Im Februar 2014 erschien das aktuelle Album „‘Til Death“, seitdem ist es zwar vordergründig still um Daniel Graves und sein Projekt Aesthetic Perfection geworden, im Hintergrund hingegen tat sich so einiges. Das für ein Elektro-Projekt seltsam anmutende Akustik-Album „Imperfect“ ist dabei nur eines von vielen Puzzle-Teilen. Wir haben den Auftritt beim diesjährigen M’era Luna Festival daher genutzt, um mit Daniel über das Festival, den aktuellen Stand bei Aesthetic Perfection, die Selbstzweifel als Künstler und viele weitere Themen zu sprechen. Dabei entwickelte sich ein ergiebiges Gespräch, das es nun hier nachzulesen gibt. Viel Spaß bei der Lektüre!

Zu allererst: Hattet Ihr eine gute Reise?

Wir hatten eine sehr lange Reise. Wir sind letzte Nacht aus Bristol in England hergekommen, das waren etwa 1.200 Kilometer. Um eins waren wir letzte Nacht hier, aber wir haben gut geschlafen und sind jetzt bereit.

Ihr seid also schon den ganzen Tag hier?

Wir sind etwa vor einer Stunde angekommen.

Wie ich gesehen habe ist es Dein erstes M’era Luna. Wie hast Du die Umgebung hier bisher erlebt?

Es ist sehr heiß heute, ich fühle mich fast wie in Kalifornien. Ich bin mal über das ganze Gelände gelaufen, auch im Zuschauerbereich, um eine Idee davon zu kriegen, wie das Festival so ist. Ich mag es sehr gerne.

Ihr spielt in wenigen Stunden. Wie bereitest Du eine solche Show vor, wenn Du weißt: Du hast nur 40 Minuten zu spielen und weißt nicht, wer nun wirklich wegen Dir da ist?

Ich denke, es ist einfach, sich da selbst verrückt zu machen mit solchen Dingen. „Spiele ich die richtigen Songs? Ist es das richtige Publikum?“ Man sollte das tun, was sich richtig für einen anfühlt und Spaß haben. Daher haben wir einfach die Stücke ausgewählt, die wir in den 40 Minuten spielen möchten und werden das einfach so machen.

Hast Du denn Erwartungen für die Show?

Außer der, Spaß zu haben: Nein. Ich hoffe, die Leute mögen uns, aber das kann nicht die Hauptmotivation dafür sein, das zu machen.

Wie schon gesagt, seid Ihr aus Bristol gekommen. Nachdem Ihr jetzt verschiedene Shows in England gespielt habt: Wie habt Ihr sie empfunden? Gab es da Unterschiede zu anderen Orten?

Ich denke, überall lieben die Leute die Musik genauso. Ich merke da keinen Unterschied, ob ich in Los Angeles, Berlin oder London spiele. Wenn man die Leute erreicht, haben sie Spaß. Kultur und solche Dinge verschwinden für den Moment, in dem Du auf der Bühne stehst und Du das Erlebnis teilst.

Wie wir vorhin vor dem Interview schon festgestellt haben, unterhielten wir uns zuletzt vor etwa anderthalb Jahren. Was ist seitdem bei Dir und bei Aesthetic Perfection passiert?

Nach der Tour damals war ich sehr ausgelaugt. Ich war für beinah sechs Jahre konstant auf Tour und hatte entschieden, dass ich eine Pause brauche. Daher habe ich ein Jahr Auszeit genommen. Zwischendurch war ich im letzten August lediglich eine Woche mit Combichrist unterwegs, aber das war es dann auch. In der Zwischenzeit habe ich zu mir als Künstler gefunden und es genossen, zuhause zu sein und zu lernen, wie es ist, eine ganz normale Person zu sein.

War die „Imperfect“-CD ein Ergebnis davon?

