Es war gewissermaßen ein besonderer Auftritt von Zeraphine. Wobei die Besonderheit sich schon allein dadurch ergibt, dass es ihn gab. Schließlich kann Sven Friedrich aktuell vor allem mit seinem Elektro-Projekt Solar Fake große Erfolge feiern, wie zuletzt auf der Support-Tour mit Camouflage. Für das Amphi Festival aber stand der in diesem Jahr einzige Auftritt als Zeraphine auf dem Plan. Wir nutzten die Chance, um mit Sven und Norman vor der Show ein Interview zu führen über Zeraphine, das Amphi Festival, eventuelle weitere Pläne, Solar Fake, die Dreadful Shadows und mehr.

Norman: Fangen wir doch mal so an: Wir haben gar nichts zu sagen. Ich hoffe, Du hast Dich gut vorbereitet, wir wissen nämlich gar nicht, was wir reden sollen… (lacht)

Ich weiß ja auch nicht, was bei Euch so ansteht… Aber wenn man mal das gestrige Wetter betrachtet: Seid Ihr froh, erst heute dran zu sein?

Sven: Auf jeden Fall. Gerade, weil wir auch auf der Green Stage sind. Das ist deutlich der bessere Tag heute.

Wart Ihr gestern schon da?

Sven: Wir sind gestern gefahren. Erst haben wir noch geprobt und dann sind wir abends nach der Probe losgefahren. Wir haben es natürlich auf der Fahrt immer mit verfolgt und uns haben schon Leute geschrieben, dass das Amphi gerade schwierig ist.

Norman: Das war dann noch die harmlose Ausdrucksweise.

Sven: Wir haben dann mal geguckt, was so los ist. Aber Normans Wetter-App war auf jeden Fall besser als meine. Meine hat vorausgesagt, das wäre heute auch nicht besser. Die war zum Glück völlig falsch.

Ich habe bei Dir jetzt mal geguckt: Es ist das achte Amphi Festival, wo Du mit dem einen oder anderen Projekt dabei bist. Wie fühlt sich das an für Dich, für Euch? Ist es eine gewisse Heimkehr?

Sven: Dadurch, dass es eine neue Location ist, ist es irgendwie auch wie ein neues Festival. Klar, als Künstler kann ich immer nur sagen, merkt man, dass die Organisation gut ist und wie immer sehr professionell abläuft. Bis zum letzten Jahr war es immer wie eine Heimkehr, jetzt ist es schon ein kleiner „Reset“, wenn man nicht genau weiß, wo man ist und wo man hin muss. Aber das ist hier echt gut gemacht.

Wie ich gesehen habe, wart Ihr auch noch beim allerersten Amphi, als es in Gelsenkirchen war.

Sven: Da haben Unheilig vor uns gespielt.

Norman: Wie sich die Zeiten ändern… (lachen)

Wie habt Ihr denn die Entwicklung des Festivals empfunden, wo Ihr ja auch alle drei Locations tatsächlich mitgenommen habt?

Sven: Ich finde, auch wenn man das Blackfield als Parallelentwicklung dazu sieht, sind das zwei extrem gut organisierte Festivals gewesen und das wurde jedes Jahr immer besser. Es gab natürlich immer irgendwelche Schwierigkeiten, aber die wurden jedes Mal gut gelöst. Gerade jetzt beim Amphi mit dem Staatenhaus, das ja auch immer eine schwierige Location war. Trotzdem wurde das immer besser, der Sound wurde besser. Da gab es ja auch mal das Jahr, wo etwas eingestürzt ist und gar nicht weitergemacht werden durfte, auch da wurde gut damit umgegangen. Das sind einfach tolle Festivals. Schade, dass es das Blackfield nicht mehr gibt. Gut, dass es das Amphi noch gibt. Und M’era Luna kann man da auch noch mit reinnehmen, auch wenn das eine sehr andere Atmosphäre hat. Diese Open Air-Atmosphäre hatte das Amphi finde ich nie, weil das Amphi auch im Tanzbrunnen sehr familiär wirkte, trotz der vielen tausend Leute. Ich fand das gut.

Norman: Ich schließe mich da voll und ganz an.

Letztes Jahr warst Du noch mit Solar Fake hier, die letzten Konzerte waren auch eher mit Solar Fake. Wie kam es dazu, dass Ihr nun sozusagen die Gitarren entstaubt habt?

Sven: Die haben uns einfach gefragt, ob wir Lust hätten, das zu spielen. Da haben wir zugesagt. Es macht ja auch immer Spaß.

Nun ist Solar Fake ja ganz anders als Zeraphine, musikalisch. Denkst Du denn, dass trotzdem auch gerade auch die Camouflage-Tour die Fans für Deine andere Band interessiert hat?

