2007 neigt sich dem Ende, die letzten Tage des Jahres werden dominiert von Best Ofs, Live-Alben und anderen christbaum-tauglichen Veröffentlichungen. Zeit, das Jahr 2007 einmal Revue passieren zu lassen. Insgesamt war 2007 ein außerordentlich ergiebiges Tonträgerjahr. Als eine kleine Rückschau präsentieren wir an dieser Stelle zwei kommentierte Best Of-Listen unserer Mitarbeiter, namentlich Marius und Tristan. Es fiel schwer, aus der erstaunlich hohen Menge gelungener Veröffentlichungen die besten herauszupicken. Was bei der Auswahl der besten Alben im Endeffekt übrig blieb, zeigen die folgenden zwei Top Tens, die verschiedener kaum sein könnten und somit ein breites musikalisches Spektrum des zurückliegenden Jahres reflektieren.

Zum Vorgehen: Zunächst erscheint in jedem Teil die Liste an sich, anschließend folgen weitergehende Erläuterungen zu den jeweiligen Veröffentlichungen. Die Listen beginnen jeweils bei Platz zehn und enden bei Platz eins.

Top Ten – Marius
10. Persephone – Letters To A Stranger
9. The White Stripes – Icky Thump
8. The Coral – Roots And Echoes
7. Maxïmo Park – Our Earthly Pleasures
6. Julia Kent – Delay
5. iLiKETRAiNS – Elegies To Lessons Learnt
4. Devastations – Yes, U
3. Lux Interna – God Is Not Dead For The Birds
2. Pink Turns Blue – Ghost
1. Modest Mouse – We Were Dead Before The Ship Even Sank

Persephone – Home
Um L’âme Immortelle gab es 2007 einige Wirren. Gerüchte um eine Auflösung sowie Rätselraten um Banner auf der offiziellen Homepage sorgten für Verwirrung. Aber neben all dem gab es auch von Sonja Kraushofers Nebenprojekt ein neues Album, das erneut in neoklassischer Tradition stand und die orchestrale Schönheit in den Mittelpunkt stellte. Klassisch, packend, mit Elementen aus dem Theater versetzt, eingängig und dabei niemals peinlich. Ein gelungener Brückenschlag von Klassik und neueren melancholischen Strömungen. Dafür der zehnte Platz!

The White Stripes – Icky Thump
Bereits nach den ersten Durchläufen war klar: Hier liegt definitiv ein Highlight vor! Die vermeintlichen Geschwister Meg & Jack White vereinten auf Icky Thump erneut auf ihre ganz eigene Weise Genie & Wahnsinn. Verschrobener Indie-Rock trifft auf Dudelsack, Speed Metal, Anti-Gesang und Gitarrenriffs. Unerwartet hart, gelegentlich an der Grenze dessen, was man noch als Songformat bezeichnen kann und dennoch irgendwie sympathisch und erstaunlich hitverdächtig dabei. Ein starkes Album, das viele andere auf die Ränge verweisen konnte und an dieser Stelle Platz neun bekommt.

The Coral – Roots And Echoes
Platz acht zeigt: Ja, es gibt sie noch – eingängige, gelungene Musik von der Insel. Der Terminus des BritPop lässt sich schwerlich vermeiden, obgleich es mit der Vorreitergeneration dieses Stils wenig zu tun hat. The Coral präsentieren auf ihrem Werk elf gelungene eingängige Perlen, allesamt hitverdächtig und doch nicht an irgendwelche Trends angelehnt. Süßliche Indie Rock-Klänge, mal nachdenklich, mal gut gelaunt und durch die Bank sehr erfrischend. Stücke wie das melancholische und streicherunterlegte Rebecca You sowie die Post-Sommer-Hymne Put The Sun Back muss man erst einmal nachmachen. Respektable Leistung!

Maxïmo Park – Our Earthly Pleasures
Auch Platz sieben belegt: 2007 war ein gutes Jahr für den guten, alten Indie Rock. Rau und doch eingängig präsentierten sich Maxïmo Park auf ihrem zweiten Album. 12 Stücke, die alle auf ihre Weise hymnisch-treibende Elemente beinhalten, ganz nebenbei noch eindeutig emotionale Züge beinhalten und ein Spektrum von ruhigeren Momenten bis hin zu lauten Gitarren vereinen. Heimlicher Hit des Albums: Books From Boxes, das mit seinen Akkorden und Riffs in Moll so etwas wie eine melancholische Eingängigkeit produziert.

