Mit Paradise Lost fand sich beim diesjährigen M’era Luna-Festival in Hildesheim eine der dienstältesten Bands ihres Genres ein, um auch im 26. Jahr ihres Bestehens einen beachtlich guten Auftritt abzuliefern. Am Nachmittag vor der Show bot sich für uns die Gelegenheit, mit Sänger Nick Holmes und Gitarrist Aaron Aedy ein ausgiebiges Gespräch zu führen und das Festival, das Dasein der Band nach all den Jahren, Pläne für ein neues Album, die im September anstehende Orchester-Show und viele weitere Themen zu sprechen. Dabei zeigten sich die Musiker durch und durch sympathisch. Viel Spaß mit dem vorliegenden Interview!

Es ist Euer erstes M’era Luna-Festival seit sechs Jahren. Wie ist es für Euch, wieder hier zu sein?

Aaron Aedy: Es sieht immer noch genauso aus wie beim letzten Mal, als wir hier waren. Es ist dieselbe Location und es ist schön, wieder hier zu sein.

Beim letzten Mal habt Ihr im Hangar gespielt, diesmal seid Ihr auf der Hauptbühne und spielt im Tageslicht. Ist das Tageslicht okay für Euch?

Nick Holmes: Es ist ungewohnt. Das Wetter ist seltsam, wir hoffen, dass es nicht regnet. Es ist recht windig, aber an sich ist es sehr gut, wieder hier zu sein und auf der größeren Bühne zu spielen.

Ich habe gesehen, dass Ihr letztes Jahr auf der Tour zum 25-jährigen Jubiläum wart. Die Stücke wurden hauptsächlich von den Fans gewählt. Wie war es, die Stücke zu spielen, die vom Publikum gewählt wurden? Fühlt man sich da manchmal wie eine Jukebox?

AA: Das war toll, mal wieder zu einigen älteren Stücken zurückzukehren. Es war sogar ein Stück dabei, das wir vorher noch nie live gespielt haben. Daher war es auch für uns sehr interessant.

NH: Wir haben ein Chart mit allen Songs gemacht mit allem, was wir haben. Zu der Zeit des Votings gab es nicht wirklich Überraschungen, da wir wissen, welche Stücke bei den Zuschauern beliebt sind.

AA: Aber „Rotting Misery“ beispielsweise haben wir für ca. 25 Jahre nicht gespielt, das hat Spaß gemacht.

NH: Auch „Mortals Watch The Day“ hat Spaß gemacht.

Waren die Stücke so, dass sie Euch selbst überrascht haben, dass Ihr denkt: „Oh, die könnten wir mal wieder häufiger live spielen“?

NH: Vielleicht tatsächlich „Mortals Watch The Day“. Das war toll, diesen Wahnsinn wieder im Set zu haben. Das ist eine tolle Nummer, die werden wir wieder häufiger spielen.

Wie stellt Ihr denn generell eine Setlist zusammen? Ihr habt ja nun wirklich eine ganze Menge Material…

AA: Wir spielen die Stücke so oft, dass wir die Reaktionen der Menge kennen. Daher wissen wir, welche Stücke funktionieren. Das sind eher nicht die ruhigeren. Daher müssen wir inzwischen nicht mehr so intensiv auswählen.

Ist denn da ein großer Unterschied zwischen Festival und Clubshow?

AA: Man muss natürlich sehen, wo man gerade spielt und was für ein Publikum dort ist. Es ist vielleicht nicht so gut, auf einem Pop-Festival Doom zu spielen. Je nach dem Ort funktionieren manche Stücke besser und andere nicht.

Würdet Ihr denn sagen, dass das M’era Luna-Publikum ein besonderes Publikum ist? Ist das ein irgendwie anderes Publikum?

NH: Goth! Da sind sehr viele Goths im Publikum. Das finde ich immer schön, weil es das in England nicht gibt. Das ist toll, dass es in Deutschland ein Festival wie dieses gibt, das sich speziell der Gothic-Szene widmet. Die Leute kommen aus ganz Europa, was das alles sehr besonders macht.

Ich habe gesehen, dass das Alt-Fest abgesagt wurde. Da hättet Ihr ja auch spielen sollen…

NH: Das wäre wohl so etwas gewesen wie die englische Variante von hier, aber das hat nicht funktioniert.

AA: Das ist echt schade. Dahinter stand ein Paar, dass aus Liebe zur Musik dieses Festival organisieren wollte. Das war sehr ambitioniert, mit 180 Bands…

NH: Das ist sehr viel für ein Festival, das zum ersten Mal stattfindet. Da wären die Leute sicherlich auch von überall hergekommen. Ansonsten gibt es noch das Whitby Goth Weekend, was dem hier wohl am nahesten kommt. Da haben wir auch schon mehrmals gespielt.

Bei den 180 Bands vom Alt-Fest waren gefühlt auch 60 Headliner dabei…

NH: Und die Headliner wollen viel Gage, sodass es dann an anderen Stellen stockt.

AA: Die hatten keine Wahl außer abzusagen. Das Herz war am richtigen Fleck, leider war die Rechnung falsch.

Neben den Festivals und dem Live-Spielen: Ich habe gesehen, dass Euer letztes Studio-Album „Tragic Idol“ bereits seit gut zwei Jahren draußen ist. Gibt es bereits Pläne für neues Material?

NH: Wir arbeiten an einem neuen Album, aber da sind noch so vier bis fünf Stücke zu schreiben, bis wir genug Material haben.

AA: Dazwischen liegen ja auch andere Dinge wie beispielsweise Festivals.

NH: Aber wir sind dran. Wir planen, im November ins Studio zu gehen.

Könnt Ihr schon ein bisschen über den Stil sagen?

