Sven Friedrich hatte auf dem diesjährigen M’era Luna wenig Pause. Kaum angereist, standen Interviews auf dem Programm, dann seine DJ-Aktivität in der Nacht zum Sonntag, bevor am Sonntag zum frühen Nachmittag erst der Zeraphine-Auftritt anstand. Umso erfreulicher, dass er sich am Samstag die Zeit nahm, Alternativmusik.de für ein ausführliches Gespräch auf den gemütlichen Sofas im Tower zur Verfügung zu stehen und über das Festival, die Szene und ihre Entwicklung, das aktuelle Zeraphine-Album, die immer wieder begegnenden Auftritte als Dreadful Shadows, sein Solo-Projekt Solar Fake und viele weitere Themen zu sprechen. Viel Spaß mit dem wirklich ausführlichen Ergebnis!

Wir haben uns zuletzt im Januar 2008 unterhalten. Was ist seitdem passiert bei Dir und Deiner Musik?

Eine ganze Menge. Es kam das Solar Fake-Album raus, mein Solo-Album. Dann ging es mit Solar Fake mit Konzerten weiter, was man eben so macht im Zuge einer Veröffentlichung. Parallel dazu ging es mit Zeraphine weiter, wobei davon nicht so viel nach außen gedrungen ist. Wir haben ja aber trotzdem schon angefangen, an Material zu arbeiten und uns mit Plattenfirmen zu treffen, weil wir dann doch beschlossen haben, unser eigenes Label, das wir für das letzte Album gegründet hatten, wieder aufzugeben, weil es einfach so viel Arbeit war. Wir haben uns 80 – 90% der Zeit, die wir da rein gesteckt haben, überhaupt nicht mit Musik beschäftigt, sondern mit Business-Mist und da dachten wir, dass das ein Missverhältnis ist. Deswegen haben wir wieder angefangen, uns mit Plattenfirmen zu treffen und haben da ganz viel verhandelt, abgewogen und haben dann erst relativ spät die Firma gefunden, bei der wir denken, dass wir da am meisten Freiheiten haben. Also der beste Kompromiss. An sich ist ja so ein eigenes Label schon cool, Du kannst halt machen, was Du willst. Du kannst selber entscheiden, wohin welches Geld geht. Das ist natürlich ganz komfortabel – und es redet einem auch keiner in die Musik rein, da muss man ja auch ein wenig aufpassen. Das, was dem am nächsten kommt, ohne den ganzen bürokratischen Scheiß, das haben wir jetzt gefunden. Das hat jetzt eine Weile gedauert, aber wir haben in der Zwischenzeit das neue Album produziert, aufgenommen, geprobt und so weiter – und jetzt ist es schon wieder 2010.

Genau. Und jetzt sitzen wir hier. Ihr habt Euren Auftritt erst morgen, Du legst aber heute schon auf. Wie hat man sich Dich als DJ so vorzustellen? Die meisten kennen Dich ja doch eher von der Bühne…

Ich leg ja öfter mal so als Gast auf. Ich spiele meistens Sachen, die mir selber auch gefallen. Was ich selber total doof finde, spiele ich auch in der Regel nicht. Wobei, ich will natürlich eine volle Tanzfläche haben. Es gibt ja auch so Gast-DJs, die dann nur so abgefahrenes Zeug spielen, wo dann aber keiner tanzt. Als DJ versteh ich mich auch ein bisschen als Dienstleister, der möchte, dass die Leute Spaß haben, wenn sie dort hinkommen. Trotzdem versuche ich immer mal, auch was anderes einzubauen, dass nicht immer nur dasselbe kommt, was man bei den normalen Veranstaltungen auch immer hört. Das gelingt mal besser, mal schlechter. Aber ich spiel halt alles – viel Elektro-Sachen, paar Gitarren-Sachen… So wie es passt. Oder so wie ich denke, dass es gerade passt.

