Wie schon in den vergangenen Jahren möchten wir auch in diesem Jahr listenmäßig auf die erschienenen Veröffentlichungen zurückblicken. Wie auch schon 2008 freuen wir uns, an dieser Stelle gleich vier Jahresrückblicke präsentieren zu können, jeweils in Form einer Top Ten. Ein Album findet sich dabei in zwei Listen, ansonsten sind die Listen so unterschiedlich, wie sie nur sein können, sodass sich hier gleich 39 Veröffentlichungen nachlesen lassen, die sich im Jahr 2009 gelohnt haben. Für den eiligen Leser finden sich dafür zunächst die Listen in ihrer ursprünglichen Form – wer die Gründe und Ausführungen zu den Veröffentlichungen lesen möchte, um zu sehen, welches Album welche Position warum verdient hat, kann dies in den ausführlichen Erläuterungen nachlesen.

Die Listen erscheinen in alphabetischer Autorenreihenfolge. Sie sind dabei countdown-mäßig von Platz 10 bis Platz 1 gehalten.

Katrin
10. Sylvan – Force of Gravity
9. A.J. Croce – Cage of Muses
8. Bruce Guthro – No Final Destination
7. Levellers – Live From Royal Albert Hall
6. The Parlotones – A World Next Door To Yours
5. Roy Nathanson – Subway Moon
4. Jack Peñate – Everything is New
3. Brian Setzer Orchestra – Songs From Lonely Avenue
2. Vertical Horizon – Burning the Days
1. Jack Johnson – En Concert

Lisa
10. Centhron – Roter Stern
9. V2A – Mechanized Infantry
8. Helium Vola – Für euch, die ihr liebt
7. Saltatio Mortis – Wer Wind Saet
6. [:SITD:] – Rot
5. Marsheaux – Lumineux Noir
4. Phase III – Es wird dunkel
3. Leichtmatrose – Gestrandet
2. Rotersand – Random Is Resistance
1. VNV Nation – Of Faith, Power and Glory

Marius
10. The Horrors – Primary Colors
9. Voltaire – Das letzte bisschen Etikette
8. Ian Brown – My Way
7. Everlaunch – Suburban Grace
6. Placebo – Battle For The Sun
5. Leichtmatrose – Gestrandet
4. Franz Ferdinand – Tonight: Franz Ferdinand
3. God Help The Girl – God Help The Girl
2. Lily Allen – It’s Not Me, It’s You
1. The Decemberists – The Hazards Of Love

Tristan
10. All Hail the Transcending Ghost – All Hail the Transcending Ghost
9. Street Legal – Bite the Bullet
8. Dexy Corp_ – Fragmentation
7. The 11th Hour – Burden of Grief
6. Geist – Galeere
5. Rome – Flowers from Exile
4. Tethrippon – Tethrippon
3. Rammstein – Liebe ist für alle da
2. Corde Oblique – The Stones of Naples
1. Kreator – Hordes of Chaos

Nach dem Überblick über die Listen nun zu den ausführlichen Varianten. Natürlich in selber Schreiberfolge…

Katrin

10. Sylvan – Force of Gravity
An sich kann ich mit Artrock und ähnlichem nicht wirklich viel anfangen, aber Sylvan haben mich eines Besseren belehrt. Man merkt die Leidenschaft in der Musik, bekommt tolle Lieder zu hören und einen tollen Sänger. Dazu das Duett mit Miriam Schell – das Ganze war eigentlich vorprogrammiert, eines der Alben des Jahres zu werden.

9. A.J. Croce – Cage of Muses
Die ruhigen und nachdenklichen Lieder von A.J. Croce schaffen es auf Platz 9, allerdings hart umkämpft mit Blue Roses. Es liegt wohl an der Jahreszeit und zu vielen dunklen und kalten Tagen, aber die melancholischen Lieder berühren einen dann immer mehr. Croce ist erst am Anfang seiner Karriere und doch ahnt man es schon: Von diesem Mann sind grandiose Alben zu erwarten. Cage of Muses sprudelt über mit gelungenem Songwriting und das findet man ja leider nicht so häufig.

