Nachdem er mit Pink Turns Blue beim Wave Gotik Treffen eine spezielle Show zur Veröffentlichung des aktuellen und zu Recht gefeierten Albums Ghost spielte, fand Mic Jogwer nun Zeit, um eine Reihe von Fragen für Alternativmusik.de zu beantworten. Dabei ging es natürlich um das aktuelle Werk, aber auch um den Weg, der dorthin geführt hat, die Szene im Allgemeinen, das Publikum und die Unsinnigkeit hinter zu genauen Zukunftsplänen. Was es dabei an interessanten Hintergründen und Details zu erfahren gab, ist im vorliegenden Interview nachzulesen.

Frage: Es sind jetzt vier Jahre seit Eurer Re-Union vergangen. Wie würdest Du die seitdem vergangene Zeit charakterisieren – vom ersten Gedanken an die Re-Union bis zum neuesten Album „Ghost“?

Eine aufregende Reise mit Freunden. Der eigentliche Grund wieder etwas zusammen zu machen war die Lust, sich wieder zu sehen und über die Musik Kontakt zu einander zu halten. Es begann mit einer klassischen Re-Union vor treuen Fans, die sich freuten, die guten alten Hits von ihren Helden zu hören. Schließlich entwickelten sich der Wunsch und der Entschluss, neue Songs und ein neues Album zu wagen. Das war der Punkt, wo das Abenteuer begann. Hatten wir der Szene und unseren Fans wirklich etwas Zeitgemäßes, Relevantes zu bieten? Wir mussten es wagen, da wir sonst zur eigenen Coverband verkommen wären.

Frage: Nach der Re-Union-Veröffentlichung erschien vor zwei Jahren mit „Phoenix“ das erste neue Album nach wirklich langer Zeit. Den Ausführungen auf Eurer Webseite folgend, zeigtet Ihr Euch sehr positiv überrascht über den Hype, der zu dieser Zeit um Eure neue Veröffentlichung im Gange war. Inwieweit hat dieser durchschlagende Erfolg des Vorgängeralbums Euer Herangehen an „Ghost“ beeinflusst? Wie seid ihr mit der Erwartungshaltung umgegangen (falls ihr so was überhaupt gespürt habt)?

In der Tat hat uns der Erfolg von Phoenix geradezu überwältigt. Eine positive Resonanz bei den Fans hatten wir uns natürlich erhofft. Dass jedoch die komplette Szene erst die Single in die Club Charts auf #3 (Jahres-Top-100 auf 14!) und das Album auf #8 der DAC-Charts katapultiert und das in einem komplett elektro-orientierten Umfeld, das war enorm. Dazu kamen sehr positive Kritiken, weltweite Club-Playlists, weltweite Compilation-Platzierungen, eine erfolgreiche Club-Tour, etc. Dieser Erfolg in Kombination mit dem sehr schönen Erlebnis des Jubiläumsballs, wo wir als Band mit vielen Freunden aus der Szene aufspielten, gab uns entsprechendes Selbstbewusstsein und auch eine aktuelle Identität.

Frage: „Ghost“ wird als ein Konzept-Album angekündigt… Kannst Du dieses Konzept ein wenig erläutern? Worum geht es auf „Ghost“? Wie wurde das Konzept realisiert?

Während Phoenix als Kooperation der einzelnen Mitglieder von selbst entstanden ist, war es uns bei Ghost wichtig, bestimmte Songs und die aktuelle Band in den Vordergrund zu stellen. Uns wurde von vielen das Kompliment gemacht, besonders authentisch, echt, menschlich und gefühlsvoll zu sein. Das würde uns zu etwas Besonderem machen. Wir haben von daher aus einer Vielzahl von Songs diejenigen ausgesucht, die einerseits die Themen der Zeit bzw. unsere Sicht der Dinge in erlebten Gefühlen und Geschichten darstellen und anderseits dem tatsächlichen Band-Sound Raum geben.

Frage: Woher kamen die Ideen dazu? Wie verlief allgemein der Schaffensprozess, der im Endeffekt zum neuen Album, so wie es ist, geführt hat?