Wenn man das Festival jetzt allgemein sieht: Was bedeutet Dir das M’era Luna? Ich mein, Ihr seid ja schon recht lange dabei, Du hast es mit wachsen sehen können…

Mit den Dreadful Shadows haben wir hier gespielt, da war es noch das Zillo Festival, das war 1998 oder so. Das ist schon echt lange her. Ich find, das ist immer ein totales Highlight. Das erste Mal, dass ich auf diesem Gelände war, da war ich hier noch als Fan – 1996 war das. Da dachte ich mir: „Oh man, wow, einmal auf dieser Bühne stehen!“ Ein paar Jahre später war es dann soweit. Für mich ist das immer was Besonderes. Das ist immer eine tolle Stimmung. Wir haben letztes Jahr das erste Mal im Hangar gespielt, das war auch ganz großartig. Es ist einfach ein tolles Festival. Es gibt ja ein paar Festivals, die ich wirklich sehr schätze, wo ich wirklich gerne bin. Mit der Zeit kennt man auch ganz viele Leute von anderen Bands und deren Crew und so. Das ist immer toll, da trifft man sich immer mal.

Ihr seid als Band eigentlich recht eingesessen, würde ich mal sagen. Trotzdem spielt Ihr morgen schon um 14:15 Uhr? Wie fühlt sich die Zeit für Euch an?

Wir rutschen immer ein Stück weiter. Na gut, letztes Jahr im Hangar waren wir Co-Headliner, das ist dann schon angenehmer, aber ansonsten: Das ist nicht weiter schlimm. Wir sind irgendwie so in der Mitte platziert morgen. Vor uns sind etwa fünf Bands, nach uns auch etwa. Irgendwo so in dem Dreh. Es ist okay. Konzerte im Hellen find ich zwar immer irgendwie merkwürdig, aber von hier sind wir es ja nicht anders gewöhnt, daher ist das nicht so schlimm.

Wie schon gesagt: Eingesessene Band. Wenn man die Dreadful Shadows noch dazu nimmt und das Zwischenspiel als Helix, könnt man Dich eigentlich schon als Urgestein bezeichnen.

Ja, furchtbar, oder? (lacht)

Wie hast Du über die Jahre die Entwicklung der Szene empfunden?

Ich höre ja wirklich schon, seit ich relativ jung bin, solche Musik, hab mich aber ehrlich gesagt nie so sehr um diese ganzen Gothic-Klischees gekümmert. Ich find das lustig, ich find die Szene lustig – das macht Spaß! Die Leute, die ich kenne, die sich dazu zählen, also auch rein optisch irgendwie, das sind alles irgendwie ganz tolle Leute, die irgendwie ein bisschen interessantere Gesprächsthemen haben als andere, wo es dann eher so um „na, hast Du noch Arbeit?“ geht oder so. Und musikalisch ist halt wahnsinnig viel passiert in der ganzen Zeit. So ganz früher war das ja immer vollkommen getrennt in Elektro und Gitarre, das hat sich dann irgendwann mal gemischt, was ich gut finde. Da wird man nicht mehr blöd angeguckt, wenn man in einer Gitarren-Band spielt, aber Elektro zum Beispiel auflegt oder auch mag. Es gab ja eine Zeit, da war das völlig undenkbar. Ich find das gut, dass es vielfältig bleibt, dass auch immer ein paar neue Entwicklungen reinkommen, das find ich sehr spannend.

Bei vielen Bands ist das dann in der Szene immer so, dass mit den Jahren der Vorwurf des Ausverkaufs kommt. Wie stehst Du zu solchen Sachen? Ganz aktuelles Beispiel ist ja jetzt Unheilig, vor ein paar Jahren waren es HIM, mit denen Ihr ja auch auf Tour ward.

