auf dem Rathausmarkt. Wir nutzten die Gelegenheit, uns einmal mit der Band zu unterhalten, die sich sehr auskunftsfreudig zeigte und neben vielen weiteren Infos auch erklärte, warum sie als norwegische Band dennoch den deutschen Markt bevorzugen.

Ihr habt gerade vor einigen Stunden Eure Show zu Ende gespielt. Wie habt Ihr sie empfunden?

Das hat Spaß gemacht. Wir hatten eine lange Reise bis hierher, wir sind eigentlich nur gelandet und fast direkt weiter auf die Bühne. Aber wir hatten ein tolles Publikum und es hat Spaß gemacht, draußen zu spielen. Außerdem haben wir die Sonne mitgebracht,

Wart Ihr denn zufrieden mit der Menschenmenge draußen oder hattet Ihr mehr erwartet?

Das ist ein kostenloses Festival, da kann man nicht so viel erwarten, das Wetter war schließlich nicht so gut und es ist Sonntag. Da weiß man nie, worauf man sich einlässt. Wir sind eigentlich nie enttäuscht dadurch, wie viele Leute kommen. Auch wenn nur einer kommt, soll er die gesamte Inglow Experience bekommen. Man kann keine schlechte Show spielen, nur weil Du der Meinung bist, es wären zu wenige Leute da. Wir machen einfach das, was wir lieben und jeder soll die Chance haben, dass wir alles geben.

Wie bereitet Ihr eine solche Show denn vor, wenn Ihr wisst, dass es ein kostenloses Festival ist und nicht jeder da ist, um Euch zu sehen?

Eigentlich bereiten wir das gar nicht anders vor. Es geht darum Spaß zu haben und eine geile Show abzuliefern. Die Leute, die uns nicht kennen, sollten von uns überzeugt werden und merken, dass es uns gibt, um uns zu hören und unsere Musik zu kaufen.

Ihr habt jetzt vor wenigen Wochen Euer Album veröffentlicht. Wie funktionieren die neuen Songs live im Vergleich zu den älteren?

Die funktionieren richtig gut. Sie sind ziemlich anders, sind eingängiger und gehen ins Herz. Bisher haben wir die Stücke nur in Deutschland ausprobiert, weil die Zuschauer hier so sind, wie wir das woanders nicht erleben: Sie tanzen zu unserer Musik. Sonst sind die Leute entweder am Headbangen oder stehen mit verschränkten Armen und hören bloß zu. Aber Ihr seid verrückt hier, Ihr tanzt zu dem Zeug. Und das macht wirklich Spaß, das ist fantastisch!

War es denn ein Zufall, die Stücke zuerst dem deutschen Publikum zu präsentieren oder war das eine bewusste Entscheidung?

Das war eine bewusste Entscheidung, dass wir entschieden haben, die Tour hier zu starten. Dem norwegischen Publikum haben wir die Stücke bisher noch nicht präsentiert. Wir touren zuerst hier. Das gehört alles zum Masterplan. Deutschland hat das mehr verdient.

Das letzte Album liegt nun schon so einige Jahre zurück. Warum hat es bis zu diesem neuen Album so lange gedauert?

Das hat so lange gedauert, weil wir Wechsel im Line-Up hatten und das einen ziemlichen Anteil am musikalischen Ausdruck hat. Wir wollten, dass jeder ins Songwriting involviert ist. So vergingen die Tage und Monate und mit den neuen Musikern hat sich auch die Musik so verändert, dass sie aktiv daran mitgewirkt haben. Sie, Ruben und Christian, haben ihre Einflüsse und ihre Spielweise. Sie sind so etwas wie das Rückgrat von Inglow. Wenn man seine Wirbelsäule austauscht, passiert etwas. Und dann ist es auch nicht wichtig, dass das Zeit benötigt. Das muss heilen, bevor man wieder loslegt. Daher kam es zum Verzug im Songwriting-Prozess. Wir mussten uns erst einmal richtig kennenlernen, unseren Sound finden und von dort aus ging es weiter.