Wie immer entstehen die Ideen dezentral bei den Bandmitgliedern, sei es in London, Köln, Hamburg oder Berlin. Louis und meine Ideen kommen oft fertig mit Gesang und Text daher, die der anderen meist als Instrumentalversion. Alle Ideen werden von allen angehört und die Ideen, die uns ansprechen, die irgendwie eine Gänsehaut oder eine spannende Geschichte erzählen, werden ausgewählt. Diese mache ich dann fertig, bzw. fasse sie noch einmal an. Mit meiner Stimme versehen, gibt es noch einmal Ideen und Beiträge von allen und schließlich entscheiden wir uns für die Favoriten. Dann beginnt die eigentlich Aufnahme, die sich, da wir so verstreut leben, über sechs Monate hinziehen kann (mit einigen, größeren Pausen). Am Ende bitten wir Janez Krizaj, die fertigen Aufnahmen abzumischen.

Frage: Ein Titel, der mir auffiel, war: „If love could change the world“ – ganz einfach gefragt: Was wäre dann?

Dann würde das Leben Sinn machen.

Frage: Ebenfalls fiel mir der Titel „Last Day On Earth“ auf (in meinen Augen eines der stärksten Stücke der CD) – worum geht es in diesem Stück? Wie stellst Du Dir diesen letzten Tag vor?

Es geht darum, mit seinem Leben abzuschließen und von allem Abschied zu nehmen.

Frage: Wie ist es mit der Konzert-Planung? Sind neben der speziellen Release-Show auf dem diesjährigen Wave Gotik Treffen auch „normale“ Pink Turns Blue-Konzerte geplant?

Da sind wir noch nicht sicher. Wir haben Freude daran, etwas Außergewöhnliches zu machen, was in einem „normalen“ Club im Rahmen einer Clubtour oder auf einem klassischen Festival kaum möglich ist. Und das ist uns einfach zu wenig. Das klingt nach Routine und Austauschbarkeit. Auf der anderen Seite fühlen wir uns unserem Publikum verpflichtet und der deutlich formulierte Wunsch nach mehr Live-Präsenz der Band beschäftigt uns schon.

Frage: Wenn man Eure Aktivitäten so betrachtet, gewinnt man den Eindruck, dass Ihr das Spezielle liebt. Letztes Jahr der Auftritt beim WGT-Jubiläums-Ball, dieses Jahr die spezielle „Ghost“-Show… Liebt Ihr das Besondere?

Für uns ist Pink Turns Blue nicht Alltag, sondern etwas Kostbares. Dieses möchten wir uns und unseren Anhängern gerne bewahren. Am besten gelingt uns das, wenn ein Auftritt für uns etwas einmaliges, nicht zu wiederholendes darstellt.

Frage: Mal etwas allgemeiner gefragt… Woher kommen generell die Inspirationen zu Euren Stücken?

Aus dem Leben?

Frage: Nach all den Jahren… Woher kommt die immer wieder neue Motivation, weiter zu machen und etwas Neues zu erschaffen?

Etwas Neues zu schaffen ist wie etwas zu entdecken oder etwas Leben einzuhauchen. Da scheint Musik endlose Möglichkeiten zu bieten, die Seele anzusprechen und ihr Halt zu geben. Ein neuer Song, der das schafft, gibt Inspiration und Geborgenheit. Das ist fast so kostbar wie die Liebe oder ein lachendes Kind. Gibt es etwas Schöneres?

Frage: Wo Ihr ja nun wirklich lange existent seid, kann man fast davon sprechen, dass Ihr mit der – nennen wir es mal so – Gothic-Szene groß geworden seid. Wie empfindest Du die Szene, wenn Du ihre Entwicklung von damals bis heute betrachtest und vergleichst?

Die Szene ist erwachsen geworden und sehr heterogen. Wir haben große Freude daran, dass die Szenegänger sich selbst mindestens so ernst nehmen, wie die Szenehelden. Die Szene ist für uns eine friedliche Gegenwelt, die sich von den alltäglichen Zwängen und Regeln innerlich befreit hat.