Ja, ich weiß nicht. Sagen wir mal so: Wenn es eine Band ist, die mir musikalisch gefällt, dann freu ich mich für die, wenn die musikalisch Erfolg haben. Und wenn sie mir nicht gefällt, dann ist es mir eigentlich egal, ob die erfolgreich oder erfolglos sind, weil ich mich dann nicht großartig damit beschäftige. Ich find das nicht schlimm, wenn eine Band das schafft, so über den Tellerrand hinaus erfolgreich zu sein. Dafür macht man ja letztendlich Musik und dafür opfert man logischerweise auch sehr viele andere Sachen. Insofern finde ich das natürlich toll. Ich finde es in dem Moment komisch, wenn man das so drauf anlegt. Wenn sowas einfach passiert, weil es gerade aus irgendeinem Grund irgendeinen bestimmten Nerv trifft oder dann eben DAS Team dran sitzt, das es eben so weit schaffen kann, dann ist das völlig okay. Wenn man sich natürlich anbiedert und auf einmal komische Musik macht, um erfolgreich zu sein, ist das anders. Aber ich glaube, so funktioniert das auch sowieso nicht. In dem Moment, wo Du die Musik machst, weißt Du ja noch nicht, ob das funktioniert oder nicht. Ich weiß nicht, ich finde diese Ausverkauf-Vorwürfe immer etwas schwierig, weil Du ja vorher nicht weißt, ob das funktioniert. Wenn es ein Erfolgsrezept geben würde, dann würde es ja jeder machen (lacht). Für so Bands ist das doch toll.
Man kann darüber geteilter Meinung sein. Ich fand das jetzt schon ein bisschen bedenklich, muss ich schon sagen: Ich hab gestern beim Durchzappen eine Werbung für die neue Hitparade auf RTL2 gesehen und da fand ich es schon sehr bedenklich, da den Grafen für so eine Schlagersendung Werbung machen zu sehen, aber das muss halt jeder selber wissen, was er so macht und was er so nicht macht. Das fand ich auf jeden Fall ein bisschen komisch, aber mein Gott. Das gehört wahrscheinlich dann mit dazu. Kann man machen oder nicht.

Wenn Du die Musiklandschaft und die Szene so als Ganzes wieder betrachtest: Wo siehst Du Zeraphine in diesem ganzen „Zirkus“?

Das ist echt schwierig einzuschätzen. Wir verkaufen ganz gut, sagen wir mal so. Das ist alles auf einem sehr gesunden Niveau, find ich. Mehr könnte das immer sein, aber wir sind schon in einer sehr guten Situation, dass wir zumindest so gute Zahlen haben, dass alle Firmen, mit denen wir zusammenarbeiten, froh sind. Für uns bleibt da meistens nicht so wahnsinnig viel hängen, aber wir machen das ja auch nicht, um damit reich zu werden. Wir machen das aus Leidenschaft und aus Spaß und wir freuen uns, wenn Leute mit unserer Musik etwas anfangen können. Dafür machen wir das. Deswegen ist das so für uns völlig super. Ich glaube, innerhalb der Szene haben wir schon einen guten Stellenwert. Das ist uns natürlich auch wichtig – es gibt glaub ich nichts frustrierendes, als wenn Du Sachen machst und das interessiert keine Sau. Insofern ist das für uns ein super Level, auf dem wir uns da befinden. Solange das nicht nach unten geht, ist das für uns in Ordnung. Bis jetzt geht das stetig nach oben.

Trotz Wirtschaftskrise…

Ich meine, klar, so ein bisschen muss man ja auch die ganze Tendenz in der Musikbranche einbeziehen. Wenn man hört, dass da 30% Einbruch pro Jahr ist irgendwie… Da liegen wir locker drüber, das haben wir zum Glück nicht, das haben wir zum Glück nicht. Insofern ist das schon alles ganz gut.

Ich hör halt oft von Bands, dass live spielen inzwischen das Kerngeschäft geworden ist.

Das ist so eine Sache, klar. Ein Live-Konzert kannst Du Dir zwar auch aus dem Internet ziehen, aber dann auf einem Handy-Display und nicht mit dem Erlebnis, bei einem Konzert zu stehen. Klar, man merkt das natürlich, wir auch, mit den Downloads. Es gibt ja bei diese illegalen Seiten – um eine Veröffentlichung rum guckt man natürlich viel im Netz, ob das irgendwo schon zum Download steht. Wir haben da so viele Seiten gefunden, wo wir in den Top 5-Downloads waren bei solchen Portalen und da fragt man sich schon: Das ist ja irgendwie auch doof, oder?

Zweifelhafte Ehre, oder?

