Wie stellt man eine Setlist zusammen, wenn man über 30 Jahre Bandgeschichte mit sich bringt? Und woran merkt man, dass man sich eine Position erarbeitet hat, in der man sich Dinge erlauben kann? Zwei Fragen, auf die David Tibet am 22. April 2014 im Hamburger Kampnagel Antworten parat hatte. Erstens: Man spielt einfach mal das komplette neue Album und zweitens: Das Publikum ist trotz dieser eigentlich unpopulär anmutenden Maßnahme trotzdem begeistert dabei. Mit einer namhaften Band, unter anderem mit Andrew Liles von Nurse With Wound an der Elektronik und den Groundhogs-Mitgliedern Tony McPhee an der Gitarre sowie Carl Stokes am Schlagzeug, unterhielt David Tibet über anderthalb Stunden bestens.

Da störte es ihn auch nicht, dass der Saal, der noch im März 2011 bei seinem Auftritt so gut gefüllt war, bei diesem Mal nur etwa zu einem Drittel gefüllt und nach hinten abgehängt war. Mitunter fragte man sich sowieso, was diesen Mann eigentlich stört, der da wie gehabt barfuß auf der Bühne stand, viel zu versunken in seiner Kunst wirkte er, teils gar meditierend, wenn er sich gelegentlich im Schneidersitz auf die Bühne setzte. Er lässt die Musik sprechen und zeigt eine perfekte Darbietung, wenn er am Mikro steht und auf seine ureigene beschwörerische Art die Texte zum Besten gibt. Mal gesungen, mal gesprochen und auch mal geschrien.

Im Verlauf des Abends wird immer wieder deutlich, dass auch das aktuelle Werk I Am the Last Of All the Field That Fell vieles von dem vereint, was sich durch das Gesamtwerk von Current 93. Die ruhigen Stücke, die Ausbrüche, die Verstörung, mitunter auch die Unberechenbarkeit. Und: die Magie! Denn es ist durch und durch magisch, was David Tibet und seine Band an diesem Abend, ja, zelebrieren. Man ist als Zuschauer gebannt, bis der letzte Ton von I Could Not Shift the Shadow verklungen ist. Und wenn die Band dann von der Bühne geht, merkt man doch auch dem Sänger an: Er ist positiv angetan von diesem Abend.

Klar, dass die Band zur Zugabe wiederkommt. Man hat den Eindruck, in diesen drei Stücken geht es deutlich gelöster zu, David Tibet lächelt, zeigt sich erfreut, ergreift gar die Hand, die ein fast in Ekstase geratener Fan nach ihm streckt. Der Fan küsst die Hand, Tibet lächelt, der Fan tanzt munter weiter – die Interaktion mit dem Publikum ist vorhanden und geht weit über das dankbarerweise für Tibet auf die Bühne gereichte Taschentuch im regulären Teil hinaus. Als dann in der Zugabe Luciver Over London folgt, wenngleich ohne Black Sabbath-Riff, ist die Stimmung auf dem Siedepunkt, bevor Sad-Go-Round von derselben Veröffentlichung den Abend beschließt. Der Konzertabend war vorbei, die Magie weiterhin zu spüren.

Setlist: The Invisible Church, Those Flowers Grew, Kings and Things, With the Dromedaries, The Heart Full of Eyes, Mourned Winter Then, And Onto PickNickMagick, Why Did the Fox Bark?, I Remember the Berlin Boys, Spring Sand Dreamt Larks, I Could Not Shift the Shadow
Zugabe: Imperium II, Lucifer Over London, Sad-Go-Round

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Text und Bilder: Marius Meyer