4,5 Millionen Fans bei YouTube – eine beeindruckende Bilanz. Vor allem dann, wenn man bedenkt, dass Lindsey Stirling am Anfang für viele als Thema ohne Zielgruppe galt. Das ist lange her, bereits vor dem ersten Album verbreiteten sich ihre Videos in einem rasanten Tempo, das selbstbetitelte Debüt-Album wurde zu einem gigantischen Erfolg. Nun liegt mit Shatter Me das neue Album vor, das eine willkommenen Gelegenheit für ein ausführliches Interview darstellt. Wir haben der jungen Künstlerinnen daher einen Schwung Fragen geschickt, die sie uns ausführlich beantwortete. Hier nun die Antworten. Viel Spaß bei der Lektüre!

Seit unserem letzten Interview ist etwa ein Jahr vergangen. Was ist inzwischen alles passiert?

Wow, das war wirklich ein verrücktes Jahr. Ich bin seitdem zum zweiten Mal durch Europa getourt, durch Australien und Asien zum ersten Mal. Ich habe auf meinem YouTube-Channel zehn Videos veröffentlicht, bin in mehreren Ländern zum ersten Mal in Late Night-Shows aufgetreten, mein Album ist in vielen Ländern mit Gold ausgezeichnet worden, und in Deutschland sogar mit Platin. Es ist erstmals als echtes, physisches Album veröffentlicht worden. Ich bin bei einer Tanzsendung aufgetreten, habe eine Auszeichnung bei den ersten Youtube Music Awards gewonnen, und ich habe ein neues Album geschrieben und fertiggestellt!

Dein letztes Album war dein Debüt-Album, also hattest du viel Zeit, an den Songs zu arbeiten. Dieses Mal hattest du viel weniger Zeit. War das Songwriting dadurch anstrengender?

Ja, das war es. Ich hatte nicht nur viel weniger Zeit, es kannte mich beim ersten Album auch noch keiner. Jetzt habe ich 4,5 Millionen Fans aus der ganzen Welt, die mir auf YouTube folgen. Die erzählen mir, dass meine Musik ihnen geholfen hat, Glück, Vertrauen und Mut zu finden… Ich will diese Leute nicht enttäuschen. Das ist ein ziemlicher Druck.

Wie unterscheiden sich deine Alben voneinander? Was ist am neuen Album neu und anders?

Ich habe mich noch viel mehr mit den Hürden meiner Vergangenheit beschäftigt. Das soll nicht heißen, dass es ein trauriges Album ist, im Gegenteil – ich finde, ich drücke Gefühle eher noch stärker aus. Die Rückschläge sind härter, und die Siege haben mehr Kraft. Für mich verkörpert das Album eine der Grundthematiken meines Lebens – der des Ausbrechens. Also habe ich mich an Momente meiner persönlichen Gefangenschaft erinnert, um dieses Ausbrechen besser darstellen zu können.

Bei einem Album schaut man ja oft zuerst auf den Titel. Wieso hast du dich für „Shatter Me“ entschieden?

Auf dem Album dreht sich alles um die kleine Ballerina in einer Spieldose. Sie ist makellos und wunderschön, aber sie ist in ihrer Perfektion und ihrem Tanz gefangen. Sie sieht die Welt außerhalb der Spieldose, und sie fleht jemanden an, ihre Welt zu zerschmettern, ihre Schale zu zerbrechen, damit sie frei sein kann. Ich habe mich damals wie diese Ballerina gefühlt, eingefroren und beinahe leblos, weil ich von Zahlen und der Meinung anderer gefangen war. Unter meiner freundlichen Fassade habe ich lautlos nach jemandem geschrien, mich aus diesem leeren, nichtssagenden Leben zu befreien. Ich wollte, dass jemand die Mauern zerschlägt, die ich um mich herum aufgebaut hatte. Letztendlich musste ich lernen, dass nur ich selbst das fertigbringen konnte.

Das Album beginnt mit „Beyond the Veil“. Warum gerade dieser Song als Opener?

Es ist der erste Song, den ich für das Album geschrieben habe. Ich hatte solche Angst davor, wieder ins Studio zu gehen und neue Songs zu schreiben, aber gleich der erste Song ist zu einem meiner Lieblingslieder auf dem gesamten Album geworden. Er hat mir Hoffnung und Mut gemacht, das alles durchziehen zu können. Als ich es nach den Aufnahmen zum ersten Mal ganz durch gehört habe, hatte ich plötzlich diese Worte im Kopf: „Ich habe dich nicht soweit gebracht, um dich jetzt fallenzulassen.“ In diesem Moment wusste ich, dass Gott bei mir war und mich weiter dazu inspirieren würde, dieses Album zu schreiben. Immer, wenn mir alles zu viel wurde oder ich Angst hatte, habe ich mich an diesen Moment zurückerinnert.