8. Bruce Guthro – No Final Destination
Songwriting in Perfektion findet man aber, wenn man weiß, wo man hinschauen muss und so richtet sich das Auge auf Kanada und den ehemaligen Sänger der Folkband Runrig. Bruce Guthro hat schon das ein oder andere Soloalbum auf den Markt gebracht aber mit No Final Destination hat er eine Perle an Album veröffentlicht, welches sich in Herz und Hirn spielt. Lieder wie Rush oder Stone by Stone überzeugen und sind auch beim zigsten Hören nicht langweilig.

7. Levellers – Live From Royal Albert Hall
Live-Alben waren dieses Jahr eine Offenbarung und so haben es die Levellers mit ihrem Konzert von der Royal Albert Hall in meine Top Ten geschafft. Die Mischung aus Pop, Rock und Folk hatn das Konzert zu einem magischen Erlebnis werden lassen und selbst beim Album Hören wird man vom Charme des Konzerts gefangen genommen. Davon will man einfach mehr hören und sollte es auch.

6. The Parlotones – A World Next Door To Yours
Wer von dem Quartett aus Südafrika auch am Ende des Jahres noch nichts gehört hat, der sollte seine Wege des Neue-Musik-Kennenlernens überprüfen. Mit A World Next Door To Yours haben die Parlotones eines tolles Album veröffentlicht, das gekonnt zum Tanzen animiert, Herzschmerz und trotzdem gute Laune vermittelt. Durchgängig überzeugend mit grandiosen Melodien, kann man auch mal den einen oder anderen Texthänger verzeihen und es auf Platz 6 schaffen.

5. Roy Nathanson – Subway Moon
Die Jazzer haben dieses Jahr vermehrt auf sich aufmerksam gemacht und bei diesen vor allem Projekte, die aus der Reihe tanzen. Das Projekt von Roy Nathanson und dem Subway Moon ist so fantastisch, dass man ernsthaft überlegen muss, ob man sich im neuen Jahr nach London bewegt, um der englischen Variante beizuwohnen. Subway Moon hat sich von den meisten Alben von 2009 abgesetzt und Kreativität und musikalischem Können überzeugt. Und wer sagt, dass klassische Musik und Jazz dem typischen Songschreiben folgen müssen? Refrains sind überbewertet.

4. Jack Peñate – Everything is New
Bei Jack Peñate weiß man, dass gute Musik ansteht. Das er sich mit Everything is New meilenweit von seinem Debüt Matinee entfernt, konnte keiner ahnen. Ahnen konnte man auch nicht, dass Album Nummer zwei mit soviel Abstand besser ist. Tanzbar und mit grandiosen Up-Tempo-Liedern spielt sich das kleine aber extrem feine Album in die Ohren und Herzen des Hörers. Rhythmisch hat Everything is New alle Register gezogen und überzeugt schon nach den ersten zehn Sekunden. Hut ab!

3. Brian Setzer Orchestra – Songs From Lonely Avenue
Mit Brian Setzer kann man eigentlich nicht falsch liegen und wer die pompösen Rock-Pop-Melodien im Gemisch mit Jazz mag, der lebt in derselben Welt wie Brian Setzer. Mit Songs from Lonely Avenue gibt sich das Brian Setzer Orchestra von einer sehr kreativen und melodieverliebten Seite. Und es funktioniert! Mal typisch Jazz, mal Surfmusik von Hawaii, aber auch Blues und Swing – alles ist dabei und ist einfach grandios. So was kommt an und darf ruhig mehrmals aufgefahren werden.

2. Vertical Horizon – Burning the Days
Eigentlich hätten die Mannen um Matt Scannell den ersten Platz verdient. Nach einen fantastischen Everything you want aus 2003 und einem ebenso gelungenem Go kam die Axt vom Plattenlabel und eine der vielversprechendsten Bands der 2000er war Geschichte. So jedenfalls die Befürchtung, doch die amerikanische Rock-Pop-Band hat sich berappelt und mit Burning the Days eines der Top-Alben des Jahres rausgebracht. Das Songwriting ist wie eh und je mehr als überzeugend und die Melodien einnehmend wie immer. Dass es nicht auf den Spitzenplatz gereicht hat, ist der Tatsache geschuldet, dass die Lieder fast zu poliert sind. Die frühere Kante ist fast weg, aber dank der markanten Stimme von Scannell findet man in Burning the Days das zweite Top-Album des Jahres. Willkommen zurück!

