Zwei Auftritte beim selben Festival, so das Pensum für Project Pitchfork beim diesjährigen Amphi Festival am Kölner Tanzbrunnen. Wir nutzten die Gelegenheit, uns zwischen Auftritten und Autogrammstunde mit Peter Spilles in den Beach Club zu setzen und ein Interview zu führen, das sich um das Festival drehte, das „Early Years“-Set, das neue Album, die Begrifflichkeit des Konzept-Albums, das Spielen mit Worten und vieles mehr. Viel Spaß mit dem vorliegenden Gespräch!

Zum Einstieg gefragt: Ihr habt gleich zwei Auftritte beim selben Festival. Wie ist das für Euch, zweimal hier aufzutreten?

Lustig. Mit dem Schiff war das mal eine ganz besondere Aktion, das nimmt man gerne mit, wenn man schon gefragt wird. War lustig!

Würdest Du sagen, dass das auf dem Schiff ein ganz besonderer Auftritt war?

Nein, für mich nicht. Es war ein regulärer Pitchfork-Auftritt, wie ich ihn auch in den 90ern schon hatte.

90er… Es war ja nun so, dass es als „Early Years“-Set ausgegeben wurde. Hatte das denn irgendwas Nostalgisches für Euch?

Kaum. Es sind halt Songs, die wir bis ca. 2005 rauf und runter gespielt haben. Jetzt haben wir sie mal wieder aus der Kiste geholt. Dazu haben wir dann noch einen einzigen neuen Song dazu gespielt. Das hat was von Tagebuch-Lesen. (lacht)

Würdest Du denn sagen, dass es so etwas gibt wie „Pitchfork damals“ und „Pitchfork heute“?

Nö, ich schreibe seit über 20 Jahren Songs und da ist irgendwie kein „damals“ und „heute“. Wenn wir die mixen, wie normalerweise auf regulären Konzerten, merkt man ja auch, dass auch die ganz alten Songs mit den ganz neuen Songs zusammen passen. Die kommen eben aus einer Feder.

Aber wie war es denn, so ein Set mit alten Stücken zu spielen? Du bist mitten in den letzten Zügen zum neuen Album…

Das ist schon emotional ein bisschen merkwürdig. Man hüpft in so einen alten Pool. Kopfmäßig bin ich bei dem neuen Album. Das war nicht einfach, aber es gibt Schlimmeres.

War das denn eine einmalige Aktion auf dem Schiff oder plant Ihr sowas häufiger?

Ich weigere mich eigentlich, wenn Leute solche Fragen stellen wie „ja, äh, könnt Ihr das mal spielen?“, „bitte nur von den ersten drei Alben“… Die Zeit ist einfach vorbei, wer damals dabei war, hat Glück gehabt, wer nicht, hat halt Pech gehabt. Wir spielen immer noch in unseren Sets alte Songs wie „K.N.K.A.“, „Souls“, das ist alles dabei, was wir damals auch gespielt haben, von daher ist das eher eine Einzelaktion.

Gestern war das Schiff, heute ist Staatenhaus. Was sind die größten Unterschiede zwischen den Shows für Euch? Ich habe vorhin die Setlist von gestern gesehen, da waren ja auch ein paar Stücke dabei, die sonst auch dabei sind…

Genau, das hab ich ja auch gerade gesagt. Der größte Unterschied ist einfach, dass das heute nicht auf einem Schiff ist. (lacht) Das war auch für uns sehr reizvoll, dass wir da ab dem späten Nachmittag auf einem Schiff rumgehangen haben. Das hat man nicht alle Tage.

Ok. Wie gesagt: Heute Staatenhaus… Ihr wart nun schon öfter hier und habt eigentlich immer im Staatenhaus gespielt. Ich würde jetzt mal behaupten, dass Ihr prinzipiell auch ein Act für die Mainstage seid…

Ich lehne die Mainstage immer ab, weil ich keine Lust habe, im Sonnenlicht zu spielen – und gerade auch, wenn man sich nicht so auf das Wetter verlassen kann, wie es in Deutschland ist. Da hast Du manchmal auch das Problem, dass es anfängt zu gießen usw. Du hast keine schöne Lichtshow… Das finde ich doof. Da spiele ich lieber im Staatenhaus.

Und als Headliner…

Auf der Mainstage wären wir auch Headliner gewesen, das haben sie uns auch angeboten…

Ah, okay. Es ist ja nun das zehnte Amphi Festival. Wie ist es für Euch, an so einem Jubiläum teilzunehmen?

Das kriegt man gar nicht mit. Das Essen im Backstage ist in diesem Jahr besonders schlecht. Es ist nicht gerade das Jubiläumsessen. (lacht) Ich wollte gerade schön frühstücken, mit einem Süppchen, aber die haben die Minestrone noch nie gemacht. Das war, als wenn ein Fünfjähriger das zum ersten Mal versucht hat, was zu kochen. So hat es geschmeckt. Dabei ist Minestrone jetzt echt einfach, das ist eine Gemüsesuppe. Aber ansonsten… Das geht an einem vorbei, dass es jetzt das Zehnjährige ist. Das wird nicht besonders herausgehoben oder so, das nimmt alles seinen normalen Gang. Wie beim WGT mit der 25, das ist irgendwie normal.

