Zehn Jahre „Chamber Music at Ground Zero“ – dies sollte auch entsprechend würdig gefeiert werden. Und so lud das Chamber Music-Team in die alte Wackerfabrik nahe Darmstadt ein, in welcher die drei Ambientprojekte Llovespell, Antler’s Mulm sowie Inade Auftritte zum Besten geben sollten. Am Konzertort angekommen fiel direkt auf, dass es wohl kaum einen besseren Veranstaltungsort für einen derartigen Konzertabend geben konnte: Das ganze fand in einer alten Industrieanlage aus Backstein statt, in welcher neben dem Konzertraum noch Büros, ein Industriemuseum und sogar Wohnungen untergebracht waren. Letzteres sorgte auch immer wieder für Lacher, wenn kleine Anwohnerkinder zwischen lauter schwarzen Gestalten vorm Eingang umherwuselten. Beim Einlass gab es dann die nächste freudige Überraschung in Form der aktuellen Label-Compilation von Loki, die an jeden Besucher kostenlos verteilt wurde.

Mit etwas Verspätung betraten Llovespell die Bühne mit einer Frau am Mikro und boten sehr harmonischen Ambient, bei dem Frauenstimme immer sowohl sehr sanft als auch dominant rüberkam und so sofort in den Bann zog. Zusammen mit der visuellen Untermalung, gelang es das gesamte Konzert über eine wundervolle Atmosphäre rüber zu bringen. Mit tosendem Applaus wurden schließlich Llovespell von der Bühne entlassen.

Im Gegensatz zu Llovespell war der Auftritt von Antler’s Mulm, bei welchem derselbe junge Mann wie bei Llovespell an den elektronischen Klangerzeugern stand, deutlich aufwühlender und zermürbender, deswegen aber nicht weniger ergreifend. Fing das ganze noch sehr ruhig an und neigte man dazu, nach zwei Liedern die Stirn zu runzeln, ob da noch mehr kam, kam dann auch mehr. Das ganze Konzert über steigerten sich Antler’s Mulm so massiv und packten einen so visuell und akustisch, sodass man zwischenzeitlich die Augen schließen musste, um runter zu kommen und sich zu entspannen. Auf die Leinwand wurden während des Konzerts diverse verstörende Bilder projiziert: Mal lauter Kreuze, mal ein Kinderfoto, auf welchem die Augen entfernt wurden usw., welche dann zu den Bässen vibrierten und so das hörbare tatsächlich sichtbar machten. Mit sogar noch mehr Applaus als bei Llovespell endete deren Konzert und auf drängen des Publikums gab es dann noch eine Zugabe.

Schließlich betraten dann Inade die Bühne und schafften es sogar, die beiden hervorragenden ersten Konzerte zu übertreffen. Denn direkt zu Beginn merkte man das, was sich das ganze Konzert über durchzog – hier sind absolute Profis am Werk und wirklich jeder Handgriff saß perfekt. Dass ein Ambient-Konzert mit der Leinwand-Darbietung steht und fällt, liegt in der Natur der Sache, passiert doch auf der Bühne selber eher wenig. Diese war bei Inade aber schlichtweg Atemberaubend. Zu den Klanglandschaften wurden Videos von Lavaströmen, Eislandschaften, der Sonne mit ihren Sonnenwinden oder einfach farbige Nebelwände dargebracht, die zwischendurch von okkulten Symbolen unterbrochen wurden und sich immer hervorragend ins Klangbild einfügten. Auf der Bühne wurde auch auf akustische Klangerzeugung nicht verzichtet, weswegen auch eine E-Gitarre und ein Horn zum Einsatz kamen. Ohne eine Atempause spielten Inade ihr Konzert durch, wobei die Lieder nahtlos ineinander übergingen, allerdings hätte man sich gerade, weil man so tief in den Bann des Konzertes gezogen wurde, gelegentlich eine Pause gewünscht – so wurde das Konzert etwas anstrengend, wenn auch sehr angenehm stressig. Als Inade schließlich Bühne verlassen wollten und auf eine Zugabe wegen der Uhrzeit und der Rücksichtnahme auf die Anwohner verzichten wollten, gab es einen derartigen Beifall, dass dieses Vorhaben einfach scheitern musste. Auf Drängen des Publikums spielten Inade noch ein Lied und beendeten so einen erstklassigen Abend.

Gäbe es eines zu meckern, dann vielleicht, dass ab der zweiten Hälfte der Konzerte die Luft im Veranstaltungssaal immer stickiger wurde. Das aber verschwindet im Gesamteindruck des Abends so sehr, dass es nicht Nebensache, sondern irrelevant ist. So bleibt ein tolles Veranstaltungs-Gelände vereint mit drei Meistern ihres Fachs auf der Bühne, die die Feier zum Zehnjährigen der Chamber Music zu einem einzigartigen Erlebnis machten.

Links
Homepage vom Veranstalter: www.cmagz.de
Homepage von Inade: www.inade.de
Inade-Fanseite bei MySpace: www.myspace.com/samadhistate
Antler’s Mulm bei MySpace: www.myspace.com/antlersmulm
Llovespell bei MySpace: www.myspace.com/llovespell

Text und Bilder: Tristan Osterfeld