1. Jack Johnson – En Concert
Ja klar, das hat man sich fast gedacht und man braucht auch gar nicht mehr weiterlesen und viele Worte verlieren. Mein persönlicher Spitzenreiter des Jahres 2009 ist, wenn auch geringem Abstand zur Nummer Zwei, Singer/Songwriter Jack Johnson mit seinem Live-Album En Concert. Wer mit einer Gitarre in der Hand Lieder wie Flake oder If I Had Eyes fabriziert und diese dann live noch mal um einiges verbessert zum Besten gibt, der darf sich verdient die Anstecknadel „Album des Jahres“ an das T-Shirt heften. Man muss aber betonen, dass Eddie Vedder dabei eine bedeutende Rolle spielt, schließlich ist Constellations eines der Highlights auf En Concert. Wie oft das Album im CD-Spieler war? Unzählige Male. Wie oft dazu ausgiebig getanzt wurde? Ebenso unzählig. Und genau das macht es zum Album des Jahres. Keine Langeweile, sondern durchgängig neu und überzeugend. Danke!

Lisa

10. Centhron – Roter Stern
Die perfeke musikalische Untermalung auf der Fahrt zum M’era Luna – und auch ansonsten lief die CD überdurchschnittlich oft auf Autofahrten. Die Songs sind fast durchweg Ohrwürmer und Centhron haben uns gezeigt, dass es auch gute Veröffentlichungen aus einem Bereich geben kann, der momentan von Cyber-Plastik-Sounds in Beschlag genommen zu sein scheint. Roter Stern ist ein kleiner Lichtblick, von dem manche Kollegen sich ruhig eine Scheibe abschneiden könnten.

9. V2A – Mechanized Infantry
Sieben Jahre nach EBM bietet Mechanized Infantry neues Material von V2A. Das Album schlägt in eine ähnliche Kerbe wie andere Veröffentlichungen, die sich auf dem Industrial- bis Cybergoth-Markt tummeln und verbindet harte Shouts mit stampfenden 4/4-Takten, sodass eigentlich jeder Song dieser Scheibe problemlos in den Clubs laufen könnte. Das Besondere an Mechanized Infantry ist allerdings die Tatsache, dass hier nicht 14 Songs hindurch blind geflucht wird; außerdem beweisen V2A durchaus Kreativität im Spiel mit musikalischen Grenzen. Auch dieses Album zeigt der Cyber-Szene, wie es anders gehen kann – auf einem gewissen Niveau, mit brualen Beats, brutaleren Shouts, aber auch intelligenten Texten und weitgehend ohne die an anderen Stellen wohl obligatorisch gewordene Fäkalsprache.

8. Helium Vola – Für euch, die ihr liebt
Ein tatsächlich sehr ungewöhnliches Doppelalbum, das aber einen guten Einblick in die avantgardistische Arbeit gibt, die Helium Vola mit ihrer Musik machen. Romantik, schnellere Songs, Gesellschaftskritik – Für euch, die ihr liebt vereint das alles zu einer stimmigen Mischung. Songs wie Nummus und Darkness, Darkness könnten dazu noch den ein oder anderen Zweifler überzeugen. Eins der ungewöhnlichsten Alben des Jahres, aber so gut ausgearbeitet und so weit weg vom Mainstream, dass es eine Sünde wäre, dieses Album hier nicht noch einmal zu erwähnen.

7. Saltatio Mortis – Wer Wind Saet
Der Nachfolger von Aus der Asche hat es in sich. Songs wie Ebenbild und Manus Manum Lavat greifen in bekannter Saltatio-Mortis-Manier aktuelle Themen auf und scheuen sich nicht, mit dem Finger auf Missstände zu zeigen. Salome ist dazu eins der besten Duette, die ich dieses Jahr hören durfte, und hat einen sehr großen Gänsehautfaktor – die Stimmen von Doro Pesch und Alea harmonieren in diesem Song einfach perfekt.

