Wie schon in den vergangenen Jahren möchten wir auch in diesem Jahr listenmäßig auf die erschienenen Veröffentlichungen zurückblicken. Da diese Seite im Jahr 2008 erfreulich gewachsen ist, können wir an dieser Stelle gleich vier Jahresrückblicke präsentieren, jeweils in Form einer Top Ten. Da alle vier Listen aus komplett unterschiedlichen Veröffentlichungen bestehen, lassen sich also hier gleich 40 Veröffentlichungen nachlesen, die sich im Jahr 2008 gelohnt haben. Für den eiligen Leser finden sich dafür zunächst die Listen in ihrer ursprünglichen Form – wer die Erläuterungen und Ausführungen zu den Veröffentlichungen lesen möchte, um zu sehen, welches Album welche Position warum verdient hat, kann dies in den ausführlichen Erläuterungen nachlesen.

Die Listen erscheinen in alphabetischer Autorenreihenfolge. Sie sind dabei countdown-mäßig von Platz 10 bis Platz 1 gehalten.

Dennis
10. Lykke Li – Youth Novels
9. Esau Mwamwaya & Radioclit – The Very Best
8. The Notwist – The Devil, You and Me
7. Foals – Antidotes
6. Cut Copy – In Ghost Colours
5. Bon Iver – For Emma, Forever Ago
4. Portishead – Third
3. Fleet Foxes – Fleet Foxes
2. TV On The Radio – Dear Science,
1. Wild Beasts – Limbo Panto

Lisa
10. ASP – Akoasma (Horror Vacui Live)
9. Rotersand – I Cry E.P.
8. ASP – Horror Vacui
7. Eisbrecher – Sünde
6. Colony 5 – Buried Again
5. Peter Heppner – Solo
4. Blackmore’s Night – Secret Voyage
3. Awake in Desire – Decade
2. Sabaton – The Art of War
1. ASP – Zaubererbruder (Der Krabat-Liederzyklus)

Marius
10. Fettes Brot – Strom und Drang
9. Mystery Jets – Twenty One
8. Brett Anderson – Wilderness
7. Woven Hand – Ten Stones
6. Hooverphonic – The President Of The LSD Golf Club
5. Travis – Ode to J. Smith
4. Washington – Rouge/Noir
3. The Verve – Forth
2. Trouble Over Tokyo – Pyramides
1. Oasis – Dig Out Your Soul

Tristan
10. Max Raabe & Palast Orchester – Heute Nacht oder Nie
9. Alestorm – Captain Morgan’s Revenge
8. Lanfear – X to the Power of ten
7. Marc Ribot’s Ceramic Dog – Party Intellectuals
6. Orplid – Greifenherz
5. Alice Cooper – Along came a spider
4. Polarkreis 18 – The Colour of Snow
3. Stormwarrior – Heading Northe
2. Soulfly – Conquer
1. Blood Ceremony – Blood Ceremony

Nach dem Überblick über die Listen nun zu den ausführlichen Varianten. Natürlich in selber Schreiberfolge…

Dennis

10. Lykke Li – Youth Novels
Falls globalisierter Gitarrenpop mit Afrobeat-Label der heiße Scheiß der kommenden Jahre ist, dann ist Lykke Li die Kehrseite der Medaille. Nix da mit romantischen Geschichten vom Musikerleben in einer verfallenden afrikanischen Stadt. Lykke ist eine glamouröse, Globetrotter-Model-Göre aus Schweden mit Björn Yttling (Peter, Björn and John) im Rücken und toller Frisur im Gesicht. Die mitunter schönsten, vielseitigsten, süßesten und liebenswertesten Pop-Songs des Jahres schreibt sie trotzdem. „I think I’m a little bit in love with you / But only if you’re a little bit in la-la-la-la-love with me“ – Im Moment scheint es, dass Lykke Li genug Liebe in sich hat, um die gesamte Welt zu umarmen.