„Imperfect” haben wir schon 2013 aufgenommen. Aber das war auch etwas, das ich während der Auszeit fertig gestellt habe. Ich hatte so viele Projekte und so viele Ideen fertigzukriegen, das war auch ein Teil meiner Motivation, eine Auszeit vom Touren zu nehmen. Ich habe daher die Zeit genutzt, um Video-Projekte zu machen, einige Nebenprojekte zu machen (ich habe derzeit drei bis vier, an denen ich im Geheimen arbeite) – einfach, um kreativ zu sein.

Du sagtest gerade, dass die „Imperfect“ Show 2013 war. Warum hat es so lange gedauert, sie zu veröffentlichen?

Weil ich die ganze Zeit auf Tour war. Da hatte ich keine Zeit, so etwas zu machen – ich mache die Produktion alleine. Ich mache meine Videos, meine Musik, all das. Und der Tag hat ja auch nur eine begrenzte Zahl an Stunden.

Auf der „Imperfect“ sagst Du, dass Club-Besitzer Dich dazu überredet hat, die Show zu machen. War es schwer, Dich davon zu überzeugen?

Meine erste Reaktion war „Fick Dich! Das mach ich nicht!“ Wir saßen in einer Bar und er meinte: „Ich glaube nicht, dass Du das bringst, aber ich bitte Dich darum.“ Ich hab dann ein paar Tage drüber nachgedacht und kam zu dem Entschluss: Vielleicht ist das ja doch ganz cool. Also habe ich ihm zugesagt.

Wie hast Du den Prozess des Umarrangierens der Stücke empfunden?

Ich habe da sehr eng mit Lauren Krothe zusammengearbeitet. Sie ist die Pianistin, die mit mir auf „All Beauty Destroyed“ gearbeitet hat. Sie ist unglaublich talentiert und hat viele Arrangements übernommen. Wir haben da ungefähr acht Monate dran hin und her gearbeitet. Sie hat was gemacht, ich habe Änderungen vorgenommen… Der Großteil davon lief über das Internet. Das war eine interessante Erfahrung und hat eine Menge Spaß gemacht.

Wie war es, die Stücke in dem Stil zu spielen? Das ist ja schon ein bisschen anders als der normale Aesthetic Perfection Sound.

Ich war etwas nervös, weil ich nicht sicher war, ob die Leute meine künstlerische Motivation verstehen. Das war etwas, das spaßig und humoristisch gedacht, aber dennoch aus einer musikalischen Perspektive ernstzunehmen war. Ich war mir nicht sicher, ob die Leute das verstehen, aber am Ende taten es die meisten. Ich habe ein paar böse E-Mails bekommen, aber die meisten haben es verstanden. Für einen Künstler ist es wichtig, sich in neue und unbequeme Gefilde zu bewegen, um zu wachsen. Ansonsten ändert sich nichts und man macht immer und immer wieder das gleiche.

Ich fand das Album teilweise recht seltsam, da teilweise recht fröhliche Klänge auf Texte wie „my worst depression is my life“ treffen. War das nicht komisch?

Das war ironisch zu verstehen, da sind Sarkasmus und Humor drin. Einige haben das wohl als Spott verstanden, dass ich das nicht mehr ernst nehmen würde, aber das ist nicht wahr. Ich nehme meine Texte nach wie vor so ernst wie möglich. Überhaupt ist „The Great Depression“ sarkastisch, sodass die Art und Weise, in der wir es auf „Imperfect“ spielen, definitiv eine Reflektion des Stücks ist – vielleicht haben einige das nicht verstanden. Aber wie schon gesagt: Das alles gehört zum künstlerischen Experimentieren und ich mag es, mich in unangenehme künstlerische Situationen zu versetzen, um daran zu wachsen.

Würdest Du daher sagen, dass der Stil auf „Imperfect“ dem Stück sogar noch gerechter wird als das Original?

Gewissermaßen schon. Für mich haben Stücke keine einzelne Bedeutung. Es gibt immer mehrere Emotionen und mehrere Ideen, die in einem Stück zu finden sind. Und ja, das ist definitiv ein Aspekt des Stücks.

Es steckte eine Menge Vorbereitung und Arbeit in der Show. Ist es für Dich nach wie vor eine einmalige Sache oder denkst Du darüber nach, noch einmal so aufzutreten?

