Bevor er am Abend des 29. November 2014 ein umjubeltes Konzert in der Hamburger Markthalle gab, fand sich am frühen Abend die Gelegenheit, zwischen Soundcheck und Auftritt ein Gespräch mit Phillip Boa zu führen. Trotz wegen Erkältung angeschlagener Stimme, von der man während des Auftritts aber nichts merkte, nahm er sich die Zeit für uns, über das Album „Bleach House“, die laufende Tour, das Thema „Erwachsensein“ und vieles mehr zu sprechen.

Ihr seid mit dem neuen Album auf Tour, das schon eine Weile draußen ist. Wie haben sich die Songs live entwickelt, wie fügen sie sich ins Live-Set ein?

Das kann ich noch nicht so richtig sagen. Es ist immer schwierig am Anfang, neue Songs in einem Set zu etablieren, weil man eine Menge Hardcore-Fans hat, von denen viele vielleicht vorwiegend die alten Songs, die Klassiker, hören möchten. Wenn ich das so betrachte, dann setzen sich die neuen Lieder ganz gut durch.

Neu ist auch die Sängerin. Das wird in Stories relativ häufig thematisiert. Nervt dich das inzwischen schon, da Fragen zu beantworten?

Keine Ahnung, ich habe ja kaum Interviews gegeben. Für mich existiert das Thema nicht. Live hat sich nie irgendjemand negativ geäußert. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Sie bringt frisches Blut da rein und hat eine Menge Energie, das tut der Band gut.

Wenn man von dem Unterschied absieht, was würdest Du sonst sagen, sind die markanten Unterschiede zwischen dem neuen Album und dem Vorgänger?

Sowas kann ich nicht beurteilen. Ich habe das technisch versucht, diese Songs von „Bleach House“ von anderen Leuten realisieren zu lassen und zu mixen und mastern. An anderen Orten mit anderen Leuten und viel mehr kann ich auch nicht tun und dazu sagen. Mir fehlt komplett die Distanz zu den Songs und den Alben. Nicht mal zu „Loyalty“ kann ich viel sagen, weil es einfach unheimlich schwierig ist, wenn man die Songs selbst schreibt und dann da sitzt. Man hört sie praktisch jahrelang an und dann sind sie irgendwann vollendet und dann hat man nichts im Kopf, um einem zu sagen „das war jetzt besonders gut“. Mein Lieblingssong „Magnesium“ hat es nicht einmal auf das Album geschafft, das ist ein Bonustrack auf der limitierten Erstauflage.

Ich habe vom Album mal zwei Stücke rausgesucht, das eine ist „Standing Blinded On The Rooftops“. Was steckt dahinter?

Die Songs sind ja nicht immer autobiographisch, sie handeln nicht immer von mir, auch wenn ich viel in der Ich-Person singe. Die Figur steht auf dem Dach und ist etwas verwirrt. Sie fragt sich, was in all den Jahren passiert ist, schaut zurück und reflektiert so sein Leben, träumt, die Sonne scheint ihm ins Gesicht. Der Song ist recht melancholisch, die Gedanken auch, aber die Figur sieht auch die Schönheit, dafür werden ein paar Beispiele aufgezeigt. Es ist ein sehr versponnener, sehnsüchtiger Song, ähnlich wie „And Then She Kissed Her“, wo es einfach um große Gefühle geht. Das ist schwierig, exakt zu analysieren, wenn man sie selber geschrieben hat. Das sollte man nicht tun. Ich würde jetzt nicht Zeile für Zeile erklären wollen. Ich könnte das, dauert aber ewig.

Mir ist aber eine Zeile noch aufgefallen, nämlich „Relieved Like A Woody Allen Movie“…

Das heißt, die Person träumt davon und vielleicht hat sie es auch oft erreicht, dass das Leben von ihm so relieved, so verspielt erleichtert war, wie ein Woody Allen-Film. Ein Woody Allen-Film plätschert immer romantisch dahin. Der ist nicht doof, er ist ein bisschen amüsant, aber er hat keine große tiefere Bedeutung und trotzdem ist er irgendwie schön. Es passiert eine Menge. Die Woody Allen-Filme sind finde ich so unstressig. Ich weiß nicht, ob das irgendetwas erklärt. Die Figuren in seinen Filmen, besonders in den letzten acht Filmen sind total frei und befreit und erleichtert, das finde ich daran schön. Vielleicht wünscht die Figur sich das in dem Song.

Du sagtest gerade, dass nicht alle Stücke autobiographisch sind, sondern sich auch um andere Personen drehen können…

…um fiktive Personen, wie bei einem Schriftsteller. Da spielt wie bei jedem Schriftsteller natürlich auch immer mein eigenes Leben mit rein. Die Figuren können natürlich auch aus meinen Lebenserfahrungen entstanden sein, aber es gibt auch Personen, die komplett zu 100% erfunden sind. Oder Soundtracks wie der Song „Bleach House“, die haben nicht mit mir zu tun, das ist einfach ein bizarrer Soundtrack, den man kaum verfilmen kann.

Wie viel Autobiographie, würdest Du sagen, ist in „Ueberblendung“?