9. Esau Mwamwaya & Radioclit – The Very Best
Wo es nächstens hingehen könnte, zeigt der in London lebende, Malawi stämmige Esau Mwamwaya. Auf The Very Best lässt er die Tradition des Mixtapes wieder aufleben, verwertet und mixt Songs sowieso schon interkultureller Acts in neue Arrangements. Ob M.I.As Paperplanes oder Architecture in Helsinikis Heart It Races: sie fungieren als Background für Geschichten über Malawische Lebenswirklichkeit. Und bringen nebenbei wieder westliche Kids zum Tanzen.
Das ist mal toll, mal kitschig, immer aber spannend. Das „echte“ Album folgt nächstes Jahr.

8. The Notwist – The Devil, You and Me
Sehr unspektakulär meldeten sich dieses Jahr The Notwist zurück. Wenn es sowieso schon spektakulär genug ist, wenn die deutsche Indie-Institution mal wieder ein Album raushaut, dann braucht die Musik nicht mit großen Gesten durch die Gegend werfen.
Weniger ohrwurmig als Neon Golden ist The Devil, You and Me geworden. Vielleicht auch weniger experimentell. Ein bisschen Elektronik hier und da, aber Grundlage bleiben ruhige Songs auf Akustikgitarre. Dieses Album ist kein ins Gesicht springendes Meisterwerk, es ist auch kein Grower. Wer erwartet von Hits wie One With The Freaks weggepustet zu werden wird enttäuscht, wer sich aber die Zeit nimmt, um immer wieder zurückzukehren zu diesem stillen, berührenden Album wird unendlich belohnt.

7. Foals – Antidotes
Die britischen Foals werden gerne mit den viel massentauglicheren Vampire Weekend in einen Topf geschmissen. Zusammen bilden die Bands die Speerspitze von Afrobeat inspirierten Musikern, die politisches Engagement gegen bürgerliche Coolness getauscht haben.
Obwohl Vampire Weekend das niedlichere Album gemacht haben, sind Foals die lohnendere Alternative. Manisch und punktgenau spielt das Quintett düsteren, hochmelodischen Math-Rock, der trotz Komplexität äußerst ansprechend präsentiert wird. Antidotes ist eine der aufregendsten Platten des Afrobeat-Hypes.

6. Cut Copy – In Ghost Colours
Mit ihrem zweiten Album In Ghost Colours leistet die australische Elektro-Band wichtige kulturelle Arbeit. Cut Copy rehabilitieren eine ganze Ära. Natürlich waren 80er-Parties schon immer beliebt genug, und guilty pleasures finden mehr und mehr Anklang, aber die gesamte Cheesy-Palette 80er Jahre Dance-Musik zu umarmen, ironiefrei und voller Liebe neu zu interpretieren, ist ein Geniestreich. Vielleicht ist In Ghost Colours nicht das tiefsinnigste Album 2008. Vielleicht könnte man sich über das fast schon sklavische New Order-Zitat die Nase rümpfen. Vielleicht sollte man einfach nur In Ghost Colours hören und grinsend durch die Küche tanzen. Es ist okay. Wirklich.

5. Bon Iver – For Emma, Forever Ago
Schon die Hintergrundgeschichte ist pure Rock-Romantik: Typ geht mit Gitarre und Aufnahmegerät in die Wälder, um in einer Hütte Musik zu machen und über seine vergangene Beziehung nachzudenken. Dass dann auch das Album toll geworden ist, macht aus For Emma, Forever Ago einen kommenden Kult-Klassiker. Bon Ivers Falsett erzeugt Gänsehaut, wenn aus der verschneiten Hütte in einfachen Worten und Akkorden der Moment des Zusammenbruchs einer Beziehung skizziert wird. Selten kommt man dieses Jahr einem Musiker über seine Musik so nahe. Intensiv, schmerzhaft und wunderschön sind zu plakativ, zu abgedroschen, um dieses Album zu beschreiben. Erstaunlich auch, dass Bon Iver den Sprung in Ärzteseriensoundtracks unbeschadet überlebt hat – auch Schnulzenserienautoren haben Geschmack. Und die von House M.D. erst recht.