Ein anderer Song heißt „Roundtable Rival“. Gibt es dazu eine Hintergrundgeschichte? Wer ist dieser Rivale?

Ich mag einfach Alliterationen, aber dieser Rivale in diesem Fall ist ein Outlaw. Es wird ein Western-Showdown.

Der nächste Titel heißt „Night Vision“. Kannst du uns etwas zu dieser Vision erzählen?

Ich versuche beim Schreiben immer, ganz bestimmte Gefühle zu beschreiben. „Night Vision“ ist ein Song, den ich geschrieben habe, um etwas mysteriöses, hintergründiges auszudrücken, und das ist mir wohl auch gelungen.

Mit Lzzy Hale und Dia Frampton hast du auch zwei Sängerinnen mit an Bord. Wie kam es zu diesen Kollaborationen?

Ich habe Dia vor Monaten bei einer Show getroffen, und wir wollten beide etwas zusammen machen. Also haben wir beide mit Mark Maxwell zusammen „We Are Giants“ und „Shatter Me“ geschrieben. Dia hat für beide Songs Demos eingesungen, und ihreStimme war perfekt für „We Are Giants“. Ich konnte mir niemand anders für diesen Song vorstellen. Als ich Lzzy Hales Videos zum ersten Mal gesehen hab, war ich sofort ganz versessen darauf, mit ihr zu arbeiten. Ich suchte nach einer starken, mutigen Sängerin mit dem besonderen Etwas, und Lzzy war absolut perfekt. Sie ist eine treibende weibliche Kraft in der Musikindustrie; eine Künstlerin, die sich alles selbst beigebracht hat und durch harte Arbeit und Talent zu dem werden konnte, was sie heute ist.

Wie hast du die Songs für die Sängerinnen geschrieben? Gibt es da einen Unterschied im Songwriting? Oder haben die Sängerinnen selbst mitgeschrieben?

Ich habe nach demselben Prinzip gearbeitet. Wir haben zuerst am Back Track gearbeitet, und ich habe eine Menge Arbeit in den Vibe, den Ton, das Tempo und die Sounds gesteckt, die mir vorschwebten. Dann haben wir noch zusätzliche Vocals dazugeschrieben. Das war ziemlich schwierig, denn die Vocals sollten im Vordergrund stehen und trotzdem noch Platz für die Violine lassen. Textlich war es schwierig, weil wir mit wenigen Worten viel ausdrücken mussten. Dann habe ich die Violine als letztes überall dort eingefügt, wo wir vorher extra Platz gelassen hatten, und ich habe im Song noch andere Lücken gefunden, um Streichersätze einzubringen. Es hat Spaß gemacht, Texte zu schreiben – genau ausdrücken zu können, was ich dem Publikum vermitteln will, anstatt es nur mit dem Titel, dem Sound oder dem Video anzudeuten.

Wenn wir uns nochmal das Album als Ganzes ansehen… Dein erstes Album war unglaublich erfolgreich. Setzt dich das unter Druck, was den Erfolg von „Shatter Me“ angeht?

Ja, ich fühle mich unter Druck gesetzt, an meine vorigen Erfolge anzuknüpfen. 18 Monate nach seinem Erscheinen ist mein Album immer noch in den Top 100 der itunes-Charts vertreten. Bei YouTube sind meine Songs mehr als 350 Millionen Mal angesehen worden. Wie kann ein Nachfolgealbum da auch nur annähernd heranreichen? Letzten Endes habe ich begriffen, dass ichaufhören muss, über Erwartungen und Vergleiche nachzudenken. Das war Tag für Tag ein schwerer Kampf, aber nur so konnte ich etwas Neues erschaffen.

Wie sieht Erfolg für dich generell aus? Ist das mehr als nur die Anzahl verkaufter Alben?