6. [:SITD:] – Rot
Eins der besten Elektro-Alben, die noch in der zweiten Jahreshälfte kamen – und es wird besser, je öfter man es hört. [:SITD:] spielen hier das volle Potential ihrer langjährigen Erfahrung aus. Mit Uptempo-Nummern wie Zodiac, die voll unter die Haut gehen und zum Tanzen animieren, zeigen [:SITD:] uns sieben Jahre nach der Snuff E.P., dass sie es immer noch drauf haben. Aber auch in den ruhigen Tönen fühlt die Band sich zu Hause und schlägt mit Redemption und Destination balladeskere Töne an, die inmitten des fast schon aggressiven Rot kleine Inseln der Ruhe bieten. Ein solides Machwerk, das einiges Potenzial für die Tanzflächen schwarzer Clubs bietet.

5. Marsheaux – Lumineux Noir
Dieses Album hat mich vor eine (fast) unlösbare Frage gestellt: Wie schreibe ich über eine Veröffentlichung, die so glatt und zuckersüß ist, dass sich nicht einmal einen Aufhänger findet? Die Antwort war so simpel wie schade: gar nicht, aber in aller Kürze darf ich das ja hier nachholen. Marsheaux haben mit Lumineux Noir ein Album veröffentlicht, das eine wahre Elektropop-Glanzleistung in 2009 war. Zuckersüße Stimmchen, die mit Songs wie Stand By und Ghost unweigerlich zu Ohrwürmern werden und tagelang im Gehörgang verbleiben. Ein wunderschönes Album ohne Ausreißer. Dafür mit zwei wunderschönen mädchenhaften Stimmen, die sich in der männlich dominierten Elektro-Welt hoffentlich auch weiter durchsetzen.

4. Phase III – Es wird dunkel
Dieses Album war eine der Überraschungen des Jahres. Schwergängiger deutscher EBM, gewürzt mit einigen anderen Einflüssen und verfeinert mit einer ordentlichen Prise Experimentierfreude – für Phase III müsste wahrscheinlich eine neue Schublade im Musikbusiness erfunden werden. Es wird dunkel ist kein leicht nebenbei hörbarer Einheitsbrei, sondern gehört zu den Alben, die den Zuhörer wirklich fordern. Wer sich darauf einlässt, wird mit Perlen wie Es wird dunkel V2 belohnt, die das Zwerchfell strapazieren – und sehr düsteren Gedanken, wie es sich für ein ordentliches Gothic-Album gehört. Zwar muss man sich im ersten Moment bewusst auf Es wird dunkel einlassen, und vielleicht muss der eine oder andere Hörer auch erst verdauen, dass Phase III hier nicht geradlinig in einem Stil verhaftet bleiben, aber man wird mit einer überaus kreativen Mischung unterschiedlichster Stile und Texte belohnt.

3. Leichtmatrose – Gestrandet
Auf Gestrandet nimmt der Leichtmatrose kein Blatt vor den Mund und kritisiert unsere Gesellschaft, was das Zeug hält. Herausgekommen ist ein Album mit 12 intensiven Songs, die zum Nachdenken anregen und zum Mitsingen einladen. Besonders Sexi ist tot fährt hier auf einer sehr schonungslosen Schiene und lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wem der Leichtmatrose mit dem Song an den Kragen will. Mit Songs wie Der einsame Astronaut kann er zwar auch bittersüß romantisch werden, Herztransplantation und In Wahrheit gelogen zerstören aber schnell den Eindruck, man könnte es hier mit einem 0815-Album zu tun haben, das irgendwie nach moderner NDW klingen will. Dieses Album ist keine leichte Kost, sondern serviert uns schwer verdauliche Themen – und hält der Gesellschaft den einen oder anderen Spiegel vor. Dabei sind die Texte mit einer solchen Treffsicherheit und Sorgfalt geschrieben, dass man kaum glauben mag, dass Gestrandet ein Debütalbum ist.