4. Portishead – Third
2008 war ein Jahr voller Reunions, rückkehrender Altstars und Chinese Democracy. Dank unendlicher Wiederholung der Worte „Musikindustrie“ und „Krise“ wirft sich die Frage auf, ob viele der Rückkehrer nicht einfach nur „in for the money“ sind. Steigende Ticketpreise und wahrscheinlich fallende Tantiemen lassen das Schlimmste befürchten. Bei Portishead hatte man dieses Gefühl nicht. Die Rückkehr der Trip-Hop Meister als vielseitige, atmosphärische Band, die kein Trip-Hop braucht, um ihr Ziel zu erreichen, war das schönste Comeback des Jahres. Es kann ruhig weitere 11 Jahre bis zum nächsten Album dauern. Portishead bleiben zeitlos.

3. Fleet Foxes – Fleet Foxes
Einen weiteren Trend des vergangen Jahres spiegeln die Fleet Foxes aus Seattle wieder: Hippies sind wieder chic. Abseits von Exzentrikern wie Devendra Banhart füllen MGMT und Konsorten Hallen und begeistern den Mainstream. Robin Pecknold mitsamt Fleet Foxes hat damit aber relativ wenig am Hut. Die polyphonen, barocken Folk-Songs bieten einen viel komplexeren Fluchtpunkt, als schnöde Neo-Hippie Gesten. Das selbstbetitelte Debüt reiht sich nahtlos ein in eine lange Reihe genreübergreifender Meisterwerke im Sinne der Beach Boys und Simon & Garfunkel. Ein wundervoll anachronistisches Album, das Eskapismus und Rückzug nicht nur auf textlicher Ebene feiert.

2. TV On The Radio – Dear Science,
In diesem Moment wird das Indie-Mekka Williamsburg, New York ausgeschlachtet. Altes wird abgerissen, neue Apartmentgebäude entstehen und der so hoch gelobte alternative Geist der Nachbarschaft wird vermarktet und popularisiert. Ein bisschen geschieht das auch mit Williamsburgs vielleicht berühmtesten Einwohnern: TV On The Radio. Schon länger als genialische Band gehandelt, bringt das dritte Album Dear Science, die Band um Tunde Adebimpe und Dave Sitek endgültig in den öffentlichen Fokus. Poppiger, zugänglicher, verspielter als die Vorgänger treten TV On The Radio den Beweis an, dass Genres, Grenzen und Hautfarben bloß fiktiver Mist sind, der vor einem guten Song verblasst.

1. Wild Beasts – Limbo Panto
Wenn viel zu junge Briten Musik machen, dann werden meist zuerst Herzen, dann Hälse gebrochen. Britischer Indie-Rock ist so durchdekliniert, durchgenudelt, schlicht: durch, dass man lieber beschämt den Blick abwenden sollte vor der Slim Fit-Armee. Gut, dass die Wild Beasts nicht durch die Musterung gekommen sind. Zu scheiße die Oberlippenbärte, zu exzentrisch der Musikgeschmack, zu billig die Klamotten. Aber die Musik: Pomp, Angst, Magie und 3 Minuten Opern über Fußball. Gitarren kurz vor dem Auseinanderbrechen, Gesang zwischen Antony Johnson und Alex Ounsworth. Und irgendwo zweieinhalb Minuten in His Grinning Skull rein möchte man sich die Kopfhörer von den Ohren reißen vor Freude und sie dem nächsten Passanten aufzwingen, auf dass dieser Song sein Leben rettet, während man selber auf einem gestohlenen Fahrrad in die Nacht davonfährt.
Klappt aber nicht; dafür kriegt man höchstens eins in die Fresse. Trotzdem: großartiges Album mit dem besten Song seit langem.

Lisa

10. ASP – Akoasma (Horror Vacui Live)
Die von den Fans sehnsüchtig erwartete und schon seit Jahren immer wieder gewünschte Live-CD der Frankfurter Szenegröße fand am Jahresende endlich ihren Weg in die Verkaufsregale. Der zwei CDs umfassende Livemitschnitt der Horror Vacui-Tour 2008 wartet mit allen Klassikern der vergangenen Jahre auf und macht mit einer sehr guten Live-Version des Songs Krabat Lust auf das aktuelle Studioalbum der Band. Auch das Artwork – die Limited Edition kommt in einer hochwertig gestalteten Box, der ein 80-seitiges Booklet mit Livefotos beiliegt – ist auf dem von ASP bereits bekannten, hohen Niveau.