Was würdet Ihr denn sagen, sind die großen Unterschieden im Sound zwischen diesem Album und dem Vorgänger?

Es hat einen größeren Sound, es ist ehrlicher. Als wir das Album gemacht haben, haben wir uns nicht drum gekümmert, was irgendwer darüber gedacht hat. Wir waren völlig unbeeinflusst von einem Label oder sonst wem. Wir haben einfach nur das gemacht, was wir wollten. Das ist der größte Faktor im Gesamtsound, würde ich sagen.

Martin, ich habe gelesen, dass Du in der Zwischenzeit bei „The Voice“ mitgemacht hast. Warum hattest Du Dich dafür entschieden?

Ich hatte das gemacht, weil das Album fertig war und wir alle irgendwie versucht haben, einen Plattendeal zu angeln. Zudem war ich gerade dabei, eigenes Material zu scheiben für eine eventuelle Solo-Geschichte. Aber in dem Moment, in dem man mein Gesicht im Fernsehen sehen konnte, wurde Inglow wieder populär und wir bekamen einen Deal. Meine Solo-Projekt ist jetzt also „on hold“.

Ihr habt erst kürzlich „Free Fallin‘“ als Single veröffentlicht. Warum fiel die Wahl auf genau diesen Song?

Das war eigentlich ein Unfall. Wir waren im Proberaum, haben gejammt und mit Riffs rumgespielt, auf einmal endeten wir bei „Free Fallin‘“ und fanden alle, das ist eine gute Idee. Also haben wir es getan. Aber zur Veröffentlichung brauchten wir eine Erlaubnis – und bisher hat niemand von Tom Petty eine Genehmigung dafür bekommen. Das war eine Menge Papierkram, ein Haufen E-Mails, vor allem für unseren Manager. Wir wussten dann, dass Tom Petty für einige Shows nach Norwegen kommt und ich habe einige Freunde beim Radio angerufen, ob sie nicht unsere Demo-Version einfach mal spielen könnten – in der Hoffnung, dass er es hört. Ich weiß nicht, ob er das gehört hat, aber eine Woche später bekamen wir eine Mail von ihm und seinem Verleger, das uns als erster Band erlaubt hat, den Song zu veröffentlichen. Es gibt zwar auch eine Coverversion von John Mayer, die vielleicht bekannteste Version, aber das ist nur eine Live-Version, er hat es nicht aufgenommen und veröffentlicht. Wir haben es in Moll aufgenommen und nicht in Dur, das ist ein großer Unterschied. Wir wollten das so, weil der Text verdammt traurig ist. So klingt es düsterer. Natürlich ist es ein bisschen beeinflusst von A Perfect Circle und ihrer Version von „Imagine“, aber insgesamt denke ich, dass unsere Coverversion mehr eine Interpretation ist, da sie sehr anders ist. Oder wir nennen es Tribut.

Ihr habt dazu auch ein Video gemacht, wie ich gesehen habe. Könnt Ihr ein bisschen was zur Story des Clips erzählen? Welche Idee steckt dahinter?

Das ist nicht wirklich ein Story-Video. Es ist eher eine Performance-Aufnahme. Wir haben das in L.A. gefilmt, weil sich der Text um Hollywood dreht. Wir haben eher zufällige Aufnahmen gewählt und daraus das Performance-Video gemacht, um zu zeigen, wer wir sind. Da ist kein tieferer Sinn hinter.

Ich würde auch gerne über ein paar andere Stücke des Albums sprechen. Ihr eröffnet mit „Hey Believer“. Wer ist dieser „Believer“?

Justin Bieber. Das Stück ja „Hey Belieber“. Das ist ein Tribut an ihn, wir lieben ihn. (lachen) Nein, es geht darum, dass Leute einem früher immer gesagt haben, es sei Schicksal, was mit einem passiert, das könnte man akzeptieren oder halt nicht. Es richtet sich an die, die einem immer weismachen wollten, man solle mit dem Träumen aufhören – egal, um welches Hobby oder welchen Traum es geht.