Da ist ganz viel drin. Das ist so, dass man wenn man jung war, seine Seele verkauft hat und seine Freiheit verkauft und geopfert hat, um irgendwie Musiker werden zu können. Ein normales bürgerliches Leben hat man praktisch aufgegeben oder verworfen und sich dafür entschieden hat, dass man ein anderes, teils bizarres Leben, führen will. Und dass man dann aber ab und zu einen fürchterlichen „Backlash“ kriegt, also die psychische Strafe dafür. Man verliert eigentlich an Freiheit und ist hochgradig paranoid, bei mir ist das so. Man bildet Neurosen, fühlt sich verfolgt. Oft gibt es auch gar keine Gründe dafür. Man kommt mit gewissen Dingen nicht zurecht, mit denen normale Menschen ganz leicht umgehen können. Dann schaut man auf sich selbst herab und verachtet sich, weil das einfach so schwach ist.

Wenn du das Album wieder als Gesamtes nimmst: Hattest Du damit so etwas wie eine Erwartungshaltung?

Nein, das ist das 18. Album und da hat man keine Erwartungshaltung mehr. Ich habe nur versucht, wie ich es auch bei „Loyalty“ versucht habe, aber bei „Bleach House“ noch mehr, einen ganz klaren Punkt zu machen und zu sagen „okay, ich will jetzt nicht erwachsen werden“. Ein sehr erwachsenes Album war beispielsweise „Diamonds Fall“ oder „Faking To Blend In“. Das waren sehr erwachsene, abgeklärte Alben, wie auch „My Private War“ in 2000, die dieses „ja, ich bin jetzt der Elder Statesman, ganz der Gentleman und ich will auch so klingen wie ein Bryan Ferry oder wie auch immer“ hatte. „Loyalty“ und vor allem „Bleach House“ sollten das Gegenteil sein und sagen: „Ich will nicht erwachsen sein, ich will weiter mit den Dingen spielen, es als Herausforderung sehen. Ich will nicht klingen wie eine ältere Band oder ein Elder Statesman.“

Ich habe heute früh mal ein paar Rezensionen auf Amazon gelesen zum Album, eine sehr gute Rezension war dabei, auch mit fünf Sternen, die war überschrieben mit „Als wäre die Zeit stehen geblieben“. Ist das nicht aber eigentlich schlecht, wenn da im Grunde jemand von Stagnation schreibt?

Das hast Du jetzt so negativ interpretiert. Das ist Blödsinn, das negativ zu interpretieren. Das waren damals wunderbare Zeiten und ganz zeitlose Alben, die jetzt immer noch so klingen, als wenn sie von 2015 sein könnten. Sind sie aber nicht. Und dass 2014er-Alben klingt dann eben teilweise so wie aus diesen Zeiten. Das war meine beste Arbeit, zwischen 1989 und 1994. Das ist nichts Negatives. Das ist eine gewisse Stärke, wenn man Songs schreiben kann, die eine schöne Atmosphäre haben und total zeitlos sind. So sehe ich das. Das war die Zielsetzung. Das technische Equipment, die Producer, die Mixer, die Elektronik, das ist alles immer noch genauso wie 1993. Dieselben Studios, dieselben analogen Synthesizer – das ist alles immer noch dasselbe. Das kann man z.B. auch negativ sehen, dass eigentlich in der Beziehung kein Fortschritt erzielt wurde, aber ich finde das auch positiv.

Ich selbst sehe es ja nicht negativ, ich fand nur diese Headline merkwürdig…

Wenn Leute so etwas schreiben, dann sind das wahrscheinlich Fans. Der erinnert sich an seine beste Zeit zurück, wahrscheinlich an seine Jugend und fühlt sich durch die Platte daran erinnert. Das ist ja eigentlich der Zweck meiner „Mission“ in Anführungsstrichen, die Leute glücklich zu machen.

Hintergrund der Frage war eher, dass Musiker es ja nicht immer so gerne mögen, ständig auf alte Zeiten angesprochen zu werden.

Nicht, wenn die Zeiten gut sind. Und das Album ist ja trotzdem anders. Wo technischer Fortschritt gemacht worden ist, beim Mastern und dass man einfach anders mixt, etwas schärfer oder so, das hat dieses neue Album. Das heißt, es klingt ja trotzdem nicht eins zu eins wie 1993 oder old-fashioned. Wichtig ist finde ich, dass die Musik zeitlos ist und nicht wie mein erstes Album „Philister“. Da stehe ich nicht so hinter, das klingt für mich nicht gut genug und nicht zeitlos genug. Das Material ist eigentlich gut, aber damit, wie das klingt, bin ich nicht zufrieden. Da bin ich froh, dass es das nur online gibt.

Das war es von mir fast mit Fragen. Zum Schluss würde ich gerne wissen: 2014 neigt sich dem Ende, es gibt noch die Tour und die Weihnachtskonzerte, dann ist das Jahr durch. Was kann man 2015 erwarten von Dir, von Euch?

Kein neues Album. Vielleicht mal wieder eine Remastered-Platte, die es noch nicht gibt, „God“ von 1994 zum Beispiel, die gibt es schon lange nicht mehr. Da haben wir ein paar alte Demos, an denen arbeite ich dann vielleicht und gucke, welches Material noch da ist, dann wird das fett gemastered, Live-Aufnahmen dazu – das ist auch ein schönes Produkt. Das haben wir ja schon fünf sechs Mal gemacht, das ist eine schöne Arbeit. Sowas würde ich vielleicht nächstes Jahr machen.

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Interview: Marius Meyer
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