9. Rotersand – I Cry E.P.
Wenn Rotersand eine E.P. veröffentlichen, kann das eigentlich nur Gutes bedeuten. So auch bei I Cry, die 8 Songs umfasst und mit der Rotersand im September auf sich aufmerksam machten. Neben zwei Remixen des Titeltracks erstrahlen auch andere Songs vom aktuellen Album 1023 im neuen Gewand. Mit Call me Stupid findet sich auch ein bisher unveröffentlichter Song auf dieser absolut tanzbaren Scheibe, die die Wartezeit bis zum neuen Rotersand-Album verkürzt.

8. ASP – Horror Vacui
Nach dem Ende der „Schwarzer Schmetterling“-Ära, die ihren Abschluss 2007 in Requiembryo fand, veröffentlichten ASP Anfang 2008 ihre offizielle Retrospektive. Auf Horror Vacui versammeln sich die Klassiker der vorhergehenden fünf Alben: Die kleine Ballade vom Schwarzen Schmetterling oder Und wir tanzten dürfen dabei natürlich nicht fehlen. Zu einem Großteil wurden die Songs für diese Zusammenstellung neu aufgenommen oder als Remix veröffentlicht, wodurch die CD auch für hartgesottene Fans viel Neues zu bieten hat.

7. Eisbrecher – Sünde
Erst durch Sünde habe ich Eisbrecher dieses Jahr bewusst kennen gelernt. Die Metaphorik in den Texten bietet viel Interpretationsspielraum, kann sich dem Hörer aber auch – wie bei Alkohol – unbarmherzig direkt erschließen. Dazu harte Gitarrenriffs und elektronische Einflüsse, die einzelne Songs absolut tanzbar machen, auf der anderen Seite aber auch nachdenklich-ruhige Stücke wie Zu Sterben machen das Album zu einem vielseitigen Hörerlebnis.

6. Colony 5 – Buried Again
Colony 5 sind düsterer geworden. Diese Botschaft transportiert schon das Albumcover und bereitet den Hörer damit darauf vor, dass sich etwas geändert hat: Der Futurepop ist basslastiger geworden, Melodien wirken verschachtelter. Entstanden ist ein tanzbares Album, das für mich zu den diesjährigen Highlights im Elektro-Sektor zählt.

5. Peter Heppner – Solo
Anfang des Jahres ereilte uns die Meldung, dass die Wege des Duos Wolfsheim sich vorläufig getrennt haben. Bereits im September allerdings konnte uns Peter Heppner, dessen Stimme wohl den größten Wiedererkennungswert im deutschen Musikgeschäft bietet, mit neuem Material versorgen: Sein erstes Soloalbum, das genau diesen Titel trägt, erblickte das Licht der Welt. Mit den Songs auf Solo erfindet Heppner das Rad mit Sicherheit nicht neu, aber Fans von Peter Heppner oder Wolfsheim kommen bei diesem Album auf jeden Fall auf ihre Kosten. Für mich sind Alleinesein und Walter (London or Manchester) die Highlights des Albums, das mich insgesamt begeistern konnte.

4. Blackmore’s Night – Secret Voyage
Im Juni 2008 erschien der Nachfolger von Village Lanterne und erreichte auf Anhieb Platz 14 der deutschen Charts. Ritchie Blackmore und Candice Night gehen den Weg konsequent weiter, den sie auf Village Lanterne eingeschlagen hatten: Candice’s romantische Stimme und die altbekannten mittelalterlichen Klänge werden immer wieder mit harten Tönen und Ritchie’s unvergleichlichem Gitarrenspiel gepaart, was dem Stil der Band sehr gut zu Gesicht steht.

3. Awake in Desire – Decade
Zehn Jahre hat es nach eigener Aussage der Kieler Synth-Rock-Band gedauert, bis das Debüt-Album fertig war, und deswegen wurde ihm kurzerhand der Name Decade gegeben. Dabei herausgekommen ist ein absolut faszinierendes Werk, das vor allem den Eindruck hinterlässt: Aus dieser Band könnte etwas Großes werden! Düster-treibende Sounds und nicht zuletzt die wandelbare Stimme von Olaf K., der mal gefühlvolle, mal distanzierte und harte Töne anschlägt, schlagen den Hörer von der ersten bis zur letzten Sekunde dieses Albums in seinen Bann. Wollen wir hoffen, dass es nicht wieder zehn Jahre dauert, bis es neues Material von diesem viel versprechenden Newcomer gibt.