Ja. Ich mein, auf der einen Seite ist das natürlich toll, dass sich das Album irgendwie schön verbreitet. Aber das Problem ist: Wenn das Geld nicht reinkommt, macht die Plattenfirma auch nicht mehr weiter mit einem und dann gibt es auch ganz einfach kein nächstes Album. Das ist dann die Konsequenz. Ich glaube, in dieser Szene geht das sogar noch. Da gibt es wenigstens noch ein paar Idealisten oder Enthusiasten, also Leute, die einfach so viel Weitblick haben, dass sie sehen, dass es direkt ihnen selbst schadet am Ende. Deswegen sind wir mit unseren Verkaufszahlen ganz gut. Das Album ist sogar gechartet. Wenn noch ein paar Leute weniger illegal downloaden würden, wäre das natürlich besser, klar.

Du hast das Album ja jetzt schon angesprochen, da würde ich gerne ein bisschen drüber reden. Als erstes sieht man ja immer den Titel. Warum „Whiteout“?

„Whiteout“… Ich tu mich immer total schwer mit Plattentiteln. Das ist das Furchtbarste überhaupt: „Wie nennt man denn den ganzen Kram dann am Ende?“ Ich weiß nicht, diesmal kam das ungefähr so wie bei „Still“: Bei „Still“ war das auch auf einmal irgendwie da. Ich meine dieses Phänomen, dass Konturen verschwimmen, dass Du nicht mehr unterscheiden kannst zwischen oben und unten, zwischen links und rechts und so – dieses Bild, dass Deine Wahrnehmung von außen beeinträchtigt wird. Du weißt nicht mehr: Was ist was? Sozusagen. Diesen Moment habe ich in meinen Texten ziemlich häufig, muss ich zugeben. Dass Du durch eine Einwirkung von außen quasi in Deiner eigenen Wahrnehmung beeinflusst wirst. Das ist eigentlich so das Thema. Mit diesem meteorologischen Phänomen fand sich das alles wieder. Und ich dachte: „Wow, cool.“ Ich hatte das eigentlich durch einen Killing Joke-Song, der „Whiteout“ heißt. Ich glaub, das ist auf dem 1994er-Album drauf. Da hatte ich mich mit diesem Phänomen beschäftigt und das kam jetzt irgendwie auf einmal wieder.
Jetzt kam auch noch blöderweise ein Kinofilm mit dem Namen raus, den hab ich mir mal angeschaut und fand ihn furchtbar. Ganz schlimm. Aber naja, egal.

Dieses Verschwimmen, das signalisiert dann wohl auch der bröckelnde Putz auf dem Cover?

Der hat eigentlich gar nicht so viel damit zu tun. Im Prinzip aber schon. Also mit dem Artwork wollte ich darstellen, dass es etwas kaputt ist, das find ich in der Ästhetik einfach schön, aber auch, dass Du das Bedürfnis hast, das Bröckelnde wegzumachen und dahinter zu gucken. Das war eigentlich die Intention.

Das Album heißt jetzt „Whiteout“, davor kam die Best Of „Years In Black“. Ist das Zufall?

(lacht) Ja, das ist Zufall. Mit der Best Of hatten wir eigentlich nicht so wahnsinnig viel zu tun. Das hat unsere damalige Plattenfirma gemacht, die hat auch den Namen ausgewählt. Wir hatten gesagt: „Macht einfach, wie Ihr denkt.“ Die hatten mich halt mit einbezogen in die Songauswahl. Das ist tatsächlich Zufall.

Also eher eine Vertragserfüllung?

Ja, aber das war jetzt auch nichts Schlimmes für uns. Ich fands halt ein bisschen komisch, eine Best Of von Zeraphine. Wir hatten über die Veröffentlichung gesprochen und da kam dann auch ins Rennen, ob wir einen neuen Song dazu beisteuern wollen, aber das fanden wir dann irgendwie auch Abzocke. Dann kaufen unsere für einen Song ein ganzes Album, obwohl sie die anderen Alben haben. Wir dachten dann, machen wir das für die, die vielleicht schon mal etwas von uns gehört haben und noch kein Album haben, dass die sich einen Überblick verschaffen können.

Du würdest also nicht sagen, dass da dann sozusagen eine Phase Zeraphine zu Ende gegangen ist und jetzt eine neue Schaffensperiode kommt?

