Zugegeben, man kann sich am Weiberdonnerstag an anderen Plätzen in Köln aufhalten, als im Raum „Rheinhessen“ im Hyatt Regency mit stillem Mineralwasser. Aber dann hat man nicht die Gelegenheit zu einem persönlichen Gespräch mit der zweifachen Grammy-Preisträgerin und Oscar-Gewinnerin Melissa Etheridge. Und wenn die alte Faustformel „je berühmter die Gesprächspartner sind, umso netter und höflicher sind sie“ je passender war, dann in diesem Fall. Wir nutzten die Gelegenheit zu einem Talk über das neue Album This is M.E., über ihre anstehende Tournee, die sie im April in mehrere deutsche Städte führen wird und konnten auch einige persönliche Dinge mit Melissa ausloten.

Melissa, zunächst einmal: Es ist eine Ehre für mich, ein Interview mit Dir zu führen. Vielen Dank dafür und auch danke, dass du an meinem Geburtstag extra für mich ein Konzert in Köln gibst, ha ha.

Oh, ehrlich? Na dann, warten wir mal ab, wie das Gespräch verläuft, nicht dass ich am Ende noch „Lokalverbot“ aussprechen muss, ha ha.

Ich habe gelesen, dass Du mit Deinem neuen Album was „total Verrücktes“ tun wolltest. Ist dieses Vorhaben geglückt?

Nun, ich brauchte eine Veränderung. „Verrückt“ ist vielleicht das falsche Wort. Ich habe eine neue Plattenfirma, ein neues Management, alles neu und ich wollte einen Schlussstrich ziehen. Ich finde, das ist auch gelungen. Ob das verrückt ist, nun ja.

„This is M.E.“ ist dein 13. Studioalbum, mit der Zahl „13“ ist das ja so eine Sache. Bist du abergläubisch?

Überhaupt nicht, 13 ist die Zahl nach 12 und vor 14. Nicht mehr und nicht weniger.

Wenn du Dein neues Album mit dem Vorgänger „4th Street Feeling“ vergleichst, was ist der größte Unterschied?

„4th Street Feeling“ war ein persönliches Album, was mir auch wichtig ist. Es handelt von der Hauptstraße in Leavenworth, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Alle Gitarrenparts wurden von mir selbst eingespielt. Mein neues Album ist eine ganz andere Geschichte, da hab ich mir Hilfe geholt. Ich möchte Grenzen einreißen, ich habe mein Management gebeten: Sucht mir Leute, wo niemand auch nur auf die Idee käme, dass ich je mit denen zusammenarbeiten würde und sie fanden großartige Musiker und wir erarbeiteten gemeinsam Stücke wie „Ain’t that bad“, was mir sehr am Herzen liegt, eine der rockigsten Nummern seit Jahren. Also mein Album ist veröffentlicht und ich bin damit sehr, sehr glücklich.

Es ist Dein erstes Album, dass auf MLE Records, deinem eigenen Label erscheint. Hat das die Arbeiten an „This is M.E. beeinflusst?

Auf alle Fälle, ganz entschieden. Zunächst einmal hatte ich ein viel kleineres Budget als bei einem Major Label, da gab‘s keinen, der einem was „vorgestreckt“ hat und man sich als Künstler „nur“ um das Schreiben der Songs und die Aufnahmen kümmern musste. Jetzt geht das Geld in die Promotion, in die Treffen mit den Produzenten, Songschreibern und das verändert natürlich die Entstehung der Stücke sehr und das Geld wurde knapper, da das ja mein eigenes Label ist. Ich bin also noch abhängiger denn je, wie sich das Album verkauft, reich werde ich nicht. Du kannst von Albenverkäufen nur überleben, wenn du Millionen von Tonträgern verkaufen kannst. Ich schulde meiner alten Plattenfirma noch um die fünf Millionen auf dem Papier, die sie nie kriegen werden. Das System ist nicht dafür gemacht, dass der Künstler je genügend Geld für seine Leistungen bekommen wird. Traurig, aber wahr.

„This is M.E.“ entstand mit einer großen Anzahl an verschiedenen Musikern und Produzenten, wie hast Du da eine Auswahl getroffen?

Ich arbeite gerne mit Leuten zusammen, die auch mit mir arbeiten wollen, das ist ja eine Grundvoraussetzung. Jerry Wonda hat ja schon mit einigen großen R&B Stars wie Mary J. Blige oder den Fugees gearbeitet und im Bereich R&B war ich noch nicht so aktiv, das reizte mich, und so kamen wir in Kontakt. John Levine ist nebenbei noch Teil meines Managements und da war es kein Problem, mich mit ihm zu treffen und es hat zwischen uns beiden „Klick“ gemacht und die Arbeiten mit ihm waren von einer erstaunlichen Kreativität.