2. Rotersand – Random Is Resistance
Das neue Meisterstück aus dem Hause Rotersand wartet mit einem beklemmenden Thema auf: Totale Überwachung. Besonders War On Error schlägt in diese Kerbe und zeigt als Dreh- und Angelpunkt des Albums, was Rotersand drauf haben. Auf musikalischer Ebene erzeugt dieser Song eine fast körperlich spürbare Anspannung, während die Ansprache im Mittelteil eine beklemmende Vision der letzten Konsequenz einer Informationsgesellschaft zeichnet. Kopfkino auf hohem Niveau – aber das läuft eigentlich das gesamte Album hindurch auf Hochtouren. Die Texte von Rotersand verraten immer genug, um nachdenklich zu stimmen, aber meistens zu wenig, um ein vorgefertigtes Bild im Kopf zu haben. Nachdenklichkeit entwickelt sich eigentlich ganz von allein, wenn man aufmerksam zuhört. Musikalisch kann das Album immer mehr überzeugen, je öfter es im CD-Player rotiert. Besonders Bastard Screaming ist eine wuchtige Nummer zum Abtanzen.
Textlich spielt sich hier viel zwischen den Zeilen ab. Gerade weil Rotersand hier eine schonungslose Dystopie der modernen Informationsgesellschaft zeichnen, ohne sensationslüstern um große Effekte heischen zu müssen, gehört dieses Album zu den besten des Jahres.

1. VNV Nation – Of Faith, Power and Glory
2009 war voller guter Veröffentlichungen im Elektro-Bereich, und am weitesten stachen dabei VNV Nation hervor. Das heiß ersehnte Of Faith, Power and Glory hat die Fans auch nicht enttäuscht: Ronan und Mark beweisen auf ihrem neuen Album, dass sie vierzehn Jahre nach der Veröffentlichung von Advance And Follow noch immer nicht müde sind. Der VNV-typische Sound, getragen durch Ronans unverwechselbare Fülle, wird hier wieder mit bisher ungewöhnlichen Einflüssen kombiniert. Gitarrensamples und House-Anleihen stehen dem Album dabei aber genauso gut zu Gesicht wie klassischer gehaltene Songs à la Sentinel. Mit From my Hands findet sich auf Of Faith, Power and Glory sogar ein würdiger Nachfolger für Beloved.
An diesem Album stimmt einfach alles: Das Mixing hebt Ronans Stimme hervor, ohne sie zu aufdringlich erscheinen zu lassen, das Artwork von Michal Karcz unterstreicht das düstere Thema des Albums und musikalisch wird es mal hart-elektronisch (Art of Conflict) und mal emotional. Ein Werk, das durchweg begeistern kann und das man sich immer wieder anhören kann, ohne dass es langweilig wird.

Marius

10. The Horrors – Primary Colors
Seit Jahren kann man schon beobachten, dass Bands, die sich am 80er Post Punk orientieren, nahezu wie Pilze aus dem Boden sprießen. Dabei den Überblick zu behalten ist schwierig bis unmöglich, zumal dabei auch viel Mittelmaß mitkommt. The Horrors haben es mit Primary Colors geschafft, sich da wohlwollend abzuheben. Leicht „angegruftete“ düstere Rockmusik, durch eine Spur Shoegazing leicht verhangene Klänge und düsterer Flair bringen The Horrors knapp in die Jahresendabrechnung.

9. Voltaire – Das letzte bisschen Etikette
„Manchmal fühl ich mich so voll, von Dingen gegen die ich mich wehr’ // Ich würde kotzen, wenn ich könnte, wenn’s nicht längst verdaut und ein Teil von mir wär’“ – mit dieser Aussage aus Die gute Art alleine haben sich Voltaire eigentlich schon einen Platz in der Hall of Fame 2009 erspielt. Da eine Schwalbe aber noch keinen Sommer macht und ein guter Song kein gutes Album, haben Voltaire rund um diesen Song auch noch zehn weitere starke Songs im Rahmen des deutschsprachigen Indie-Rocks aufgenommen, die Tiefgang, Gefühl und das Leben an sich verarbeiten, ohne dabei in das Plattitüden-Näpfchen zu treten.