Nee. Ich glaube, das hört man auch auf dem Album, dass das schon unsere Tradition fortsetzt. Ich mein, klar, unser Songwriting wird sich schon irgendwie verändert haben und auch unsere Hörgewohnheiten. Das verändert sich ja permanent. Das wird halt immer daran angepasst, was man selber gerade toll findet. Aber ich denke, man hört ziemlich eindeutig, dass das ein neues Zeraphine-Album ist. Wir machen schon so weiter.

Wo würdest Du denn Neuerungen im Sound sehen gegenüber den vorherigen CDs?

Ich weiß nicht, also ich finde sehr gravierend, zumindest für mich, ist der Schlagzeug-Sound. Der ist diesmal total anders. Auch Stimmen-Experimente, mit Verzerrung und so. Die Gitarren klingen anders als zum Beispiel auf „Still“. Auf „Still“, also dem Vorgänger-Album, haben wir ganz viel kaputt gemacht am Ende, also einfach, weil wir das damals toll fanden. Ich find, das klingt auch immer noch toll. Das haben wir diesmal nicht gemacht, weil wir das diesmal nicht so passend zu den Songs fanden. Man setzt sich ja immer mit der Band und dem Produzenten zusammen, hört sich die Demos an, macht ein bisschen Brainstorming, in welche Richtung das gehen kann und so… Da fanden wir, dass diesmal so ein Kaputt-Sound nicht zu den Songs passt. Zumindest nur stellenweise. Da wo er passt, haben wir es auch gemacht und ansonsten haben wir gesagt, wir gucken einfach mal und entwickeln den Sound während der Aufnahmen und während des Mischens und da ist was ziemlich rundes bei rausgekommen diesmal glaub ich.

Ich habe jetzt mal ein paar einzelne Songs rausgesucht. Einer davon gleich am Anfang, recht aggressiv, ist „Lieber allein“. Warum bist Du „lieber allein, als unter tausenden verloren zu sein“?

Das ist so ein Anti-Mensch-Song. Davon hab ich eigentlich ziemlich viele immer. Mich macht das alles krank, glaub ich. Also es gibt so Phasen, wo ich wirklich auch gar keinen sehen möchte. In diesem Song, der beschreibt eigentlich eher eine Situation, wo Du an einem Punkt bist, wo Dir einfach alles um Dich rum ziemlich egal wird. Wo Du sagst, es ist mir scheißegal, ob es Dir dreckig geht oder nicht. Das ist mir Wurst. Das ist eine Mischung aus Aggression und Resignation. Das ist so ein komischer Moment. Ich weiß nicht, ob Du den schon mal hattest. Wahrscheinlich. Das kennt man, oder? So „Nö, lass mich einfach in Ruhe, ich will das einfach nicht wissen gerade.“ Vielleicht eben auch aus gutem Grund. Das beschreibt diese Situation. Ich erzähl ja auch keine wirklichen Geschichten aus meinem Leben. Im Prinzip schon, aber immer sehr verschlüsselt. Ich könnte mir das nicht vorstellen, da jetzt eine Geschichte aus meinem Leben in einem Song zu präsentieren. Das interessiert vielleicht ein paar Leute, aber da hat ja keiner was von. Deshalb versuch ich eher immer, solche Momente zu beschreiben.

Die Single vom Album war „Out Of Sight“. Warum war das die Single? Inwiefern würdest Du sagen, ist der Song repräsentativ für das Album?

Das ist auch immer so eine Sache, da tun wir uns auch immer sehr schwer mit. Also eigentlich wollten wir „I Will Be There“ nehmen. Dann tendierte das immer mehr zu „Out Of Sight“ und ich weiß auch nicht – irgendwann haben wir gesagt, wir können uns nicht entscheiden. Jeder hat dann seine Top Five aufgeschrieben. Das war dann schon knapp für „Out Of Sight“, dann haben wir noch unsere Leute gefragt, mit denen wir zusammenarbeiten und gefragt, welchen sie als Single nehmen würden. Die haben auch alle „Out Of Sight“ gesagt. Da haben wir gesagt, wir machen das so. Der ist schnell und rockig, alternative-rockig, geht vielleicht ein bisschen in Richtung Placebo, aber das darf ich ja nicht sagen.