Wir hatten wirklich eine Menge Spaß daran. Wenn die Gelegenheit kommt und die Konditionen stimmen, würde ich das auch nochmal machen. Wir werden sehen.

War die Show vor dem „‘Til Death“-Album?

Ja, „‘Til Death“ kam im Februar 2014, die „Imperfect“ Show war im August 2013.

Hintergrund der Frage ist der: Als wir zuletzt gesprochen haben, hast Du Frustration als einen wichtigen Einfluss genannt. Ich wunderte mich nun: War Deine Laune besser, als Du „Imperfect“ gemacht hast?

Ich bin immer ein wenig frustriert. Aber „Imperfect“ hat definitiv am meisten Spaß gemacht in dieser musikalischen Umgebung.

Warum würdest Du sagen, bist Du immer ein wenig frustriert?

Da ich denke, dass Kunst für gewöhnlich immer aus einem gewissen Unwohlsein entsteht. Man nimmt die Dinge, die das Leben schwierig machen und versucht, etwas Schönes daraus entstehen zu lassen. So sehe ich es zumindest, was ich tu. Ich fühle mich etwas frustriert. Es gibt immer etwas im Leben, das einen frustriert und stresst und ich versuche, das in etwas Positives zu verwandeln.

Aber hat die „Imperfect“ den Sound der folgenden Arbeiten beeinflusst?

Ich denke, alles beeinflusst alles, was wir später tun. Nicht in einer Art und Weise, die ich jetzt benennen könnte, aber es muss absolut so sein.

In der Festival-Info stand, Dein „Spiel mit den Genres ist einzigartig“ und macht Dich „zu einem der einflussreichsten Protagonisten der schwarzen Szene“.

(lacht) Das habe ich nicht gelesen, ich weiß nicht. Und ich schwöre, das habe ich nicht geschrieben.

Würdest Du denn sagen, dass Du jemanden beeinflusst hast?

Ich weiß nicht, das ist lustig. Manchmal schreiben Leute, dass neue Bands wie Aesthetic Perfection klingen würden, folglich also von uns beeinflusst sein müssten. Das höre ich oft gar nicht heraus. Das für mich schwierig, die eigene Arbeit aus dieser Perspektive zu sehen. Wenn das, was ich mache, Leute dazu bringt, etwas zu kreieren, ist das super, hervorragend – aber ich versuche nicht, mich selbst als einen einflussreichen Künstler zu sehen. Irgendwann fängt man sonst an, diesem Hype zu glauben und wird zum Arschloch. Ich möchte für mich Musik machen und hoffe, dass andere Leute sie mögen. Wenn ich dabei andere beeinflusst, ist das toll. Wenn nicht, mache ich das für mich weiter. Ich denke da nicht so viel drüber nach.

Wie Du schon sagtest: „‘Til Death“ ist jetzt etwa anderthalb Jahre draußen. Wenn Du jetzt auf das Album zurückblickst: Gibt es da Sachen, wo Du sagen würdest, dass Du es aus heutiger Sicht definitiv anders gemacht hättest?

Ja, immer, auf jedem Album und mit allem. Kunst lebt in meinen Augen auch vom Selbstzweifel. Irgendwann musst Du an einen Punkt gelangen, an dem Du loslässt und sagst: „Okay, ich weiß, dass das nicht perfekt ist, aber ich es ist an der Zeit, es so zu lassen.“ Der Punkt, an dem man weitermachen muss. Es gibt immer etwas, das besser sein könnte. Man kann das aber mitnehmen und bei neuen Arbeiten anwenden. So wird man besser. Ich kenne viele Menschen, die nie etwas fertig kriegen, weil sie Perfektionisten sind. Aber so wird man nie mit etwas fertig.

Würdest Du daher sagen, es ist unmöglich, das perfekte Album zu machen?

Ja, absolut!

Du würdest also aufhören, wenn Du das perfekte Album aufgenommen hättest?

Wahrscheinlich. Wo soll es danach noch hingehen?

Etwas anderes, das ich gesehen habe, ist: Die „Blood Spills Not Far From The Wound“ wird wiederveröffentlicht. Warum hast Du Dich zu diesem Re-Release entschieden?

