Die Schlange vor dem Berghain ist am Dienstagabend längst nicht so lang wie am Wochenende. Das etwas ältere Publikum spürt zudem nichts von der Nervosität der jüngeren Gäste, die hoffen, wenigstens mit einem gekauften Ticket das Berghain mal von Innen sehen zu dürfen – das geht ganz problemlos. Karl Bartos war bis letzte Woche mit drei exklusiven Live-Shows auf Tour. Von 1975 bis 1990 war er Mitglied der Band Kraftwerk und nach seinem Austritt ist er, neben einigen Co-Produktionen, solo unterwegs. In seinem 2013 erschienenen Album Off The Record verarbeitet Bartos sein eigenes Musikarchiv und erweckte den ein oder anderen in der Versenkung verschwundenen Song neu zum Leben.

Im Berghain präsentiert Bartos sich vor drei riesigen, nebeneinander angebrachten Leinwänden, davor rechts und links jeweils ein DJ-Pult und in der Mitte ein Keyboard, vor dem er steht. Dass Karl Bartos schon lange im Showgeschäft ist, zeigt seine routinierte Bühnenpräsenz: Jeder noch so kleine Sound ist abgeglichen mit dem im Hintergrund laufenden Videos, jeder Griff ans Mischpult sitzt. In seiner Live-Show legt er seinen Fokus neben der Musik auf das Medium Film: Die oftmals banal wirkenden Bilder gepaart mit Bartos’ futuristischen Sounds unterstreichen die Musik auf eine sehr intensive Weise und lassen die gesamte Konzertsituation absolut surreal wirken. Neben seinen neueren Songs von Off The Record werden auch Klassiker wie Das Model, Taschenrechner und Tour de France gespielt, bei denen das, durch dieses Gesamtkunstwerk völlig paralysierte Publikum, zeitweise aus seiner Trance erwacht.

Der letzte Track der 90-minütigen Veranstaltung, lässt in Zeitraffer die gesamte Leinwandshow noch einmal abspielen und zeigt, mit welchen Welten Bartos hier gespielt hat: einfache Zug- und Autofahrten, mal mit mal ohne Bartos, tanzende Zeichentrick Männchen, technische Gerätschaften aus den 70er Jahren, Bartos als lebensgroße Puppe, Bilder deutscher Großstädte, berühmte Persönlichkeiten, historische Ereignisse. Obwohl, oder auch gerade weil Karl Bartos irgendwie immer noch nach 80er Jahre Futurepop klingt, sind seine Sounds mehr als zeitgerecht und aktuell. Die Live-Shows von Karl Bartos zeigen in ihrer Gesamtheit eine künstlerische Installation, die es in der Szene der elektronischen Musik kein zweites Mal zu finden gibt – und machen einfach einen riesen Spaß!

Homepage: www.karlbartos.com
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Twitter: www.twitter.com/KarlBartos

Text: Melina Pospiech
Bild: Pressefreigabe