Da hätte ich auch mal fragen wollen… Auch im Pressetext zur CD steht immer wieder was von den Placebo-Anklängen. Gerade bei „Out Of Sight“ wird das auch fest gemacht. Wie siehst Du diesen Vergleich? Ihr teilt Euch ja morgen auch dieselbe Bühne.

Ja, okay, das haben wir schon mal gemacht, auch hier beim M’era Luna – 2005. Ich find, die haben teilweise extrem tolle Elemente in ihrer Musik. Ich find jetzt das neue Album nicht so, das trifft nicht so meinen Geschmack, alle Alben davor könnte ich rund um die Uhr hören eigentlich. Es gibt ein paar Momente bei denen, die find ich so unglaublich magisch, da find ich das nicht schlimm. Also wir haben den Info-Text ja nicht selbst geschrieben. Wir haben den tatsächlich in Auftrag gegeben an einen Journalisten. Der kennt uns zwar, aber der kennt uns zwar, aber wir sind nicht so nahe miteinander befreundet. Wir haben gesagt „hör Dir das an, schreib das, was Du dazu denkst und das wird dann unser Pressetext – und egal, was da drin steht, wir nehmen das so“. Der fand das halt auch. Also wir klingen nicht nach Placebo, aber es gibt ein paar Elemente, wie halt die Gitarre vorne bei „Out Of Sight“, das ist schon ziemlich so in der Art. Aber das ist ja auch nicht weiter schlimm.

Ein Song handelt von „Louisa“. Wer ist diese Louisa?

(lacht) Es gibt keine Louisa in dem Sinne. Das ist mehr oder weniger wirklich nur ein Kunstgriff, wenn Du so willst. Es ist vielleicht ein ganz klein bisschen ein trauriges Liebeslied. Aber Liebeslied ist es eigentlich auch für mich auch nicht, aber es wird gern so wahrgenommen – dann kann es auch so wahrgenommen werden, das ist mir recht. Das wird sich gerne gefragt. Ich kenn zwar eine Louise, aber um die geht’s da gar nicht.

Und das weiß sie auch, dass es nicht um sie geht?

Ich hab die ewig nicht mehr gesehen. Wir hatten mal bei den Dreadful Shadows eine Sängerin, die so hieß, aber mit der hat das wirklich so gar nichts zu tun. Dadurch, dass ich ja keine Geschichten schreibe… Ich brauchte da irgendwie einen Namen, da hab ich einen genommen, der schön klingt, fertig. (lacht)

Als ich „Tomorrows Morning“ hörte, drängte sich mir die Frage auf: Kennst Du die Niederländer von The Wounded?

Nein.

Das Piano-Motiv erinnert mich sehr stark an die Gitarren aus „The Art Of Grief“…

Okay… Das ist ja auch interessant. Muss ich ja scheinbar direkt mal hören. Unbewusst geklaut (lacht). Nein, kenn ich nicht, hat mir auch bisher noch keiner gesagt. The Wounded – okay.

Jetzt davon ab: Welche Idee steckt sonst hinter dem Song? Worum geht’s da? Was ist am nächsten Morgen anders als am heutigen?

Es ist eigentlich auch eher so ein Gefühl von Resignation. „Bury tomorrows morning“, also morgen ist egal. Es ist auch wieder so ein Extrakt eines Gefühls, wo Du in einer Art Resignation steckst. Diese Momente habe ich halt häufig und darüber schreibe ich dann auch gern. Ich habe in meinem Bekanntenkreis so einige Leute, mit denen ich mal wirklich gut befreundet war, an die man aber irgendwie nicht mehr ran kommt. Das ist schwierig, ich will ja auch nicht zu viel erzählen, es geht ja auch um deren Privatsphäre. Wobei, die kennt ja auch keiner eigentlich. Nun ja – trotzdem: Man hat halt manchmal auch Leute, die kurz vorm Abgrund sind teilweise, aber die Hand, die Du ihnen reichst, ausschlagen oder wo Du Dir selbst nicht sicher bist, dass Du die überhaupt geben willst. Solche Sachen beschäftigen mich und machen mich fertig, das verarbeite ich dann in den Texten. Da kommt dann zum Beispiel so etwas raus wie „Tomorrows Morning“.