Der selbe Club-Besitzer, der mich zu der „Imperfect“ Show überredet hat, fragte mich auch, ob ich Necessary Response für eine Einzelshow in L.A. wiederbeleben könnte, die im April stattfand. Ich hatte eine recht komplizierte Beziehung zu dem Album, daher habe ich lange Zeit gar nicht darüber nachgedacht. Aber als er mich fragte, wollte ich ihm als Freund einen Gefallen tun habe gerne zugesagt. Ich habe dann angefangen, die Stücke zu reproduzieren, zu remixen und für das Konzert vorzubereiten, da habe ich angefangen, wieder Gefallen an ihnen zu finden. Als ich fertig war, dachte ich: „Oh, ich könnte das wiederveröffentlichen.“ Ich hatte ja schon alles reproduziert, die Vocals neu aufgenommen und habe die Gelegenheit wahrgenommen, den Namen „Necessary Response“ zu killen und zu einem Teil von Aesthetic Perfection werden zu lassen, wie ich es immer wollte. Ich habe mit dem Label darüber gesprochen und es war einverstanden. Jetzt bringen wir es noch einmal raus.

Hast Du mit der Wiederveröffentlichung irgendwelche Erwartungen oder ist es für Dich einfach nur wichtig, wie draußen zu haben?

Das ist für mich, das ist eine persönliche Sache. Wenn die Leute es mögen: toll. Wenn sie es nicht mögen: toll. Das ist etwas für mich.

Kein Business-Hintergrund oder so?

Nein, nicht wirklich. Ich habe dem Label gesagt, dass es für mich wichtig ist und gefragt, ob sie das machen wollen. Für sie war es absolut in Ordnung.

Wir haben nun über die aktuellsten Veröffentlichungen und den Re-Release gesprochen. Gibt es auch bereits Pläne für neues Material?

Oh ja, immer. Wie gesagt, habe ich ein Jahr Auszeit für so viele Sachen genommen und in der Zeit sind Stücke für zwei bis drei Alben entstanden. Was mache ich jetzt damit? Ich weiß nicht, wir werden sehen. Aber ich habe sehr viel darüber nachgedacht, ein Konzept für ein neues Album zu finden, das habe ich nun kürzlich gefunden. Vor ein paar Wochen hatte ich Gespräche, künstlerische Erfahrungen, bin gereist und all das führte am Ende zu einem Thema und Konzept. Jetzt bin ich bereit, wieder zu Hause zu sein und zu arbeiten.

Gibt es schon einen Zeitplan für das neue Material?

Wahrscheinlich werden wir im September eine Single veröffentlichen.

Zum Ende hin würde ich gerne wissen: Es sind jetzt noch so zwei bis drei Stunden bis zur Show. Wie verbringst Du die Zeit bis dahin?

Ich werde ein paar Bier trinken, Musik hören und dann gehe ich joggen.

Joggen? Wo gehst Du joggen?

Ich suche mir einen Ort dafür. Ich habe fünf Kilometer vor mir. Etwa zwei Stunden vor der Show ziehe ich mir die Joggingschuhe an und mache die fünf Kilometer.

Machst Du das häufiger?

Ja, zu Hause mache ich das immer und ich habe nun vor ein paar Wochen angefangen, das auch vor der Show zu machen, als wir ein Festival in Kanada gespielt haben. Ich hab das einfach mal ausprobiert und jetzt liebe ich es. Es bringt das Herz in Schwung, setzt Endorphine frei und man fühlt sich entspannt. Es nimmt die Anspannung weg. Danach fühle ich mich bereit für die Show.

Vielen Dank für die Antworten!

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Homepage: www.aesthetic-perfection.net
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Twitter: www.twitter.com/daniel_graves

Interview und Übersetzung: Marius Meyer
Bilder: Daniela Vorndran (Vielen Dank für die freundliche Zurverfügungstellung! Weitere Aufnahmen gibt es unter anderem auf www.black-cat-net.de und www.reflectionsofdarkness.com.)