Sven: Es ist möglich. Das kann man immer ganz schlecht sagen. Ich glaube, dass Zeraphine an sich schon mal eine ziemlich feste und treue Fangemeinde hat.

Norman: Das werden wir nachher sehen. (lacht)

Wenn Du jetzt nochmal auf die Solar Fake-Tour zurückblickst: Wie hast Du es empfunden mit Camouflage? Wie hat das Publikum Euch angenommen?

Sven: Es ging. Es war eigentlich erstaunlich gut. Für uns war das sehr sinnvoll und sehr passend. Es hat Spaß gemacht, wir haben eine Menge neuer Leute gewonnen, ich fand’s gut.

Es sind ja, wie schon gesagt, musikalisch recht andere Welten. Ich hab nun bei Facebook gelesen und Kommentare gelesen wie „macht doch lieber mal wieder was mit Zeraphine“. Wie empfindet Ihr das?

Sven: Klar, da gibt es immer Leute. Wenn das einfach so ginge, könnte man es ja auch machen, so ist es aber leider nicht.

Wie fühlt sich denn bei Dir das Umschalten von einem Projekt aufs andere an?

Sven: Ach, das geht ganz einfach. Das letzte, was wir mit Solar Fake gemacht haben, ist das Blackfield, das war vor vier Wochen. Aber an sich ist das überhaupt kein Problem. Früher kamen dann noch die Dreadful Shadows dazu und das ging auch gut, da konnten wir auch gut umschalten. Man muss sich dann immer andere Texte merken, aber dafür gibt es ja auch Zettel, die man sich auf den Boden legen kann.

Norman: Wir spielen die Sachen ja auch seit 2001 mit Zeraphine. Das ist ja wie Fahrradfahren. Das verlernt man nicht so schnell. Das sind ja 15 Jahre.

Sven: Oh je, echt?

Bei Facebook hab ich nun auch oft gelesen: „Endlich wieder ein Lebenszeichen!“ Ist es ein kurzes Aufflackern oder ist da in nächster Zeit auch wieder mehr geplant?

Sven: Wir können nicht so richtig planen. Das ist alles ein bisschen kompliziert. Es gibt eine örtliche Distanz zwischen uns, die das schwierig macht, sich zusammen an neues Material zu setzen.

Norman: Es ist einfach schwierig. Im Moment ist da einfach noch gar nichts geplant und wir gucken einfach mal. Es macht auf jeden Fall Spaß, live zu spielen. Und wenn wir das irgendwann mal auf die Reihe kriegen, werden wir uns hoffentlich auch wieder an neues Material setzen. Aber keine Ahnung, wann wie und in welcher Form. Das muss man erst einmal sehen.

Und jetzt habt Ihr gar kein neues Material mit?

Norman: Nein, wir spielen heute so ein Best Of-Set.

Sven: Wir spielen ja auch nur 40 Minuten. Das sind zehn Stücke. Immerhin.

Ihr habt gerade selber festgestellt, dass Ihr das auch schon 15 Jahre macht. Wie würdet Ihr denn so die Entwicklung von Zeraphine vom Anfang bis jetzt charakterisieren? Ich hab Euch damals auch noch kurzzeitig als Helix erlebt…

Sven: Echt? Das hast Du gesehen?

Ja, Burg Rabenstein. 2001.

Sven: Da war es eiskalt, ich erinner mich. Aber ja, was soll man sagen? Vor allem in den letzten Jahren ziemlich ruhig geworden. Das ging gut los und ging immer besser weiter. Dann kam die HIM-Tour, danach lief es richtig super und wir hatten sehr viele Fans. Nach dem Still-Album wurde es erst einmal ziemlich ruhig, da hatten wir dreieinhalb Jahre Pause, dann kam „Whiteout“ und seitdem sind das schon so fünf Jahre.

Das ist lange her…

Sven: Ja, das ist lange her, aber das Problem ist, dass es nicht einfacher wird, sich die Zeit dafür zu nehmen.

Ist das denn was, was Euch von Zeit zu Zeit auch ärgert?

Norman: Ja, definitiv. Aber es ist bei allen so, dass es berufliche, familiäre Interessen gibt und die räumliche Distanz, die Sven auch schon erwähnt hat, dass wir nicht mehr alle an einem Fleck wohnen. Das macht es schwierig. Klar, wir würden gerne wieder neues Material machen und neue Sachen spielen. Ich würde gerne wieder viel mehr spielen, aber es ist einfach schwierig. Mal gucken, ob wir das mal wieder auf die Reihe bekommen. Warten wir ab. Wir machen uns da keinen Druck. Wir müssen ja nicht. Wir haben schon echt eine Menge Alben gemacht und wenn es uns noch einmal treibt, dann machen wir das – wenn nicht, dann halt nicht.