NH: Der Gesang wird variabler, er wird vermutlich einige überraschen. Es ist immer noch catchy, aber auch härter und im Gesang mit einer Art von Death Metal, aber anders als auf dem ersten Album. Es ist eine andere Herangehensweise.

Ihr habt nun in den Jahren schon so einige unterschiedliche Stile probiert. Würdet Ihr denn sagen, Ihr habt so etwas gefunden wie „Euren Stil“?

NH: Wenn man im Metal-Kontext bleibt, kann man auch fast alles machen, solange es eben Metal ist. Das gibt es ja bei fast allen Bands. Man versucht verschiedene Dinge mit der Zeit. Manchmal funktioniert es, manchmal funktioniert es nicht. Im Metal kann man soviel verändern – man kann Doom spielen, eine Noise-Band werden, solange Gitarren mit dabei sind.

Verspürt Ihr für das neue Album Druck? Ich habe gesehen, dass das letzte Album beispielsweise in Deutschland auf Platz 6 in die Charts eingestiegen ist.

NH: Nein, denn wir sind unsere härtesten Kritiker. Wir sind die ersten, die sagen, wenn etwas scheiße klingt.

AA: Der Druck kommt von uns selbst, da kommt kein Druck von außen. Bevor irgendwer anders etwas hört, sind wir sehr kritisch mit unserem Material. Solange wie wir glücklich mit dem Ergebnis sind, ist es egal, was irgendwer anders darüber denkt.

Zwischen all dem liegt nun noch die Orchester-Show im September. Wie kam es dazu?

NH: Wir wurden von einem bulgarischen DJ angesprochen und gefragt, ob wir das machen möchten. Da haben wir ja gesagt! Das ist alles. Das ist etwas, das man in England nicht wirklich machen kann, da es in England eine obszöne Menge Geld kosten würde, ein Orchester zu mieten.

Die kamen also zuerst auf Euch zu?

NH: Ja!

Dann ist das wohl auch der Grund, warum es im bulgarischen Plovdiv stattfindet?

NH: Ganz genau. Wie gesagt, in England wäre das verrückt…

Wie probt Ihr denn für so eine Show? Das ist ja ein bisschen anders, wenn man weiß, dass da 100 Orchester-Musiker mit dabei sind…

AA: Wir werden einige Tage vor der Show dort sein, um mit dem Orchester zu proben.

NH: Es ist also noch ein wenig Zeit vorhanden, um mit dem Orchester und dem Chor das Programm einzustudieren.

Haben sie schon die Noten?

NH: Ja, wir planen schon eine ganze Weile, seit sieben Monaten oder so.

Könnt Ihr sagen, inwieweit Ihr die Stücke für dieses Projekt verändert?

NH: Wir verändern sie nicht, es sind dieselben Songs, aber wir haben eine großartige Band im Hintergrund. Wie es genau funktioniert, werden wir aber auch erst vor Ort herausfinden.

Ihr sagt, dass das eine One-Off-Show ist, die nie wieder stattfinden wird. Ihr habt ja Fans in der ganzen Welt…

NH: Ja, das kostet echt viel Geld. Die Musiker im Orchestra sind anständige Musiker und sie werden auch anständig bezahlt. (lacht)

Plant Ihr, die Show aufzunehmen und hinterher zu veröffentlichen?

NH: Ja. Aber wir spielen nur um die acht Stücke mit dem Orchester, danach folgt ein normales Set.

Die Orchester-Show ist eine spezielle Show, daneben seid Ihr ja aber schon seit 26 Jahren unterwegs. Wie motiviert man sich denn da noch, rauszugehen und zu spielen?

NH: Wir können nichts anderes. (lacht) Das ist in gewisser Weise auch in Fleisch und Blut übergegangen, wenn man das schon so lange macht. Es gibt ja auch keinen Grund, es nicht zu tun. Es ist tolles Live-Material und es ist schön, die Leute mitgehen zu sehen.

AA: Ich liebe das Live-Spielen. Das ist zwar oft mit viel Reiserei, um eine Stunde zu spielen, verbunden, aber das ist wie ein Virus, das einen ansteckt.

Wenn Ihr es andersrum betrachtet… Wie muss eine Show laufen, dass Ihr hinterher von der Bühne geht und sagt: „Ja, das war eine großartige Show“?

AA: Wenn nichts schieflief. Solange keine Probleme auf der Bühne mit Sound und Equipment auftauchen und eine gute Atmosphäre herrscht, dann ist eine gute Show das Ergebnis. Manchmal ist es komisch, wenn man beiuspielsweise vor einer Menge spielt, die einen nicht kennt, aber wenn man ordentlich spielt und nichts falsch macht, kann man hinterher auch von sich behaupten, das Beste gegeben zu haben.

Das waren dann auch meine Fragen. Am Ende würde ich gerne wissen: Wir haben nun über ein Album gesprochen, das Festival, die Orchester-Show… Gibt es schon weitere Pläne für die nahe und ferne Zukunft, die Ihr nennen könnt?

NH: Wir werden unser Album fertig stellen und schauen, was im nächsten Jahr passiert. Vermutlich werden wir wieder auf Tour sein. In der vorhersehbaren Zukunft sind da erst einmal das Album und die Orchester-Show.

Vielen Dank!

Weitere Artikel
Festivalbericht: M’era Luna Festival 2014
Rezension: Paradise Lost – Original Album Classics
Rezension: Paradise Lost – Tragic Idol
Vorbericht: Paradise Lost – im Mai auf Deutschlandtour

Homepage: www.paradiselost.co.uk
Facebook: www.facebook.com/paradiselostofficial
Twitter: www.twitter.com/OfficialPL

Interview und Übersetzung: Marius Meyer
Bilder: Michael Gamon (danke an www.sparklingphotos.de für die freundliche Bereitstellung)