Ihr wart nun schon häufiger hier. Wie hast Du die Entwicklung des Festivals denn empfunden, wenn man mal von der Entwicklung des Essens absieht?

Kaum Entwicklung eigentlich. Es kann ja größenmäßig nicht mehr wachsen. Es ist halt so, wie es ist. Da kannste mir nicht mehr abgewinnen gerade. Da weiß ich gar nicht, was ich sagen soll. (lacht)

Wenn es gleichbleibend positiv ist, ist das ja auch eine gute Entwicklung.

Ja, das ist es!

Spielt Ihr heute auch schon Stücke vom neuen Album?

Wenn dann nur eins…

Das gleiche wie gestern?

Genau.

Wie hat das Publikum das neue Material denn aufgenommen?

Das eine neue Stück, das war eine Zugabe. Das wurde wie eine normale Zugabe aufgenommen, denke ich mal.

Ich hab da einige sagen hören: „Moment, das war ja gar nicht alt…“ War das eine Art bewusster Bruch zum Schluss?

Wir hatten noch für ein Stück Zeit nach dem regulären Set und wollten dann eben bewusst zeigen: Wir haben etwas Neues!

Das Album heißt „Blood“. Warum habt Ihr Euch für den Namen entschieden? Ketzerisch gesagt ist es ja nicht gerade das am seltensten genutzte Wort innerhalb der dunklen Musik…

Genau. Deswegen wurde es mal Zeit, dass ich mich drum kümmere.

Ohne Klischee?

Es ist schon Klischee-beladen. Aber das dann umzusetzen, ohne sich der vorhandenen Klischees zu bedienen, das ist die Kunst. Und ich denke, das ist mir gelungen.

Inwiefern würdest Du sagen, ist Dir das gelungen?

Auch von der Optik her, das spielt für mich immer eine große Rolle. Von den Fotos her, dem Artwork… Das ist halt schick!

Ich habe mir das Tracklisting angeschaut: Da ist überall das Wort „Blood“ mit drin. Ich würde jetzt mal von einem Konzept-Album sprechen…

Nee…

Nicht?

Ich liebe das Spielen mit verschiedenen Ebenen, Bedeutungsebenen, Metaebenen und so weiter. Das hat sich da jetzt schön angeboten, immer die Sachen, die man mit „Blut“ sagen kann, mit „Blood“ zu bezeichnen – „Blood-Money“, „Blood-Pressure“ und so weiter. Aber ich habe das nicht als Konzept komponiert.

Würdest Du denn davon ab sagen, dass hinter dem Album ein Konzept steht?

(lacht) Ja, Blut.

Also doch!

Ja, aber was ist ein Konzept-Album?

Vielleicht eine bestimmte Thematik, die sich durchzieht…

Das tut es nicht, bis auf den Titel. Das ist immer das Ding. Was ist ein Konzept-Album? Wenn ich als Komponist und Schreiber daran gehe, ist das ja auch schon ein Konzept, dass ich überhaupt anfange, da etwas zu machen. Ich habe ja quasi das Konzept, ein Album fertig zu kriegen. Aber das als Konzept-Album zu bezeichnen, das klingt zu verkopft, das ist eigentlich eher spielerisch.

Wenn man es mit dem Vorgänger vergleicht: Wo würdest Du sagen, sind die größten Unterschiede und Neuerungen?

Es heißt jetzt „Blood“, nicht mehr „Black“ – wobei das auch reizvoll war für mich, jetzt mal einfache Titel wie „Black“ und „Blood“ zu benutzen. Die größten Unterschiede kann ich nicht sagen, ich steck da zu sehr drin. Das überlasse ich anderen, die Unterschiede rauszufinden. Auch im Sound. Ich versuche halt wie immer, mich nicht zu wiederholen, neue Sachen auszuprobieren und zu experimentieren. Und es ist wieder einmal ein Pitchfork-Album, das ganz gelungen ist!

Ich habe vor kurzem das Orkus-Interview mit Dir gelesen… Ein Wort, das mir ins Auge sprang: Du hast das Album als „Lebens-spendend“ bezeichnet. Inwiefern?

Blut ist Lebens-spendend. Wir brauchen Blut! (lacht)

Das Album ist jetzt ja quasi fertig. Aber es sind noch so einige Wochen bis zur Veröffentlichung. Wie empfindest Du diese Zeit? Wird man da irgendwann ungeduldig?

