Mittlerweile ist es fast normal, dass der Boss im ersten Quartal des Jahres oder schon kurz nach dem Jahreswechsel ein Album veröffentlicht und danach gut und gerne zwei Jahre oder länger auf Tour geht. Diesmal gibt Bruce Springsteen allerdings selbst zu, dass die Dinge etwas anders laufen. Denn auch wenn er mit seinem neuen Album High Hopes als erster großer Name das Jahr eröffnet, steckt hinter den „großen Hoffnungen“ eine Sammlung von Outtakes, Coverversionen und neu aufgenommenen Klassikern. Was vielleicht bloß nach einem Lebenszeichen klingt, ergibt aber erst mehr Sinn, wenn der Boss sich selbst zu den Songs äußert, was zuletzt in einigen Interviews geschehen ist.

Es sind nämlich die Umstände der Aufnahmesessions zu diesem Album gewesen, die zum Teil parallel zur Australien-Tour letztes Jahr stattgefunden haben. Damals sprang Gitarrist Tom Morello (Rage Against The Machine, Audioslave) für Steven Van Zandt ein, der wegen einem Seriendreh verhindert war – und seinen Einfluss hört man deutlich heraus. Sein markanter Gitarrensound prägt fast alle Stücke auf diesem Album auf eine großartige Art und Weise. Bei dem brillanten, zentralen Song The Ghost Of Tom Joad singt er sogar ein paar Zeilen, was sonst so gut wie nie bei einem Springsteen-Album vorkommt. Gerade dieser Titel ist bekannt, erschien doch schon 1995 ein gleichnamiges Album samt akustischen Titeltrack. Allerdings stellt die elektrische Version von High Hopes das Stück so dar, wie es sich Springsteen seinerzeit vorgestellt, aber nie erreicht hat.

Im Gegensatz zum eher kohärenten letzten Album Wrecking Ball von 2012 fällt die Vielfältigkeit der Songs von High Hopes auf, auch wegen den ungleichen Entstehungsgeschichten. Mit Harry’s Place glaubt man sogar, eine übriggebliebene Idee der Born In The USA-Sessions zu hören, allerdings ist es wohl bloß Springsteens Antwort auf den derzeitigen 80er-Retrotrend der Popmusik. Eines der besten Stücke des Albums ist Down In The Hole, das – für den Boss eher untypisch – den uralten Country Blues in die Gegenwart holt. Ebenso ist das letzte Lied des Albums, Dream Baby Dream (im Original vom Protopunk-/Dark-Wave-Duo Suicide), ein krönender Abschluss im orchestralen Gewand.

Allerdings überzeugen auch die anderen Songs des Albums. Springsteen ist es sogar noch besser als mit Wrecking Ball gelungen, den aktuellen Zeitgeist in seine Musik einfließen zu lassen, ohne seinen eigenen Sound zu verlieren – und das bei Stücken, die selbst 20 Jahre und mehr auf dem Buckel haben. So zeigt sich einmal mehr, wer der Boss ist. So ungewöhnlich das Konzept von High Hopes für Springsteen sein mag – er ist tatsächlich über alle Zweifel erhaben, was dieses Album erneut zeigt.

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Text: Wolfgang Merx