8. Ian Brown – My Way
Man könnte meinen, dieser Mann ist zeitlos. Während sich jüngere – und doch schon Urgestein gewordene – Acts wie Oasis auflösen und die BritRock-Welle immer weiter rollt, kommt Ian Brown als menschgewordene Adidas-Jacke mit seinem sechsten Solo-Album vorbei und zeigt, dass BritPop-Urgesteine und Mitbegründer auch heutzutage noch ansehnliche, gar hervorragende Alben herausbringen können. Dabei ist My Way von Gitarrenpop eigentlich meilenweit entfernt. Stattdessen ist es beat- und synthesizer-lastig und hat einen unfassbar mitreißenden Groove und strotzt nur so vor Eingängigkeit. Wohl das stärkste BritPop-Album 2009, wenn es auch eigentlich keiner war.

7. Everlaunch – Suburban Grace
2009 sollte bei Everlaunch wohl als das Jahr gelten, das ihnen endlich zum Durchbruch geholfen hat. Nach vielen Jahren mit Demo-Aufnahmen, unermüdlichem Touren auf großen und kleinen Bühnen kam nun mit Suburban Grace endlich das Debüt raus. Nebenher platzierte man mit Run Run Run auch ein Video auf MTV und teilte sich in Düsseldorf mit Oasis die Bühne. Zielstrebigen Indie-Gitarren, eingängig-treibende Refrains, viel Gefühl, mal mehr mal weniger Rock… All das vereint sich auf diesem Album. Wäre die Band nicht schon seit zehn Jahren aktiv, müsste man meinen: Der Newcomer des Jahres.

6. Placebo – Battle For The Sun
Muss dieses Album noch wem vorgestellt werden? Eigentlich nicht, wenn man bedenkt, dass es in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf Platz 1 der Album-Charts stand und auch gleich zwei Singles in den Top 100 platzieren konnte. Placebo haben sich mit Battle For The Sun weit gesteigert und erreichten eine Qualität, die ihnen seit Black Market Music verlorengegangen schien. Alles, was Placebo schon immer ausgemacht hat, ist auch wieder dabei. Der ureigene Gitarren-Sound, die einzigartige Stimme Brian Molkos, die Melancholie… Ein starkes Album.

5. Leichtmatrose – Gestrandet
Es würde natürlich jetzt arg schwer fallen, einen Künstler in den Jahrescharts unerwähnt zu lassen, bei denen man selbst mit zu den Präsentatoren der Tour gehört hat. Aber man muss anerkennen: Dieses Album hat es eben auch verdient, hier erwähnt zu werden. Süßlich-anmutende Popmusik mit teilweise sehr finsteren Texten, die alle irgendwie aus dem Leben des Andreas Stitz stammen – sei es selbst erlebt oder im Umfeld. Der Leichtmatrose nimmt dabei die Person eines „sympathischen Losers“ ein und berichtet aus der Beobachter-Position. Dabei ist ein auf Albumlänge beeindruckendes Werk entstanden, das höchst hörbaren deutschsprachigen Elektro-Pop mit trauriger Komponente bietet.

4. Franz Ferdinand – Tonight: Franz Ferdinand
Hier hat eine Band ihre Hausaufgaben gemacht. Aber ganz eindeutig. Drei Jahre haben sie sich Zeit gelassen und es dabei geschafft, rechtzeitig vor der Sackgasse abzubiegen. Britische Rockmusik mit diesem typisch-zeitgemäßen 60s-Einschlag, bei der Eingängigkeit groß geschrieben wird, aber man die Glattbügelung vergeblich sucht. Und was dabei auffällt: Ein erstaunlicher Groove. Man merkt ihn auch bei Titeln wie Twilight Omens, das von elektronischen Synthie-Spielereien eröffnet wird, um sich danach aber doch eben dem typischen Sound der Band hinzugeben. Auch Disko-Ausreißer wie Lucid Dreams passen da super ins Bild. Diese Band darf sich nach diesem Album weiterhin völlig zurecht zu den ganz Großen zählen!