2. Sabaton – The Art of War
Mit ihrem vierten Album haben Sabaton ihren Stil gefestigt und bestätigt: klassischer Power Metal ist weder tot, noch langweilig. Das 13 Stücke umfassende Werk ist an das Buch „Die Kunst des Krieges“ des chinesischen Generals und Militärstrategen Sun Tzu angelehnt, der um 500 v. Chr. lebte. Bezogen auf einzelne Textstellen aus diesem Grundlagenwerk über Kriegsstrategie thematisieren Sabaton erneut Kriege des 20. Jahrhunderts. Als absolutes Highlight der CD sei hier der Song Cliffs of Gallipoli genannt, der in Schweden als Singleauskopplung Platz 1 der Charts erreichte und die Schlacht um die türkische Halbinsel Gallipoli behandelt, die im Ersten Weltkrieg schätzungsweise 250.000 Opfer auf beiden Seiten forderte.

1. ASP – Zaubererbruder (Der Krabat-Liederzyklus)
Die dritte Neuerscheinung der Frankfurter Combo im Jahr 2008, und auch sie hat ihren Weg in meine Jahrescharts gefunden. Nachdem der Schwarze Schmetterling in der Retrospektive „Horror Vacui“ eine letzte Auferstehung erleben durfte, folgte – wie erwartet – also eine völlig neue Thematik: In „Zaubererbruder“ interpretieren ASP die sorbische Sage sowie den Jugendroman Otfried Preußlers um den Jungen Krabat, der bei einem Müller die Schwarzen Künste erlernt. Die lyrische Rafinesse, mit der ASP seine Songs auskleidet, ebenso geniale Musik und nicht zuletzt die Gastauftritte von Größen wie Eric Fish (Subway to Sally) oder Elisabeth Pawelke (ex-Faun) machen das Album zu einem akustischen Erlebnis und zu meinem Favoriten des Jahres.

Marius

10. Fettes Brot – Strom und Drang
Erfolgsmäßig war es dies Jahr für die Brote wohl ein Jahr auf der Überholspur. Wie ihr Album und die dazugehörigen Single-Auskopplungen zeigten: Zu Recht! „Drei Männer, die die Gewalt(en) unserer Zeit so ernst nehmen, dass sie nur darüber lachen können.“ So titelte die zum Album gehörige Presse-Info und traf es dabei auf den Punkt: Das Trio aus Hamburg kombinierte Tiefgang mit Ironie und Selbstironie. Ernste Themen treffen ein nicht wegzudenkendes Augenzwinkern, der Wortwitz ist gewaltig und der Rahmen des Genre HipHop ist eigentlich mehr als gesprengt. Ein Album, das berechtigterweise große Erfolge feierte!

9. Mystery Jets – Twenty One
Indie-Rock machen und damit die Tanzflächen füllen – das können sicherlich viele, bei den Mystery Jets aber scheint dies Programm zu sein. Rein instrumental betrachtet spielen die Mystery Jets in der klassischen Rockbandbesetzung: Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboard, Gesang. Auch ihre Musik ist im Kern authentischer britischer Indie-Rock. Um die Gruppe aber mal eben schnell in diese Strömung einzuordnen, hat die Musik schlichtweg zuviel Drive, zuviel gute Laune und ist zu tanzbar. Die Mystery Jets haben somit ein sehr innovatives Album erschaffen, das sich zwar schnell erschließt, dennoch aber so schnell nicht aus dem Ohr ging.