Würdest Du sagen, dass die Gäste den Sound des neuen Melissa Etheridge-Albums beeinflusst haben?

In erster Linie in der Produktion, die Texte habe ich selbst verfasst, die Musik und das Gitarrenspiel auch, aber die ganze Rhythmik und der Beat, da waren die Gäste echt hilfreich. Sie haben den Sound schon beeinflusst.

Ich habe gelesen, dass Deine Kinder eine Inspiration sind und dass ihr des Öfteren mit dem Auto unterwegs seid und Du ihnen Deine neuen Lieder vorspielst. Haben wir es mit einem „Familien-Album“ zu tun?

Ha ha, ja irgendwie schon, die sind zwar schon größer, aber meine vier Kinder sind natürlich immer eine Inspiration. Sie bedeuten mir so viel und das spielt natürlich mit ein. Beispielsweise „A little bit of me“ ist ein Song, der bei allen vieren gut ankommt. Jeder hat seinen eigenen Favoriten, also kann man wohl von einem Familien-Album reden.

Wenn man mal den Titel betrachtet: Dein erstes Album hieß „Melissa Etheridge“, nun hast du die Initialen gewählt. Ist der Selbstfindungs- Prozess jetzt abgeschlossen?

Gut aufgepasst, aber eigentlich sind es drei Alben, neben den beiden erwähnten auch noch „Yes, I am“, die wirkliche Statements enthielten. Das erste war die Vorstellung, dann „Ich bin noch immer da“ und jetzt hat sich ja wieder was verändert. Aber ich bin es noch immer und ich rocke auch noch.

Ich habe mal einige Songs ausgewählt über die ich gerne mit Dir reden möchte. „All the way home“ wurde kontrovers diskutiert. Um was geht’s in dem Lied, dass es solche Wellen schlägt?

Das ist einfach: um Sex. Weißt du, was ich seltsam finde? Auf einmal bin ich eine lüsterne Frau und das als Frau mit über 50. Wenn man in so einem Alter noch über Sex singt, dann ist man automatisch lüstern. Aber ist das nicht eine der normalsten Dinge überhaupt? Im Lied geht’s nur um zwei Menschen, die sich irgendwo treffen und ins Bett gehen Warum auch nicht? Darum geht’s im Rock‘n‘Roll in jedem zweiten Song.

Ein anderes interessantes Lied ist „A little hard hearted“. Wer ist diese hartherzige Person?

Oh, das bin ich selbst. Natürlich möchte ich nicht hartherzig sein, wer will das schon, es ist der einzige Song auf dem Album, wo es um meine Scheidung geht und die schmutzige Wäsche, die gewaschen wurde. Aber der Song handelt eher davon, wie belastend es ist, eine hartherzige Person zu sein.

Du singst „I am a Monster“. Ist dem so?

Ha ha, das ist ein Song über Unterschiede. Jeder Mensch ist anders, in Bezug auf Sexualität, Religion, Herkunft und das schreckt viele Menschen ab, auf den anders wirkenden Menschen zuzugehen. Wenn man es denn man getan hat, dann fühlt es sich großartig an. Ich bin ein Monster voll Liebe und Sehnsüchte, ich bin auch anders, aber wer ist das nicht?

Ein weiterer Titel heißt „Like a Preacher“, wer ist die Person, die sich wie ein Priester verhält?

Tja, du wirst es nicht glauben, aber auch das ist ein Song über Sex. Das Problem ist, dass Sex von der Kirche nur dann gutgeheißen wird, wenn es der Fortpflanzung dient, der Spaß am Sex ist aber auch da und das versuche ich zu predigen wie ein Priester von der Kanzel.

Du giltst als politisch aktive Frau. Ist dein neues Album in irgendeiner Weise auch politisch?

Das spielt natürlich eine Rolle, aber man kann eben nicht aus seiner Haut und es gibt soviele Punkte, die mich betreffen und über die ich singe, aber der Großteil dreht sich eher um soziale Dinge, die mich bewegen, die Einzigartigkeit des menschlichen Seins.

Das Album ist seit ein paar Tagen draußen, wie sind die Reaktionen bislang?

Es ist in den USA ja sogar schon seit September raus und ich liebe die Art, wie es von den Fans und der Presse angenommen wird. Es wird mit meinen erfolgreichsten Alben wie meiner Debütplatte verglichen und ich war damit auf Tour in den Staaten und sie lieben die Stücke, die sich wunderbar mit den Klassikern wie „Bring me some water“, oder „Like the way I do“ ergänzen.

Melissa, Du hast so viele Alben aufgenommen und spielst schon so lange im Musikbusiness eine gewichtige Rolle. Hand aufs Herz, gibt’s noch Ziele für „This is M.E.“?