Andere Bands haben teilweise ein Album ein halbes Jahr vorher fertig. Ich bin noch beim Mastern, die Zeit ist schon recht knapp bemessen, zumal immer mehr Leute jetzt auch Sachen hören wollen. Man ist schon aufgeregt, aber das ist eine schöne Aufregung.

Wie lange ist das Album gereift? Hast Du direkt nach „Black“ angefangen, Dich in neues Material zu stürzen?

Nee, ich habe Anfang des Jahres angefangen.

Das ging ja relativ schnell.

Ich bin sehr schnell, ja. Da werde ich auch immer von anderen Musikern drum beneidet. Es ist halt nicht so häufig, dass man so schnell so viele gute Ideen hat und die umsetzen kann.

Wobei Du natürlich auch den ganzen Tag dafür Zeit hast… So als Vollzeit-Job.

Ja, genau! Ich brauch mich halt nicht erst nach Feierabend dranzusetzen.

Ich würde gerne noch einmal auf das Orkus-Interview zurückkommen. Ein Satz, den ich sehr interessant fand war, dass Du den Anspruch hast, auch selber nach Jahren die Stücke noch hören zu können.

Ja, das geht mir schon so. Das ist mir schon super-wichtig, dass ich mich nicht selbst langweile. Die Songs müssen mich selbst verzaubern, beeindrucken – und wenn mir das gelingt, dann – so zeigt es die Vergangenheit – kann ich den Song auch in zehn oder fünfzehn Jahren noch hören.

Hörst Du denn aktiv Project Pitchfork?

Selten. Höchstens mal zur Vorbereitung. Aber zur Entstehungszeit des Albums natürlich sehr extrem und sehr häufig und immer wieder…

Was würdest Du sagen, durchläuft ein Stück für einen Prozess, wo Du schon sagst, Du hörst es Dir mehrmals an?

Das sind Kleinigkeiten, die kaum einer hören würde, aber die ich dann immer noch verändere, oder noch etwas dazu mache, oder etwas wegnehme… Bis es mir dann hundertprozentig gefällt.

Im September kommt das Album raus. Wie ist Eure Erwartungshaltung mit dem Album?

Ich habe mir abgewöhnt, Erwartungshaltungen zu haben, was das angeht, weil das nichts bringt. Das wird ein weiterer Meilenstein sein und ein Stück weit Revolution und ein Stück weit alte Werte und trotzdem schön.

Was meinst Du mit „Revolution“ und „alte Werte“?

„Revolution“ im Sinne von neu-artiger Musik. Ich habe da ein paar Sachen drin, die habe ich aber auf jedem Album, die man bis dahin noch nicht gehört hat. Zumindest nicht so! Und das ist das Schöne an elektronischer Musik, dass man da eigentlich so alles machen kann. „Alte Werte“ stehen auch für Bewährtes. Pitchfork ist ja schon eine Bank – da kann man sich drauf verlassen, dass kein Scheiß rauskommt.

„Alte Werte“, das passt jetzt gerade ganz gut. Vor diesem Interview habe ich in unserem Interview vom M’era Luna 2011 gelesen und da hatten wir über die alten VHS-Geschichten geredet. Gibt es da immer noch einen Plan, die mal wiederzuveröffentlichen?

Da gibt es keinen konkreten Plan. Ich finde es langweilig, mich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Wenn ich denn mal Zeit hätte… Aber ich hab halt kaum Zeit. Wenn ich irgendwann mal Zeit habe, nehme ich das vielleicht mal in Angriff. Allerdings ist das auch sehr reizlos für mich, das zu machen. Das fängt an beim Format, das damals noch das alte Fernsehformat war, das dann zu beschneiden oder links schwarze Balken zu haben, das zu stauchen, das ist halt langweilig.

Es haben halt immer weniger Leute noch ein VHS-Gerät zuhause…

Dann sollen die sich das digital rüberziehen. Da fangen die meisten ja schon mit an.

Wobei natürlich nicht jeder die ersten Videos hat.

Ne, aber der, der sie hat, kann das ja machen.

Dazu kam dann ja vor ein paar Jahren noch die „First Anthology“ heraus. Gibt es auch eine „Second“?

Ja, klar, in 25 Jahren. (lacht) Nee, aber ich muss da jetzt ja nicht schnell machen. Das kann zum 30. oder so kommen. Mal gucken.

Das war es fast mit Fragen von mir. Zum Schluss würde ich gerne wissen: Im September kommt das Album raus… Gibt es schon Pläne für danach, was dann kommen soll? Große Headliner-Tour?

Im Frühjahr nächsten Jahres.

Dazwischen nur sporadische Auftritte?

Genau, Christmas Ball. Und Hamburg, das „Spezial Release Konzert“.

„Spezial“ inwiefern?

Da werden wir hauptsächlich Stücke vom neuen Album spielen. Es sozusagen „präsentieren“!

Vielen Dank für das Interview!

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Interview: Marius Meyer
Bilder: Michael Gamon (danke an www.sparklingphotos.de für die freundliche Bereitstellung)