Ein anderer Song war „Dead Men’s Shoes“…

Das handelt davon, etwas richtig Dämliches zu machen, das du nicht mehr rückgängig machen kannst. Es geht darum, jemanden so zu enttäuschen, dass eine Entschuldigung nicht ausreicht. Wie es im Text heißt: „I look at you and wanna take it back // you’re treating me like a heart attack”. Du hast Scheiße gebaut und musst jetzt dafür bezahlen. Du kannst es nicht einfach reparieren und sagen: „Vergib mir, ich war dumm.“ Es geht hier nicht um ein spezifisches Thema, aber jeder kann sich in diese Situation reinversetzen. Es ist, wie draußen rumzulaufen, aber für jemanden gestorben zu sein. In den „Dead Men’s Shoes“.

Von „Look Away ist auf dem Album auch eine Akustik-Version zu finden. Warum habt Ihr Euch entschieden, die Nummer auch akustisch zu veröffentlichen?

Es ist immer toll, eine Akustik-Version zu haben. Das klingt so anders als im Original. Damit versuchst Du, die Essenz des Stückes rauszuholen. Meiner Meinung nach ist ein Song dann gut, wenn du ihn auf der Akustik-Gitarre oder am Piano spielen kannst. Außerdem wollten wir denjenigen einen Bonus bieten, die das Album physisch kaufen. Die Akustik-Version ist beim digitalen Album nicht mit dabei. Das ist sozusagen ein Tribut an die Leute, die nach wie vor ein Album im Regal stehen haben wollen.

Das Album ist nun schon einige Wochen draußen. Wie habt Ihr die Reaktionen darauf bisher empfunden?

Das Feedback war geared in Deutschland überwältigend. Es gab so viele positive Rezensionen, viele tolle Artikel und ich denke, das zeigt uns, dass unser Plan, zuerst in Deutschland zu veröffentlichen, aufging. Die Alternative Rock-Szene hier in Deutschland ist sehr groß und das finden wir super. In Norwegen mögen die Leute keine gut geschriebene und gut dargebotene Musik. Sie mögen Singer/Songwriter mit verstimmten Gitarren und verstimmtem Gesang. Das finden sie authentischer als eine gute Produktion. Wenn du dein Instrument beherrscht, gut singen und gute Musik schreiben kannst, bist du nicht akzeptiert. Wenn du es in Norwegen schaffen willst, musst du durch die großen Märkte gehen wie Deutschland, England oder die USA, danach kann man nach Norwegen, wenn man etwas vorzuweisen hat.

Ich habe einige Stories über Euch gelesen und darin kam immer dieser Vergleich mit Muse vor. Ist das inzwischen nervig für Euch?

Nein, es nervt nie, wenn man mit großartigen Bands vergleichen wird. Sei es nun Muse, Soundgarden oder Pearl Jam. Der Vergleich mit Muse liegt am poppigen Gesang an den Arpeggio-Synthesizern… Zudem haben wir Muse als einzige norwegische Band in Norwegen supported. Dann ist man schnell in dieser Schublade. Aber wir sind große Fans von Muse. Ich hab die Band schon sechs oder sieben Mal live gesehen, bevor wir die Bühne mit ihnen geteilt haben. Allerdings sollte man auch bedenken, dass dieser Vergleich nun schon sechs Jahre alt ist. Wir sind zwar noch dieselbe Band, aber die Besetzung hat sich verändert. Kann man das noch vergleichen? Ich weiß nicht mal mehr, wer das damals gesagt hat. Aber Muse haben am Anfang nach Radiohead geklungen. Jede Band klingt wie irgendeine andere Band. Und am Ende landen wir alle bei Led Zeppeling. Und so weiter…

Ihr habt nun die Show heute gespielt, in den nächsten Tagen folgen noch ein paar Deutschland-Shows. Warum sollte man Euch definitiv live anschauen?

