„Das ist doch nicht der Blutharsch!“ musste ich von einem Besucher hören, als diese Platte bei mir lief. „Die haben doch so Kriegsmusik gemacht.“ Stimmt sogar. Aber das, was den Blutharsch mal ausmachte, ist nicht mehr viel da: Vorbei das Spiel mit totalitärer Ästhetik und Provokation. Vorbei die Zeit der Kriegssamples und des martialischen Auftretens. Wenn man bedenkt, wie die Band angefangen hat, wie sie zwischendurch klang und wie sie heute klingt, ist es schon bemerkenswert, wie wandlungsfähig dieses mittlerweile zur Band angewachsene Musikprojekt ist.

Aber genug mit der Vergangenheit: Nun ist es also da. Eines der Alben, das wohl am sehnlichsten erwartet wurde, an das hohe Erwartungen gestellt wurde und von dem niemand wohl so recht wusste, wie es letzten Endes klingen wird. Nach mehrmaligem durchhören ist es klar: Das Album steht eindeutig in der Tradition von When did Wonderland end?, kommt aber weniger bedrückend und düster rüber. Dafür aber ist das ganze deutlich hinterhältiger – wie eine Spinne, die einem langsam den Rücken hoch läuft. Als psychedelisch wurde es angekündigt und so ist es auch: Ein sehr schräger Klang, mit verzerrten Gitarren, Orgeln, dem bekannten Tamburin und noch mehr. Gelegentliche Parallelen zu The Doors oder Led Zeppelin sind auch nicht verleugnen.

Wer befürchtete, dass nun das Getrommel von früher vorbei ist, für den gibt es Grund zur Freude: Denn gelegentlich ist noch immer etwas aus der alten martialischen Zeit zu hören. Im ersten Stück gibt es wieder Trommeln und Nummer drei hat sogar Parallelen zu den Track of the Hunted-Zeiten. Wirklich garstig dagegen kommt Nummer fünf daher, wo Bain Wolfkind wohl nicht nur für den Gesang verantwortlich war, sondern auch für den Text: Denn dieser ist wieder ein schmutzig-schmieriges Stück Rock’n’Roll mit Bains typischen „reim dich oder ich fress dich“-Versen. Das achte und letzte Stück auf der CD ist schließlich über 21 Minuten lang und besteht aus drei Teilen, die das Album ausklingen lassen.

Ein Fazit zu ziehen ist bei dieser Platte nicht wirklich leicht: Einerseits klingt die CD sehr nach der vorigen, weswegen man meinen könnte, dass dieses Album an Innovationsarmut leidet. Dies ist aber gerade bei Der Blutharsch kein Nachteil – denn endlich hat man mal ein Album, auf dem man weiß, was man erwarten kann und nicht so unberechenbar daherkommt (man erinnere sich an den Stilbruch zwischen Time is thee Enemy und When did Wonderland end?). Kreativ und eine Weiterentwicklung ist das Album aber dennoch: Treten andere Bands in ihrem Stil immer auf der Stelle, variiert Der Blutharsch seinen und lässt sich stilistisch keinerlei Grenzen setzen. Es gelingt ihm dennoch immer, für Wiedererkennungswert zu sorgen. Vor allem aber ist dieses Album eingängiger als die vorigen Alben. Dies kann man nun auch positiv oder negativ sehen: Einerseits werden die ersten Durchläufe nicht so zur Herausforderung, andererseits haben diese auch immer einen gewissen Reiz ausgemacht.

Was also ist letzten Endes zu sagen? Wer ein Album haben will, das kreativ, schräg und eigenwillig ist, dessen wahrer Reiz sich erst nach mehreren Durchgängen entfaltet und bei dem die Summe mehr ist als seine einzelnen Teile (und wer das alles am Blutharsch gemocht hat und auch dies von ihm erwartet), der bekommt auch das, was er will und er wird es mögen. Denn hier findet sich all das, was Fans am Blutharsch mögen. Und anders sollte es auch nicht sein!

Eins noch: Im aufwendig gestalteten Digibook steht: „Caution: For maximum listening pleasure listen only when chemically imbalanced!“ – hierüber muss aber jeder Hörer für sich nachdenken.

Homepage: www.derblutharsch.com
MySpace: www.myspace.com/derblutharsch

Text: Tristan Osterfeld