Auf YouTube, itunes, instagram und soundscans sind es immer sofort die Zahlen, die einem ins Auge fallen, und da wird es schwer, seinen Erfolg und das eigene Selbstvertrauen nicht ständig darauf zu basieren. Ich glaube, das ist das Übel unserer Generation. Ich bin nicht sonderlich glücklich, wenn ich meinen Erfolg über Zahlen definieren muss. Das mag sich vielleicht einen Moment lang gut anfühlen, aber das ist ein kurzes Glück, dass sich nur durch immer größere Verkaufszahlen wiederholen lässt. So etwas kann nie vollkommen sein. Was mich wirklich glücklich macht sind Menschen, die mir erzählen, dass meine Musik ihnen dabei geholfen hat, einen Tiefpunkt zu überwinden, oder dass meine Videos ihnen Hoffnung gegeben haben. Oder wenn ich bei Konzerten lächelnde Gesichter sehe… das ist etwas Wahres und Handfestes. Meine Musik hat mir die Macht verliehen, mit Menschen auf der ganzen Welt positive Verbindungen aufbauen zu können. So etwas kann nicht vergehen. Es hat Bestand. Ich versuche, daran zu denken, und nicht an die Verkaufszahlen. Das ist nicht immer leicht, aber ich arbeite daran.

Wenn man sich deine Fans ansieht, fällt auf, dass es ein sehr gemischtes Publikum ist. Würdest du trotzdem sagen, es gibt einen bestimmten, typischen Lindsey Stirling-Fan?

Haha. Nein, und das gefällt mir sehr gut so. Wenn ich mir bei Auftritten das Publikum ansehe, sind dort Kinder auf den Schultern ihrer Väter, ältere Pärchen, Teenager hinten und Dudes in Trenchcoats, die vorne bei den Drums headbangen. Ich denke, meine Musik drückt aus, dass es keine Vorlagen gibt, und da finde ich es sehr passend, dass sich auch meine Fans nicht in eine Schublade stecken lassen.

Das wird sicher auch auf das Publikum der nächsten Tour zutreffen. Warum sollte man dich denn unbedingt live sehen?

Es ist das eine, in einem im höchsten Maße bearbeiteten Video zu sehen, wie ich tanze und springe und dabei Geige spiele. Ich habe unglaublich hart daran gearbeitet, diese Talente zu vereinen, um damit live auftreten zu können, und ich kann versprechen, dass es euch ein Lächeln ins Gesicht zaubern wird. So etwas habt ihr noch nie gesehen!

Was ist der Unterschied zwischen deinen Performance auf dem Album und einen Liveauftritt?

Im Studio bin ich ziemlich steif und verkrampft, weil ich mich so darauf konzentriere, meine Gefühle in akustischer Form wiederzugeben. Diese Aufnahmen werden immer genau so bleiben, wie ich sie eingespielt habe. Live zu spielen bedeutet viel mehr Freiheit. Ich bin etwa zur Hälfte nur auf meine Tanzeinlagen und auf einzelne Gesichter im Publikum konzentriert.

Bei deinen Konzerten spielst du auch Coverversionen. Wie entscheidest du dich für bestimmte Songs? Was sind das für Kriterien, die aus einem Song einen Lindsey-Stirling-Song machen?

Das kommt ganz darauf an. Manchmal covere ich einen Lieblingssong, und ein anderes Mal covere ich etwas, was sich die Fans gewünscht haben. Schließlich haben sie mich so lange unterstützt, da ist das das Mindeste, was ich tun kann.

Und ganz allgemein gefragt: Wie entsteht die Setlist für deine Shows? Was sind da die Hauptkriterien?

Eine Setlist ist unglaublich wichtig. Es ist so eine Art musikalische Reise für mich und mein Publikum, oder eine Geschichte, die ich vermitteln will. Ich fange mit ein paar schnellen Songs an, um das Publikum anzuheizen. Nach ungefähr 30 Minuten nehme ich dann das Tempo ein wenig heraus, um den Leuten die Chance zu geben, mal wieder durchzuatmen. Die letzte halbe Stunde ziehen wir das Tempo dann wieder an und hören mit den schnellsten und den beliebtesten Songs auf.

Das waren auch schon alle Fragen, nur eins noch… Über das Album und die Tour haben wir schon gesprochen, aber gibt es noch andere Pläne für 2014? Was können wir da erwarten?

Ich habe Pläne für ein paar tolle Videos, und ich würde gerne auch mal in Südamerika auf Tour gehen. Ich würde gerne mit Mainstream-Künstlern Songs aufnehmen. Ich will für einen Grammy nominiert werden, und würde mit diesem Album auch gerne wieder Gold in den USA und Platin in Deutschland erreichen.

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Rezension: Lindsey Stirling – Lindsey Stirling

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Interview: Marius Meyer
Bilder: Eric Ryan Anderson