Weil das großartig klingen! Und weil wir klingen wie Muse! (lachen) Das Schöne in Deutschland ist: Die Leute kommen in die Clubs, um zu Rockmusik zu tanzen. Darum sollten sie kommen: Sie sehen ein geiles Rock-Konzert und einen Drink und haben eine wirklich gute Zeit. Vielleicht treffen sie ja sogar die Liebe ihres Lebens. Oder unser Drummer zieht sein Shirt aus. Im Ernst: In Norwegen gehen die Leute nicht in den Club, um zu Rockmusik zu tanzen. Sie tanzen zu DJs und so. In Deutschland mag man Rockmusik und tanzt dazu. Also, warum sollte man kommen? Warum sollte man nicht? Man kann natürlich auch zuhause bleiben und einen langweiligen Abend verbringen.

Mal aus Eurer Perspektive betrachtet: Was muss passieren, damit Ihr von der Bühne geht und sagt: „Ja, das war eine tolle Show!”?

Wenn du danach so erschöpft und verschwitzt bist, dass du kaum sprechen kannst, wenn du wie paralysiert dasitzt. Dann weißt du, dass du einen guten Job gemacht hast, weil du dir den Arsch abgearbeitet hast. Es macht Spaß und ist cool, in einer Rockband zu spielen, aber es ist auch dein Job. Es ist unsere Musik und unser Job ist es, den Menschen diese nahe zu bringen. Also müssen wir da raus gehen und herausragende Shows abliefern, bis wir zu erschöpft sind, noch aufzustehen. Dann hast du alles gegeben. So kann man auch die Aufmerksamkeit von Leuten bekommen, die eigentlich nur vorbeigehen, wie heute beim Festival. Nach der Show gab es sofort vier Leute, die Autogramme und Fotos haben wollten. Dann weißt du auch, dass es eine gute Show war. Aber einige kannten sogar einige unserer Songs und sangen mit. Es kommt nicht drauf an, ob da einer, zwei, hunderte oder tausende stehen. Wenn du eine Person erreichst, hast du einen neuen Fan und hast einen guten Job gemacht. Das könnten wir in Norwegen so nicht sagen. Wenn die Zuschauer in Norwegen tanzen, machst du die falsche Musik. Das ist echt irre für uns, außerhalb Norwegens zu sein und durch ein anderes Land zu touren. Das macht Spaß. Neue Leute, neue Städte, neue Venues. Und ihr habt hier wirklich großartige Venues und großartige Menschen. Alle, mit denen wir uns unterhalten haben, waren sehr nett.

Das waren soweit meine Fragen. Am Ende würde ich nur noch gerne wissen: Gibt es schon Pläne für die nahe und ferne Zukunft, die Ihr bereits nennen könnt? Oder müssen wir wieder sechs Jahre lang warten?

Für uns ist das wie ein Debüt. Das ist ein ganz neuer Sound. Ein neuer Anfang, wenn man so will. Das erste Album wurde nicht richtig veröffentlicht in Deutschland. Unser Plan ist jetzt, hervorragende Shows abzuliefern und den Spirit zu genießen, der dabei rumkommt. Wir haben ein tolles Team hinter uns. Menschen, die 24/7 für uns arbeiten, damit wir unsere Träume wahr machen können. Bevor wir neues Material schreiben,machen wir diese Tour, denn noch eine durch Norwegen, danach fangen wir an, neues Material zu schreiben. Aber erst einmal konzentrieren wir uns jetzt auf die Tour. Und wir bitten alle deutschen Festivals, uns im nächsten Sommer zu buchen! Alle Festivals im Sommer 2014!

Weitere Artikel
Rezension: Inglow – Till Deaf Do Us Part

Homepage: www.inglow.net
Facebook: www.facebook.com/inglow
Twitter: www.twitter.com/inglow

Interview und Übersetzung: Marius Meyer
Bilder: Marius Meyer (1,3), Pressefreigabe (2, 4, 5, 6)