8. Brett Anderson – Wilderness
Brett Anderson gehörte mit Suede einst zu den ganz großen des BritPop. Diese Wurzeln zeigte er auch 2007 noch auf seinem ersten Solo-Album, das auf seinen eigenen Namen hörte. Was aber auf Wilderness zu hören war, konnte so eigentlich keiner erwarten: Brett Anderson verschrieb sich auf Albumlänge der Ballade und dem großen Gefühl. Auf diesem Album bedarf es nur eines Klaviers, eines Cellos und der Stimme Brett Andersons, im Falle von Back To You ergänzt durch eine Gastsängerin (die französische Schauspielerin Emmanuelle Seigner). Dazu selten erweitert um gezupfte Gitarren (wie bei Funeral Mantra). Schade bloß, dass das Album nur neun Stücke und insgesamt 32 Minuten Spielzeit hat, ansonsten wäre die Platzierung sicher höher ausgefallen.

7. Woven Hand – Ten Stones
David Eugene Edwards und Woven Hand ist im Jahr 2008 erneut ein großer Wurf gelungen. Er erschuf ein Album, das seinen Vorgängern in nichts nachsteht, eine konsequente Fortentwicklung zeigt, dabei sehr vielseitig wirkt und trotzdem sehr zielstrebig klingt. Ein Album, mit dem die Gruppe erneut zeigt, dass sie wirklich etwas ganz Eigenes machen, das sich dem Versuch des Vergleichs so von vornherein zu entziehen weiß. Sehr auffällig dabei: Im Gegensatz zu dem Vorgänger wurde hier noch einmal eine ordentliche Portion Härte obendrauf gelegt. Zwar kannte man David Eugene Edwards nie als den großen Optimisten, aber was er hier präsentiert, ist wirklich ziemlich düster. Schamanische Folk-Rock-Musik mit Wurzeln im amerikanischen Folk. Und das extremst gekonnt!

6. Hooverphonic – The President Of The LSD Golf Club
Auf Platz sechs ein Album aus dem jungen 2008, erschienen im März. Eingängige Klänge, loungiger Einschlag und die vielseitige Stimme von Geike Amaert, das alles gepaart mit Referenzen an die 60er und ausgefeilten Arrangements. So in etwa lautet die Quintessenz dessen, was Hooverphonic auf ihrem diesjährigen Album präsentierten. Fließende elektronische Musik, die es schafft, dabei nicht dahinzuplätschern. Eingängige Klänge im Bereich TripHop, beinah sphärisch, dabei ein großzügiger Flirt mit dem Pop und ein Klang, der sehr authentisch ist. Stark!

5. Travis – Ode to J. Smith
Da hat wohl jemand den Verzerrer wiederentdeckt… Travis haben mit Ode to J. Smith in diesem Jahr ein Album veröffentlicht, das so sicherlich nicht zu erwarten war. Zwar sind sie nicht komplett zu den Klängen zurückgegangen, die man einst auf Good Feeling vorfinden konnte, aber hier wird weitaus mehr gerockt, als man es seit Writing To Reach You gewohnt ist. Druckvolle britische Rock-Musik mit der für Travis typischen Eingängigkeit, die einen klaren Weg aus der drohenden Sackgasse aufzeigt. Fran Healy wird seinen Ruf als der nette Herr von nebenan vielleicht damit nicht gerade losgeworden sein, aber die Band geht auf diesem Album unerwartet stark aus sich heraus. Und das steht ihnen verdammt gut!

4. Washington – Rouge/Noir
Auf Platz vier eine Band, die dort ziemlich überraschend gelandet ist, da sie für die Qualität, die auf Rouge/Noir zu hören ist, einfach mal viel zu unbekannt ist. Melancholische, warme Gitarrenklänge voller Tiefe und Dringlichkeit, die überzeugen können. Aber was will man auch machen, wenn man ein Album aufnimmt und dabei von einer Außentemperatur von -20° Celsius umgeben ist? Auch wenn es Baukastenbegriffe sind, bei einem Album norwegischer Musiker von Melancholie, Dunkelheit, Trauer und Kälte zu reden, so kann man diese Einflüsse auf einem Album einer Band wie Washington einfach nicht wegreden. Sowohl die Texte als auch der Sound des Albums sind bewusst in diese Richtung gegangen. Mit Akustik-Gitarre, dezenter Percussion (je nach Stück auch bis hin zum vollen Schlagzeug), Bass und der warmen und einfühlsamen Stimme von Rune Simonsen dabei entstanden hier ruhige und tiefgehende Klänge, bei denen die kalten Temperaturen außerhalb der Musik schnell vergessen sind.

