The Rolling Stones in Düsseldorf oder anders: Versuch einer Selbsttherapie. 20. Juni 2014, 12 Uhr mittags. Ich sitze in irgendeinem vollen Café am Düsseldorfer Bahnhof und warte auf meinen Zug Richtung Frankfurt. Währenddessen versuche ich zu verstehen, was ich da gestern eigentlich erlebt habe – mein erstes Konzert der Rolling Stones. Ohne Worte. Ich kann mich schon gar nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal so aufgeregt und mit großen Erwartungen angestaut war. Vielleicht in meiner Schulzeit, als ich zum ersten Mal eine meiner Lieblingsbands live gesehen habe? Ich weiß es nicht mehr.

Und jetzt? Einen Tag nach dem ersehnten Konzert kritzele ich enttäuscht, beinahe desillusioniert, einzelne Gedankenfetzen auf eine halbwegs freie Seite eines Musikmagazins, das ich mir schon für die Hinfahrt gekauft hatte. Alles im Beisein meiner fünften Tasse Kaffee.

Eigentlich wollte ich doch gar nicht über das Konzert berichten, sondern einfach nur einen denkwürdigen Abend erleben; ein Stück Musikgeschichte sozusagen, von dem ich später noch meinen Kindern und Enkelkindern hätte erzählen können. Total pathetisch, ich weiß, aber aus dem Munde einer ehrfürchtigen Musikliebhaberin tatsächlich ernst gemeint.

Tja, „Die Stones sind zu einer Modeerscheinung verkommen“, lautet mein erstes Fazit nach gestern Abend. Ein viel zu vernichtendes Urteil natürlich, das weitestgehend bestimmt meinem ersten Entsetzen und einer ebenso großen Prise vorausgegangenem Idealismus geschuldet ist. Aber wer konnte das ahnen? Eine Arena mit einem gesamten Fassungsvermögen von 54.000 Menschen, ein Auftritt der Rock’n’Roll-Urväter und dann – ja, und was dann? Regelrecht teilnahmslose Fans, die auf ihren Plätzen hocken, keine Texte mitsingen können, Lieder wie Sympathy for the Devil, Honky Tonk Women oder Brown Sugar scheinbar unbeeindruckt konsumieren (mir fällt grad kein besseres Verb ein. Keine Ahnung, ob sie das Konzert wirklich „wahrgenommen“ haben), die größtenteils sogar noch beim letzten Lied des Abends, Satisfaction, sitzen bleiben und … Ich könnte endlos so weiter machen. Aber dazu später mehr.

Das Konzert fand an Fronleichnam statt. An solchen Feiertagen wirken Großstädte auf mich immer unangenehm leer: Überall sind die Rollläden runtergezogen und die Bürgersteige hochgeklappt. Dass ich bei meinem Schlenker zur „Kö“ fast nur roten Zungen, also Fans mit T-Shirt, in die Arme gelaufen bin, hat mich da gewissermaßen aufgemuntert. „Die meisten von denen sind schon ein bisschen betagter“, dachte ich mir die ganze Zeit im Vorbeigehen. „Die kennen bestimmt jedes Lied in- und auswendig.“

Mehrere volle S-Bahnen, einige Security-Staffeln auf dem Weg zur Arena und ein paar blaue Flecken dank der Quetsche am Merchandising-Stand später: „Endlich, endlich, endlich, es geht los! Jumpin‘ Jack Flash, geil, auch noch einer meiner Lieblingssongs als Opener.“ Ich bin sofort aufgesprungen. Nach kurzer Zeit musste ich jedoch feststellen, dass ich mit dieser überschwänglichen Reaktion ziemlich alleine da stand, im wahrsten Sinne des Wortes. „Warum bewegt sich denn keiner in den Rängen?“, hat mich meine Konzertbegleitung gefragt. „Anlaufschwierigkeiten?“ Leider nein. Dann auch noch von einem zu Guttenberg-Verschnitt aus der Reihe vor uns angeglotzt zu werden, hat mir schon während der ersten Hälfte des Konzerts den Rest gegeben – insbesondere da ich vorher mitbekommen hatte, wie jener scheinbar nichts Besseres mit sich anzufangen wusste, als sich über ein tanzendes Grüppchen weiter unten lustig zu machen. „Vorne spielt die Musik“, habe ich ihm leicht entnervt zugerufen, in das Ohr meiner Begleitung noch ein „prätentiöser Affe“ hinterher gemurmelt.

Wie kann es denn bitteschön sein, dass man sich bei einem Konzert der Rolling Stones, ich sage es nochmal, der Rolling Stones (!), aus Gruppenzwang wieder auf seinen Platz setzen muss und es vor einem nicht nach Bier, sondern nach Parfum riecht? Obendrein überall Fans sehen zu müssen, die das Konzert aus sicherer Distanz durch das Display ihres Smartphones beobachten, macht die Sache auch nicht besser – für mich jedenfalls nicht.
Insgesamt würde man bei dem Konzert selbstverständlich nie von einer schlechten Stimmung sprechen: Es war laut, das Set war harmonisch, das, was von vorne kam, war eh der Hammer, die Bühne war Eye Candy vom Feinsten und die Fans waren gut drauf (trotz ihrer Bewegungsmüdigkeit). Aber dennoch, irgendetwas hat gefehlt. Wie Liebemachen ohne Höhepunkt, um mal im Vokabular von Mick Jagger zu bleiben. Letztendlich also auf eine gediegene Art und Weise unbefriedigend.

„Was ist aus dem Rock’n’Roll der 60er und 70er geworden?“, schreibe ich kurz bevor mein Zug kommt, auf die untere Seite meines improvisierten Notizblocks. Hat nicht Alex Turner vor kurzem in seiner Brit Awards Rede noch verkündet, dass der Rock’n’Roll niemals aussterben würde? Hm, aber was war dann das gestern Abend? Und jetzt bitte keine von diesen „Ach du arme Idealistin“-Antworten! Dass heute nicht damals und dass Musik oftmals kein politisches Trägermedium mehr ist, ist mir auch klar. Dass die Stones ein weltweit agierendes Unternehmen und ihre Kartenpreise horrend sind, ebenso. Auch dass die Credibility-Frage schon seit den 70ern Hand in Hand mit Mick Jaggers Jet Set Leben geht und man gerade von letzterem halten kann was man will. Aber das? Das war sicher nicht das, was ich erwartet, was ich erhofft habe. Woran’s gelegen hat, können gerne andere ergründen. Dazu bin ich im Moment noch nicht wieder aufgelegt.

Zum Abschluss aber dennoch die einzige Begegnung in Düsseldorf, die meinen Glauben derzeit hochhält, sprich, ein kleiner Hoffnungsschimmer für alle scheinbar verblendeten Idealisten wie mich: Als meine Begleitung und ich während des Frühstücks im Hotel bei der Frage hingen, ob Charlie Watts nun 72 oder 73 Jahre alt ist, bekamen wir spontane Unterstützung von unserem Tischnachbarn, einem freundlichen Mann mit weißen längeren Haaren und Schnauzer. „73 ist er.“ Sie waren auch auf dem Konzert, oder?“ habe ich ihn daraufhin gefragt. „Ja natürlich“ gab es lachend zur Antwort, während der Mann seinen rechten Unterarm freimachte und ein Tattoo in Form einer großen roten Zunge zum Vorschein kam. Schade, hätte er sich nicht in dieser Minute Richtung Rezeption aufgemacht, hätte ich mich gerne weiter mit ihm über den gestrigen Abend unterhalten.

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Text: Janina Kück