Wenn Du das Album jetzt wieder als Ganzes siehst: Wie zufrieden bist Du mit den Reaktionen darauf?

Sehr! Wir hatten bis jetzt sehr sehr positive Reaktionen. Ich fand das schon sehr erstaunlich, es gab sehr wenig negative Sachen irgendwie. Insofern ist das super. Gerade auch von Fans ist es total positiv aufgenommen. Da kommen jeden Tag zig E-Mails.

Auch jetzt noch?

Ja, selbst jetzt noch. Insofern ist das wunderbar. Wir sind auch sehr glücklich mit dem Album, das ist genau so, wie wir es haben wollten. Klar gibt es immer irgendwelche Sachen, bei denen man sich dann etwas uneinig ist, aber die hat man immer. Da muss man irgendwie dann einen Kompromiss finden, aber dafür ist man ja eine Band. Für alles andere gibt’s ja Solo-Projekte (lacht).

Jetzt auf dem Album sind auch wieder Juliane Richter von Eminence of Darkness und die Streicher von der Letzten Instanz mit dabei. Würdest Du sie schon als Band-Mitglieder ansehen?

Nee. Ich meine, Juliane ist ja eigentlich eher bei uns bei den Dreadful Shadows involviert, da singt sie ja live. Bei Zeraphine hat sie noch gar nicht mitgesungen bisher. Das war ja so das erste Mal. Bei den Instanzlern: Klar, wir sind sehr gut befreundet miteinander, wir helfen uns gegenseitig aus. Ich sing bei denen manchmal mit und dafür spielen die dann bei uns mal mit und so. Das ist ein ausgewogenes Geben und Nehmen, das macht Spaß. Ich find die beiden großartig, die rocken halt einfach. Das ist sehr sehr schwierig, Streicher zu finden, die rocken. Bei den Dreadful Shadows hatten wir ja auch immer so Streichquartett-Sachen mit dabei und das waren immer Klassiker. Das ist total schwierig, die in ein Rock-Gewand einzubauen. Die verschleppen halt das Tempo, dann passt das halt nicht… Bei den beiden von der Instanz ist das einfach drin. Die setzen sich hin, die spielen das und dann ist das fertig und ist auch gut so, wie es ist. Das macht einfach totalen Spaß, mit denen zu arbeiten. Das ist wunderbar.

Du hast gerade schon die Dreadful Shadows angesprochen. Als wir das letzte Mal gesprochen haben, sagtest Du, dass zu 99,9% nichts mehr kommen würde…

Nein, zumindest kein Album oder sowas. Das ist immer noch so.

Die anderen 0,1% haben sich noch nicht durchgesetzt?

Nene. Also ich meine, wir spielen jetzt nächstes Jahr wieder ein bisschen live, also zumindest auf dem Amphi-Festival. Mal gucken, was sich sonst noch so ergibt. Jetzt so an Studio-Produktionen oder so ist nicht wirklich zu denken. Das ist irgendwie komisch. Wir haben 1999 das letzte Album gemacht, wir haben uns musikalisch gesehen alle soweit voneinander entwickelt. Wir verstehen uns sehr gut, wenn wir auf Konzerten sind, ist das super. Das macht Spaß, mit denen zu proben. Aber, ich mein… André macht jetzt ein Projekt, also unser einer Gitarrist, das ist sowas von abgefahren irgendwie. Unser Basser hat gerade gestern ein Kind bekommen – also seine Frau. Unser Schlagzeuger ist auch immer ganz viel unterwegs. Das ist so weit weg alles und so weit verstreut, dass das wahrscheinlich nichts wird. Und ich glaube auch, dass wir die Erwartungen auch niemals erfüllen könnten, egal was das für ein Album wird. Das würde immer enttäuschen. Das ist halt total schwierig. Was soll man da machen? Das ist eigentlich von vornherein zum Scheitern verurteilt. Der Großteil der Leute denkt dann, dass es in der Entwicklung so weitergeht wie von „The Cycle“, also vom letzten Album. Da sind wir aber alle schon lange nicht mehr. Das ist irgendwie komisch. Die Song-Ideen mach ich jetzt auch für Zeraphine – das ist meine Band, so irgendwie. Ich glaube, da spricht einfach zu viel dagegen, um sowas zu machen. Wir bleiben den Leuten lieber so in Erinnerung wie das war und spielen noch ein bisschen live. Live machen wir ja auch ein bisschen was Neues, ein paar Cover-Versionen und so, sodass nicht nur die alten Songs runter gespielt werden und es trotzdem noch interessant ist.