3. God Help The Girl – God Help The Girl
Die Bronze-Medaille geht in diesem Jahr an ein ziemliches All-Star-Projekt: Belle & Sebastians Mastermind Stuart Mordoch und weitere Mitglieder dieser Band, Asya von Smooth, Neil Hannon von Divine Comedy und allerhand Gaststimmen wirken hier mit. Dazu ein Orchester. Und doch klingt es eigentlich eher minimalistisch, was hier geboten wird. Der Einsatz des Orchesters hat hier vor allem unterstützenden Charakter und nicht den unliebsamen Zuckerguss-Effekt, der alles darunter liegende ertränkt. Die tragende Säule bleiben die eingängigen Pop-Arrangements, ergänzt um meist süßlich-wirkenden weiblichen Gesang, dem zu entziehen sich schwer fällt. Das Orchester hingegen wirkt dabei vor allem durch seine Streicher, die den Songs das nötige Gefühl geben und gut gesetzt Akzente, wie beispielsweise Klarinettenläufe und Glockenspiele. Schönheit und zeitgenössische britische Popmusik treffen hier aufeinander und vereinigen sich zu einem sehr starken Album!

2. Lily Allen – It’s Not Me, It’s You
Manchmal braucht es gar keine besondere Filigranität und Ausgefeiltheit, um etwas Großes zu erschaffen. Und wie Platz zwei zeigt: Das heißt gar nichts Schlechtes. Lily Allen zeigt auf ihrem Zweitling, wie Popmusik klingen kann, wenn sie Erfolg haben soll und dennoch nicht dem typischen Radio-Format entspricht. Der Sound ist süßlich und catchy, geht gut ins Ohr und tut auch nicht gerade weh, aber die Inhalte haben es in sich. Bereits mit Everyone’s at it und Zeilen wie „From grown politicians // To young adolescents // Prescribing themselves // Anti-depressants.” zeigt sie, dass hier eine Menge Zynismus im Spiel ist. Und traurige Wahrheiten. So verarbeitet sie viele Schattenseiten des Lebens in Musik, die eigentlich gar nicht so zu dem passen will, was sie singt. Und gerade das macht das Album so gut!

1. The Decemberists – The Hazards Of Love
Ganz oben aufs Treppchen steigt in diesem Jahr ein Album, das eines dieser seltenen Aha-Erlebnisse mit sich brachte, weil man es so einfach gar nicht erwartet hatte. Die Amerikaner von The Decemberists präsentierten hier im März ein Album, das große Brückenschläge vollbrachte und doch völlig aus einem Guss klang. Die knappe Stunde Musik ist durch Interludes miteinander verbunden und steht so im kompletten Zusammenhang und spannt eine Brücke von Indie-Folk bis hin zu rockigen Klängen an der Grenze zum Metallischen. Der berühmt-berüchtigte verstörende Zwischenton ist genau so dabei wie abwechslungsreiche Stimmführung mit männlicher und weiblicher Stimme. Dazu eine Spannung, die bis zum Schluss des Albums nicht abreißt. Die Bezeichnung als Indie-Folk greift bei The Decemberists zu kurz, hier liegt noch viel mehr mit drin. Ein gelungenes Indie-Album entstanden, das auch Folk-Hörern mit erweitertem Horizont und Fans von Musik im Stile von Bands wie Woven Hand gefallen dürfte. Ein Album, in das Colin Meloy viel Herzblut gesteckt hat. Und ganz nebenher das stärkste Album des Jahres 2009!

Tristan

10. All Hail the Transcending Ghost – All Hail the Transcending Ghost
Wer mit verstörenden Klang-Collagen etwas anfangen kann, wird All Hail the Transcending Ghost lieben. Ein düsteres und furchteinflößendes Werk ist hier entstanden, das den Hörer in seinen Bann zieht.

9. Street Legal – Bite the Bullet
Endlich mal wieder eine Band, die den Rock’n’Roll-Esprit von Bands wie Thin Lizzy, Rose Tatoto und co. aufnimmt und es schafft, ihn in ein modernes Gewand zu packen. Das Ergebnis heißt Bite the bullet, kommt von Street Legal und ist schön „old schooliger“ Hard Rock. Dafür gibt es Platz neun.

8. Dexy Corp_ – Fragmentation
Schön brachial und einfach kompromisslos. So lässt sich das Album Fragmentation von Dexy Corp_ charakterisieren. Dreckiger Industrial Metal mit verzerrten Stimmen, harschen Gitarrenriffs, kalten elektronischen Klängen und Störgeräuschen.