Erfolg ist doch die Möglichkeit, meine Musik vor Fans zu spielen. Manchmal geht’s runter und dann wieder rauf, so läuft das Leben. Alles bleibt unberechenbar, aber Erfolg ist für mich, Musik zu machen und wenn sich die auch noch verkauft, umso besser.

Du bist bekannt dafür, dass es zwischen deinen Fans und Dir eine besondere Kommunikation herrscht. Kannst du mir das mal erklären?

Dieser Spirit auf meinen Konzerten, das ist was ganz besonderes, da achte ich auch drauf, dass der Kontakt zu meinen Fans nicht abreißt. Es ist eine Verpflichtung für mich, in allem was ich tue, ich bin zu 100% Melissa und das merkt man auch in meinen Songs, die erzählen ja nun von mir und da hätte es wenig Sinn, mir selbst oder meinen Fans was vorzumachen. Es ist ja so: Viele Leute kennen mich und einige meiner Songs erinnern sie an alte Zeiten und an Erinnerungen, die sie nicht missen möchten. Ich bemühe mich, meine treuen Fans mit Würde, Verständnis, manchmal auch Mitgefühl zu behandeln und das schweißt halt zusammen. Ich liebe meine Fans sehr, wenn sie meinen Namen rufen und mitsingen.

Im April kommst du zurück auf Tour, was können die Leute erwarten?

Du meinst neben Deinem Geburtstag, ha ha. Also in Deutschland spiele ich unheimlich viele Termine, das liegt dran, dass ich in Deutschland auch ganz treue Fans habe und die werden viele ihrer Lieblingslieder hören. Die Klassiker natürlich, es gibt natürlich auch neue Songs und alles wird neu arrangiert, denn es ist meine Solo-Tour. Nur ich alleine. Aber glaub mir, es wird laut und rockig. Mit ein wenig Hilfe durch „Loops“ und einem kleinen Drumcomputer wird das ein toller Abend werden. Ich spiele mehr und besser Gitarre denn je zuvor.

Also in etwa so wie Dein legendäres MTV Unplugged Konzert?

Besser, es gibt mittlerweile viel mehr technische Möglichkeiten.

Gibt es einen typischen Prozess, wie ein Melissa Etheridge-Song geschrieben wird?

Es gibt keinen typischen Prozess, als erstes ist da immer eine Inspiration, es gibt Wortfetzen, es kann Musik oder Rhythmik sein, ein Gedankenfetzen und der Ort kann auch unterschiedlich sein, mal sitze ich am Piano und klimpere und dann hab ich eine Melodie oder es entsteht erst der Text, je nachdem, immer unterschiedlich.

Hand aufs Herz, was ist dein Lieblingslied auf „This is M.E.“?

Klar, ich mag, wie jeder Künstler, alle Tracks, das ist ja klar. Aber wenn ich mir eins aussuchen müsste, dann wäre es „Ain’t that bad“, das macht immer Spaß, beim Live-Spielen, bei den Aufnahmen im Studio, eigentlich immer.

Hast du ein Ritual, wenn Du auf Tour gehst?

Ich genehmige mir jeden Morgen einen „Smoothie“, das ist der einzige Luxus, den ich mir auf Tour gönne. Ist das bescheiden, ha ha.

Du bist mit einigen der bekanntesten Musiker aufgetreten, mit Bruce Springsteen, Dolly Parton, Joss Stone und vielen anderen. Gibt’s da noch einen, mit dem Du gerne singen würdest?

Oh ja, ganz viele, Steven Tyler von Aerosmith, Adele, eigentlich mit jedem, der mit mir singen möchte. Wer denn noch? Ja, die Queen of Soul, Aretha Franklin. Es gibt so viele tolle Sänger und Sängerinnen, mit denen ich gerne performen würde.

Wo siehst du dich selbst in 10 Jahren, mit deiner Frau auf einer Farm im Ruhestand?

Nein, ich werde nie in den Ruhestand gehen, vielleicht werde ich ein wenig kürzer treten, was das Touren angeht, aber so lange sind 10 Jahre nicht, guck dir doch mal die Rolling Stones an, die stehen auch noch immer auf der Bühne. Also macht Euch die nächsten 20 Jahre um mich mal keine Sorgen.

Leider schon die letzte Frage, Melissa. Bitte vervollständige den folgenden Satz: Musik ist das Wichtigste im Leben, denn …

… sie ist mein Leben. Musik ist meine Seele, Musik macht das Leben lebenswert.

Vielen lieben Dank für Deine Zeit und ein tolles Gespräch!

Weitere Artikel
Vorbericht: Melissa Etheridge – im April auf Deutschland-Tour
Rezension: Melissa Etheridge – This is M.E.
Rezension: Melissa Etheridge – 4th Street Feeling
Rezension: Melissa Etheridge – Fearless Love

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Interview und Übersetzung: Dennis Kresse
Bilder: Pressefreigabe