Julia Kent – Delay
Ein Album, das in seiner Machart und Spielweise seinesgleichen sucht: Eine Frau, ein Cello. Das reicht. Mehr ist nicht nötig, um klassische Schönheit in Reinform zu produzieren. Interessant auch der thematische Rahmen: Das Album baut sich komplett um Flughäfen auf – jeder einzelne Titel reproduziert die Atmosphäre eines Flughafens mit Hilfe des Cellos. Seien es verschneite Landschaften, hektische Ansagen oder nachdenkliche Momente: Julia Kent zeigt, was Flughäfen so alles bewirken können. Und vor allem: Sie transponiert es in elf Stücke feinster klassischer Musik. Wer die so häufig gesuchte innovative Musik sucht: Hier ist sie! Ein einmaliger Brückenschlag von Ambient zu Klassik.

iLiKETRAiNS – Elegies To Lessons Learnt
Da hat jemand sein Hobby nicht zum Beruf gemacht und präsentiert es trotzdem auf der Arbeit: Fünf britische Eisenbahnliebhaber, die sich gerne mit Bahneruniformen auf die Bühne stellen und dort Klangwände produzieren, wie man sie aus vergangenen Zeiten von Gruppen wie The Birthday Party und Joy Divison kennt. Düstere Gitarrenwände, epische Arrangements, verdichtete Düsternis. Üppige Stückaufbauten, die dennoch nicht ausufern, sondern zielstrebig ihre Version von Rockmusik präsentieren. Ein spannendes Album, dessen Spannung auch in Stücken von einer Länge bis zu neun Minuten nicht abreißt. Dafür ein verdienter fünfter Platz!

Devastations – Yes, U
Von der Beggars Label-Gruppe kam dieses Jahr so einiges an Perlen zutage. Und nach Platz neun und Platz fünf ist nun auch der vierte Platz von einer Formation der besagten Labelfamilie belegt. Die Devastations bringen eine gänzlich andere Darbietungsweise von Indie Rock ins Spiel: Sehr kühl gespielt, sehr kontrolliert und dennoch oft kurz vor der Explosion. Es ist keine Übertreibung, hier zu behaupten, so etwas in der Form bisher nicht gehört zu haben. Dazu kommt: Es wurde dringend Zeit für ein Album wie dieses. Sehr gut!

Lux Interna – God Is Not Dead For The Birds
Das inzwischen von Bremen nach Amsterdam umgezogene Paar gehört schon länger zur Speerspitze dessen, was man weitläufig als Neofolk bezeichnet. Mit ihrem im Jahr 2007 veröffentlichten Album haben sie diese Spitzenposition eindeutig als berechtigt gekennzeichnet: Eingängiger Folk, der eher in Tradition von Musikern wie Leonard Cohen als eigentlicher Neofolk-Acts steht, der mit Akustikgitarre, Streichern, dezenter Perkussion und natürlich der markanten Stimme Schönheit erzeugt und dabei auch ungeheure Wucht und Intensität erreicht. Bei Stücken wie your lily white hands kommt aber auch die optimistischere Seite der Musik zum Vorschein. Wer seine Musik selbst als „blackwaterressurrectionfolk“ bezeichnet, muss etwas vorzuweisen haben. Und das reicht im vorliegenden Fall für Platz drei.

Pink Turns Blue – Ghost
Pink Turns Blue sind eine Legende. Und während manche Legenden wiederkommen, um ihren eigenen Status in Frage zu stellen, beweisen Pink Turns Blue bereits seit 2003, dass sie genau das Gegenteil davon vorhaben: Ihren Legendenstatus weiterhin legitimieren. Was sie 2005 mit Phoenix angefangen haben, führten sie auf Ghost in diesem Jahr konsequent fort. Gothic/Wave Rock, wie er authentischer gar nicht sein könnte, der im Gegensatz zum Großteil der noch aktiven Formationen dieses Genres allerdings nicht einmal in die Nähe des Klischees kommt. Stattdessen gibt es große Gefühle, dargeboten mit einer extremst seltenen Intensität. Vorbildlich, in diesem Genre unerreicht, meisterhaft.