Ihr sagtet es gerade schon: Es ist auch geographisch weit auseinander. Wie bereitet Ihr dann solche Shows wie hier jetzt vor?

Sven: Jeder muss sich vor allem zuhause selber vorbereiten. Kurz vorher trifft man sich dann und hofft, dass sich alle gut vorbereitet haben, was aber eigentlich immer der Fall ist. Vor so einem Konzert hat man zwei Proben, wo ich immer erstaunt bin, wie gut das klappt. Wir haben gestern und vorgestern geprobt und es funktioniert.

Norman: Mit Sven spiele ich jetzt schon… Nein, das sag ich jetzt nicht, wie lange… Also, schon sehr lange zusammen. Das darf man ja gar nicht sagen. Da müsste ich theoretisch eigentlich gar nicht proben. Ich weiß eh, wann er was singt. Das ist so drin.

Sven: Wir haben ja auch mit Zeraphine schon wirklich viele Konzerte gespielt. Das ist schnell wieder da.

Hat sich denn da schon wieder eine gewisse Dynamik entwickelt mit den Proben? Sodass man sagen könnte, wo der Sound hingehen soll?

Norman: Nein. Aber das haben wir auch noch nie gemacht, als wir ein Album geschrieben haben, dass wir gesagt hätten, wir würden jetzt so oder so klingen wollen, den Sound haben, die Art von Musik machen. Wir haben Songs geschrieben und daraus hat sich ein roter Faden entwickelt. Wir haben nie ein Konzeptalbum gemacht und geplant, was für einen Sound wir haben wollen. Dadurch, dass wir uns auch nie irgendwo ran gehangen haben oder auf irgendeinen Trend aufgesprungen sind, sondern immer nur das gemacht haben, worauf wir gerade Lust hatten, hat es das nie gegeben.

Nun habt Ihr selbst auch schon die Dreadful Shadows angesprochen. Da fiel das Wort „damals“. Ist das denn so, dass da nun wirklich das letzte Wort gesprochen ist?

Sven: Also für mich auf jeden Fall. Ich bin offiziell ausgestiegen und nicht mehr dabei.

Norman: Ich glaube, das Thema hat sich erledigt. Ich hab nicht gesagt, dass ich offiziell ausgestiegen wäre, aber das Thema ist einfach durch. Das muss man nicht noch einmal aufwärmen. Wir haben lang genug die alten Songs noch einmal live gespielt. Das reicht. Irgendwann ist das albern, wenn man da noch einmal mit anfängt. Das ist auch Musik aus einer anderen Epoche eigentlich. Das muss man nicht noch einmal machen. Haken drunter!

Wir haben vor einigen Jahren mal beim M’era Luna geredet und da hattest Du gesagt, dass es zu 99,9% kein neues Material der Dreadful Shadows geben wird. Dann tauchte beispielsweise „This Is The End“ auf. Ist denn trotzdem geplant, das noch irgendwie mal rauszubringen?

Sven: Also von meiner Seite aus nicht. (lacht) Wir hatten halt mal überlegt und angefangen, Songs zu schreiben, dabei sind noch zwei entstanden. Aber das war ja nichts. Ich bin der Meinung, wenn man mit so einer Band noch einmal mit neuem Material kommt, dann muss das sowas unfassbar Tolles sein, was es gar nicht geben kann. Die Erwartungen, die man da schürt, sind unmöglich zu erreichen. Und dann sollte man es einfach nicht machen.

Norman: Wir sind mit den Shadows auch an einem Punkt gewesen, wo man eigentlich mal einen krassen Bruch hätte machen müssen. Das wäre der einzig logische Schritt gewesen, einen krassen Bruch zu machen und mal in eine ganz andere Richtung zu denken. Die meisten Leute hätten wahrscheinlich nie gesagt, sie wollen die alten Shadows wieder haben. Es ist halt Musik, die kann man sich auf den alten Alben anhören. Da muss man kein neues Material draus machen. Es war einfach Musik aus einer anderen Zeit, das ist tatsächlich lange her.

Seit wann steht dieser Entschluss, dass da wirklich der Schluss-Strich gezogen wurde?

Sven: Eigentlich seit 2013, als wir noch einmal die Tour gespielt hatten, zusammen mit Zeromancer. Da haben wir das beschlossen und gesagt, dass es das war. Als da dieser Schluss-Strich aber eben doch nicht gezogen wurde, sind Teile von uns ausgestiegen.

Norman: Letztendlich war der Schluss-Strich schon gezogen. Nur halt nicht offiziell.