Ist denn da schon wieder was Neues in petto in Sachen Cover-Versionen?

Also letztes Jahr, das hatten wir glaub ich nur in Polen gespielt, da hatten wir von Faith No More einen Song gecovert, das war ganz lustig. Dann hatten wir ein Fanclub-Konzert, da haben wir ganz viele Sachen gecovert. Da haben wir noch einen gewissen Fundus von Sachen, die wir probieren können.

Daneben hast Du ja auch noch Solar Fake. War „Broken Grid“ da jetzt nur so eine Art One-Off oder gibt es da auch wieder Planungen?

Ja, ich sitze schon wieder an neuem Material, da bin ich gerade dabei. Das muss weitergehen, das macht so einen Spaß! Das ist einfach toll. Das macht Spaß, das zu machen, zu produzieren, live zu spielen, das ist einfach großartig. Jetzt waren wir letztes Jahr mit VNV Nation auf Tour. Ich glaube, das hat uns auch relativ viel gebracht an Leuten, die uns vorher nicht kannten. Klar, im Elektro-Bereich ist man natürlich als Gitarren-Mensch nicht so bekannt. Da hat man mal den Namen gehört und vielleicht den Remix von „Be My Rain“ in irgendeiner Disko, aber ansonsten kennt einen da ja keiner. Ich glaub, das war gar nicht so schlecht. Ja, das geht jetzt weiter. Da schreib ich gerade Songs und ich hoffe, dass wir nächstes Jahr ein neues Album rausbringen können.

Musikalisch weiter so wie jetzt?

Ich weiß nicht. Es gab ja zwischendurch noch die „Resigned“-EP zwischendurch für die Neuwerk-Festivals, da war was drauf, das ist schon ein bisschen heftiger. Was wir beibehalten werden, ist die Mischung aus verschiedenen Stilen. Ich find das langweilig, wenn ich ein Album höre, da fängt der erste Song an und Du weißt schon, wie der letzte klingen wird. Das find ich doof. Da werde ich weiter Elektro-Stile miteinander kombinieren innerhalb der Songs, dass das eine mal etwas härter und das andere etwas mehr FuturePop – oder wie auch immer das alles heißt – ist. Vielleicht ein bisschen mehr teilweise in Richtung Industrial, das ist so das, was ich gerade toll finde. Das wird bestimmt wieder relativ abwechslungsreich. Hoffe ich mal.

Wenn wir dann nochmal wieder auf Zeraphine jetzt schauen… Im September geht Ihr auf Tour. Gibt es danach schon Planungen für das, was kommt?

Nein. Wir machen jetzt erst einmal die Tour. Danach mach ich erstmal Solar Fake, das ist schon meine Priorität gerade – mal abgesehen von der Tour. Bis das dann wieder fertig ist, geht es auch mit Zeraphine schon weiter. Wir müssen dann erstmal gucken. Wir planen noch nicht viel, wir lassen das alles erst einmal auf uns zukommen. Wir waren aber noch nie so die Planer.

Das waren soweit meine Fragen. Gibt es noch irgendetwas, das Du zum Schluss den Lesern mit auf den Weg geben möchtest?

Dass sie alle hübsch zu unserer Tour kommen sollen! (lacht)

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Interview mit Sven Friedrich (Januar 2008)
Konzertbericht: Planet Myer Day 6.0 – 04.01.2008, Leipzig Moritzbastei (mit Solar Fake)
Konzertbericht: Dreadful Shadows – 13.10.2007, Leipzig Werk 2

Homepage: www.zeraphine.de
MySpace: www.myspace.com/zeraphine

Interview: Marius Meyer
Bilder (außer CD-Cover): Daniela Vorndran (Vielen Dank für das freundliche Zurverfügungstellen! Weitere Aufnahmen gibt es unter anderem auf www.black-cat-net.de und www.reflectionsofdarkness.com.)