Modest Mouse – We Were Dead Before The Ship Even Sank
Die Goldmedaille geht im Jahr 2007 mit knappem Vorsprung an Modest Mouse, die zwar tot waren, bevor das Schiff überhaupt erst sank, dafür aber ein extrem lebendiges Album veröffentlicht haben. Mit einem gewissen Johnny Marr als neuem festen Bandmitglied veröffentlichten sie ein Album, das auf hohem Niveau eine ordentliche Portion Verschrobenheit mit Eigenständigkeit und dabei trotzdem dahinter stehender Eingängigkeit kombiniert. Teilweise bewusst gegen den Strich gebürsteter Gesang wird irgendwie dann doch immer eingängig und zielstrebig. Die Musik: Sehr eigenständig, irgendwie Indie, nirgends anbiedernd. Und dennoch: Irgendwie ist dieses Album ein Hit. Die Verkaufszahlen bewiesen dies, ohne dass Modest Mouse so etwas wie ein Erfolgsrezept gebraucht hätten. Sie waren einfach nur sie selbst. Und das mit großem Erfolg!

Top Ten – Tristan
10. Wach – The end of all dreams
9. Heaven & Hell – Live From Radio City Music Hall
8. Grave Digger – Liberty Or Death
7. Mandrake – Mary Celeste
6. Manowar – Gods Of War Live
5. Der Blutharsch – The Philosopher’s Stone
4. KMFDM – Tohuvabohu
3. Corde Oblique – Volonta d’arte
2. Saxon – The Inner Sanctum
1. Naevus – Silent Life

Dieses Jahr hat es einem wirklich nicht leicht gemacht, seine persönliche Hitliste zu erstellen: Zum einen sind wirklich viele gute Sachen dieses Jahr rausgekommen und zum anderen fiel es auch schwer, einige Alben vor oder hinter andere zu stellen oder gar rauszulassen. Als nicht reingeschafft, aber dennoch erwähnenswert, möchte ich folgende Alben nennen: Stallion Battalion von The Bosshoss, das Album Scherben der Gruppe Von Branden, Totem von Faun, The Wolves Go Hunt Their Prey von The Vision bleak, Better Motörhead Than Dead (live) von Motörhead sowie The Teacher and the Man of Lie, welche ebenfalls zu den Favoriten diesen Jahres zählen.

Wach – The end of all dreams
Platz zehn geht an das Ambientprojekt Wach mit dem Album The end of all dreams, das nicht mit stumpfen Rauschen und gelegentlichen Verändern der Tonlage aufwartet, sondern in ihren Stücken echte Höhepunkte hat und durch subtile Mittel wirklich ein Soundtrack der Angst geworden ist.

Heaven & Hell – Live From Radio City Music Hall
Auf der Nummer neun dann das Live-Album Live From Radio City Music Hall von Heaven & Hell, dem Projekt aus ehemaligen Black Sabbath Mitgliedern, die sich wiedervereint haben, um alte Black Sabbath-Lieder zu spielen. Und das in einer Besetzung, die die meisten wohl als die beste Besetzung Black Sabbaths überhaupt sehen. Dazu werden alle Lieder so kraftvoll wiedergegeben, dass man den in die Jahre gekommenen Herren Alterserscheinungen kaum anmerkt.

Grave Digger – Liberty Or Death
Der achte Platz geht dann an das in diesem Jahr erschienene Grave Digger-Album Liberty or Death. Nicht viel neues, dafür alles routiniert, gekonnt und handwerklich gut gemacht. Spaß macht es allemal der Band um den Reaper zuzuhören, die sich diesmal dem Thema „Kampf für die Freiheit“ angenommen haben und wieder bewiesen haben, dass Power Metal nicht pathetisch und peinlich sein muss. Gut so!

