Als Der Blutharsch vergangenes Jahr auf Tour waren, wurde deren Auftritt in Prag vom tschechischen Fernsehen gefilmt. Diese Aufnahmen erscheinen nun in einer schicken DVD-Box – inklusive Pin und einem schicken Booklet mit Fotos des Abend wie auch der Playlist auf der Rückseite, die zwar relativ sinnfrei ist (Kenner der Band werden schon sehr genau wissen, warum das so ist), aber der man ein kurzes Grinsen dann auch nicht verwehren kann. Aber interessanter ist natürlich die DVD, die direkt mal eingelegt werden will. Nachdem man mit dem Glockenläuten von Marthynna begrüßt wird, beginnt dann das erste Lied und man wundert sich erst einmal, was einen da erwartet.

Denn eingeleitet wird das Lied vom fünften Lied des zweiten Albums, welches nicht sofort erkannt werden will, aber gelungen neu interpretiert wurde. Im Laufe des Abends kommen auch noch einige Lieder aus der frühen Schaffensperiode gespielt (unter anderem Wir reiten durchs Land vom The Track of the Hunted-Album oder das zweite Stück von Time is thee Enemy), bei welchen man deutlich merkt, wohin es die Band mittlerweile verschlagen hat: Gegen Ende bekommt man ein Duett aus Orgeln und Gitarren um die Ohren gehauen, das manche StonerRock-Band vor Neid erblassen lassen würde. Überraschend auch, dass zwischendurch nochmal martialische Momente aufblitzen, wenn auch Marthynna an den Trommeln steht.

Allerdings liegt der Schwerpunkt bei den Alben ab When did Wonderland End?. So begegnen unter anderem We, who are not like the others (Lied 2 jener Platte) oder I sailed a Sea of Blood (Lied 2 von The Philosopher’s Stone) oder Yellow Leaf. Alles natürlich verpackt in einem sehr wabernden und verjunkt wirkenden Klangkostüm. Gegen Ende des Abends ist dann auch Bain Wolfkind zu hören, der So bring your iron rain down upon me singt. Zum Schluss gibt es dann das elfte und vorletzte Stück von der Time is thee Enemy Albums, woraufhin ein tosender Applaus nach einer Zugabe fordert, die dann mit dem siebenminütigen Titelsong des letzten Albums auch folgt.

Schade nur, dass der Auftritt damit schon vorbei ist – nach gerade mal zweiundsiebzig Minuten. Ein paar Lieder hätten es schon sein können. Vor allem, weil einem ein paar Klassiker fehlen. Was auch auffällt ist, dass zwischendurch etwas am Mischpult geschaltet wurde, wodurch manche Instrumente plötzlich lauter oder leiser werden. Wirklich stören tut das zwar nicht, aber wirkt an manchen Stellen unfreiwillig komisch, besonders wenn Jörg an der Gitarre richtig abgeht, diese aber kaum zu hören ist, wie einmal bei Yellow Leaf.

Was außerdem auffällt ist, dass das Nova Alternative zwar ein kleiner Club zu sein scheint, aber wer bei dieser Show gewesen ist, wird schon genau gewusst haben, warum. Jedenfalls macht das Publikum einen durchgehend begeisterten Eindruck. Auf der Bühne war es wohl nicht anders, denn gerade Albin scheint bei dem Auftritt bester Laune gewesen zu sein. Auch die anderen Bandmitglieder zeigen sich in Höchstform und liefern atmosphärisch einen Auftritt ab, der wirklich mitreißt, obwohl man auf Ansagen oder Versuche, das Publikum zum Mitmachen zu animieren oder ähnliches, komplett verzichtet.

Abschließend ist noch zu sagen, dass diese DVD die letzte offizielle Veröffentlichung von Der Blutharsch darstellt, der fortan als „Der Blutharsch and the infinite church of the leading hand“ weiterexistieren wird. Daher ergibt es fast Sinn, dass der quasi erste Auftritt ebenfalls auf der DVD zu finden ist: Das Sad Song Singers-Video, welches auf dem Alternativa Festival gedreht wurde, das ebenfalls in Prag stattfand, allerdings 15 Jahre vorher und noch eher als Auftritt des Vorgängerprojektes The Moon Lay Hidden Beneath A Cloud durchgehen könnte. Allerdings ohne Alzbeth, die an jenem Abend krank war, dafür aber mit einer anderen Sängerin. Zu sehen sind auf diesem Lichtsäulen und zu hören sind übereinandergelegte Chöre, die einen monumentalen Eindruck machen, wie man es von den alten Veröffentlichungen gewöhnt ist. So schließt sich quasi der Kreis und man kann gespannt sein, wie es mit der Band unter „neuem“ Namen weitergehen wird. Auf jeden Fall eine Veröffentlichung, die einen würdigen Abschluss der Band darstellt.

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Homepage: www.derblutharsch.com
MySpace: www.myspace.com/derblutharsch

Text: Tristan Osterfeld