Frage: Es ist ja prinzipiell seit Jahren so, dass immer wieder über den Werteverfall geklagt wird und man sich über Dinge wie so genannte „Mode-Grufties“ und solche Sachen aufregt. Wie stehst Du dazu?

Das halte ich für eine übliche Aussage von Szenegängern, die sich selbst gegenüber anderen durch Abwertung aufwerten möchten. Sehr durchsichtiger und sehr menschlicher Zug. Jede Szene hat ihren Code und jede etablierte Szene ihre Untergruppen und Untercodes. Den einen Code einem anderen gegenüberzustellen gehört dazu. Zugehörigkeit entsteht durch Abgrenzung. Wir haben viel Freude an Fashion und Style und schmücken uns gerne für unsere Auftritte. Das hat etwas Festliches, Besonderes.

Frage: Wie stehst Du allgemein zum Denken in Szenen?

Szenen geben der Seele eine Heimat. Die nihilistische Aussage der Gothic-Szene drückt für mich wesentliche Haltungen aus: Absage an materialistischem Karrieredenken, Absage an Anpassung an gesellschaftliche Erfolgskonzepte (schwarz & seltsam) und gleichzeitig Ausdruck der Individualität und Kreativität (extrovertiertes Auftreten, sexuelles Sortiment).

Frage: Wie siehst Du Euch selbst, wenn Du „damals“ mit heute vergleichst? Was für Unterschiede gibt es zwischen den beiden „Phasen“?

Damals ging es um einen Aufbruch bzw. Kampf gegen die ganze Welt. Wir fühlten uns wie Missionare in einem Land von Ignoranten. Was natürlich nur zum Teil stimmte. Damals war man als deutsche band ein Niemand. Es sei denn, man sang deutsch und war möglichst uncool. Heute scheinen wir eher die großen Brüder zu sein. Sozusagen Vorbilder für das Gute und Richtige? Das ist natürlich Quatsch. Wir machen die Musik, die aus uns herauskommt und die uns anspricht und haben keinerlei Sonderstellung.

Frage: Wenn Ihr Euer Publikum betrachtet… Wie setzt sich das zusammen? Und wie empfindet Ihr die Zusammensetzung? Sind es eher die Fans von einst, die zu Euren Konzerten kommen und Eure Veröffentlichungen kaufen oder konntet Ihr mit Eurem Klangbild auch neue Hörer für Euch gewinnen?

Beim Re-Union Auftritt waren es mindestens 70% alte Fans und ihre Freunde, die sie mitgeschleppt hatten. Bei der Phoenix-Tour waren immer noch mindestens 60% alte Fans. Zur Zeit des Jubiläumsballs waren es schon 60% neue und beim Special-Ghost-Auftritt maximal 30% alte Fans, die leider meist sogar nicht mehr hineinkamen. Inzwischen hat sich die Band wohl als „cool“ und „angesagt“ und „lebendig“ herumgesprochen, hält sich in den Club-Charts, wird in Orkus und Sonic Seducer und bei Infrarot einstimmig zur Platte des Monats gewählt. Ich denke, wir sind im hier und heute angekommen.

Frage: Davon mehr oder weniger ausgehend… Wie sind Eure Erwartungen, was das neue Album betrifft?

Natürlich freuen wir uns darüber, wenn möglichst viele junge und alte die neuen Songs so lieben wie wir. Scheint zu klappen.

Frage: Bevor wir zum Schluss kommen hier: Gibt es bereits nennenswerte Pläne für die nahe und ferne Zukunft von Pink Turns Blue? Irgendwas, das man schon nennen kann?

Nein. Pläne zerstören den Spirit. Es wird weitergehen und uns dorthin treiben wohin es gehen soll.

MJ

Homepage: www.pinkturnsblue.de
MySpace: www.myspace.com/pinkturnsblue

Interview: Marius Meyer
Bilder: PR