3. The Verve – Forth
Ein heißersehntes Comeback. Glücklicherweise eins, das sich gelohnt hat. Elf Jahre nach Urban Hymns dann also doch endlich ein neues Album der Mannen um Richard Ashcroft. The Verve präsentieren sich darauf als eine Band, die ihre Stärken von nun an wieder als Band bündelt, sich in erfrischender Form präsentiert, ihre eigene Vergangenheit aber keineswegs verleugnet. Von eingängigem BritPop mit Stücken der Marke Love Is Noise über progressive Stücke mit verhangen-klaren Gitarrenläufen wie in Sit and Wonder bis hin zu Stücken mit epischen Ausmaßen wie Noise Epic (Nomen est omen) zeigen The Verve: Sie können es immer noch! Hoffentlich werden es also nicht wieder elf Jahre Pause…

2. Trouble Over Tokyo – Pyramides
Die Silber-Medaille geht in diesem Jahr an einen Newcomer. „Im Herzen bin ich zwar ein melancholischer Singer-Songwriter, aber ein Singer-Songwriter muss kein Typ sein, der mit Gitarre in der Hand seiner Ex-Freundin hinterher weint. Man kann Joni Mitchell und gleichzeitig auch Michael Jackson mögen.“ So sagt es Christopher Taylor alias Toph, der mit dem Projekt Trouble Over Tokyo seine ganz persönliche One-Man-Show verwirklicht. Hier ist kein einsamer Mann mit seiner Gitarre, sondern Musik, die keine Angst vor Elektronik hat, gerne stufige Synthesizer-Harmonien zeigt und dabei keine Berührungsängste dabei hat, gar in R’n’B-artige Gefilde in die Nähe von Harmonien wie bei einem Justin Timberlake zu geraten. Der Unterschied: Es hat dabei eindeutig den Geist von Singer-Songwriter-Musik. Dabei finden auch Gitarren und Streicherarrangements ihren Platz. Das Faszinierende: Es funktioniert! Und das sogar richtig gut! In Sachen Innovation sicher das stärkste Album dieses Jahr!

1. Oasis – Dig Out Your Soul
Mit großem Abstand der erste Platz in diesem Jahr geht an eine alteingesessene Band, bei der man sich eigentlich zwar sicher sein konnte, dass ein neues Album ein Qualitätsgarant werden wird, dann aber doch überrascht war, wie gut das Album geworden ist. Dig Out Your Soul ist ein ausgereiftes Rock-Album geworden, das gelegentlich 60s-Reminiszenzen anklingen lässt, gerne mal psychedelisch klingt, die schleifende Orgel zu neuem Leben erweckt, aber vor allem rockt. Repetetive Gitarrenschleifen, eingängiger Gesang, erwachsenes Song-Writing und ebenjene Rotzigkeit, die Oasis immer wieder gerne attestiert wird, treffen hier aufeinander und lassen Großes entstehen. Das stärkste Album ihrer Karriere, das stärkste Album des Jahres 2008 und hoffentlich ein wegweisendes Werk für die Zukunft!

Tristan

10. Max Raabe & Palast Orchester – Heute Nacht oder nie
Auf Platz zehn steht da zunächst die in New York aufgenommene Live-Doppel-CD von Max Raabe. Wieder einmal werden dem Hörer diverse sinnfreie Lieder aus vergangener Zeit im orchestralen Gewand zusammen mit Max Raabes wunderbar markanter Stimme dargebracht. Ein zeitloses Meisterwerk!

9. Alestorm – Captain Morgan’s Revenge
Und direkt zu etwas völlig anderem: Dem Debüt der schottischen Piraten-Metaller Alestorm, die auf Captain Morgan’s Revenge, das zeigt, dass sie, wie der Name andeutet, dem Alkohol auch nicht ganz abgeneigt sind. Ein schön dreckiges Album mit viel schwarzem Humor und hervorragenden Riffs auf Platz Nummer neun.