Mich hatte es nur gewundert, weil damals in einigen Foren schon was von neuem Material geschrieben wurde…

Norman: Es gab mal die Überlegung, ob wir das machen. Deshalb hatten wir auch angefangen, ein bisschen was zu schreiben. Letztendlich hatte dann die Einsicht gesiegt, dass wir gesagt haben, dass das keinen Sinn mehr hat. Haken drunter, fertig!

Und die Zukunft heißt weiterhin Zeraphine?

Norman: Ja, und Solar Fake.

Nun sind es noch etwa zwei bis drei Stunden bis zur Show. Ihr spielt ja schon seit vielen Jahren live. Wo nehmt Ihr nach den Jahren die Motivation her, immer wieder rauszugehen und zu spielen?

Norman: Was heißt hier Motivation? Das macht einfach total Spaß zu spielen. An der Motivation mangelt es nie. Ich freu mich immer schon Wochen vorher drauf, auch wenn ich dann zehn Minuten vorher erst einmal wieder kurz Angst habe.

Die hat man auch immer noch?

Norman: Auch, das hört nicht auf. Das ist immer noch da. Dann kann man nicht mehr still sitzen, wackelt die ganze Zeit vor sich hin…

Von der anderen Seite betrachtet: Wenn die Show vorbei ist… Wie muss es gelaufen sein, damit Ihr von der Bühne geht und sagt „wow, das war eine richtig geile Show heute“?

Sven: Der einzige Indikator ist für mich das Publikum. Wenn das gut mitgemacht hat und Spaß am Konzert hatte, dann können wir nicht so schlecht gewesen sein. Dann müssen wir auch halbwegs brauchbar gewesen sein und dann war das ein gutes Konzert. Es gibt ja so Kapellen, die sich danach an jedem Verspieler aufhängen. Das waren wir noch nie und das werden wir auch zum Glück niemals sein. Das finde ich total unangenehm, wenn Du nach so einem Konzert jeden Fehler ausdiskutieren musst. Das ist Quatsch. Wenn man keine Fehler machen will und soll, dann muss man einfach Playback spielen. Dann soll man das nicht live machen. Wenn man live spielt, passieren Fehler – und wenn die nicht passieren, ist es langweilig.

Norman: Eigentlich geht es auch bei mir darum, ob ich Spaß gehabt habe beim Konzert. Klar, wenn das Publikum gut mitgeht, hab ich Spaß. Wenn ich scheiße spiele, macht das keinen Spaß, aber dann merke ich das auch. Eigentlich geht es schon darum, ob man selber Spaß auf der Bühne hat. Und das ist auch meistens so.

Wie ist heute Eure Erwartung für die Show hier? Festival ist ja auch immer noch etwas anders als wenn die Leute nur wegen Euch kommen.

Sven: Wir gucken mal. Wir haben keine großen Erwartungen, ich zumindest nicht. Wir sind ja nicht mehr so sehr präsent. Insofern mal gucken, wie viele Leute da sind, die uns kennen.

Norman: Das wird auf jeden Fall spannend.

Wie Du schon sagtest: Ihr seid nicht mehr so präsent. Da würde ich zum Schluss gerne wissen: Wie sind denn die nächsten Pläne in Sachen Präsenz-Zeigen? Ist da wieder mehr gekommen oder ist es nur dieser eine Gig?

Norman: Nächstes Jahr haben wir noch ein Konzert. Eins wissen wir schon.

Sven: Das ist allerdings verschoben von diesem Jahr, das sollte eigentlich in diesem Jahr stattfinden.

Norman: Das ist in Görlitz. Ansonsten ist erst einmal nichts geplant. Wir machen uns da erstmal noch weiter Gedanken, ob und wie. Wir sehen mal, was auf uns zukommt und mehr kann man dazu auch nicht sagen.

Also erst einmal noch mehr Solar Fake?

Sven: Ja, ich arbeite gerade am neuen Album. Das kommt dann noch in diesem Jahr raus. Mal schauen.

Kannst Du da denn schon soundmäßig was sagen?

Sven: Es ist eine Weiterentwicklung vom letzten Album. Es ist teilweise sehr tanzbar, ich glaub, es klingt ein bisschen moderner als das letzte. Es ist aber noch nicht gemischt, daher ist es etwas schwierig, da jetzt schon etwas zu sagen. Ich hab es alles aufgenommen und fange nun an zu mischen. Mal gucken, was dabei rauskommt. Mir macht es auf jeden Fall viel Spaß gerade.

Vielen Dank für die Antworten!

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Festivalbericht: Amphi Festival 2015

Homepage: www.zeraphine.de
Facebook: www.facebook.com/ZeraphineBand

Interview: Marius Meyer
Bilder: Michael Gamon (sparklingphotos.de)