Mandrake – Mary Celeste
Unverhofft kommt oft: Eigentlich konnte ich ja Gothic Metal nicht mehr hören – Frauengesang, der an Opern erinnert im Stile von Nightwish, immer wieder gleich und totgenudelt. Aber mitunter gibt es selbst hier ausnahmen: Nummer sieben geht an Mary Celeste von Mandrake. Ohne Pathos und Kitsch schafft es dieses Album, Gothic Metal auf hohem Niveau zu machen und sogar die Genregrößen alt aussehen zu lassen.

Manowar – Gods Of War Live
Nun zu den selbsternannten Kings of Metal: Manowar. Man mag über die Gruppe denken, was man will, aber live bringen sie nicht nur eine klasse Show rüber, sondern sorgen auch für prima Stimmung. Diese wurde auf der Gods of War-Tour eingefangen und ist auf der Doppel CD Gods Of War Live eingefangen, die die Liveauftritte der Band super wiedergibt. Dafür gibt es Platz sechs.

Der Blutharsch – The Philosopher’s Stone
Lange ist es ja noch nicht erhältlich, dennoch hat es sich seinen Platz in der Top 5 verdient: The Philosopher’s Stone von Der Blutharsch. Abgefahren, ungewöhnlich, psychedelisch und einfach einzigartig. Platz fünf bekommt dieses Album auch gerade, weil man selbst nach mehrfachen Durchgängen immer noch was Neues entdeckt und das Album dennoch wunderbar eingängig ist. Da macht es auch nichts, dass das missverstanden werden wollende Image aufgegeben wurde und gegen eine ganz individuelle Interpretation des Rock’n’Roll eingetauscht wurde.

KMFDM – Tohuvabohu
Auf Platz vier kommt nun Tohuvabohu von KMFDM. Schön, dass es Gruppen gibt, die nach über 20 Jahren immer noch so rotzig und dreckig klingen können wie früher: KMFDM bieten Industrial Rock vom allerfeinsten und schaffen es dabei, sich treu zu bleiben, ohne sich selbst zu kopieren. Verspielt eigenwillig und einfach spaßig ist dieses Album geworden.

Corde Oblique – Volonta d’arte
Als Ricardo Prencipe mit seinem Projekt Corde Oblique Respiri rausbrachte, schaffte es dieses Album sofort, mich zu begeistern und selbst mehr als ein Jahr nach Erscheinen noch immer in meinem CD-Spieler zu laufen. Der Nachfolger Volonta d’arte schafft dies ebenfalls, steht seinem Vorgänger in nichts nach und schafft es ebenfalls, immer wieder zu begeistern. Derart ausgefeilt, atmosphärisch und durchdacht ist wohl kaum ein Album 2007 gewesen. Dafür: Platz drei.

Saxon – The Inner Sanctum
Nun zu Platz Nummer zwei und einer Band, die es geschafft hat, nach 30jährigem Bestehen noch einmal sich selbst zu übertreffen: Saxon haben es geschafft, mit ihrem Album The Inner Sanctum ihre rockigen Stücke und die metallastigen miteinander zu verbinden und so eine Brücke zwischen Tradition und Moderne zu schaffen, mit der sie ein weiteres hervorragendes Album geschafft haben, das nach dem Vorgänger Lionheart nochmals eine Steigerung darstellt. Mit The Inner Sanctum schaffen sie sogar ihr bislang bestes Album!

Naevus – Silent Life
Und wer hat das beste Album 2007 gemacht? Eine Gruppe, die ein eingängiges Album mit intelligenten und schwarzhumorigen Texten geschaffen hat, das mit einem psychedelischen Unterton aufwartet und ebenfalls ihr bislang bestes Album darstellt: Es ist Silent Life von Naevus. Egal ob Bobby Shafto mit seinen fies verzerrten Gitarren und Matt Howdens Geige oder die zuckersüße Ballade Kill your Friends, die sich ins Ohr einschleicht und immer wieder zu dem aufruft, was der Titel erahnen lässt. Ein wunderbares Folkrockalbum, das an Italowestern erinnert und dieses Jahr das wohl am meisten von mir angehörte Album darstellt. Darum meine persönliche Nummer eins!

Einleitung und Text 1: Marius Meyer
Text 2: Tristan Osterfeld