7. The 11th Hour – Burden of Grief
Auf Platz sieben findet sich Burden of Grief, eines der fesselndsten, tiefgründigsten und finstersten Alben des Jahres 2009, was sowohl an der Musik als auch an der Thematik liegt. Das Album behandelt die Lungenkrankheit eines Mannes, der kurz vor seinem Tod noch einmal mit sich ins Reine kommen will und dem immer wieder die Hoffnungslosigkeit dieses Unterfangens bewusst wird. Einfach mitreißend!

6. Geist – Galeere
Manchmal ist es wirklich gut, dass Metal-Bands ihre Texte auf Englisch singen, denn so bekommt man nicht mit, dass die Texte eigentlich totaler Schwachsinn sind. Bei der deutschen Black Metal-Band Geist ist das zum Glück nicht der Fall. Einfühlsam und passend hat diese Unwetter und Gefahren auf hoher See vertont und einem verdeutlicht wie kalt, hart und grausam die See sein kann.

5. Rome – Flowers from Exile
Als Flowers from Exile rauskam, schieden sich die Geister an dem Album und es gab viele kritische Stimmen. Für mich dagegen wurde Rome mit diesem Album erst interessant, konnte ich vorher mit dem Projekt wenig anfangen. Flowers from Exile ist ein ergreifendes, düsteres Folk-Album mit einer interessanten Thematik geworden, auch wenn es vom Stil der Vorgänger abweicht.

4. Tethrippon – Tethrippon
Gerade mal das erste Album von Tethrippon, aber das macht schon Lust auf mehr: Epischer Gesang, Streicher, Trommeln, die eine majestätische und erhabene Stimmung erzeugen – kurz: Eine gelungene Mischung aus Pop, Neoklassik und martialischen Klängen. Bleibt nur zu hoffen, dass es nicht das letzte Werk der Griechen war.

3. Rammstein – Liebe ist für alle da
Wieder ein Album, an dem die Meinungen auseinander gingen: Einige fanden es nicht mehr so gut wie früher, andere fanden es wieder ein gutes Album. Egal, wie man es nun sieht, mir hat es gefallen und Rammstein haben auf Liebe ist für alle da noch einmal bewiesen, dass sie mehr können als Kinderzimmer-Revolution fürs MTV-Publikum – auch, wenn es ihnen einige noch immer nicht glauben wollen.

2. Corde Oblique – The Stones of Naples
War ja klar, dass Corde Oblique wieder ein gutes Album hervorbringen würden, aber das hat selbst die positivsten Erwartungen übertroffen! Wundervolle Folk-Lieder mit weiblichem Gesang, die sofort mitreißen. Was schon auf den Vorgängern genial war, wird hier auf die Spitze getrieben. Für so viel Perfektion verdient es eine so hohe Platzierung, auch wenn es ein Album noch höher geschafft hat.

1. Kreator – Hordes of Chaos
Und das hat Platz eins nun mal wirklich verdient, nachdem es so oft gelaufen ist – egal, ob nun im Auto, beim Training oder zu Hause. Die musikalischen Experimente, die die Band während der 90er Jahre gemacht hat, scheinen Gott sei dank endgültig vorbei zu sein und Kreator bringen nach Violent Revolution und Enemy of God ein weiteres Juwel des deutschen Thrash-Metals hervor. Dass die ganze Scheibe live eingespielt wurde, sorgt zusätzlich für einen schön rauen Sound und da alle Lieder im oberen Tempo angesiedelt sind, brettert das Album einfach nur herrlich durch. Deswegen für mich das beste Album des Jahres 2009!

Da dies der letzte Artikel ist, der im Jahr 2009 online ging, sei an dieser Stelle der Leserschaft gedankt und ein erfolgreiches 2010 gewünscht. Wir danken für das Interesse an Alternativmusik.de und hoffen, dass dieses auch im Jahr 2010 erhalten bleiben wird! Guten Rutsch!

Text: Katrin Gruhl, Lisa Kleinberger, Marius Meyer, Tristan Osterfeld