8. Lanfear – X to the Power of ten
Ein weiteres Metal-Album ist das X to the Power of ten-Album von Lanfear. Es benötigte zwar so einige Durchläufe, um mit dem Album richtig warm zu werden, aber die haben sich gelohnt. Ein wunderbar erwachsenes und hart bretterndes Power Metal-Album ohne jeden Pathos.

7. Marc Ribot’s Ceramic Dog – Party Intellectuals
Eines der wohl ungewöhnlichsten Alben dieses Jahres war Party Intellectuals von Mark Ribot’s Ceramic Dog, mit dem man sich wirklich lang und intensiv beschäftigen konnte, da es gegen jegliche Hörkonventionen verstößt, Genres auf eigenwillige Weise vermischt und deswegen unglaublich reizvoll und genau so anstrengend zu hören ist. Einfach genial!

6. Orplid – Greifenherz
Auf Platz sechs liegt Greifenherz von Orplid. Ein sehr kraftvolles Album mit sehr apokalyptischem Unterton und wiederum sehr gelungenen Kompositionen. Gerade Lieder des Albums wie Luzifer oder Die Totenesche strahlen eine Aura aus, der man kaum entkommen kann und die den Hörer mitten ins Herz treffen. Dies macht Greifenherz zu einem der besten Alben des Jahres 2008.

5. Alice Cooper – Along came a Spider
Alice Cooper, was soll man zu diesem Mann noch sagen? Along came a Spider ist sein aktuellstes Album und es ist – wie nicht anders zu erwarten war – wieder ein Meisterwerk geworden. Thematisch geht es um einen Serienmörder, der einer Spinne ähnlich ein Netz aus Intrigen spinnt. Thematisch und musikalisch perfekt und daher Platz fünf.

4. Polarkreis 18 – The Colour of Snow
Als der Schnuffelhase dieses Jahr auf Platz eins in Deutschland war, war das so ein Moment, wo man den Glauben an die Menschheit verlieren konnte. Anscheinend ist in diesem Land niemand mehr an guter Musik interessiert. Ein Glück, dass man mitunter den Glauben wiedererlangen kann. Ein solcher Moment war, als die Single Allein Allein von Polarkreis 18 den ersten Platz der deutschen Charts erstürmte. Endlich eine Band, die ihren Erfolg verdient und nicht nur oberflächlichen Pop macht. Das Album The Colour of Snow ist genau wie die Single erstklassig, wie man es selten zu hören bekommt.

3. Stormwarrior – Heading Northe
Auf Platz drei folgt dann das im Frühjahr 2008 erschienene Heading Northe von Stormwarrior. Ein Metal-Album mit Wikinger-Thematik, das niemals in Pathos untergeht, sondern immer gehörig scheppert. Um Klischees ist man zwar nicht verlegen, aber selten haben diese so gepasst wie bei dieser Band. Gut so!

2. Soulfly – Conquer
Voll aufgedreht hat auch Max Calavera mit seiner Band Soulfly und wütet auf dem aktuellen Album Conquer wie ein Berserker. Ruhige Momente gibt es auf diesem Album kaum und der Härtegrad der CD ist andauernd im oberen Bereich angesiedelt. Conquer ist die pure aggressive Essenz von Soulfly – und genau deswegen verdient diese CD ihre Position in der Top Ten.

1. Blood Ceremony – Blood Ceremony
Platz eins geht an eine Band, die gerade mal ihr Debüt rausgebracht hat. Dieses ist aber derartig genial geworden, dass es angemessen gewürdigt werden muss. Blood Ceremony spielen auf ihrem ersten selbstbetitelten Album Doom-Rock mit Seventies Rock-Einflüssen sowie okkulten Texten und erschaffen auf diese Weise eine morbide und psychedelische Atmosphäre, die den Geist der siebziger Jahre wunderbar einfängt und greifbar macht. Mein persönliches Lieblingsalbum des Jahres 2008.

Da dies der letzte Artikel ist, der im Jahr 2008 online ging, sei an dieser Stelle der Leserschaft gedankt und ein erfolgreiches 2009 gewünscht. Wir danken für das Interesse an Alternativmusik.de und hoffen, dass dieses auch im Jahr 2009 anhalten wird! Guten Rutsch!

Text: Dennis Kogel, Lisa Kleinberger, Marius Meyer, Tristan Osterfeld